Schottland (Archivversion)

Hoch-Stimmung

Der schottische Frühling beginnt zwar erst im Juni, doch wer Glück mit dem Wetter hat, erlebt dann eine wahre Farbenpracht. Und hat in dieser Jahrezei
t die markant raue Landschaft fast für sich allein.

Die XT läuft nur noch 60. Trotz Vollgas schafft es der alte Einzylinder nicht, sich gegen den starken Westwind zu behaupten. Ein Frühjahrssturm jagt über das freie Land der Lammermuir Hills, fegt Zweige über die Straße und scheint sich ganz auf mich und die Yamaha zu konzentrieren. Doch wir entkommen, denn es geht hinunter zum windgeschützten Fjord, wo eine monumentale rote Brücke in den Himmel wächst. Als die Firth-of-Forth-Eisenbahnbrücke vor 110 Jahren fertig gestellt wurde, galt sie als Wunderwerk der Technik. Und noch heute erscheinen ihre Ausmaße gewaltig. Der Zug, der über das Geflecht aus Eisenrohren rumpelt, wirkt winzig wie ein Spielzeug. Gleich nebenan spannt sich eine kühne Hängebrücke über den Fjord. Sie ist das Tor zum Norden.Eine gute Fahrtrichtung, der Wetterbericht verspricht Regen für die Westküste. Das Spiel der Tiefdruckgebiete, die sich mit Vorliebe rund um Schottland austoben, gibt die nächsten Ziele vor. Regnet es im Westen, wird der Osten von der nassen Fracht verschont. Also Kurs Nord - bei steifem Seitenwind in konstanter Schräglage geradeaus. Das ändert sich erst hinter Perth, als ich den Windschatten der Berge erreiche. Dumm nur, dass eine fette Wolkenwand gerade dieses Tal gewählt hat, um sich ordentlich zu erleichtern. Nach dem Motto »Gib´ dem Wetter eine Chance« fahre ich einfach weiter und hoffe auf Besserung hinter dem Devils Elbow, einem 665 Meter hohen Pass. Und tatsächlich, von der Passhöhe reicht die regenfreie Sicht über das weite Tal von Braemar bis zu den Cairngorm Mountains. Der starke Wind treibt dicke, graue Wolken über die Berge. Einzelne Sonnenstrahlen wandern wie leuchtende Finger über die karge braune Hochfläche. Eine raue und faszinierende Landschaft.Die Kälte treibt mich hinunter ins Tal, in dem ich einen kleinen windgeschützten Campingplatz finde. Doch schon früh am nächsten Morgen jagt mich die Sonne wieder aus dem Zelt. Na also. Erst mal in Ruhe frühstücken, die nassen Sachen trocknen und die geniale Aussicht in die frisch verschneiten Berge geniessen. Dann wird die XT beladen, die »falsche« Straßenseite ins Visier genommen und los geht´s. Nach einer Weile sind die Sinne erfolgreich umgepolt und frei fürs euphorische Motorradfahren im Frühling.Und der zeigt heute, was er kann. Rot blühende Rhododendronhecken wechseln sich ab mit gelbem Ginster, die Wiesen sattgrün, und über allem wölbt sich der wolkenlose tiefblaue Himmel. Ich suche mir kaum befahrenen Single Track Roads aus, kleine einspurige Asphaltbänder, und schwinge mit der XT kreuz und quer über die Berge. Stundenlang rollen wir durch die einsame Gegend, für kurze Adrenalinschübe sorgen nur die unberechenbaren Schafe. Trotte das Wollknäuel jetzt noch die Straße oder doch nicht? Sie scheinen regelmässig bis zum letzten Moment mit sich zu ringen. Und plötzlich sprinten sie dann doch los, um kurz vor dem Motorrad noch die Straßenseite zu wechseln. Vielleicht eine Mutprobe? Dumm nur, wenn in der Straßenmitte der Mut ausgeht und das Schaf wieder umdreht. Da hilft meist nur noch eine Vollbremsung.Es ist schon spät, als ich das Fischerdorf Pennan an der Nordsee erreiche. Zwei Dutzend weiße Häuser ducken sich zwischen Meer und Steilküste. Pennan entstand im Zuge der Highland Clearances. In der Mitte des 19. Jahrhunderts vertrieben die Landbesitzer fast alle Menschen aus den Highlands. Viele Hochländer wanderten aus nach Kanada oder Australien. Nur wenigen wurde Land an der Küste zugewiesen. Die Hochländer hatten nicht die geringste Ahnung von der Fischerei und dem Bootsbau. Um nicht zu verhungern, mussten sie aber beides möglichst