Sardinien (Archivversion) Wo der Wind wohnt

Sardinien. Rätselhaft, karg, mystisch und geheimnisvoll. Ein Eldorado für Kurvenfreaks, Surfer, Abenteurer und Aussteiger aus dem Alltag. Auf dieser paradiesischen Insel werden Träume wahr. Jeden Tag.

Da stehen wir nun. Motoren aus, der Blick schweift in die Weite. Vor uns die Steilküste mit einer Geisterstadt, rechts neben uns die schroffen Berge, links das endlose blaue Meer, hinter uns eine verwundene Steilstraße. »Keine Chance! Verfahren.« Katjas Worte klingen resigniert. So endgültig. Schweigen schwebt über der Bucht. Nicht lange. Ein tiefes Bollern hallt von den Wänden der bedrohlich wirkenden Felsen wider. Keine zwei Minuten später steht er vor uns. Aus dem Nichts. Der Staub von Jahrzehnten überzieht seine Jeans, die zerrissene Lederjacke, seine Harley. In der dunklen Sonnenbrille spiegelt sich mein fragendes Gesicht. Mein Italienisch ist so gut wie marsianisch. Ich kenne nur den Namen des Orts, den wir suchen, spreche ihn fragend aus: »Bugeru?« Er rümpft die Nase. »Bûggeru?« Er kneift die Augenbrauen zusammen. »Buugéruh?« Noch zwei Versuche. Nix. Ein Lächeln. Er greift nach meiner Hand, schüttelt sie: »Du Buggeru? Ich Giovanni.« Die Sarden. Typisch: Zuerst cool, danach für jeden Scherz zu haben.40 Minuten und mindestens 50 Geröllkehren später sind wir am Ziel unserer Suche: Der Cala Doméstica, einer Geisterstadt am südwestlichen Ufer Sardiniens. Am Ende einer Straße ohne Namen zwischen den Orten Masua und Buggeru. Sanddünen haben sich in den verlassenen Ort gefressen, Baracken fristen ihr gespenstisches Dasein. Restmüll verunziert den weiten Strand. Irgendwo im Wind klappert ein Scharnier. Hoch oben, zwischen den Felsen, spreizen sich verbogene Schienen, ein paar verrostete Loren verteilen sich unaufdringlich in der Szenerie. Unter Mussolinis Diktorat wurde hier einmal Erz gefördert. Seit 20 Jahren ist das Dorf verlassen. Wie so viele andere Bergwerksdörfer im Süden der Insel. Wie Django schleichen wir durch die Ruinen, schwingen uns wieder auf unsere Stahlrösser. Die Sonne versinkt im Meer, wir schrauben uns auf einer atemberaubend gewundenen Küstenstraße Richtung Iglesias wieder zurück in die Zivilisation, sitzen am nächsten Morgen wieder in Pula in Luigis kleiner Bar. Luigi hat vom langen Stehen hinter seinem Tresen Plattfüße bekommen und schwört nun auf Naturkorksandalen aus Alemania. »Darin schwebst du wie ein Gott«, sagt er theatralisch, stellt uns nebenbei zwei kleine, tiefschwarze Espresso auf den Tisch. Im Rhythmus der Beschaulichkeit verwirbeln wir den Zucker - eine sardische Zeremonie. »Reich kannst du nur in Deutschland werden«. Luigi zeigt auf seine Zucker verwirbelnden, schwarzgekleideten Gäste: »Jeder von ihnen bestellt einen Espresso, rührt zehn Minuten und trinkt daran vier Stunden.« Recht hat er. Zieht man die fünf Stunden sardischer Siesta zwischen zwölf und siebzehn Uhr ab, bleibt wenig Zeit, um reich zu werden. Aber: reich werden - das war nie das Bestreben der Sarden. Und wenn doch - sie hatten nie eine Chance. Seit vorchristlichen Jahrhunderten wurde ihre Insel von fremden Eroberern überschwemmt und unterdrückt. Phönizier, Punier, Römer, Sarazenen, Byzantiner - die Leidensliste ist lang. Zum Schluss kamen die Italiener. Zu ihnen fühlen sich die Sarden bis heute nicht zugehörig. Leider können viele von ihnen nicht auf sie verzichten. 82 Prozent aller Sardinienurlauber sind Italiener. Und somit die einzige Erwerbsquelle. Zumindest an der Küste.Doch das Eiland wird nur in den Monaten Juli/August touristisch okkupiert. Jetzt, im Mai, sind die Verbindungsstraßen und Strände leergefegt. Unsere Einzylinder bollern, schwingen durch die abertausend Kurven. Allein auf den 45 Kilometern zwischen Guspini und Iglesias gibt es keine Gerade. Aber die Kurven sind heimtückisch. Jede zehnte schenkt nach. Schräg - schräger - verdammt: noch ein paar Grad - man hat oft das Gefühl, im Kreis zu fahren. Eine Tour, bei dem die Seitenflanken des Reifens mehr leiden als die Lauffläche. Und das mittlerweile schon seit drei Wochen. Gleich am Tag unserer Ankunft in Olbia schickte uns ein stark nuschelnder Sarde Richtung Süden: »Bari Sardo! Die beste Ausgangslage zum Kurvenkratzen.