Schweizer Alpen (Archivversion) Höhepunkte

Tagelang können kurvenbessesene Biker im Schweizer Bermuda-Dreieck von Furka-, Grimsel- und Sustenpaß verschollen gehen. Flankiert von Nufenen und Gotthard gilt es als Highlight alpinen Motorradvergnügens.

»Die Reisenden, die zum Paß ansteigen, beginnen angesichts der drohenden Gefahr und der steilen, schreckenerregenden Hänge zu zittern und sich zu fürchten. Angsterfüllt beschleunigen sie ihren Schritt. Auch durch den Schnee selbst scheint erst ein Zittern zu gehen, dann gleiten die geballten Massen mit derartiger Gewalt herab, daß der ganze Berg bebt und erschüttert wird.«Der Schweizer Josias Simler schrieb diese Zeilen im Jahre 1574, in seinem Werk »De Alpibus Commentarius«, dem ersten Buch zum Thema Alpen. Gemeint ist eine Wegstrecke, die heute noch existiert und Bikern -vor allem Gold Wing-Fahrern - den Schweiß auf die Stirn treiben kann: die Tremola, Straße des Zitterns, lautet damals wie heute ihr Name. In 24 engen, kopfsteingepflasterten Kehren führt sie von Airolo aus dem mediterranen Tessin hinauf auf rauhe 2108 Höhenmeter am St. Gotthard-Paß. Nachdem die klassische Strecke ein paar Jahre gesperrt war, ist sie nun wieder freigegeben. Lediglich bei akuter Lawinengefahr oder Straßenarbeiten sinken die rotweißen Schranken herab. Nicht gerade das Idealterrain für den 400 Kilogramm schweren Honda-Musikdampfer made in USA, da ist Elke mit ihrer TDM deutlich besser dran, doch es funktioniert halbwegs.Heftiges Glockengeläute unterbricht meinen Goldflügel-Kampf in den Kurven. Eine gelbschwarze Pferdekutsche kommt von oben. Der liebevoll restaurierte Fünfspänner braucht die gesamte Kehrenbreite. An schönen Sommertagen wie heute ist die Postkutsche auf ihrer klassischen Route unterwegs, allerdings nur mit örtlichen Ausflüglern im Fond statt Alpentransitreisenden wie einst.Der schnauzbärtige Kutscher ist sichtlich angetan vom leuchtenden Gelb der Gold Wing, warnt aber eindringlich davor, das Topcase offenstehen zu lassen: »Sonst werf’n die Leut ihre Urlaubsposchtkart’n ein«, brüllt er lachend von seinem erhöhten Sitz herunter und lenkt die Pferde gekonnt um die Kurve. Das Geklapper der Hufe auf dem Kopfsteinflaster ist noch lange zu hören.Der Gotthard ist nach wie vor die bedeutendste Nord-Süd-Verbindung der Schweiz. Die Entwicklung vom schmalen Saumpfad zum modernen alpinen Transitweg läßt sich hier besonders gut nachvollziehen. Neben der Tremolastraße gibt es die neue Gotthardstraße auf der gegenüberliegenden Bergseite. Von Lawinen- und Steinschlaggalerien geschützt, zieht sie sich ohne atemberaubende Kehren ins Tessin. Aber es geht noch schneller und moderner. Unter dem Bergmassiv versteckt sich der gleichnamige Straßentunnel. Absolut winterfest und mit gut 16 Kilometern der weltweit längste Vertreter seiner Art. Das kleine Museum auf der Paßhöhe dokumentiert eindrucksvoll die wechselvolle Geschichte des »Königs der Pässe - Summae Alpes« wie ihn schon Julius Cäsar respektvoll nannte.Nicht nur im Süden, auch im Norden wies der Gotthard schier unüberwindliche Schwierigkeiten auf. Eine Stelle in Josias Simlers Buch weist darauf hin: »Auf der anderen Seite des genannten Passes befindet sich eine andere sehr gefahrdrohende Örtlichkeit, die man Vallis inferna - Teufelstal - nennt. Sie liegt oberhalb von Silenen im Kanton Uri an der Reuß und nicht weit von Andermatt. Man nennt diese Stelle die Teufelsbrücke oder Brücke der Unterwelt. Man gelangt dahin, indem man dem am rechten Ufer des Flusses befindlichen Pfade folgt, der so schmal ist, daß an einigen Stellen die Felsen gesprengt werden mußten, um für die Reisenden genügend Platz zu schaffen; auf der anderen Seite ist ein steiler Absturz.