schnell lernen. Pennan wurde sogar berühmt, weil hier viele Szenen des Kultfilms »Local Hero« mit Burt Lancaster gedreht wurden. Bis auf die urigen Dörfer hat der Küstenstreifen nicht viel zu bieten. Hinter Inverness lasse ich die nervige Schnellstraße rechts liegen und nehme das Hochland ins Visier. Es dauert nur ein paar Meilen, bis wieder Ruhe eintritt. Die Autodichte auf dem handtuchbreiten Single Track sinkt auf fünf pro Stunde. Die braune Moor- und Heidelandschaft rollt in sanften Wellen bis zum Horizont. Ab und zu ein paar Kiefern oder kleine Tümpel. Alles andere als idyllisch und spannend, aber die Einsamkeit begeistert mich. Und es wird noch besser, als ich in Altnaharra auf die nummernlose Straße nach Hope abbiege. Der Weg ist kaum zwei Meter breit, kurvt um jeden Hügel und durch jede Senke. Und Hügel gibt es hier reichlich. Langsam zwängt sich der Weg zwischen zwei Bergrücken hinunter zum Loch Hope. Loch, so nennen die Schotten ihre Fjorde und Seen. Es gibt Tausende von ihnen; Schottland ist ein löchriges Land. Ich rolle zwischen gelben Ginsterbüschen über die mit Schotter übersäte Straße. Schafe üben wieder Mutprobe. Und plötzlich wird die Szenerie dramatisch. Steil fallen die Berge zur Atlantikküste ab, der lange Fjord Eriboll schneidet tief ins Land. Nebenbei springt der XT-Tacho auf 190 000 Kilometer, eine würdige Umgebung für dieses Ereignis. Die Nordküste zählt zum Schönsten was Schottland zu bieten hat, und der Sandstrand von Durness ist der Höhepunkt. Mächtige Atlantikwellen rauschen in die weite Bucht, zerschellen an den bizarren schwarzen Felsen, die den Strand begrenzen. Oberhalb der Bucht lockt ein Campingplatz mit fantastischem Panoramablick. Zwei Tage lang sehe ich mich an ihm satt. Denn der Süden Schottlands wird gerade von einem Tief mächtig gewässert, während hier oben der Norden unter der Frühlingssonne sein bestes Gesicht zeigt. Elf Grad locken zwar nicht gerade zum Sonnenbad, aber dafür überzeugt die Küste mit ihrer spektakulären Landschaft und entsprechenden Straßen. Und abends sind es nur ein paar Schritte vom Zelt bis zum strategisch günstig gelegenen Pub von Durness. Das bittere Guinness ist gewöhnungsbedürftig, aber schon das zweite Glas schmeckt. Mehr muss aber nicht sein, denn bei acht Mark pro Pint vergeht mir der Durst.Der XT geht es nicht anders, denn 3,20 Mark für einen Liter Benzin sind erschreckend. Nur gut, dass sich der alte Eintopf auf den Single Track Roads mit weniger als vier Litern auf 100 Kilometer zufrieden gibt. Also bleiben wir bei den kleinen Wegen und finden hinter Unapool ein besonders gelungenes Exemplar, das sich entlang der Küste nach Lochinver windet. Die schmale Spur stürzt sich in enge Täler, klettert mit 25 Prozent Steigung wieder hinauf, um nach einer engen Kehre gleich wieder abzutauchen. Eine spaßige Achterbahn. Nur die Loopings fehlen. Ob die Schotten das auch noch hinkriegen? Je weiter ich nach Süden komme, desto grauer wird der Himmel. Dafür legt sich aber der kalte Wind. Was allerdings einen stechenden Nachteil hat: bestes Flugwetter für die Midges - winzig kleine Mücken, die einen im Hochland und an der Westküste an den Rand des Wahnsinns treiben. Die Invasion startet vor der Dämmerung. Selbst dicke Pullover helfen nicht, die Plagegeister kriechen in jede noch so kleine Öffnung, schrecken selbst vor Nase und Ohren nicht zurück. Mein deutsches Anti-Mückenmittel ist wenig nützlich, viel mehr scheint es wie ein Lockstoff auf die Viecher zu wirken. Da hilft nur die chemische Keule, ein furchtbar aggressives Zeugs aus dem Land der Riesenmoskitos, aus Alaska. Endlich sind die Midges beeindruckt, diese Lotion ist ihnen neu.Das Frühstück bleibt mückenfrei. Am nächsten Morgen hindert zwar kalter Wind die Midges am Fliegen, vertreibt aber auch die Frühlingsgefühle der letzten Tage. Eine deprimierend