Sibirien (Archivversion) Russisches Roulette

Nur eine Straße führt durch den östlichsten Teil Sibiriens - und endet mitten im Nichts. Von Alaska kommend, versuchten zwei Enduro-Piloten dennoch weiterzufahren und setzten alles auf eine Karte: Sie folgten einer Bahnlinie.

Hart setzt die russische TU 154 auf der welligen Landebahn auf. Andy und ich werden unsanft in die Gurte gepreßt, und unsere Motorräder, die unverzurrt in den Frachtraum gelegt wurden, haben in diesem Moment sehr wahrscheinlich die hintere Wand zum Passagierabteil durchschlagen. Die weltabgeschiedene Stadt Magadan empfängt uns nach einem vierstündigen Flug von Alaska über die Bering-See mit unguten Gefühlen: Denn am östlichsten Ort Sibiriens, wo die einzige Straße beginnt, die zumindest durch einen Teil dieses Landes führt, lassen sich ernsthafte Tranportschäden an den Enduros wohl kaum beheben.Doch unsere Sorgen erweisen sich als unbegründet. Nur ein paar Kratzer am Tank meiner BMW. Und auch der der Zoll macht uns keine Probleme. Alles verläuft so einfach, als würde man hier täglich ausländische Motorräder entladen.Endlich sind wir unterwegs. Unser Plan: Erst mal über Jakutsk bis zum Ende dieser Straße nach Tynda. Dort soll es, das hatten wir zumindest von erfahrenen Globetrottern gehört, eine Piste entlang einer Bahnlinie geben, die in Richtung Westen zum Baikal-See führt - also quer durch den unzugänglichsten Teil Sibiriens, dessen riesige Ausdehnung von Ost nach West gleich acht Zeitzonen umfaßt. Wir werden dagegen auf unserem geplanten Weg zum Baikal-See »nur« dreimal unsere Uhren um jeweils eine Stunde umstellen müssen - und dabei gerade einmal doppelt so viele nennenswerte Städte passieren: Die Einsamkeit in diesem gewaltigen Land sprengt unser Vorstellungsvermögen. Zumal unsere Informationen über Sibirien recht unterschiedlicher Natur sind. Die wenigen Straßen und Wege seien nur im Winter passierbar, wenn der Boden tief gefroren ist, hatten wir von anderen Reisenden erfahren. Und Benzin sei in der Regel absolute Mangelware. Dann hieß es, daß eine Fahrt durch Sibirien überhaupt kein Problem sei - bis auf die Mücken, die in dieser Region so zahlreich wären wie nirgendwo sonst auf der Welt. Wir hatten uns so gut vorbereitet wie irgend möglich: 40 Liter Benzin pro Motorrad, Satelliten-Navigation, die aktuellsten amerikanischen Militärkarten und grobstollige Reifen. Und natürlich engmaschige Moskito-Netze für unsere Gesichter.Vier Tage fahren wir durch hügeliges Waldland. Schnurgerade durchtrennt der staubige Weg, auf dem einst zigtausende Gefangene unter Stalins Herrschaft in die sibirischen Arbeitslager transportiert wurden, das dichte Grün. Obwohl die Sonne jetzt im Juni praktisch rund um die Uhr scheint, passieren wir hin und wieder blau schimmernde Eisfelder - letzte Spuren des harten Winters, der dieses Land acht Monate im Jahr mit Temperaturen von bis zu minus 50 Grad fest im Griff hat. Anscheinend haben wir den Zeitpunkt für die Reise gut gewählt: noch keine Spur von den heftigen Regenfällen, die regelmäßig im Sommer den jetzt noch teilweise gefrorenen Untergrund in eine einzige Schlammwüste verwandeln. Schwierigkeiten machen uns dagegen nur die vielen breiten Flußläufe, da sich die meisten Brücken in einem desolaten Zustand befinden. Es vergeht viel Zeit bei der Suche nach Furten, und wenn wir Glück haben, reicht das Wasser nur bis zu den Zylindern - wieder und wieder ein gefährlicher Balanceakt, die schweren Bikes über die rutschigen Steine durch die starke Strömung zu manövrieren.Nur gelegentlich passieren wir kleine Siedlungen. Meist nicht mehr als eine Handvoll Häuser und Hütten aus Holz fernab jedweder Zivilisation. Moskau ist weit, und egal, was dort auch geschieht, hier wird sich in den nächsten Jahren nichts oder nur wenig ändern. An einem Kiosk in einem der Dörfer entdecken wir Billigprodukte aus Süd