Selbsterfahrung: Trial-Kurs (Archivversion) Absolute Beginner

Sie wollen noch einmal ganz von vorne anfangen? Dann lassen Sie sich zeigen, wie man ein Trial-Motorrad bewegt. Ihren Job kündigen, Haus verkaufen und auswandern können Sie später immer noch.

Samstag, 9 Uhr. Frühsport statt Frühstück. Dehnen, strecken, abwechselnd auf einem Bein hüpfen. Erste Schweißperlen tropfen von der Nasen- auf die Stiefelspitze. Je nach Kondition mehr oder weniger aus der Puste sind sieben weitere Trial-Novizen, die wie ich hoffen, nach diesem Wochenendkurs locker über tonnenschwere Felsbrocken hüpfen oder meterhohe Absätze zu überwinden,
als gäbe es keine Schwerkraft. Ausbilder Manfred Schiemer definiert die Ziele
seines »Trial-Aufbautrainings« deutlich
bodenständiger: »Zumindest die Grundtechniken sollten wir morgen Abend draufhaben.« Will heißen: Er wäre froh, wenn wir die wichtigsten Bewegungsabläufe im Sattel – pardon – in den Fußrasten einer Trial-Maschine beherrschen. Wir wollen endlich fahren, schielen sehnsüchtig auf die bereitgestellten 250er-Gas Gas.
Obwohl – die Karren machen kaum mehr her als mein erstes Mofa: ein Motörchen, das in einem Minirahmen hängt,
ein Fahrradlenker und zwei Räder. Kein
E-Starter, keine Instrumente, kein Sattel und schon gar keine Leistung. Mit 17 PS soll ich am Hang nicht verhungern?
Endlich geht’s zur Sache. Das Trial
Europacenter bei Großheubach – ein Gelände mit einer Fläche von 90000 Quadratmetern – lockt mit nahezu sämtlichen Problemzonen, die sich von Profis auf zwei Rädern gerade noch bewältigen
lassen. Kribbeln im Bauch, feuchte Hände – und Trial-Ausbilder Schiemer steuert mit uns im Schlepptau eine profane Hangwiese an, die mit bunten Hütchen gespickt ist.



Motoren aus, Kreis bilden, den Worten Schiemers lauschen. Wobei er im Stand an jedem Einzelnen von uns die propere Haltung auf einem Trial-Bike demonstriert. Gefahren wird im Stehen, logo. Mit leicht angewinkelten Beinen und Armen sowie einem nach vorn gebeugten Oberkörper. Die Hände umfassen dabei die Lenkerenden, ohne sich darauf aufzustützen.
Unbequemer und vor allem anstrengender geht’s wirklich nicht. Weil ich als Anschauungsobjekt minutenlang so ausharren muss, läuft der Schweiß inzwischen in Strömen – ohne dass ich bisher auch nur einen Meter im Gelände gefahren bin.
Dann die Kurventechnik. Schiemer hält mein Motorrad leicht geneigt, während ich unter seiner Anleitung zum Affen mutiere. Den Hintern seitlich der Maschine und,
um das Vorderrad zu entlasten, weit nach
hinten. Dabei das kurveninnere Bein am Tank anlegen und den kurveninneren Arm strecken, während der äußere leicht angewinkelt wird. Der Oberkörper sollte im
Idealfall parallel zum Lenker ausgerichtet sein. Alles klar? Meister Schiemer lässt uns nach dieser Trockenübung Runde um Runde im Zuckeltempo um ein Hütchen drehen, bis Haltung und Ablauf einigermaßen stimmen. Und dieses Motorrad fängt an, Spaß zu machen. Unglaublich, wie direkt das Triebwerk am Gas hängt. Lässt das Bike beim kleinsten Dreh an der Kurbel losspringen wie eine Gazelle, die einen Löwen erblickt hat – was den Unterhaltungswert enorm steigert: Irgendwie kommt jeder mal vom Kurs ab, weil er bei voll eingeschlagenem Lenker aus Versehen den Brennraum flutet.
Endlich auf besagter Wiese. Der Reihe nach und knapp über Standgas – Tempo spielt bei diesem Sport praktisch keine Rolle. Erster und manchmal auch zweiter Gang, das war’s auch schon. Mein Sohn ist auf seinem Dreirad garantiert schneller unterwegs. Trotzdem habe ich auch so
alle Hände voll zu tun: Die korrekte Umrundung der eng positionierten Pylonen entpuppt sich als die größte sportliche Herausforderung seit Jahren. Geht eben nur im Standgas und mit vollem Lenkeinschlag. Gestandene Motorradler eiern plötzlich wie blutjunge Anfänger den Hang entlang. Sieht zum Brüllen aus. Aber irgendwann funktioniert’s! Wir kommen uns vor wie Helden. Mittagspause.



