Schweizer Alpen (Archivversion) Zwischen Palmen und Eis

Eine Tour, vier Pässe und knapp 10000 Höhenmeter bergan. Wer zwischen Via Mala und Lago Maggiore den Alpenhauptkamm durchquert, erlebt alle Extreme.

Hier irgendwo muss sie sein, die Leiter zur Himmelspforte. Ganz sicher. Langsam schweift der neugierige Blick. Drüben im Westen, gleich unterm unverwechselbaren und 3374 Meter hohen Blinnenhorn schiebt sich ein Strom blaugrün glitzerndes Gletschereis durch eine weite Senke. Etwas weiter nördlich, jenseits des Rhonetals, recken sich Finsteraarhorn und ein paar andere mächtige Gipfel locker mehr als 4000 Meter geradezu respektlos in den stahlblauen Himmel. Diese schroffen Bergriesen, mit einem Hauch von Neuschnee gepudert, funkeln in der Sonne wie Millionen edelster Diamanten.
Ort des Geschehens: Der Nufenenpass, auf gut Italienisch Passo di Novena und 2478 Meter über dem Spiegel der Weltmeere gelegen. Gleichzeitig Sprachgrenze zwischen Schwyzerdeutsch und Italienisch, Kantonsgrenze zwischen Wallis und Tessin, Wettergrenze zwischen Nord- und Südeuropa und ganz nebenbei noch eine der attraktivsten Möglichkeiten, den so trennenden Alpenhauptkamm zu queren. Auch wenn eines dieser turnusmäßigen Tiefdruckgebiete aus dem Nordwesten, das vor ein paar Tagen das Flachland mit heftigem Regen überzog, hier oben mal wieder kurz und knackig den Winter probte. Das Ergebnis dieser Schlechtwetterfront säumt nun rechts und links als halbmeterhohe Schneehaufen den Straßenrand.
Der Hörnerv meldet meiner abwesenden Denkzentrale bestens bekannten Boxersound zweier großvolumiger Zylinder bayerischer Bauart. Gleich darauf stoppt neben Frank und mir eine R 1100. Helm runter, Aussicht genießen und auch den beiden bleibt vor Staunen der Mund offen. Es sind Francine aus London mit Freund und Chauffeur Andreas aus München, wie sich bald darauf herausstellt. »Unbelievable«, schwärmt Francine dann nach einer ganzen Weile: »I didn´t see something like this before.«
Sportlicher V2-Sound wummert aus dem Tal herauf. Mal etwas lauter, dann wieder etwas leiser, und bald stoppt auf der anderen Straßenseite eine Suzuki TL 1000. Dann folgt eine Guzzi, selbst ein Gold-Wing-Treiber kommt im Schweiße seines Angesicht mit seinem Musikdampfer heraufgecruist. Eine Tiger biegt ums Eck, eine Africa Twin, ein paar Chopper und bald kann man die einzelnen Motorengeräusche kaum mehr unterscheiden. Es ist kurz vor Mittag und hier oben hat inzwischen ein reges Kommen und Gehen eingesetzt. Motorräder mit Kennzeichen aller Alpenanrainerstaaten geben sich ein Stelldichein. Gleich links von uns eine rote Duc aus Mailand, daneben ein paar BMW aus Deutschland und gleich ein ganzer Schwarm grüner Kawas mit Schweizer Kennzeichen bevölkert den Parkplatz vorm Café. Schließlich wird das im Sommer bei Schönwetter täglich stattfindende lockere Motorradtreffen noch von einem ganzen Motorradclub ergänzt. »Schwarzes A auf weißem Grund«, schmunzelt Andreas mit einem breiten Grinsen, »als ob’s bei denen in Österreich keine Berge gäbe. Wohl zu teuer, was?« Lassen wir das mit der dreisten Austria-Maut, schließlich sind wir in der Schweiz und da gibt«s Fahrvergnügen satt zum Nulltarif, sieht man von 50 Mark Autobahn-Jahresgebühr ab. Aber wer will schon auf die Bahn? Wir jedenfalls nicht. Francine und Andreas auch nicht. Die treibt es gen Osten, kreuz und quer durch die Alpen, lediglich an der Wetterlage orientiert. Die Glücklichen! Denn unsere Tour nähert sich bereits langsam, aber sicher ihrem Ende. Aber Francine will ganz genau wissen, wo wir überall waren.