« Er sollte Recht behalten. Das verschlafene Nest mit seinen Traumstränden dient uns tagelang als Basislager für Schräglagen-Expeditionen auf dem Dach Sardiniens. Bis über 1800 Meter steigen die Gipfel des Gennargentu-Massivs. Zerschnitten durch waghalsig geführte kleine Straßen. Teils asphaltiert, teils geschottert. Über nackten Felshängen und mageren Hochgebirgsweiden türmt sich der blaue Himmel. Immer wieder stoßen wir auf die mysteriösen Nuraghen, die über die ganze Insel verteilt sind: kegelförmige Festungstürme, aus unbearbeiteten Steinblöcken aufgetürmt. Zeitzeugen einer längst vergangen Epoche. Hier oben endet die Macht des Tourismus. Die wenigen Bars sind rauchig und stets besetzt mit schwarzgekleideten, faltigen Männern die ihren Zucker im Espresso versenken. Hirten, Bauern, Handwerker. Die raue sardische Wirklichkeit wird untermalt durch viele durchlöcherte Straßenschilder. Wir fragen nach. »Wenn nur jeder Zehnte, von dem man vermutet, dass er eine Waffe hat, auf die Schilder schießt, wären nur halb so viele durchlöchert,« erklärt ein Einheimischer in gebrochenem Deutsch. Hä? Typisch sardisch: warum einfach, wenn’s auch umständlich geht. Fakt ist: Fast jeder hat hier eine Waffe, die er zum Jagen nutzt. Zumindest heute. Noch bis in die 60er Jahre gab es zahlreiche Blutrache- und Spitzelmorde. Ausgelöst durch Viehdiebstahl oder Streit um Weideplätze. Es war nicht gesund, viel zu wissen, und noch viel ungesünder, viel zu reden. Selbstjustiz war an der Tagesordnung. Und aus der Bevölkerung kamen keine Hinweise. Die omertá (Schweigepflicht) versiegelte den Mund. Ganz im Gegensatz zur urwüchsig wilden Schönheit der Berge stehen die einsamen Strände und Buchten der Insel. Ob die vielgerühmten, leuchtend roten Porphyr-Felsklippen von Abatax oder die fast noch touristisch unerschlossene Costa Rei - wir sind oft sprachlos, fachsimpeln über die Namen für diese Meerwasser-Farbtöne. Alle Facetten zwischen Blau und Türkis sind hier präsent. Die schneeweißen Jachten vor der Küste wirken wie dicke Salzkrumen. Alle paar hundert Meter winden sich Schotterstraßen über die Hänge zum Meer hinab, enden am persönlichen Paradies für einen Tag. Massentourismus? Völlig unbekannt. Das gilt auch für die Costa del Sud. Zumindest im Mai ist man hier total allein, teilt sich die Straßen mit Zweirädern wie Vespa (Wespe) und Ape (Biene), jenem ominösen Dreirad, dessen Gesicht und Technik sich seit 30 Jahren nicht geändert hat. Das gleiche Bild wie in den Gangster-Filmen aus den Sechzigern. Einrad-Lenkung, darüber zwei lächelnde Personen in der Kabine, dahinter eine Pritsche über einer Zweiradachse. Meistens völlig überladen.Wir schrauben uns von Teulada nordwärts in die Berge. Auf einer kleinen staubigen Piste die uns Richtung Punta Sebera führt. Verzweigungen geben sich die Hand, verführen uns, verwirren uns. Orientierungslos landen wir auf dem Grundstück eines Bauern. Endstation. Hundegebell, Ziegenglocken. Zwei wissende Augen mustern uns von oben bis unten. »Alemania?« Der Name unseres Tagesziels entlockt dem Kriegsveteran ein verschmitztes Grinsen. Warnend erhebt er seinen Zeigefinger: »Punta Sebena? Oh, very bad road!« Was das heißt, erleben wir auf 60 Kilometern Strecke. Die Regengüsse der letzten Jahre haben die Piste ausgewaschen. Über faust- bis eimergroße Steine holpern wir vorwärts. Breakdance on Bike. Der Plattfußteufel reibt sich schon die Hände. Doch zu früh gefreut. Spät am Abend sitzen wir wieder bei Luigi, rühren im Espresso und laben uns an der köstlichsten Pizza der Insel. Sechs Tage sind noch übrig. Der Heimweg fällt schwer. Die Costa Verde überrascht uns mit afrikanischen Dünendimensionen, schaurig-schönen Geisterstädten wie Ingurtosu und Naracáuli und einer Einsamkeit, die für Europa ungewöhnlich ist. Ganz im Gegensatz zur Innenstadt von Alghero. Nach dreißigminütiger Irrfahrt durch die teils nur meterbreiten Gassen der Stadt spuckt sie uns wieder aus. Wir flüchten Richtung Norden, stoßen bis zur Costa Smeralda vor. Hier, wo der Espresso das Dreifache wie im Süden kostet und du von den piekfeinen Touristen, die hier vor Anker gehen, angeschaut wirst, als ob du die Pest hättest, wird mir zum ersten Mal bewusst wo das wahre Sardinien beginnt: Dort, wo das Schweigen Verständnis bedeutet, wo Wildnis und Einsamkeit die besten Brüder sind, wo in tiefen Blicken versteckte, herzliche Gastfreundschaft liegt. Dort, wo auch der Wind wohnt.

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