Eine Stunde später. Unzählige Male einen imaginären Slalomkurs auf einem holprigen Waldweg absolvieren, zwischen Bäumen hindurch und über kleine Absätze und Wurzelwerk. Einen Fuß setzen gilt im Trialsport als größtes Vergehen – und ich dachte, ich könnte einigermaßen Motorradfahren. Erste Gedanken kreisen um
den Kauf einer Trial-Maschine.
Schließlich geht’s ans Eingemachte: bergab. Und bergauf. An einem Hang, den auch Freeclimber respektvoll angehen würden. Na ja, zumindest sieht es von oben so aus. Jetzt bloß keine Furcht zeigen, auch wenn die Pumpe rast. Also, der Schiemer hat es ja gerade lehrbuchmäßig demonstriert: Gewicht vollständig nach hinten, mit den Handballen am Lenker
abstützen, zwei Finger an der Bremse,
um Himmels Willen kein Gas geben und nie und nimmer die Kupplung ziehen.
Der Motorbremse wegen. Den hinteren Stopper, hatte Schiemer noch gewarnt,
allenfalls ganz sanft einsetzen – ein blockierendes Hinterrad hat keine Seitenführung und könnte außerdem den Motor absterben lassen. Meine Gedanken rotieren, aber schon rollen Fuhre und Fahrer hinunter...wie – und das war alles?
Nicht zu fassen, wie leicht sich eine Trial-
Maschine im Sturzflug dirigieren lässt.
Und was der winzige Einzylinder zu leisten vermag. Zieht aus dem Stand weg mit Schrittgeschwindigkeit den Hang wieder rauf. Wie eine Zahnradbahn. Damit das leicht tänzelnde Vorderrad nicht gänzlich abhebt, hängen wir mit unseren Oberkörpern weit über den Lenker gebeugt. Der Groschen fällt allmählich, wir tauchen in eine bis dahin unbekannte Dimension des Motorradfahrens ein – jetzt ist keiner mehr zu bremsen, obwohl jeder bei den Übungen im Wald schon mal seine Grenzen erfährt. Ein paar Kratzer im Lack (und leider auch im Ego) sind die Folge. Aber so etwas spornt an. Manfred Schiemer rät dagegen zu regelmäßigen Pausen. Der Konzentration wegen. Mich bremst allein meine Kondition. Ich sollte unbedingt
regelmäßig Sport treiben. Gegen 21 Uhr falle ich wie tot ins Bett.
Sonntag in der Früh. Muskelkater. Kann kaum den Hobel antreten. Schnell noch mal mit den anderen die Grundübungen durchgehen, bis Schiemer mit einer Holzplanke auftaucht. Unsere Aufgabe: langsam bis direkt an dieses Hindernis ranfahren und es dann überqueren, ohne dass das Vorderrad Kontakt damit hat.
Auf einmal erscheint diese Planke so unbezwingbar wie die Eigernordwand. Erst recht, als zwei davon übereinander liegen. Wir probieren reihum: direkt ranfahren, runter vom Gas, den Körper nach vorne sacken und dann hochschnellen lassen, gleichzeitig am Lenker ziehen und ein wohl dosierter Gasstoß. Fertig. Allerdings dauert’s eine ganze Weile, bis die Vorderräder einigermaßen zielgerichtet erst hinter dem Holz landen. Unser Respekt vor den Profis, die elegant und augenscheinlich leichtfüßig nahezu jede Hürde überspringen, wächst ins Unermessliche.
In der Zwischenzeit hat Schiemer in
einem steilen Waldstück einen Kurs absteckt. Sozusagen unsere Reifeprüfung. Beim Abgehen der Strecke erklärt er, wie man quasi im rechten Winkel und vor allen Dingen vorausschauend zwischen Bäumen hindurchmanövriert, die so eng beieinander stehen, dass gerade eben der Lenker durchpasst. Wer auch nur einen Zentimeter von der imaginären Ideallinie abkommt, hängt einen Gasstoß später fest – bereits die dritte Ecke ist mein persönliches Waterloo. Füße runter (hoffentlich sieht’s der Schiemer nicht), rückwärts raus aus dem Busch (Schiemer schüttelt den Kopf), Neustart. Aber ich bin angefressen von diesem Sport, fahre auf Durchkommen. Bis zum Abwinken. Die Sache mit der Leichtfüßigkeit und Eleganz verschiebe ich auf das nächste Mal.

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