Schweiz (Archivversion) Das war´s

Okay, der Sommer ist gelaufen, war eh nicht so doll. Was aber, wenn im Herbst plötzlich die Sonne knallt? Rauf aufs Bike, ab in die Alpen, auf zur letzten Runde - und Wanderstiefel nicht vergessen.

Trostlose Zeiten für Motorradfahrer. Vor den Geschäften leuchten Weihnachtssterne, und bald werden wieder Schnee und Eis auf den Straßen glänzen. Was jetzt noch bleibt, ist der Gang in die Garage. Nur mal eben einen Blick aufs Motorrad werfen, vielleicht an die Sonne denken, die einem durch das Visier die Nase bräunte, an Pässe mit endlosen Kurven - oder an die letzte Tour, die einfach gnadenlos gut war.Eigentlich hatte ich die Hoffnung auf Motorradwetter bereits aufgegeben. Seit Tagen regnete es. Der Sommer, das mußte ich einsehen, war endgültig vorbei. Aber wenigstens noch ein paar schöne Tage im Herbst. Nur noch einmal raus, einmal noch in Richtung Süden und durch die Alpen brausen - und mit glänzenden Augen zurückkommen. Immer wieder rief ich beim Wetterdienst an, immer wieder die gleiche frustrierende Auskunft vom Band: ...starke Regenfälle...dichter Nebel...Schnee in Höhenlagen ab 1300 Metern. Dann eben nicht.Auf einmal sprach die Stimme am anderen Ende der Leitung von einem Hoch über den Alpen, erzählte von einer grandiosen Fernsicht und von Temperaturen bis zu 20 Grad. Dann also doch. Schnell verschwindet am Abend das Nötigste in den Alukoffern, oben drauf passen noch die schweren Wanderstiefel. Wenn möglich, will ich rauf auf das fast 3500 Meter hohe Jungfraujoch und einen Blick auf die mächtigen Gletscher werfen, die sich zwischen Eiger, Mönch und Jungfrau kilometerweit in die Täler schieben. Nach den heftigen Schneefällen in den letzten Tagen müßte es dort oben aussehen wie in der Arktis. Früh am nächsten Morgen. Jacke zu und rauf auf die Bahn, ab in Richtung Schweiz. Stuttgart, Schaffhausen, Zürich, Bern. Die Temperatur ist noch ungemütlich. Schließlich noch ein paar Kilometer bis Thun, dann endlich die schmale Straße, die sich wie ein kurviges Kunstwerk am Ostufers des Thuner Sees entlangwindet. Blitzartig vertreibt das veränderte Umfeld den autobahntypischen Dämmerzustand in meinem Kopf. Links ragen Felswände steil empor, rechts das buchtenreiche Ufer, ab und an kleine Ortschaften, in denen überall der warme Schein der Sonne die Menschen auf die Straßen und Plätze gelockt hat. Ein paar Mountain Biker bereiten sich auf ihre Tour vor, viele Cafés entlang der Promenade sind bis auf den letzten Platz besetzt. Vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Hinter der nächsten Kurve plötzlich der Ausblick auf das mächtige Bergtrio Eiger, Mönch und Jungfrau. Schneeglänzende Riesen am gegenüberliegenden Seeufer, die ihre Gipfel in einen tiefblauen Himmel recken. Kurz vor Interlaken geht´s nach links. Die Straße schwingt sich schwindelerregend hinan in Richtung der Ortschaft Beatenberg, führt durch dichte Mischwälder im feuerroten Herbstgewand. Nur hin und wieder das dunkle Nadelkleid stattlicher Kiefern, deren Spitzen das bunte Laubdach überragen. Dort, wo Almenwiesen diese leuchtende Wand unterbrechen, fällt mein Blick auf die dunkelblau schimmernden Seen von Thun und Brienz, die inzwischen weit unter mir liegen. Fjordartig schmiegen sie sich auf der anderen Seite an die überragende Kulisse der Berner Hochalpen, bis zu 4200 Meter hohe, ewig verschneite Bergriesen, hinter denen sich eine der größten zusammenhängenden Gletscherregionen Europas erstreckt. Dort oben stehen - das wär´s.Zurück nach Interlaken. Kurz vor den ersten Häusern greife ich hart in die Bremsen. Fast hätte ich die kleine Straße übersehen, die nach Habkern führt. Gut sieht sie aus, die schmale Strecke, die einem reißenden Bergbach steil nach oben folgt. Erst durch dichten Wald, dessen Laubdach die Straße wie ein Tunnel umschließt, der schließlich mit jedem Höhenmeter lichter wird. Dann, nach zwei engen Serpentinen, rolle ich auf einmal durch eine sanft