Sind nämlich schon vor einer Woche gestartet. Den Bericht über die Anreise über Ulm und Lindau bis nach Chur können wir Francine getrost ersparen. Außer vielleicht dem Hinweis, wie man das Austriapickerl für Pfändertunnel und ein paar Kilometer Autobahn prima umfahren kann. Denn die Bodensee-Uferstraße von Lindau ins österreichische Bregenz ist nicht nur eine kostenlose, sondern ganz sicher auch die schönere Variante. In Chur geht’s dann so richtig los und in ungezählten Kurven und Kehren hinauf zum San Bernardino, immerhin 2066 Meter hoch. Der neue Highway samt Tunneln bleibt dabei links liegen. Viel reizvoller ist das alte, kleine, kurvenreiche und fast autofreie Sträßchen, das fast parallel dazu verläuft. Bald führt es an der Via-Mala-Schlucht entlang. Atemberaubend tief hat sich der Hinterrhein hier in den Fels gefressen, wir fahren quasi in der Klamm. Die Kurven werden enger, die Straße schmaler. Die hübschen Dörfchen Zillis und Medels hinter uns lassend, gewinnen wir immer mehr an Höhe. Aber so richtig startet der Gipfelsturm erst auf Höhe des San-Bernardino-Tunnels. Die schlangengleiche Bergstrasse schraubt sich zum Teil atemberaubend zur Passhöhe hinauf. Stark! Ebenso, wie der Kurvenspaß hinunter ins Tessin. Denn auch hier ist das alte Sträßchen, dessen Funktion sich inzwischen darauf beschränkt, die urigen Dörfer zwischen San Bernadino und Bellinzona zu verbinden, das Maß der Dinge. Rechts und links typische Tessiner Häuser aus glimmerhaltigen Natursteinen der kargen Gegend. Und zwischendrin diese sensationelle Straße mit Kurven aller Art, die die Strecke zum ultimativen Vergnügen machen. Und auch hier ist man fast allein unterwegs. Völlig berauscht erreichen wir irgendwann den grün schimmernden Lago Maggiore. Pause. Relaxen. Ist nämlich genau der richtige Ort, um den südlichen Flair gepaart mit Schweizer Komfort zu genießen. Zwei ruhige Tage dösen wir an den teilweise palmengesäumtem Ufern dieser Mega-Badewanne, erholen uns bei mediterranen Temperaturen von den ungezählten Rechts-Linksschwenks auf der großen 1200er Suzuki Bandit.
Höchst angenehme Düfte von Rosenblüten und Veilchen steigen in die Nase, sind selbst unterm Integralhelm noch zu riechen. Der ziert nun unsere Köpfe, denn nach zwei Tagen Pause, sind wir schon wieder auf Achse, die Pässe locken doch zu sehr. Wir rollen via Domodóssola, bereits in Bella Italia, Richtung Simplonpaß, der dort noch Sempione heißt. Dann der schnelle Surf auf gut ausgebauter Straße durch die mächtige Gondoschlucht, wo unser 100 PS-Liebling mal zeigen kann, was er so drauf hat. Oben auf luftigen 2006 Metern genießen wir die Sonne, lassen entspannt den Tag ausklingen. Als die Schatten unübersehbar länger werden, brechen wir auf. Auch auf der Nordabfahrt ins Wallis ist die Simplonstraße bestens ausgebaut. Zieht sich in langen Kehren zu Tal, perfekt für sportliche Rastenfräser, aber nix für uns Genussfahrer. Immerhin kommen wir zügig hinab nach Brig im Rhonetal.