graue Wolkendecke hat sich übers Land gelegt und lässt das Hochland nun ziemlich trostloser aussehen. Nur hin und wieder duckt sich ein kleines weißes oder graues Steinhaus in die einsame Landschaft. Aus ihren Kaminen wehen dünne Rauchfahnen, verbreiten den würzigen Duft von Torffeuer. Der Sommer ist hier die Ausnahme, die Heizperiode dauert wohl 360 Tage im Jahr. Ganz anders scheint das in Plockton zu sein, denn immerhin gedeihen in dem kleinen Fischerort stattliche Palmen, die aber heute bestimmt auch kalte Füße haben. Oder werden die künstlich beheizt? Egal, mir ist jedenfalls erbärmlich kalt, da kommt die Fish&Chips-Bude gerade recht. Eine Ladung der fettigen Nationalkost, dazu ein paar Becher des obligatorisch dünnen Kaffees, und so gestimmt, kann´s weiter gehen.Aber nicht lange, denn schon erscheint Eilean Donan Castle auf einer kleinen Insel im Loch Duich. Die wohl bekannteste schottische Burg wurde mehrmals zerstört. Zuletzt 1719, als englische Kanonen ganze Arbeit leisteten. Damit war ihr Schicksal aber nicht besiegelt. Von 1912 bis 1932 wurde die Clanburg nach alten Plänen wieder aufgebaut. Seitdem dient das Castle nicht nur als beliebtes Fotomotiv, es darf auch in keinem anständigen Mantel-und-Degen-Film wie Prinz Eisenherz oder der Highlander fehlen. Vom Castle ist es nur ein Katzensprung hinüber zur Isle of Skye. Dort suche ich mir ein Bed&Breakfast-Zimmer um dem penetranten Nieselregen zu entgehen. Da das Westküstenwetter sich partout nicht bessern will, rolle ich weiter zur Fähre nach Mallaig, um dann zur südlich gelegenen Isle of Mull durchzustarten. Eine kaum befahrene Straße windet sich entlang des Fjords Loch na Keal. Schroffe 1000-Meter-Berge mit grünen, fast baumlosen Hängen steigen steil aus dem grauen Meer. Die karge Landschaft erinnert mich an Island. An einem steinigen Strand modert ein altes Holzboot vor sich hin. Noch ist sein Name »Concord II« zu erkennen, aber die geschäftigen Tage scheinen lange vorbei. Stilleben auf schottisch. Über einen Pass rolle ich hinunter zum nächsten Fjord und ein paar Meilen weiter ist einfach Schluss. Der letzte Ort heißt Fionnphort, eine Hand voll einfache Häuser am Straßenrand. Wäsche flattert auf der Leine, aber weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Die Straße senkt sich über eine Rampe zum Meer und verschwindet in den salzigen Fluten - Ende der Insel. In einer kleinen sandigen Bucht finde ich einen Platz fürs Zelt. Die Wolken lösen sich langsam auf, der Wind legt sich und das friedliche Rauschen des Atlantiks begleitet mich durch die Nacht. Die Wetterwende ist geschafft, der Frühling kehrt zurück. Und wie, denn mittags hat das Thermometer bereits stattliche 18 Grad erklommen. Was für ein Unterschied zum Grau der letzten Tage. Fahren im Farbenrausch von Ginster, Rhododendron und blauweißem Himmel. Da wäre Hektik fehl am Platz. Also umrunde ich Mull gleich noch mal, setze dann wieder über zum Festland und suche mir möglichst kleine Wege aus, um entlang des Loch Linnhe das Glen Coe anzusteuern, ein tief eingeschnittenes Tal zwischen mächtigen Bergen. Über Nacht verstecken sich diese jedoch in schweren grauen Wolken, in die der starke Westwind einzelne blaue Löcher reißt. Hochlandwetter vom feinsten. Der Luftdruck fällt in Windeseile, ein Atlantiksturm rollt an. Höchste Zeit, die XT wieder nach Osten zu drehen. Es ist ein langer Weg durch das menschenleere und düstere Rannoch Moor und dem Loch Tay folgend bis zur Nordseeküste. Nur hin und wieder lenkt ein kleines weißes Gehöft vom Fahren ab, oder lockt in einem der wenigen Orte ein Café mit etwas Warmem. Der Wind wird stärker, wächst sich schon wieder zum Sturm aus. Immerhin kommt er jetzt von hinten, und die XT schiebt so fest nach vorne, als wollte sie heute 160 laufen.
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Infos (Archivversion)

