Schwalben-Tour (Archivversion) Den Zugvögeln nach

Auf zwei Schwalben den Zugvögeln über die Alpen in den Süden folgen, war der Traum. Daß er bereits in Stuttgart an der ersten Serpentine zerplatzte, war die Wirklichkeit. Wie die Schwalben doch noch ans Mittelmeer gelangten, erzählt die Geschichte.

Es ist jedes Jahr dasselbe, und jedes Jahr mag man es nicht glauben. Die Tage werden kürzer und die Temperaturen ungemütlich, bevor man den Sommer überhaupt so richtig genießen konnte. Schwalben und andere Zugvögel haben sich schon wieder aufgemacht, gen Süden zu ziehen. Die machen es richtig, dachten wir uns, das machen wir auch. Und was läge näher, als dieses Vorhaben standesgemäß auf zwei Schwalben von Simson anzugehen. Ihre 3,6 PS und ihr maximales Drehmoment von 4,7 Nm sollten uns Antrieb genug sein. Über alle prominenten Seealpen-Pässe sollte unsere Reise führen, über den Col de la Madeleine, Col d’Iseran, und sogar die Cime de la Bonette, mit 2862 Metern der höchste Alpenpaß, standen auf dem Plan. Wer wagt, gewinnt.An einem Sonntag morgen Anfang Oktober starteten Ali und ich mit zwei Schwalben in Stuttgart. Doch schon die Ausfahrt aus dem Stuttgarter Kessel - Richtung Süden muß die Weinsteige mit etwa zehn Prozent Steigung gemeistert werden - machte alle Pläne zunichte. Voll bepackt und mit gestandenen Mannsbildern besetzt, weigerten sich die beiden Gefährte standhaft, in irgendeinem anderem als dem ersten Gang die Steigung hinaufzukrabbeln. Die Träume vom Paßfahren waren bereits nach knapp zehn Kilometern ausgeträumt. Wie sollten wir so jemals über die Alpen kommen?Meist steigen Kleinvögel während ihrer Wanderung nicht über 100 Meter Höhe auf. Schwalben fliegen bei lästigem Gegenwind sogar möglichst hinter niedrigen Bodenwellen, notiert Bernhard Grzimek in seinem »Tierleben«, Band II, Vögel. Na also, die echten Schwalben kennen einen besseren Weg. Sie fliegen meist entlang des Rheins, folgen später der Rhone bis in die Camargue. »Dann nehmen wir doch die authentische Schwalben-Route«, schlägt Ali vor. Eine andere Alternative, als soweit wie möglich im Flachland zu bleiben, haben wir nicht. Und über den Schwarzwald müssen die beiden es einfach packen, entscheiden wir und machen uns auf in Richtung Freiburg.Das Wetter verdüstert sich, wir fahren bei klammen sechs Grad im Nieselregen. Bergauf quälen sich die Schwalben meist im kleinsten Gang. Überhitzung droht ihren kleinen Zweitaktern dank Gebläsekühlung gottlob nicht. Kommunikationsprobleme gibt es ebenfalls nicht - der Zweitplazierte folgt einfach der blauen Zweitaktfahne des Vordermannes. Vermutlich handelt es sich bei unserer Spezies um Rauchschwalben. So denken offensichtlich auch andere - Ali wird auf seiner Schwalbe sitzend von einem Mäusebussard attackiert. Knapp 50 Zentimeter schießt dieser an seinem Vorderrad vorbei und beinahe unter der Ölwanne hindurch. Offenbar hat unsere Idee für andere Artgenossen wahrnehmbare Formen angenommen. Gegen Abend erreichen wir die Rheinebene und überqueren vogelfrei die Grenze nach Frankreich. Bis zum Einbruch der Dunkelheit sind wir in Illhaeusern an dem Flüßchen Ill angelangt. Und wie der Zufall es will, nennt sich unsere erste Herberge für die Nacht »Les Hirondelles«, die Schwalben. Nach insgesamt acht Stunden Fahrtzeit haben wir 230 Kilometern hinter uns gebracht.Die Leistungen, die beim Fliegen erreicht werden, sind je nach Vogelart verschieden. Unter den echten Seglern fliegt zum Beispiel ein Mauersegler zwölf bis 14 Stunden pro Tag. Man hat errechnet, daß sie zur Fütterung ihrer Jungen bis zu 1000 Kilometer pro Tag zurücklegen.Am Morgen fragen wir einen Bauern, ob denn hier in der Rheinebene noch Schwalben verweilen. Die seinen seit zehn Tagen weg, meint er. »Welchen Weg nehmen sie denn nach Süden?