Seelapen (Archivversion) Teilweise steinig

Gute Off Roader müssen nicht nur fahren können, sondern brauchen auch den richtigen Blick. Annette Johann begleitete zwei Scouts bei der Streckensuche in den Seealpen.

Verdammt, ich weiß nicht, wie sie das machen. Ein-, zweimal pöttern die zwei BMW-Fahrer die breite S 20 bei Trucco langsam auf und ab, scheinen wie Raubvögel ein unsichtbares Ziel einzukreisen, werfen einen letzten scharfen Blick aufs Kartenblatt - und verschwinden in einer kleinen Hofeinfahrt. »Hier ist es!« Hier soll der Schotterweg nach Rocchetta beginnen. Hier? Doch hinter der vermeintlichen Einfahrt entrollt sich wahrhaftig nach ein paar Häusern ein schmaler Weg hinauf in die Berge. Triumphierendes Grinsen. Die GS-Fahrer machen die Tripmaster klar, notieren den Kilometerstand und stieben los.Heike und Herbert sind sogenannte Scouts. Ihr momentaner Job besteht darin, eine mittelschwere Schottertour zwischen dem Mittelmeer und dem Col de Tende auszuarbeiten. Heute soll der südliche Einstieg in die Alpes Maritimes gesucht werden. Ihr Handwerkszeug sind Karten mit Maßstäben zwischen 1:100 000 bis 1:25 000, eine Enduro mit Rallye-Navigationsausrüstung und ein erfahrenes Auge. Und ein GPS, doch das dient eher dem Technik-Fetischismus. Ein Kompaß täte es genauso. Bis Rocchetta ist der Weg leicht zu finden, aber im Ort muß Heike nach einigen Sackgassenversuchen einen Passanten nach der Schotterpiste fragen. »Hinterm Ortschild links«, übermittelt sie uns das Wesentliche der gestenreichen Erklärung. Hinter der verrosteten Ortstafel beginnt tatsächlich ein Weg. Herbert macht eine kurze Notiz im Roadbook, und wir fädeln uns zwischen duftendem gelben Ginster und bunten Blumen ins nächste Dorf. Es scheint ein ganz normal genutzter Versorgungsweg zu sein. Eine Vespa kommt knatternd entgegen, ein alter Honda-Chopper verrottet unter Büschen im Graben, und bei einem Gehöft rennt bellend der Hofhund mit. Der Bauer grüßt freundlich herüber. Landfriede. Abenteuerlich in den Felsen klebende Orte tauchen über uns auf. Einer davon ist Castel-Vittorio. Dort müssen wir die Überleitung zur Ligurischen Grenzkammstraße finden. Umgeben von schnurrenden Dorfkatzen, breiten die Scouts auf dem kleinen Platz vor der Kirche ihre diversen Landkarten aus und versuchen, die Endurotauglichkeit der eingezeichneten Wege einzuschätzen. »Reine Wanderwege sind immer schlecht«, erklärt Herbert, »genauso wie die gestrichelten Wege auf der 1:25 000. »Zu steil und zu schwer meist. Die sind wirklich nur Fuß zu bewältigen.« Doch die unter der Kategorie »unasphaltierter Fahrweg« laufende Verbindung über Bajardo sieht brauchbar aus. Die Karten werden wieder zusammengefaltet, die Katzen verabschiedet. Aber welcher der ungezählten in Castel-Vittorio beginnenden Feldwege ist nun der richtige? »Der Einstieg ist immer am schwierigsten«, meint Heike entnervt, als sie den dritten probeweise abgefahrenen Weg zurückgebraust kommt. »Stimmt der Kurvenverlauf nicht exakt mit dem Kartenbild überein, kannst du umkehren.