Silvretta-Hochalpenstrasse (Archivversion) Zur Kasse, Schätzchen

Einmal Silvretta-Hochalpenstraße kostet zehnzwanzig. Viel Kohle für ein 22 Kilometer langes Bergsträßchen. Aber es heißt, dass diese Strecke jeden Cent wert sei. Ich wollt’s endlich wissen.

Stockfinstere Nacht, als ich bei Pians auf die Ostrampe der Silvretta-Hochalpenstraße abbiege. Habe mich mal wieder böse verschätzt. Schuld daran sind – wie eigentlich immer – diese gewinkelten Strecken. Ab Sonthofen übers Oberjoch, dann der zugegeben unnötige Abstecher aufs Hantenn-Joch. Eins plus, dieser Pass am Rand der Alpen. Steckt in Sachen Fahrspaß so manchen hochalpinen Konkurrenten in die Tasche. Wieder runter, weiter durchs liebliche Lechtal, bei Warth links ab, Flexen- und Arlbergpass. Alles völlig nach meinem Geschmack. Leider hängt jetzt mein Magen irgendwo tief unterm Asphalt, der von nun an wieder bergan führt. Wie gesagt – stockdunkel ist’s inzwischen. Meine Hoffnung auf einen Teller Nudeln schwinden. Aber meine Vorfreude steigt ins Unermessliche. Morgen, Kinder, wird’s was geben.Seit zig Jahren stürme ich durch die Alpen, ohne bisher die Silvretta-Hochalpenstraße unter die Räder genommen zu haben. Ein Asphaltband der Superlative heißt es in Reiseführern und -berichten. Ein Traum für Motorradfahrer, hochgelobt bis zum Anschlag. Drei Sterne im Denzel, die höchste Auszeichnung in der Alpenbibel schlechthin, klassifizieren diesen Weg als »landschaftlich außergewöhnlich schöne, hochalpine Strecke«. Keine Ahnung, wie ich mir dieses Schmankerl bis jetzt entgehen lassen konnte.Zu meiner Überraschung ist ein ziemlich spätes Abendessen kein Problem. In See – der erste von mehreren Wintersportorten entlang der Silvretta-Hochalpenstraße – empfehlen sich nicht wenige Häuser unübersehbar als ausgesprochen motorradfahrerfreundlich. Ich staune jedes Mal aufs Neue, wie man sich seit einigen Jahren besonders im Alpenraum um unsere Spezies, hier meistens als »Biker« tituliert, bemüht, um die Hütte auch sommers voll zu haben. Gelockt wird mit Garage, Trockenraum, Werkstatt, Streckentipps vom Wirt und Schnitzel mit Pommes als »Bikerteller« und – logo – einem »deftigen Bikerfrühstück« am »Bikerstammtisch«. Wo haben wir eigentlich früher geschlafen? Und was ist, wenn man nicht »Biker« genannt werden möchte? Freitagmorgen. Raus auf die Strecke, bevor gegen Mittag die Reisebusse den Berg raufschleichen. Kappl, Ischgl und Galtür fliegen vorbei – ich will nur noch hoch in die Berge. Und werde jäh gebremst. Von einer Schranke. Logo, hier ist die Maut für die Silvretta-Hoch-alpenstraße fällig. Zehnzwanzig für die einmalige Befahrung – macht bei einem 22 Kilometer langen Sträßchen also rund 46 Cent pro Kilometer. Warum so viel? Die Straße sei Eigentum der Illwerke/VKW, und das Geld würde man benötigen, um diesen Versorgungsweg zu den Stauseen und Kraftwerken für die Stromerzeugung in Schuss zu halten. Also gut. Zahlen und sich nicht die Laune verderben lassen. Bei so viel Kohle steigt meine ohnehin hohe Erwartungshaltung ins Unermessliche. Gleich hinterm Kassenhäuschen biege ich rechts auf den kleinen Weg ab, der zum Kops-Stausee führt. Entspannt geht´s durch grüne Bergwiesen bis zum Rand der Staumauer. Nett, aber nicht besonders spektakulär. Ich wende und bin schon wieder unterwegs in Richtung Bielerhöhe, 2032 Meter hoch gelegen und damit Höhepunkt der Silvretta-Tour.Die Hauptroute führt durch ein weites Tal allmählich bergauf. Aber zu meiner Überraschung bleibt der Fahrspaß auf der Strecke: Die Ostrampe strebt praktisch kurven- und kehrenfrei himmelwärts. Und mehr als Tempo 60 ist nirgends erlaubt. Da hat selbst meine schwäbische Hausstrecke mehr Kick. Wie zur Erlösung auf den letzten Metern zur Bielerhöhe doch noch zwei Serpentinen. Die vermisste Schräglage zaubert sofort ein Lächeln ins Gesicht. Und der Blick auf den türkisgrün schimmernden Silvretta-Stausee ist auch nicht ohne. Dahinter reihen sich Piz Buin, Fluchthorn und andere markante 3000er. Ein klassisches Bergpanorama, an dem man wahrlich nicht so ohne weiteres vorbeifahren kann.Eine Apfelschorle später treibe ich die Rockster wieder bergab. Und endlich – ENDLICH – kommt Schwung in die Sache. Richtig Schwung. Eine Hand voll enge Kurven bis zum Vermunt-Stausee, dann freier Fall. Zumindest sieht’s von oben betrachtet so aus: 25 Kehren, die sich den ziemlich steilen Hang hinunterwinden. Ein wahres Kunstwerk in Sachen Straßenbau. Kompliment. Und was ist mit dem Tempolimit? So, wie alle anderen über die Kuppen fliegen, scheint man das nicht allzu erst zu nehmen. Trotzdem, irgendwie habe ich mir das mit der Silvretta-Hochalpenstraße anders vorgestellt. Ganz anders. Vielleicht freue ich mich deshalb insgeheim schon so auf meine nächste Etappe: eine Runde über eine Auswahl aus der Oberliga der Bergstraßen: Susten-, Grimsel-, Furka- und Nufenen-pass. Kurven satt und garantiert mautfrei. Mehr dazu demnächst in MOTORRAD.

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