Korea und China wie Quarzuhren und Radiowecker. Und es gibt Schokolade und »Pepsi«. Aber Bargeld ist hier rar. Die Menschen Sibieriens leben zumeist von dem, was Garten und Stall hergeben. Was nicht selber benötigt wird, muß als Tauschgut herhalten: Fleisch gegen Benzin, Gemüse gegen Kohle, selbstgebrannter Wodka, die härteste Währung, für irgendein Ersatzteil - oder zur Begrüßung unerwarteter Gäste: Sobald wir irgendwo halten, machen Gläser die Runde, werden wir sofort zum Essen und zum Übernachten eingeladen. Die Gastfreundschaft der Menschen ist ehrlich und herzlich, aber die Nächte in ihren Häusern sind lang und laut. Besonders nach anstrengenden Etappen zieht es uns eher zum Campen in die Abgeschiedenheit der Wälder als in einen der kleinen Orte.Hinter Jakutsk öffnet sich das Land, verschwinden die Hügel. Was bleibt, ist der Wald, der sich bis zum Horizont erstreckt. Fast wie mit einem Lineal gezogen zieht sich die Straße rund 1100 Kilometer weit bis nach Tynda in Richtung Süden. Ab hier geht´s nur noch per Schiff, Bahn oder Flugzeug weiter - oder auf dem auf unseren Karten nicht verzeichneten Weg, der entlang der erst 1985 fertiggestellen Bahnlinie verlaufen soll, die parallel zur Transsibirischen Eisenbahn von Ostsibirien kommend in Richtung Westen zum Baikal-See bis nach Bratsk führt. Daß der Weg tatsächlich existiere, hat uns Polizist in Tynda bestätigt, und er verbinde sogar ein paar kleine Dörfer entlang des Schienenstrangs miteinander.Aber Wind und Wetter haben der Piste übel zugesetzt. Löcher wie nach einem Bombenangriff, Schlamm und Sand, tiefe Wasserdurchfahrten. Wenn gar nichts mehr geht, weichen wir auf die Schienen aus. Eine brutale Schüttelei für Mensch und Motorrad. 100 Kilometer am Tag, mehr ist einfach nicht zu schaffen. Und die Strecke zieht sich über 1200 Kilometer. Diesmal sind wir froh über jedes Dorf. Gott sei Dank gibt es immer Benzin. Und Schweißgeräte, weil neben weiteren Schäden unsere Rahmen und Gepäckträger gleich mehrmals brechen. Geholfen wird uns überall sehr bereitwillig. Schon aus Neugier, denn für die meisten Menschen, die hier leben, sind wir die ersten Touristen, die sie zu Gesicht bekommen.Schließlich führt der Weg ein kurzes Stück entlang am Nordufer des Baikal-Sees, dem größten Süßwasserreservoir der Erde, um gleich wieder in einem Gebirge zu verschwinden. Steil geht´s bergauf, über loses Geröll und durch tiefe Sandpassagen. Wir kommen nur im Schrittempo voran und müssen oft zu zweit die Motorräder über Steine und Felsbrocken schieben oder sogar heben. Trotz der kühlen Bergluft schwitzen wir wie in einer Sauna, und vor lauter Anstrengung können wir uns bergab kaum noch auf den Enduros halten. Ob unser Vorhaben wirklich so ein guter Plan war? Aber zum Umkehren ist es längst zu spät. Denn das hieße, die gleiche Strecke zurückzufahren. Unmöglich. Nach drei weiteren Tage erreichen wir Ust-Kut. Endlich wieder Zivilisation, endlich wieder Asphalt unter den Rädern. Wir freuen uns wie Kinder, fühlen uns unendlich erleichtert.Die Fahrt über Bratsk und Tulun nach Irkutsk führt größtenteils durch landwirtschaftlich genutztes Land. Nichts Spektakuläres - bis auf die zahlreichen Lastzüge, deren Fahrer keine Rücksicht kennen. In Irkutsk treffen wir zu unserer Überraschung ein Paar aus Griechenland, das auf ihren Motorrädern in 80 Tagen die Welt umrunden will. Sie staunen über unsere gefahrene Strecke, von der sie nicht wußten, daß es sie gibt - und die für sie aus Zeitgründen auch nicht machbar wäre. Ihr Ziel in Sibirien heißt Wladiwostock. Dorthin gelangt man von hier nur per Transsibirischer Eisenbahn. Und während die beiden sich eilig auf den Weg zum Bahnhof in Tschita machen, bleiben Andy und ich ein paar Tage in Ulan Ude - froh, daß wir keinem Rekord nacheilen müssen, sondern Zeit zum Entdecken haben.

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