Simbabwe––––– (Archivversion) Donner, der raucht–––––

Neben adrenalinfördernden Aktivitäten, wie dem welthöchsten Bungy-Jump und der gefährlichsten, kommerziellen Wildwasserfahrt der Welt bietet Simbabwe abenteuerlustigen Motorradfahrern vor allem eines: Afrika pur.

Wer die südafrikanische Grenze bei Messina überquert und bis zu diesem Zeitpunkt geglaubt hat, sich bereits in Afrika zu befinden, wird sofort eines besseren belehrt. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Dutzende von kugelschreiberbewaffneten Schwarzen stürzen sich auf Elke und mich, reissen uns fast von den Motorrädern. Jeder möchte gerne die angeblich äußerst schwierigen Einreiseformalitäten erledigen. Aus dem ersten Stock brüllt ein dicker, uniformierter Zöllner, daß wir nicht auf die Typen hören sollen. Zu spät. Unsere Pässe und Fahrzeugpapiere werden bereits mit phantasievollen Ergänzungen in diverse Formulare übertragen.Während Elke bei den Maschinen bleibt, reihe ich mich in die lange Warteschlange vor dem Schalter ein. Ja, Simbabwe ist tatsächlich Afrika. Hier wird nach gutem alten Brauch gestempelt, was das Zeug hält. Nur bei mir verharrt der alles entscheidende Einreisevermerk wenige Millimeter über dem Formular. Die eifrigen Helfer haben einen Zettel zu viel ausgefüllt: Verheiratete benötigen nur ein Immigrationsformular. Also nochmal. Diesmal fülle ich alles selbst aus. Zurück in die Warteschlange. Es klappt tatsächlich. Nachdem Zoll und Versicherungsagentur ihre Stempel auf die diversen Papiere gehämmert haben und alle Helfer von ihren astronomischen Forderungen auf angemessene Trinkgelder heruntergehandelt worden sind, kann es losgehen.Freilaufendes Viehzeug verhindert ein allzu schnelles Vorwärtskommen, obwohl die Straße, wie fast alle im Land, hervorragend asphaltiert ist. Auch die gewaltige Hitze bremst uns ab. Speergerade zieht sich die Straße durch lichten Trockenwald. Abgemagerte Rinder stehen im spärlichen Schatten der Bäume. Immer wieder trotten Esel und Ziegen in stoischem Gleichmut über den heißen, flimmernden Asphalt. Dazwischen queren Paviane in einem Affentempo die Fahrbahn.Der nächste Anblick ist so unglaublich, daß wir ihn zunächst für eine Luftspiegelung halten: Drei Schwarze in selbstgebauten Rollstühlen stehen mitten im Weg, zwei andere winken davor und dahinter mit grossen Fahnen. Wir halten an, stecken ein paar Münzen in die zu Spendenbüchsen umfunktionierten Bierdosen. In Bulawayo, der trostlos wirkenden, ersten größeren Stadt auf der Strecke, fragt mich ein obdachloser Schwarzer, ob er die BMW für eine Weile ausleihen könnte, er wäre schon länger nicht mehr gefahren.Etwas außerhalb der Stadt kommt dann wieder Motorrad-Fahrfreude auf. Durch den 24 Stunden geöffneten Matopo National Park führt eine kurvenreiche Strecke zum World View. Mächtige, in der Nachmittagssonne rosa leuchtende Granitblöcke beherrschen das Hochplateau. Den berühmt-berüchtigten Ndebele-Häuptling Mzilikazi erinnerten die runden Felsen an die kahlgeschorenen Köpfe - amaTobo - seiner Elitekrieger, und so erhielt die Gegend ihren Namen Matobo Hills. Am höchsten Punkt, wo die mächtigen, schwarzen Adler kreisen, liegen die sterblichen Überreste von Cecil Rhodes, dem Gründer Rhodesiens, wie Simbabwe bis zur Unabhängigkeit im Jahre 1980 hieß.Nach einem fast unwirklichen Sonnenuntergang müssen wir im Dunkeln auf der kleinen Straße zurück. Handtellergrosse Insekten fliegen auf unsere Scheinwerfer zu und zerplatzen laut knallend auf den Helmvisieren und Motorradjacken. Die Luft ist immer noch sehr warm. Aber eine wohlverdiente Erfrischung naht bereits.Mit aller Kraft klammere ich mich an dem Seil fest, kämpfe gegen die brutale Strömung an. Wasser schießt in Nase und Mund. Ich komme mir vor wie in einer gigantischen Klospülung. Das gekenterte Schlauchboot hängt in