« Die Eintragung im Ort ist dagegen offenbar weniger ernst zu nehmen. Laut Michelin-Karte soll der Weg an der Kirche beginnen. Da gibt es allerdings bloß eine Garageneinfahrt. Interessiert nehmen inzwischen die Gäste der Bar gegenüber Anteil am Enduroabenteuer. Dann endlich scheint eine Piste zu passen. Unterwegs deutet ein abgebrochener, alter Wegweiser fragmentarisch an, daß wir auf dem Weg nach Bajardo sind. Zumindest gibt es hier keinen anderen Ort, der auf »ardo« endet. Befriedigt notiert Heike es im Roadbook. Schnell machen wir nun Meter um Meter an Höhe gut. Die drückende Hitze bleibt im Tal zurück, frische Bergluft löst sie ab. Dann taucht es plötzlich tief unter uns auf, umwerfend blau und fast eins mit dem Horizont - das Mittelmeer. Eine Dramatik, die nur die Seealpen inszenieren können und mit der sie die ganze restlichen Alpenkette in den Sack stecken: Sie verbinden Meer und Hochgebirge in so einzigartiger Weise, kombinieren mediterrane und alpine Landschaft, südländisches Leben und die Einsamkeit der Zweitausender, daß es einem schier den Atem nimmt. Ein Matterhorn kann einpacken dagegen. Am Col de Langan stoßen wir auf rund 1500 Metern auf die Ligurische Grenzkammstraße. Das Tagesziel ist erreicht, der Südeinstieg gefunden und dokumentiert. Wir stellen die Motoren ab und genießen die Atmosphäre des letzten Lichtes. Erst als die Kälte durch die Jacken zu beißen beginnt, sausen wir hinab.Knirschend rollen die dicken Stollen auf dem weißen Kiesweg des alten Klosterhotels aus. Hier, hinter den alten Säulengängen in St. Dalmas-de-Tende, haben die Scouts ihr Basisquartier aufgeschlagen und ihre EDV-Anlage installiert. Allabendlich geben sie die unterwegs notierten Streckendaten mit einem speziellen Roadbook-Programm in ihre Laptops ein. Kilometerberechnungen, neue Streckenkombinationen oder Änderungen lassen sich so später nahezu per Tastendruck erledigen. Die Idee kam von Herbert. Hauptberuflich arbeitet er als Elektroniker. Unter dichten Gauloises-Wolken und bei einigen Pastisse konservieren Heiker und er bis spät in die Nacht unser Abenteuer auf Microchips.Am nächsten Tag soll vom Col de Tende aus das nördliche Anschlußstück ermittelt werden. Kurz vor Tagesanbruch biegen wir kurz vor dem südlichen Einstich des Straßentunnels in die 48 Schotterkehren ab. In regelmässigen Windungen schraubt sich der gut erhaltene alte Paßweg hinan. Atemlos, aber erfüllt stehen wir mit den ersten Sonnenstrahlen auf dem Paß. Ein Pfahl streckt wegweisende Finger in alle Richtungen. Hier kreuzt die Ligurische Grenzkammstraße. Ein unauffälliger Granitblock kennzeichnet mit einem eingemeiselten F auf Süd- und einem I auf der Nordseite, die Grenze zwischen den Seealpen-Anrainern Frankreich und Italien. Etliche verfallene Festunganlagen finden sich entlang des Grenzkamms. Direkt am Paß stehen die gelbgrauen Überreste des Fort Central. Modergeruch strömt aus den leeren Fensterhöhlen, Efeu und weggeworfene Bierdosen beleben zwischen den heruntergebrochenen Dachgewölben das unheimliche Innere. Heutzutage erledigen ein paar gelangweilte Carabinieri die wenigen Grenzformalitäten 600 Meter tiefer am italienischen Tunnelende. Die Zeiten der wichtigen grenzpolitischen Auseinandersetzungen sind am Tende-Paß längst vorbei.Nach einigen Stichproben hat Heike die richtige Strecke auf dem Grenzkamm ausfindig gemacht. Auf italienischer Seite begleiten uns anfangs noch die gelb-roten Wandermarkierungen des GR 52, bis dieser nach Süden abzweigt, dann geht es umgeben von feuchten