geschwungene, fast baumlose Landschaft. Saftige Weiden glänzen wie ein grünes wogendews Meer, an den Hängen reihen sich kunstvoll gezimmerte Holzhäuser mit weit überhängenden Dächern und blumenbehangenen Balkonen, die Landesfahne weht vor vielen Türen - es gibt sie also doch, diese Bilderbuch-Schweiz. Formvollendet bis ins Detail. Sogar die Mautgebühr fehlt nicht: Sieben Franken sind an einem Automaten für die weitere Benutzung des kleinen Sträßchens fällig, das verlockend hinter dem nächsten Hügel verschwindet. Ich kehre um. Zum einen mangels Kleingeld, zum anderen aus Protest.Nur ein paar Kilometer trennen das sonnenverwöhnte, mondäne Nordufer des Brienzer Sees von der Almenregion. Und doch ist vieles anders. Prächtige Chalets und Jugenstilvillen wechseln einander ab, weitläufige Kurpromenaden, großzügige Parkanlagen und bunte Gärten, in denen auf Grund des milden Klimas sogar Bananen und Orangen gedeihen. Wie im Rausch vergeht die kurvereiche Fahrt bis Brienz entlang dieser »Riviera« des Berner Oberlandes. Dazu der warme Wind und die leuchtenden Farben des Herbstes. Schade, daß die Sonne langsam hinter den Bergen verschindet. Bereits am frühen Nachmittag liegen viele Täler im Schatten, und in ein paar Minuten werden auch hier am See die Kaffeehausbesitzer ihre Stühle auf den Aussichtsterrassen zusammenklappen. Südlich von Meiringen folge ich noch einmal einem engen Sträßchen, das steil in die Berge führt. Vorbei am mächtigen Rosenlaui-Gletscher, vorbei an den gezackten Konturen des Wellhorn und fast bis an die Flanken des Wetterhorns, dessen Gipfel nahezu vollständig von einer glänzenden Eisschicht überzogen ist, die für einen kurzen Moment wie ein Spiegel den letzten roten Schein der Sonne reflektiert. Besser konnte dieser Tag nicht enden. Zumal es hier oben in einer rustikalen Berghütte ein deftiges Essen und ein gemütliches Zimmer gibt.Vier Uhr dreißig. Schrill reißt mich der Wecker aus dem Schlaf. Bitterkalter Wind pfeift um die Hütte, und von der Sonne noch keine Spur. Aber ein wolkenloser Himmel. Genau richtig für einen Ausflug in die eisige Gletscherwelt der Jungfrauregion. Rauf aufs Bike und ab zum Bahnhof in Grindelwald. Um ein Haar hätte ich den ersten Zug der Zahnradbahn verpaßt, die bereits seit 1912 auf die 3454 Meter hoch gelegene Station auf dem Jungfraujoch rattert, die werbewirksam zum höchsten Bahnhof Europas, zum »Top of Europe« ernannt wurde.Eine Stunde müht sich der kleine Zug aufwärts zum Umsteigebahnhof auf dem kahlen Gipfel der Kleinen Scheidegg unterhalb von Eiger, Mönch und Jungfrau. Eine weitere Stunde dauert es bis nach oben auf das Joch, schier endlos erscheint mir die Passage im Bummeltempo durch den Tunnel, der sieben Kilometer weit durch die berüchtigte Eiger-Nordwand führt. Oben angekommen, stockt mir der Atem. Die sauerstoffarme Höhenluft fordert ihren Tribut, und ein eisiger Wind schlägt mir ins Gesicht. Es dauert eine ganze Weile, bis sich meine Augen an das vom Schnee reflektierte Licht in dieser fast schon arktisch anmutenden Szenerie gewöhnt haben. Vor mir erstreckt sich das breite Schnee- und Eisfeld des Jungfraufirn bis zum weiten Konkordiaplatz, dahinter wälzt sich der mit Abstand größte Eisstrom der Alpen, der über 20 Kilometer lange Aletschgletscher, zu Tal. Tiefe Gletscherspalten zerreißen hier und dort die plane Oberfläche. Um mich herum die gezackten Gipfel von Mönch, Jungfrau, Aletschhorn und Fiescherhörner, allesamt über 4000 Meter hoch. An vielen Stellen hat der Wind die frischen Schneemassen an den Hängen zu wellenförmigen Gebilden gehäuft.Knapp eine Stunde dauert der Marsch vom Jungfraujoch zu Mönchsjochhütte, einem Unterschlupf für Bergsteiger, die kühn auf hohen Stelzen an einer steilen Felswand klebt. Schritt für Schritt folge ich den Markierungen in diese fast schon unheimlich anmutende weiße Welt, die sich unter dem strahlend blauen Himmel bis zum Horizont zu erstrecken scheint. Nach einer Weile ist kein