«Beschrieben ist die Schöllenenschlucht, die jahrhundertelang eine fast unüberwindliche Barriere am Gotthardweg war. Die erste Brücke soll es dort im 12. oder 13.Jahrhundert gegeben haben. Auf der Strecke beeindrucken heute allerdings weniger die landschaftlichen Reize als vielmehr die Fülle von Wegekonstruktionen, die in dem extrem steilen Gelände errichtet worden sind: die vierspurige Autobahn mit Tunnels, Brücken und Lawinengalerien, die überdachte Zahnradbahnstrecke und die Landstraße mit ihren zahlreichen Kehren, auf der ich mit der Gold Wing gerade ins Tal hinabfege. Die Teufelsbrücke gibt es heute noch. Über sie kommt man durch das sogenannte Urner Loch, ein im Jahre 1708 geschaffener, 64 Meter langer Bergdurchbruch - der älteste Straßentunnel der Alpen. Dahinter breitet sich das weite Talbecken des Urseren aus.In Göschenen machen Elke und ich einen kurzen Abstecher in das Tal gleichen Namens. Eine kleine, gewundene Straße führt durch Tunnels und Kehren bis zum Dammagletscher und dem Göschener-Alpsee. Leider ist er zu kalt für einen Sprung in seine Fluten, aber ein paar Spritzer vom kühles Naß tuen schon gut. In Wassen biegen wir auf die Sustenstraße ab. Hier beginnt quasi das Bermuda-Dreieck der Zentralschweiz - ein Pässetrio vom Feinsten. Susten-, Grimsel- und Furkapaß liegen so nah beieinander, daß das Dorado ihrer Serpentinen bequem als Rundtour genossen werden kann. Auf der zwischen 1938 und 1945 gebauten Sustenstraße geht es zunächst etwas unspektakulär ohne Kehren und Kurven durch das Meiental nach oben zum Scheiteltunnel des Sustenpaßes. Nach 325 Metern durch das dunkle Loch trifft uns das Panorama auf der anderen Bergseite mit ungebremster Wucht. Der Blick ins Tal und auf den in der Nachmittagssonne gleißenden Steingletscher nimmt einem schier den Atem. Wir holen zwei Becher Kaffee in dem Restaurant auf der Paßhöhe und lassen uns einfangen von der Aura dieses mächtigen, grünlich schimmernden Eisfeldes, das sich unter den Gipfeln ausbreitet. Ein tiefes, sonderbares Donnergrollen tönt aus der Richtung des ewigen Eises. Keine Ahnung, wo es herkommt, denn es steht keine Wolke am Himmel. An der Zunge des riesigen Gletschers klettern ein paar Leute herum, Hunderte von Schafen grasen in den Wiesen dahinter. Gleich daneben entdecken wir ein Sträßchen, das sich am Gletscher vorbei nach oben zieht. Da müssen wir hin, unbedingt. Wir kurven ein Stück nach unten. Beim Hotel Steingletscher finden wir den Abzweig zu dem kleinen Asphaltband, das tatsächlich legal zu befahren ist. Nach knapp drei wunderschönen Kilometern ist allerdings Schluß. Ein mit Maschinenpistole und Funkgerät ausgerüsteter Schweizer Armeesoldat stoppt Elke, die vorausfährt. Er sagt etwas zu ihr, was ich nicht hören kann. Völlig entrüstet dreht sie sich zu mir um: »Stell dir vor, die schießen auf Schafe.« Ungläubig starre ich auf das Geröllfeld vor dem Gletscher, wo wahrhaftig Schüsse widerhallen und offenbar das vermeintliche Donnergrollen verursachen. Als wir allerdings nur friedlich grasende statt gemeuchelter Schafe entdecken können, klärt sich das Mißverständnis. Unter dem Helm hatte Elke das »r« nicht gehört. Der Soldat hatte ihr mitteilen wollen, daß am oberen Gletscher nicht »Schaf«, sondern »scharf« geschossen wird.Trotzdem nervt uns das Geballer in der Bergidylle, und wir fahren zurück zum Steingletscher. Von dem geschotterten Parkplatz sind es nur ein paar Minuten bis zu den gewaltigen Eismassen. Wie Zwerge fühlen wir uns davor, frösteln trotz blauem Himmel und Sonnenschein.Durch ein liebliches Tal geht es weiter nach Innertkirchen. Kurz darauf beginnt der nächste Anstieg. Die Grimselstraße