Nebelschwaden über enge Serpentinen zum Cime du bec Roux hinauf. Betonklötze sichern gelegentlich den schmalen Weg, Geröll bröckelt die steilen Hänge hinab. Fröstelnd erreichen wir den Col de la Boaira auf deutlich über 2000 Metern. Unbemerkt sind wir wieder auf die französische Seite gelangt. Ein paar Wanderer kommen entgegen, grüßen freundlich, sonst sind wir für uns. Markierte Wege zweigen gelegentlich ab, aber die gültige Hauptpiste ist gut identifizierbar. Leichte Arbeit für die Scouts, die nur ab und an mal Kilometerstände notieren. Murmeltiere huschen pfeifend durch das graue Geröll, das hier oben die Vegetation fast völlig ablöst. Nur ein wenig dünnes Gestrüpp und struppiges Gras wachsen an ein paar Stellen. Am Col des Seigneures muß noch einmal aufmerksam navigiert werden, dann geht es weiter auf der relativ guten Piste dahin. Wir bleiben fast ständig auf über 2000 Metern, erst am Colla Melosa, ganz am Südende neigt sich der Bergkamm zum Mittelmeer ab. Als sich die Wolken endlich lichten und strahlend die Sonne durchbricht, breitet sich ein traumhaftes Hochgebirgspanorama vor uns aus. Warm dringt die Sonnenwärme durch die dunkle Jacke und löst endlich den ständigen Kälteschauder ab. Kurz vor dem Mont Saccarel tauchen mit vereinzelten Kühen und Bergbauernhäusern wieder erste Zivilisationszeichen auf. Die Scouts stoppen plötzlich und betrachten aufmerksam das unter uns zusammentreffende Weggewirr. Jetzt gilt es, auf der hier westlich abbiegenden Grenzkammstraße zu bleiben und nicht versehentlich auf der neuen Hauptpiste hinunter nach Monesi zu geraten. Treffsicher finden sie den Abzweig. »Auf der 1:25 000er Karte sind eigentlich alle Wege verzeichnet. Zählt man die beim Fahren konzentriert mit, findet man sich an Abzweigungen schnell zurecht«, erklärt mir Herbert sein Ortungssystem. Du liebe Zeit. Solange es geradeaus ging, habe ich auf die Piste geschaut, aber nicht in die Karte. Ich gestehe, daß ich nun erst mühsam ermitteln müßte, wo wir uns befinden. Orientierung findet ständig statt und nicht erst an der Wegkreuzung. Am Paß Tanarel biegen wir gen Osten ab. Das darauffolgende Steilstück hat es allerdings in sich. Vorsichtig lasse ich die 350er im zweiten Gang und mit zwei Fingern an der Bremse über spitze Felsbrocken und überhängende Platten zu Tal. Wie eine Gams klettert das kleine Ding zuverlässig und unbeeindruckt über die ärgsten Wacker. Bergauf wäre es allerdings eine fiese Schinderei gewesen, wie ich bei einem Blick zurück feststelle. Am Bois de Sanson tauchen wir in duftende Kiefernwälder ein und bald darauf umfängt uns wieder die laue mediterane Luft. Dreckig, aber vergnügt genießen wir am Nachmittag im lebhaften La Brigue nach all der Einsamkeit den ersten Cappuccino dieses Tages. Knischend beim Mundabwischen vermischt sich der weiße Schaum mit dem Staub auf unseren Gesichtern. Am nächsten Tag muß ich vorausfahren. »Du hast jetzt ja gesehen, wie´s geht«, lacht Heike spitzbübisch und wartet auf ihrer BMW die Ankick-Prozedur geduldig ab. Eine Schotterverbindung vom Roya-Tal zum Col de Turini steht auf dem Programm. Laut Karte müßte eine von der D 40 abgehen. Ich präge mir die Strecke ein, wähle als Orientierungspunkt die Kirche von Sainte Claire. Ist die nach neun Kilometern auf der D 40 