einer Stromschnelle fest. Was auch passiert, immer am Raft festhalten, haben die Guides ihren Fahrgästen beim morgendlichen Briefing eingebleut. Ich versuche mich daran zu halten, bis ich spüre, wie mir das gurgelnde, röhrende Wasser trotz angewinkelter Beine Shorts und Unterhose wegreisst. Als beides schliesslich an meinem rechten Knöchel hängt, lasse ich los. Lieber ersaufen, als ohne Hose ins Boot zurück. Ich schieße durch die Stromschnelle, schaffe es wieder in die Hosen zurück, nicht ohne ordentlich Sambesi-Wasser zu schlucken. Wenn das Sprichwort stimmt, daß jeder, der einmal das Wasser des Sambesi getrunken hat, zurückkehren wird, müßte ich mir an seinem Ufer sofort eine Blockhütte bauen.Während ich so Richtung Ufer kraule, fällt mir ein weiterer Hinweis der Boat People ein: Wer ins Wasser fällt, sollte auf keinen Fall Richtung Land schwimmen, da sich dort die berüchtigten Sambesi-Krokodile sonnen. Kaum ist mir der Gedanke gekommen, schneidet mir eines der wendigen Einmann-Kajaks den Weg ab. »Alles okay?« Die meist amerikanischen Wildwasser-Cracks begleiten die schwerfälligeren Gummi-Rafts, um bei Notfällen sofort einzugreifen. Bei schwereren Unfällen alarmieren sie per Funk einen Rettungshubschrauber, der Minuten später zur Stelle ist.Diesmal läuft alles glimpflich ab. Lediglich der Engländer, der zu unserer Mannschaft gehört, hat etwas weniger Glück. Unten ohne wird er zurück ins Boot gehievt. Mooning heisst das auf Englisch, und der Anblick erinnert tatsächlich etwas an einen aufgehenden Mond. Er beschwert sich bitterlich, daß die Damen nicht wegsehen, obwohl der Kälteschock nicht mehr viel zum Weggucken übrig gelassen hat. Thank God blieb mir diese Blöße erspart. In der letzten Stromschnelle des Tages bäumt sich das Gummiboot noch einmal auf, steht senkrecht im Wasser und überschlägt sich dann nach hinten. Ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist, habe das Gefühl schon unendlich lange unter Wasser zu sein. Die Hose hatte ich vorsichtshalber festgebunden, dafür verliere ich eine meiner Kontaktlinsen. Wahrscheinlich sieht jetzt eines der Sambesi-Crocs besonders scharf. Halbblind wanke ich den steilen Pfad aus dem Canyon nach oben. Aber andere hat es noch schlimmer erwischt. Viele hinken, einer hat gleich zwei blaue Augen, andere nur blaue Flecken. Dafür schmeckt das kühle, am oberen Canyonrand gereichte, einheimische Zambezi-Bier um so besser.Der Sambesi-Trip gilt zurecht als die gefährlichste, kommerzielle Wildwasserfahrt der Welt, degradiert somit vergleichbare Unternehmungen auf dem Colorado in den USA oder auf der Südinsel Neuseelands zu harmlosen Kaffeefahrten.Stromschnellen werden international auf einer Skala von eins bis sechs klassifiziert. Sechs gilt als nicht fahrbar. Bei Niedrigwasser gehören praktisch alle Sambesi Rapids zur Kategorie 5+. Und momentan führt der Fluß so wenig Wasser, wie in den letzten hundert Jahren nicht mehr.Die seit fast vier Jahren in Simbabwe herrschende Dürre hat auch die gewaltigen Victoria-Fälle, oberhalb des Wildwassers, deutlich reduziert. Sie begeistern trotzdem. Eine Wand von Wasser stürzt sich unter lautem Getöse 60 Meter tief in die enge Schlucht, Gischt weht in dichten Schleiern nach oben zum Canyon-Rand, wo sie einen kleinen Regenwald bewässert. Mosi oa tunya heissen die Fälle in der Sprache der hier lebenden Kololo: Donner, der raucht. Das saftige Grün steht in krassem Kontrast zu der sonnenverbrannten Savannenlandschaft in weiten Teilen Simbabwes. Im Hwange National Park können die Tiere nur noch mit aus der Tiefe gepumptem Wasser am Leben erhalten werden. Immer wieder zeugen Skelette von ihrem Kampf ums Überleben. Die wenigen Bäume sind von Elefanten entwurzelt und niedergetrampelt worden. Es gibt viel zu viele von ihnen in Simbabwe, da kein funktionierendes Wildmanagement