Schnäppchentour Schwarzwald (Archivversion) Von Sylvia Lischer; <br /><br /> Fotos: Gerhard Eisenschink

Maximal 15 Euro für Übernachtung und Frühstück zahlen, und das zur Hochsaison in einer Top-Ferienregion? In den Boomzeiten von Aldi, Lidl, Penny & Co. liegen Schnäppchentouren voll im Trend und bieten maximalen Erlebniswert.

Achern, Schwarzwald-Hochstraße, Parkplatz Mummelsee. Ich parke meine Honda NX 650 neben einem Sonderposten »Original Black Forest Cuckoo Clocks« vor Dieterle’s Schwarzwaldladen, studiere den Zimmernachweis auf der Infotafel der Touristeninformation: »Berghotel Mummelsee – direkt am See, mit Holzofenbäckerei, Schaubrotbacken und Schwarzwälder-Kirschtorten-Vorführung, Ü/F im gemütl., komfort. DZ ab 38,50 Euro p. P.« und gehe meinen Plan noch einmal durch. Ohne sperriges Gepäck wie Zelt, Schlafsack, Campingkocher sechs Tage durch den Schwarzwald touren und dabei geizen ohne Gnade. Ich bin doch nicht blöd und zahle für das Dach überm Kopf einschließlich Frühstück mehr als 15 Euro die Nacht.

Preishämmer, Top-Angebote –
billig ist in. Der Tretbootverleih
am Mummelsee, »30 Minuten
3,90 Euro«, hat die Zeichen der Zeit erkannt und versucht, die Passanten der Schwarzwald-Hochstraße mit einem Super-Schnäppchen zu ködern: »Täglich ab 18 Uhr kostenlos Tretbootfahren«. Doch ich muss weiter, Kurven und Schnäppchenquartiere jagen zwischen Oppenau und Freudenstadt. Noch drei Stunden bis zur Abenddämmerung.
In fliegender Fahrt geht’s über Schwarzwald-Hochstraße und Schwarzwald-Bäderstraße, durch Murg- und Lierbachtal. Die Kurvenbeute wächst ins Unendliche, aber Billig-Unterkünfte kommen keine in Sicht. Also weiter, über Bad Rippoldsau-Schapbach durchs Wolfachtal und über Hausach nach Hornberg. 19.30 Uhr, die Touristeninformation hat schon geschlossen, doch ein Passant weiß Rat: »Heu-Hotel Hildbrand. Am Ortsende rechts, an der Ketterer-Brauerei vorbei ins Frombacher Tal.« Kurze Zeit später bollert der Einzylinder über ein Sträßchen, das auf meiner Karte im Maßstab 1 zu 200000 nicht einmal ansatzweise verzeichnet ist. Das Nadelkleid der Fichten rückt näher
an den Fahrbahnrand, ein Bussard segelt über die steilen Schwarzwaldhänge, ganz in der Nähe gluckert ein Bach. Keine Kuckucksuhren, keine Touristen – etwa auch kein Quartier für die Nacht?
20 Uhr. Linker Hand taucht eine Pferdekoppel mit Reitstall auf; rechts ein
Misthaufen, dahinter der Hildbrand’sche Hof mit dem Heu-Hotel. Eine Rezeption gibt es nicht. Wer die Hausherren finden will, schaut in der Forellenräucherei, der Schnapsbrennerei, dem Schuppen mit den Traktoren oder dem Pferde-, Hasen- oder Kuhstall vorbei. »Früher gab es hier auch noch einen Stall für 70 Schweine«, erklärt mir Johannes Hildbrand, doch den habe
er vor zwei Jahren samt Getreidesilo zum Heu-Hotel umgebaut. Er führt mich zu vier durch Spanholzplatten abgetrennte Heukammern – »Bettle für etwa 16 Personen« – jeweils mit Wandlampe und Kleiderhaken sowie einem winzigen, mit klassisch rot-weiß karierten Vorhängen versehenen Fenster, durch das der Feriengast auf die steilen Schwarzwaldhänge schauen kann. Im Parterre: Küche, Esszimmer, sanitäre Anlagen und – mit separatem Eingang – der Pferdestall. Die beiden Haflinger und noch ein Brauner haben etwas größere Boxen als die Touristen, dafür aber keine rot-weiß karierten Vorhänge.
Ich schiebe die Honda in den Schuppen neben dem Hasenstall, genehmige
mir einen hausgemachten Heu-Likör,
bevor ich im Heubelag meiner Zwei-mal-zwei-Meter-Box – zwölf Euro inklusive Frühstück – eine ergonomisch geformte Kuhle für die Nacht grabe. In der größeren Kammer vis-à-vis beziehen Mutter, Vater, vier Kinder und acht Stofftiere Quartier, es ertönt zufriedenes Schnarchen; die Heuhalme kitzeln an der Nase, pieken trotz untergelegter Gepäck-Rolle und Motorrad-Klamotten durch das Nachthemd; es raschelt in den Ecken, knarzt und knackt im Dachgebälk. Gegen zwei Uhr kündigt das Niesen und Schneuzen in der Nachbarzelle einen beginnenden Heuschnupfen an, die Pferde einen Stock tiefer scharren unruhig mit den Hufen, und ich sehne mich nach einem weiteren Heu-Likör.
7.15 Uhr, die Sonne dringt durch die
rot-weißen Vorhänge, ein Tannenhäher kreischt aus den umliegenden Wäldern, ein Milchtanker rumpelt aus der Hof-
einfahrt. Die Hildbrands sind mit dem
Melken fertig – Zeit fürs Frühstück.
Nach Kaffee und Brötchen reche ich mein zerwühltes Nachtlager mit der Heugabel glatt und tuckere mit der Honda vom Hof. Zurück nach Hornberg, hinauf nach Oberbüchern und hinunter nach Oberprechtal. Steile Kuppen, tief eingeschnittene Täler, klasse Kurven. Hin
und wieder trifft der Blick durch die Nadelwälder auf einsame, von Wiesen umgebene Schwarzwaldhöfe.