erreicht, muß ich ungefähr 20 Meter zurück und sollte dann rechts den Schotterweg sehen. Nach dem herrlichen Weg durch den zerklüfteten Gorges de Bergue zweigen wir auf die D 40 ab, und unter überhängenden Felsen geht es abenteuerlich an einem kleinen Wildbach entlang. Alles paßt, ich finde Sainte Claire und sogar den Schotterweg und dann - dann ist der schöne Plan auch schon geplatzt: »Route barrée« warnt ein großes Schild direkt hinter der ersten Biegung. Und dort, wo eigentlich eine Brücke über den Bach führen sollte, gähnt - vermutlich seit dem letzten Hochwasser - nur noch ein steiler Absturz. Toller Anfang. Da käme bestenfalls ein Trialfahrer durch. Die Scouts schütteln die Köpfe und lachen. Der ganze feine Plan ist zum Deibel. Wir müssen also improvisieren und fahren versuchsweise die unasphaltierte Fortsetzung der D 40 weiter. Die endet nach ein paar Kilometern an einem Gartentor. Ein Schild »Reserviert für Angler« setzt hier juristische Grenzen. Aber auf der anderen Seite des Tals ist am Berghang ein Weg zu erkennen. Eigentlich ist es die völlig falsche Richtung, aber wir fahren ihn ein Stück. Diese Schotterkehren sind in keiner Karte verzeichnet, die gelegentlichen Wanderwegweiser deuten auf keinen bekannten Ort. Herbert läßt auf dem GPS grafisch den bisherigen Streckenverlauf anzeigen - tatsächlich - dieses Kurvenprofil gibt es auf der Karte nirgends: »Der Weg ist neu.« Ein paar Bauernhäuser tauchen auf, ein hellblauer Caddy der französischen Telefongesellschaft rumpelt vorbei - so völlig entlegen können wir nicht sein. Endlich kommt ein Hinweis auf einen identifizierbaren Ort: Bergue Inferieur. Ein kleines Bergdorf, weit, weit oben in den Felsen des Gorges de Bergue klebend, von dem sich eine unglaubliche Serpentinenstraße nahezu senkrecht an der 700 Meter hohen Felswand die Schlucht hinabstürzt. Unten angelangt, sind wir fast wieder am Ausgangspunkt der D 40. Die Scouts sind begeistert. Auch wenn wir statt einer Südwest- eine Nordostroute gefunden haben. Für eine andere Etappe könnten sie die ausgezeichnet verwenden. Endurofahren ist Abenteuer. Noch immer wartet allerdings der Turini. Jetzt bleibt nur noch die Asphaltstraße über Sospel. Hier brandet uns das quirlige Leben einer südfranzösischen Kleinstadt entgegen. Eine ältere Frau betrachtet uns Enduristinnen interessiert. Wenn sie noch mal jünger wäre... Sie sagt es nicht, aber wir denken es. Sie stellt die Taschen ab und schwärmt mit beredten Gesten von den herrlichen Kurven des Turini. Ja, da sollten wir rauf, das wär´s einfach. Tja, das ist Rallye-Terrain. Immerhin fegt hier allwinters die »Monte« hindurch und überdies stammt Michele Mouton von hier, einst die weltschnellste Rallye-Pilotin. In der kleinen Kneipe oben am Paß ersetzen die zahllosen Renn-Bilder fast schon die Wandfarbe. Vergessene Renault Alpine im flotten Schneedrift, Walter Röhrl im flachen Quattro oder lampengarnierte 911er im heißen Rallyetrimm - nur keine Michele. Naja, wer weiß, was die hier daheim getrieben hat, daß man sich lieber nicht an sie erinnert. Schade. Während meiner restlichen Streckensuche denke ich manchmal an sie. Die hatte bestimmt auch diesen verdammten Blick. Den für die Pisten hinter der Hofeinfahrt.

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