« fragen wir weiter. »Immer an der Jura lang«, antwortet er, »sie müssen auf dem langen Flug Kräfte sparen und steigen nicht gerne hoch«. Na also, der Kenner bestätigt unsere Erfahrungen. Wir machen uns sofort auf, die Vögel einzuholen. Entlang kleinster Flußläufe wie Doubs und Dessoubre geht‘s mitten durch den französischen Jura in Richtung Pontarlier. Dort hat Ali einst den »Jesus von Pontarlier« kennen und lieben gelernt. »Jesus von Pontarlier«, so nennt sich diese schmackhafte, grobe Mettwurst, die in ihrem eigenen Fett gebacken mit Salzkartoffeln und sauer angemachtem grünen Salat verzehrt wird. Alles auf einem Teller, damit es schön zusammenläuft. Das klingt lecker und ist Grund genug, Pontarlier als nächstes Etappenziel anzusteuern. Wenn unsere beiden Schwalben mitziehen, heißt das. Aber die Gelbgefiederte sträubt sich, gibt sich immer zugeschnürter und bleibt schließlich am Wegrand stehen. Die Schüttelprobe verläuft positiv, Sprit ist da. Also schaut der Schwalbendoktor mal nach dem rechten: »Einmal bitte zünden. Ja, gut. Dann bitte einmal ohne Luftfilter röcheln. Auch gut. Jetzt einmal den Gasschieber ganz nach hinten ziehen. Aha!« Die Diagnose lautet vorläufig auf »grobe Ablagerungen in der Schwimmerkammer«. Ali bläst den Vergaser durch, und los geht’s. Jesus, wir kommen. Aber nur zirka 75 Kilometer weiter. Was ist den nun schon wieder?Vor dem Vogelzug greift die natürliche Selektion ein. Tiere, die zu schwach für diese großen Anstrengungen sind, werden von der Zugunruhe nicht mehr gepackt und bleiben zu Hause. So können sie in der Winterheimat auch keine Brut mehr aufziehen. Einige wenige Exemplare verenden während des Zuges an Erschöpfung und Entkräftung.Das gleiche Spielchen noch einmal. Wir beginnen damit, den Zündfunken zu überprüfen. Ali hält den Kerzenstecker samt Kerze an das Gehäuse. Ich trete auf den Kickstarter, und Ali kriegt einen ordentlichen Stromschlag - Stecker defekt. Das Kabel einfach auf die Zündkerze gesteckt und die Gelbe geht ab wie eine junge Vespa. Und der Jesus von Pontarlier hält wirklich, was Ali versprochen hat. Die durchschnittliche Geschwindigkeit beim Vogelzug entspricht der normalen Fluggeschwindigkeit. Manche Vogelarten fliegen schon aus eigener Kraft bis zu 200 km/h, Falken im Sturzflug bis zu 300. Bei der Rauchschwalbe liegt die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit bei etwa 60 bis 65 Stundenkilometer.Stimmt genau. Auch unsere beiden Exemplare fliegen im Formationsflug mit zirka 60 bis 65 Sachen über den Asphalt. Wir erreichen die Rhone-Ebene, müssen heute Strecke machen. Denn auch die Bauern in Pontarlier haben schon seit Tagen keine Schwalben mehr gesichtet. Die Gelbe wird immer schneller, dafür läßt nun die Rote die Schwingen hängen. Sie kommt einfach nicht mehr hinterher. Gestern hat sie noch eine Peugeot 103 abgeledert, und heute wirkt sie völlig demotiviert. Als sie sogar schmackhaftes Vollgas verweigert, müssen wir sofort operieren. Wieder der Stecker? Nein, auch mit einem neuen nimmt sie kein Gas an. Wir machen eine prophylaktische Vergaserspülung, das hilft eigentlich immer. Jetzt zum Glück auch.Wir müssen verlorene Zeit aufholen, es wird schon dunkel. Schwalben sehen nachts nicht besonders gut. Wir stürmen im Blindflug voran, es ist fast topfeben. Wenn es mal leicht bergab geht, versuchen wir sofort in den Windschatten der uns überholenden Lkw zu kommen und lassen uns vom Sog ein Stück ziehen. Wie im Tierreich fliegt die stärkere Schwalbe voran und spendet der schwächeren Windschatten. Am leichtesten haben es während des Vogelzugs die Schwarmzieher. Es ist durchaus möglich, daß es unter ihnen Landschafts- und Wegkenner gibt, die die Wanderung anführen. Die Kenner und die stärksten Tiere setzen sich meist an die Spitze der Flugformation.So kommen wir auf irrwitzige Geschwindigkeiten, nach Meinung meines Tachos irgendwo zwischen 20 und 80 Stundenkilometer. Auf der N 7 bedrängt uns indessen der Schwerlastverkehr so sehr, daß wir über die nächstbeste Abzweigung fliehen. Die C 3, eine klitzekleine Kommunalstraße, verschwindet außerhalb des schwachen Lichtkegels in absoluter Dunkelheit. Wir folgen ihr vorsichtig. Gras sprießt durch den Asphalt, längst haben wir Straßenbeleuchtung und Hoffnung auf Unterkunft hinter uns gelassen, da