Anfang Juni vertreibt der Frühling mit aller Macht den schottischen Winter. Lange Tage, leere Straßen und ein kunterbunter Farbencocktail setzen die Akzente bei einer Tour entlang der winzigen Single Track Roads.
AnreiseAlle Wege führen über die Nordsee. Die beste Anreise bietet DFDS Seaways mit der Nachtfähre von Amsterdam nach Newcastle. Von dort sind es kaum zwei Stunden bis Schottland. Tickets für die einfache Fahrt kosten in der Vorsaison bis Mitte Juni pro Person und Motorrad ab 157 Mark. Alternativ dazu schippert P&O Northsea Ferries von Rotterdam und Zeebrügge nach Hull. Dafür sind einfach ab 169 Mark zu zahlen. Wer lden langen Weg durch England nicht scheut, findet in Calais zahlreiche Fähren, die ihn in ein bis drei Stunden und ab 110 Mark über den Ärmelkanal bringen. ReisezeitSchottlands Klima wird vom Golfstrom und somit vom Meer bestimmt. Mäßig warme Sommer und milde Winter sind die Folge (Tagesmaxima Edinburgh im Juli 18 Grad, im Januar fünf Grad plus). An der Westküste regnet es über 2000 mm pro Jahr, an der Ostküste etwa 750 mm. Trotzdem sind längere Schlechtwetterperioden selten, viel häufiger ist das typische Küstenwetter mit einem Mix von Schauern und Wolken. ÜbernachtenIn Schottland finden sich zahlreiche, oft einfach ausgestattete Campingplätze. Die Preise liegen bei 15 bis 30 Mark pro Nacht und Person Besonders in den Sommermonaten bieten viele schottische Familien Bed&Breakfast (B&B) an. Die Preise liegen zwischen 45 und 120 Mark pro Person. Selbst in abgelegen Gebieten weisen Schilder auf B&Bs hin. Über´s Land verteilt gibt es etwa 80 Jugendherbergen, die in drei Kategorien von einfach bis sehr gut eingeteilt sind. Daneben offerieren noch zahlreiche Gasthöfe und Hotels Unterschlupf für die Nacht. LiteraturAus der Menge von Schottlandreiseführern halten wir die Bände aus den Verlagen Velbinger (46 Mark), Michael Müller (39,80 Mark), Reise Know-How (39,80 Mark) und Iwanowski (39,80 Mark) für empfehlenswert. Zur Einstimmung eignen sich der APA-Guide für 39,80 Mark sowie GEO-Spezial und ADAC Reisemagazin für je 14,80 Mark.Eine gute Landkarte kommt von Michelin, Blatt 401 im Maßstab 1:400 000 für 14,80 Mark. Gefahrene Strecke: etwa 3000 KilometerZeitaufwand: drei Wochen

ACTION TEAM (Archivversion)

Das MOTORRAD ACTION TEAM bietet eine 14tägige Schottland-Runde an. Unter dem Motto »vom Hochland bis zu den Hebriden« führt die Tour auf eigenen Motorrädern zu allen Highlights im hohen Norden der britischen Insel: von den windigen Highlands nördlich von Loch Ness bis zu den Inseln Skye, Mull, Iona, Kintyre und Arran. Im Preis von 4480 Mark sind alle Fähren, sämtliche Übernachtungen, Halbpension, deutsche Reiseleitung, Stadtrundfahrt in Edinburgh und eine Unfallversicherung enthalten. Start ist am 16. Juni 2001. Weitere Infos beim ACTION TEAM unter Telefon 0711/182-1977.

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