Mensch mehr zu sehen, kein Geräusch mehr zu hören. Trotz der nahen Bergstation erschleicht mich das beklemmemde, aber gleichzeitig auch angenehme Gefühl totaler Einsamkeit. Lange sitze ich auf meinem kleinen Rucksack irgendwo im Schnee, staune über ein paar Raben, die übermütig über die Eisflächen hüpfen, und kann mich nicht satt sehen an dieser Landschaft, die für Menschen keinen Lebensraum bietet.Noch ein paar Minuten bis zur Hütte, ein heißer Tee, dann wieder zurück zum Jungfraujoch, wo sich inzwischen unzählige Reisegruppen aus aller Welt versammelt haben, die sich durch die Souvenirshops schieben oder an der Bar und auf der überfüllten Aussichtsplattform drängeln. Keine Spur mehr von der Ruhe und Einsamkeit der letzten Stunden. Zeit für den Rückzug.Längst ist es unten im Tal schon wieder schattig, als ich am späten Nachmittag auf schwachen Beinen und mit einem Sonnenbrand im Gesicht aus dem Zug steige. Herbsttage sind eben viel zu kurz. Also ab ins nächste Hotel, ein Bier an der Bar, ein Fondue im Restaurant und gegen neun ins Bett, weil sogar im Disneyland-ähnlichen Touristendorf Grindelwald kein Mensch mehr unterwegs ist.Genauso leer die Straßen am nächsten Tag. Aber ein Wetter, das jeden noch so schönen Sommertag verblassen läßt. Gespannt folge ich der schmalen Straße, die durch ein enges Tal nach Lauterbrunnen führt. Dunkle Felswände wachsen rechts und links senkrecht in den Himmel, von oben stürzen tosenden Wasserfälle herab - bis zu 300 Meter tief. Vor mir in Fahrtrichtung türmt sich die schneeweiße Nordflanke des Gletscherhorns auf. Aber eigentlich lockt mich ein anderes Nebental. Der Hotelchef hatte mich gestern abend neugierig gemacht. Er erzählte von zwei verwegenen, allerdings mautpflichtigen Schotterpisten, die südlich von Kandersteg durch eine Landschaft führen sollten, die »besser sei als Kanada«.Eine Stunde später zahe ich an einer Liftstation kurz hinter Kandersteg die fällige Straßenmaut für die beiden Pisten, die ins Gastern- und Ueschinental führen - fünf Franken pro Strecke - und muß erst einmal 20 Minuten warten. Der in den Felsen gesprengte Weg ins Gasterntal ist gleich zu Anfang so schmal, daß er nur zu bestimmten Uhrzeiten jeweils in eine Richtung zu befahren ist. Schließlich bin ich an der Reihe. Endlich greifen die groben Profile in die lose Schotterdecke einer schmalen Piste, die sich an eine fast senkrechte Felswand schmiegt und wenig später durch das enge Gasterntal windet. Um mich herum nur dichter Wald, neben mir ein rauschender und kristallklarer Bach, dann zerklüftette Bergriesen, allesamt über 3000 Meter hoch. Eine unerwartet wilde und unberührte Region, wie ich sie im gepflegten Berner Oberland nicht erwartet habe. Noch vier, fünf Kilometer, dann endet dieser Off Road-Spaß auf dem Parkplatz vor einer Berghütte. Also wieder zurück bis kurz vor die Liftstation und an der ersten kleinen Kreuzung nach links ins Ueschinental. Der schmale Versorgungsweg steigt sofort steil an und windet sich in vielen engen Kurven hoch bis auf ein weites, kahles Plateau. Erster Gang, zweiter Gang, hart bremsen, rein ins Eck und mit viel Dampf wieder raus. Gleich ein dutzend Mal oder öfter, ich bin von der Dramaturgie des Weges hellauf begeistert. Dann geht´s auf losen Schotter quer über einen Hang. Mit viel Gas scheuche ich die BMW knirschend über den steinigen Grund bis zu einer verlassenen Hütte. Ab hier geht´s nur noch zu Fuß weiter. Ich stelle den Motor ab und schaue auf die wilde Szenerie unter mir. Erst jetzt spüre ich den Wind, der die sommerlichen Temperaturen in den Tälern schon nach den ersten Höhenmetern vertrieben hat. Langsam wird es ungemütlich. Dunkle Wolken ziehen über die pyramiedenförmige Spitze des Balmhorns, ich spüre die ersten Regentropfen im Gesicht. In wenigen Tagen wird diese Piste unter einer dicken Schneedecke verschwunden sein. Das war´s dann wohl in diesem Jahr.

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