Erst in Schonach wird’s touristisch. Ein pinguingroßer Vogel schnellt aus der »ersten, ältesten, weltgrößten, freistehenden, begehbaren
original Kuckucksuhr«, bei Triberg stürzen sich die »höchsten Wasserfälle Deutschlands« zu Tal – klar, dass es zwischen so vielen Superlativen eine Touristeninformation mit Zimmervermittlung gibt. Mein Quartierwunsch ist schnell eingegrenzt – »Triberg, Schonach, Schönwald, Furtwangen oder St. Georgen?« Egal, Hauptsache billig – die Liste der infrage kommenden Privatvermieter ist lang. Die Mütter aller Schnäppchen heißen Duffner, Käthe; Hettich, Brunhilde; Zeiser, Lisa; Weisser, Hedwig und Ganter, Frieda; die Väter Wehrle, Joseph und Stoffel, Fritz.
Nächstes Etappenziel: Telefonzelle. Fünf Versuche, ein Treffer. Herr Stoffel
(Ü/F neun Euro) erteilt mir – nomen est omen?– eine mürrische Abfuhr (»aus-
gebucht«), die Damen Zeisser, Ganter
und Duffner sind außer Haus, Herr Wehrle (Ü/F elf Euro) schlägt für die Einmal-Übernachtung vier Euro drauf, ich
schlage ungesehen ein. Also Furtwangen-Mäderstal. Voller Euphorie rausche ich über die B 500 nach Furtwangen und lege,
der Quartiersuche entledigt, noch einen kurvenreichen Schlenker ein: Simonswälder Tal, Waldkirch, Schwarzwald- Panoramastraße, St. Märgen, Hexenloch. Hier ein Mittagschläfchen unter Fichten, dort ein Picknick aus dem guten alten Harro-Tankrucksack – das Leben kann
so »attraktiv & preiswert« sein.
Am Abend dirigiere ich die Honda am Furtwanger Hasenzüchterverein vorbei nach Mäderstal. Die Stadt verschwindet
in den Rückspiegeln, Wälder und Wiesen tauchen auf, dazwischen eine kleine Schotterpiste zu Joseph Wehrles geraniengeschmücktem Trosthof. »Lassen Sie Ihren Helm am besten gleich auf dem Kopf«, rät Elisabeth Wehrle, als ich durch die halb geöffnete Tür in die Stube des 400 Jahre alten Schwarzwaldhaus spähe. Balken auf Stirnhöhe; Schwarzwälder Schinken, die im Rauchfang unter der Decke baumeln; eine rußgeschwärzte Küche – so ähnlich wie im Gutacher
Freilichtmuseum Vogtsbauernhof, nur dass ich im denkmalgeschützten Haus
der Wehrles keinen Extra-Eintritt für die Besichtigung zahlen muss.