Es beginnt gerade zu dämmern, als wir in Selkingen das Schild »Zimmer« ausmachen. Das wahrlich urige Dorf, mit diesen für das Wallis einst typischen Holzhäusern, eignet sich hervorragend zum Übernachten. Denn so rustikal wie die Häuser von außen ausschauen, muten die Zimmer von innen an. Offene Balken und Dielen wie früher, einfach, aber pikobello sauber, wohligen Holzgeruch und Behaglichkeit verströmend. Das reicht zum Wohlfühlen. Da stört es auch das Gemeinschaftsbad im Flur nicht weiter. Patronin Martha Biderbost meint fast ein wenig verlegen: »Wir haben halt nur ein einfaches Bauernhaus.« Aber ein unheimlich schönes. Sogar eine Küche für Selbstverpfleger gehört dazu. Da kann man bei 25 Franken pro Kopf und Nacht wirklich überlegen, ob man die acht Betten mal für ein paar Tage mit der ganzen Clique belegt. Zumal es von hier aus nur ein paar Kilometer bis hinauf zum Nufenen sind.
Wo wir gerade immer noch in der herrlichen Sonne relaxen. Francine ist begeistert, auch wenn mein Englisch sicher ein paar Lücken hat, aber Martha in Selkingen, die will sie mit Andreas auch irgendwann besuchen. Ganz sicher. Genug vom Fahren erzählt. Die Maschinen werden wieder angelassen. Die Bandit will nicht so recht. Choke rein, ah ja. Zwei schattige Stunden auf dieser Höhe haben den Bigblock komplett auskühlen lassen. Dann rollen wir bergab. Kurz vor Airolo fällt die Entscheidung für die nächste und gleichzeitig letzte Alpenhauptkammquerung dieser Traumrunde recht leicht. Keinen Bock auf Tremolapflaster oder die weit geschwungenen Kehren der breiten Gotthardt-Straße, beides bestens bekannt und schon fast ein wenig ausgetreten. Zum Abschluss der Runde steht uns noch mal der Sinn nach einem kleineren und etwas abgelegeneren Übergang. Dafür ist der Passo del Lucomagno, auf deutsch Lukmanierpass gerade recht. In Biasca trennen sich unsere Wege, wir winken Francine und Andreas noch einmal zu, good bey, sie donnern geradeaus weiter in Richtung San Bernardino, wir zweigen auf die kleine Straße nach Norden ab.
Die Bandit bekommt noch mal ne kleine Pass-Pause. Diesmal in nur knapp 2000 Meter Höhe. Aber dennoch wird die Bergluft jetzt am späten Nachmittag ganz schön frisch. Vor allem im Schatten, auch wenn der 3210 Meter hohe Piz Medel weiter rechts noch in der Sonne erstrahlt. Ohne Pullover läuft nichts mehr. Wir rollen weiter am Ufer des Santa-Maria-Stausees knapp hinter der Pass-Höhe entlang. Dessen Wasser sieht in Ufernähe ein wenig merkwürdig aus. Bei genauerem Hinschauen wird klar, dass es gerade den Aggregatzustand wechselt - und zwar von flüssig in Richtung fest. Hoppla und aufgepasst. Nicht, dass uns die kleinen Rinnsale auf den Strassen noch eine umgewollte Rutschpartie bescheren. Also, wo immer es nass ausschaut, schleichen wir vorsichtig um Kehren und durch Serpentinen. Jedenfalls bis in eine Höhenlage, wo wir sicher sein können, dass es dort nicht mehr friert. Die Kurvenzirkelei endet letztlich im Vorderrheintal. Von dort geht es flussabwärts zurück nach Chur und leider, leider weiter Richtung Heimat.
Vor mir auf dem Schreibtisch türmt sich die Arbeit. Doch unbeeindruckt schweift der deprimierte Blick aus dem Fenster. Über das Hügelland dort drüben im Westen, das ich mal für Berge hielt, schiebt sich eine gewaltige Ansammlung tiefschwarzer Wolken. Und dort muss sie irgendwo sein, die Leiter zur Hölle. Ganz sicher.

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