taucht er auf wie Atlantis aus dem Meer. In hellem Neonweiß strahlt ein Wintergarten in die Nacht, mit üppig grünen Palmen bewachsen und mit einem herrlich grünen Schild versehen: Chambre d’Hotes, Fremdenzimmer. Nach 320 endlosen Kilometern fallen wir todmüde ins wohlverdiente Bett. Im allgemeinen darf man beim Vogelzug mit Tagesleistungen von zweihundert bis achthundert Kilometern rechnen. Sie werden aber nicht an jedem Tag der Zugzeit vollbracht. Die Vögel legen Rastpausen ein. Sie verweilen dabei manchmal nur Bruchteile eines Tages, manchmal aber auch mehrere Wochen.Uns reicht eine Nacht, um zu regenieren. Jetzt sind wir direkt an der Rhone bei Vienne, draußen trommelt ein lauwarmer Spätsommerregen auf das Glasdach des Wintergartens. Und noch immer keine Spur von unseren gefiederten Freunden. Es hilft nichts, wir müssen weiter. Erst wenn man richtig darauf aus ist, den Schwalben einmal wieder beim Fliegen zuzusehen, fällt einem auf, daß der vertraute Anblick fehlt. Niemand erinnert sich, wann hier die letzte abgezischt ist. Weiter Richtung Süden heißt also die Parole, noch etwa 300 Kilometer sind es bis nach Arles am Rande der Camargue. Dort könnten wir sie treffen.Die gemeine, bei uns beheimatete Rauchschwalbe schlägt für ihren Flug nach Südafrika geradewegs die Südrichtung ein. Sie verläßt den unwirtlichen Norden entlang großer Flußläufe und feuchter Niederungen. Dort, über noch warmen Wasser- und Feuchtflächen, findet sie genügend Nahrung in Form von Insekten vor.Diese erbeutet sie im schnellen Jagd- oder Beuteflug.Auch wir üben uns im schnellen Beuteflug knapp über der Straße. Allerdings geht bei uns die Jagd vornehmlich ins Auge. Just als ich gerade wieder eine Fliege unterm Lid hervorquetsche, nehme ich sie war, meine erste Rauchschwalbe. Mit einem Mal flitzen Hunderte der kleinen Flugkünstler kreuz und quer über die Wiesen. Selbstvergessen betrachten wir das lang vermißte Schauspiel. Unsere Schwalben sind jetzt richtig gut drauf. Einmal richtig wiederbelebt, und es geht gnadenlos voran. Nur behindern gerade sintflutartige Regenfälle unseren Vorwärtsdrang. Wahre Wasserfälle ergießen ihre schlammig-braune Brühe auf die Straße. Jetzt wäre man sicher besser mit einer Ente von Citroen unterwegs als mit zwei Schwalben aus Suhl. Doch wir fürchten uns nicht. Denn wenn die Welt tatsächlich unterginge, ein Schwalbenpärchen fände sicher einen Platz auf Noahs Arche.Fünfter Tag. Arles liegt hinter uns. Weit über 1000 Kilometer haben wir bisher geschafft. Les-Saintes-Maries-de-la-Mer, die berühmt-berüchtigte Zigeunerstadt am Rande der Camargue, heißt unser letztes Ziel dieser Reise. In diesem Sumpfgebiet am Mittelmeer liegt quasi die Startpiste der Afrikaflieger.Außer den dort heimischen Vogelarten trifft man in der Camargue eine Vielzahl von Wandervögeln aus dem Norden an. Hier gönnen sie sich eine letzte Pause vor dem langen und entbehrungsreichen Flug über das Mittelmeer.Der absolute Szene-Treff der gefiederten Welt sozusagen. Sogar die vornehmen Flamingos, mit Hälsen wie Fragezeichen über den schlanken Körpern, schreiten anmutig durch das flache Brakwasser. Daneben die Advokaten des Vogelreichs, Kraniche ganz in Weiß und mit stolz erhobenem Schnabel und Graureiher, die an den Schilfrändern mit ihren spitzen Schnäbeln Fische jagen. Silberreiher fliegen scheu davon. Und von unseren vertrauten, gabelschwänzigen, kleinen Rackern wimmelt es natürlich nur so. Zu mehreren Hundert schließen sie sich für die »große Überfahrt« zusammen. Und wir sind mittendrin, ein Teil dieses phantastischen Vogelzugs. Nur mit dürfen wir nicht. Unseren Schwalben fehlt´s an Kondition und uns an Kohle für den Lift übers Meer im Bauch des großen Kranichs, auf dem Lufthansa steht. »Na dann, guten Flug und gute Heimreise. Bis zum nächsten Jahr«, denken wir unseren kleinen, gefiederten Freunden nach. Und am Horizont verschwindet, nur noch als klitzekleine Pünktchen sichtbar, der erste Schwalbenschwarm in Richtung Afrika.

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