Während sich die Katzen des Hauses – Alex, Tizian, Mandy und Susan – schnurrend auf der Sitzbank meiner Honda räkeln, versinke ich zwischen Kruzifixen und Madonnenbildern in den weichen Daunen meines Schnäppchenlagers.
Wie früher, bei Oma, duftet es ein wenig nach Holzbrand; ganz in der Nähe knarzt ein Dielenboden, und zum Einschlafen
studiere ich die Spruchtafeln an der Wand: »Sei tapfer im Leben, tu deine Pflicht
und zeige dem Tag kein Sorgengesicht.«
Am nächsten Morgen schnurrt die Katzenfamilie auf der Ofenbank in der Stube
und im Herrgottswinkel vis-à-vis füllt sich der Frühstückstisch: frisches Brot,
Semmeln, zwei Sorten Salami, vier Sorten Käse, Schwarzwälder Schinken, Eier,
Honig, Marmelade, Tomatensaft, Orangensaft, Kaffee. Ich schlemme, diskutiere
mit Joseph Wehrle über seine großen
Jugendlieben NSU Quick und Sportmax, erfahre von der einstigen Arbeit in den Wäldern und von der Nebenerwerbslandwirtschaft, die er bis vor zehn Jahren betrieben hat – kein Fünf-Sterne-Hotel bietet mehr.
Gegen Mittag befreit Enkel Simon, sechs Jahre, die Hofausfahrt von seiner Rollerkollektion – Kickboard, Sport-Roller, Dreirad-Roller – und schenkt mir zum
Abschied zwei »Werther’s Echte« für die Fahrt. Titisee, Höllental, Freiburg, Schauinsland. Kaum hat die Honda einen Bruchteil der fantastischen Schwarzwaldkurven hinter sich gebracht, muss bereits die Suche nach der nächsten Billig-Unterkunft eingeleitet werden. Noch einen Schlenker um den Belchen, dann geht es über Todtnau hinauf zum Feldberg, wo eine
laut Brockhaus-Lexikon »preisgünstige Aufenthalts- und Übernachtungstätte« in zentraler Lage auf der Passhöhe thront: Jugendherberge Hebelhof.