ist auf ihrer Nordseite breit und gut ausgebaut worden, verfügt gerade über die rechte Kehrenspannweite für das gelbe Monstrum. Rechts und links taucht manchmal noch die alte, wesentlich spektakulärere Trasse auf. Früher war für Reisende gen Süden die Route über Grimsel- und Simplonpaß die Alternative zur Gotthard-Passage. Die Reise dauerte zwar länger, war aber nicht so beschwerlich und gefährlich wie der Weg durch die Schöllenenschlucht.Heute wird die Alpenkulisse unter anderem durch die diverse Staumauern und -seen des Kraftwerkes Oberhasli geprägt. Nicht nur die Landschaft, auch das 600 Jahre alte Grimsel-Hospiz versank im 1932 angestauten Grimsel-Stausee. Auf dem Nollen, einem mächtigen Granithöcker, der wie ein Stützpfeiler zwischen den beiden Staumauern des Grimselsees aufragt, thront das neue Hospiz.Die Aussicht vom Grimselpaß auf die verschneiten Gipfel der umliegenden Viertausender ist phantastisch. Deutlich ist das Kehrengeschlängel der zwischen 1864 und 1866 erbauten Furkastraße zu erkennen, die zum 2431 Meter hohen Nachbarpaß führt. Ein schönes Gegenstück zum Grimsel, den hier geht es eher eng und holprig zu. Unten in Gletsch fahren wir an der jungfräulichen Rhone vorbei, die hier noch Rotten heißt. In der vorletzten Kehre vor dem historischen Prachtbau des Belvédère-Hotels beherrscht ihr Quellgebiet das Bild: der Rhonegletscher, gleissend und mächtig reflektiert er das Licht, gibt ein Gefühl für Ewigkeit. Bereits Goethe war bei seinem Besuch im Jahre 1800 völlig von dem Naturschauspiel mit seinen »vitriolblauen Spalten« beeindruckt, beschreibt, wie die eisige Zungen damals offenbar noch bis ins Tal hinableckten. Noch immer sind die meterhohen, schmalen Eisspalten hautnah erlebbar. Nach fünf Franken Eintritt und einem Transitweg durch einen riesigen Kitschladen erreichen wir einen mit Laternen beleuchteten Tunnel aus blauschimmerndem Kristall. Wir sind mitten im Gletscher, kühles glitzerndes Eis rund um uns. Auf einem schmalen Holzweg geht es zu einer Grotte, wo sofort ein als Eisbär verkleideter Touristenfänger alle Aufmerksamkeit auf sich zieht und mich mit seiner Plüschpranke zu einem bereitstehenden Fotografen schleift. Dort zeigt er auf Fotos, die fast ausschließlich mit Bikini bekleidete Damen neben dem so peinlich Kostümierten zeigen. Nebenbei klagt das Fotoduo darüber, wie schlecht die Zeiten in der Schweiz geworden seien. Fotografin Elke rettet schließlich die Situation, in dem sie ihrerseits das bärige Grottenteam ablichtet. Wieder dem Eislabyrinth entsprungen, passiert es endlich: Eine völlig enthusiastische Touristin aus Brasilien möchte die beiden Schweizer Postbeamten vor ihrem Dienstfahrzeug fotografieren. Elke schwört, nie mehr in Begleitung einer gelben Gold Wing in die Alpen zu fahren.Auf dem Rückweg wartet noch ein weiterer Klassiker. Der knapp 2000 Meter hohe Klausenpaß, seit fast hundert Jahren in Betrieb. Bei der Auffahrt sehen wir einen alten, ledernen Wanderstiefel, der auf einem Felsen festgeschraubt und -gekettet ist. Ein dichter Blumenstrauß wächst aus ihm heraus. Wahrscheinlich ist hier mal ein Wanderer abgestürzt. Kein Wunder, es geht verdammt steil hinunter. Damit in Zukunft kein Motorradstiefel oder gar ein gelbes Gold Wing-Topcase auf dem Felsen mahnt, lassen wir die nächsten Kehren etwas langsamer angehen. Auf der Paßhöhe genehmigen wir uns vor der Heimfahrt noch eine heiße Schokolade. Es ist mittlerweile sehr kühl geworden, ja, es riecht fast nach Schnee. Einen Tag nach unserer Rückkehr hören wir den Nachrichten, daß Susten, Grimsel, Furka und Klausen wegen heftiger Schneefälle gesperrt wurden.

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