Doch ich habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht. 17,30 Euro
für die Einmal-Übernachtung, so das Angebot, plus 18 Euro Mitgliedsbeitrag plus 1,20 Euro Kurtaxe plus 2,70 Euro Seniorenzuschlag für Gäste
ber 26 ist gleich 39,20 Euro. Fazit: Der Brockhaus war schon lang nicht mehr
auf Schnäppchenjagd. Ich ziehe weiter
zur Lörracher Hütte (Übernachtung mit Frühstück im Mehrbettzimmer 19 Euro), zur Emmendinger Hütte (Übernachtung mit Halbpension im Matratzenlager 25 Euro). Das Einzige, was im Umkreis des Feldbergs für maximal 15 Euro zu haben ist, scheint das preisreduzierte Plüschtier »Berner Sennenhund mit Halstuch« im »Schwarzwald Kaufhaus« zu sein.
Es dämmert schon, als ich über Schluchsee, Schlüchttal und Wutachschlucht nach Göschweiler gelange.
Die Kirchturmglocken läuten, ein paar Hühner wetzen über die Straße, aus den Ställen der Bauernhäuser lugen Milchkühe und Schweine. Am Steinäckerweg kniet Josef Vetter vor seinem 56 Jahre alten Lanz-Traktor auf dem Hof und widmet sich
seiner liebsten Feierabend-Beschäftigung: frickeln. »Diesel-Zweitakter, ein Zylinder, 1,5 Liter Hubraum, 700 Umdrehungen,
45 PS«, erklärt er mir, »ideal für alle Schlepp- und Transportarbeiten auf Feld, Weide und Hof.« Schließlich betreibe
er kein Museum, sondern Landwirtschaft. Vier weitere historische Traktoren gibt es auf dem Vetter-Bauernhof zu sehen, außerdem Fleck-, Borsten- und Federvieh sowie ein freies Zimmer für die Nacht, das ich für 13 Euro inklusive Frühstück auf
der Stelle beziehen kann.
Am nächsten Morgen kräht der Zwerghahn auf dem Misthaufen unter
meinem Geranienbalkon, die Katzen toben im Gemüsebeet, und die Schweine balgen sich unter Aufsicht meiner Zimmernachbarn um die morgendliche Futterration. Die Wärme der Ställe empfängt mich wie ein orientalisches Dampfbad; ich tätschele Kühe, streichle Ferkel und folge schließlich dem Duft von frisch gebackenem Brot zum Frühstückstisch.
Eier von den eigenen Hühnern, Milch von eigenen Kühen, Tomaten aus dem
eigenen Gartenanbau. Tausendundeine Leckerei baut sich vor mir auf, darunter kein einziges Produkt aus dem Supermarkt. Brot, Apfelsaft, Marmelade, Leber-, Fleisch- und Blutwurst, ja sogar Käse und Butter werden mit Gerätschaften wie zu Urgroßmutters Zeiten in mühsamer Arbeit hergestellt. »Alles selbst gemacht«, strahlt Frau Vetter. Und klingt dabei wie die Darsteller der ARD-Fernsehreihe »Das Schwarzwaldhaus«. Leben wie vor hundert Jahren? Nicht nur die Solarzellen auf dem Dach sprechen dagegen. Denn nach dem Frühstück entledigt sich die Vetter-Bäuerin ihrer Kittelschürze, schmeißt den 47 Jahre jungen Eicher-Traktor an und treibt die Kühe aus dem Stall auf die Weide.

Görwihl, Wehr, Todtmoos. Der
satte Sound des alten Eichers hallt in meinen Ohren nach,
als ich die Honda nach einem Schlenker durch den Hotzenwald Richtung Norden dirigiere. Am Klettverschluss
meiner Motorradjacke hängt etwas Heu, der Fahrtwind duftet nach Fichten, Blumenwiesen und den Souvenirs im Tankrucksack: geräucherte Forelle vom Heu-Hotel, Käse vom Vetter-Bauernhof, Schwarzwälder Schinken vom Trosthof.
Im Einklang mit den einfachen Dingen des Lebens kurve ich noch einmal kreuz und quer durch den fabelhaften Schwarzwald: Schluchsee, Feldberg, Titisee. Schwarzwald-Panoramastraße, Schwarzwald-Tälerstraße, Schwarzwald-Hochstraße. Und komme gegen Abend unversehens von meinem Schnäppchenkurs ab.
Das Schlosshotel auf der Bühlerhöhe (Übernachtung mit Frühstück in der
Max-Grundig-Suite 2150 Euro) macht
den Anfang, in Baden-Baden kommt’s
geballt. Zwischen Casino, Springbrunnenfontänen und Parkanlagen erheben sich die Nachtquartiere der High-Society:
Hotel Belle Epoque, Dorint Maison Messmer, Brenner’s Park Hotel & Spa. Keine Kühe. Keine Ferkel. Kein Zwerghahn, der
krähend auf dem Misthaufen sitzt. Aber
»Baden in Heublumen-Essenz« gibt es – zwanzig Minuten für 50 Euro.

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