existiert. Die ideale Elefantendichte liegt bei 0,3 Tieren pro Quadratkilometer wie im südafrikanischen Krüger Park, im Hwange National Park sind es 2.Das Umknicken von Bäumen gehört zu den natürlichen Verhaltensweisen der Elefanten. Sie tun es, um an die saftigen grünen Blätter ganz oben in den Kronen heranzukommen. Unter dem gefällten Baum bildet sich dann ein geschützter Lebensraum für andere, kleinere Tiere. Sobald jedoch die Wanderbewegungen der Elefantenherden durch zu viele Zäune und Häuser behindert wird, kommt es zur Überbevölkerung, das natürliche Gleichgewicht ist zerstört. So brutal es klingen mag, aber Zimbabwe müßte, um seine Parks zu erhalten mindestens 20 000 Elefanten loswerden. In anderen Teilen Afrikas sind die Rüsselträger dagegen fast ausgestorben. Für teure Übersiedlungen fehlt allerdings das Geld und das geeignete Personal.Bei der Rückfahrt von den Victoria-Fällen zu unserem Hotel überqueren zunächst Büffel und Warzenschweine die Straße und mitten im Ort selbst stoßen wir auf eine Elefantenherde, die gerade dabei ist einen Hotelzaun einzudrücken, um an das durch die regelmässige Bewässerung üppig gewachsene Grün im Ort heranzukommen. Laut krachend stürzen die akurat geschnittenen Bäume in den englischen Rasen. Dutzende von Touristen sammeln sich nur wenige Meter entfernt, um das Schauspiel mit ihren Ritschratsch-Kameras einzufangen. Sie ahnen nicht, daß sie sich in Lebensgefahr befinden. Jede Minute könnte eines der erregten Tiere angreifen. Zwei Stunden später ziehen sich die Elefanten zurück.Der 61jährige Tom Orford ist seit Jahrzehnten Ranger in Simbabwe. Von ihm erfahren wir eine ganze Menge interessanter Dinge. Mit seinem alten Land Cruiser holpern wir durch den Hwange National Park. Seine Geschichten würden ganze Bücher füllen. Die mit den Eseln gefällt uns am besten. Tom hat eine Zeitlang Esel-Safaris durch den Busch angeboten. Um ihnen die angeborene Angst vor Löwen zu nehmen, spielte er im Stall sechs Monate lang Löwengebrüll von einem Cassetten-Rekorder ab. Sättel und Gurtzeug schmierte er mit Löwenfett ein. Laut lachend erzählt er, wie sauer die Großkatzen waren, als ihre Angriffstechnik fehlschlug. Löwen jagen immer im Rudel. Ein einzelnes Männchen geht direkt und ganz offensichtlich auf das oder die potentiellen Opfer zu, während sich in der Zwischenzeit die drei bis vier Löwen-Damen in der vorausichtlichen Fluchtrichtung postieren. Der Löwe brüllt, die Opfer geraten augenblicklich in Panik und rennen direkt in die Pranken der lauernden Löwinnen. Doch für Toms hirngewaschene Esel war das Gebrüll Musik in den Ohren. Sie rührten sich nicht von der Stelle. Die Löwen zogen völlig verunsichert ab.Was man von den Pavianen im Hotelgarten nicht behaupten kann. Das Warnschild im Zimmer - »Fenster bitte immer geschlossen halten«- ist also ernst gemeint. Gerade als wir die Zimmertüre öffnen, zwängen sich zwei relativ grosse Affen durch die nur halbgeöffnete Scheibe und stürmen wie die Irren über Bett und Schränke. Paviane gelten als recht aggressiv, ihre messerscharfen Zähne sind berüchtigt. Wir schliessen deshalb die Türe von außen und lassen die Affen noch etwas toben. An der Rezeption fragt mich die nette Schwarze, ob ich Gelbsucht habe. Nachdem ich sie völlig entgeistert anstiere, entschuldigt sie sich. »Wissen Sie, ein Affe hat eine Schachtel Tabletten aus einem Zimmer geklaut und in einem anderen abgelegt. Und unser Hausarzt hat sie als Hepatitis-Mittel identifiziert. Jetzt frage ich alle Gäste, ob sie Gelbsucht haben«.Etwas außerhalb von Victoria Falls herrscht wieder Trockenheit und Hitze. Ausdauernde Endurofahrer können sich auf die nächste Etappe freuen. In Ufernähe des riesigen Kariba-Stausees zieht sich eine schwierige Sandpiste bis nach Kariba. Straßenfahrer und erholungssuchende Enduristen, wie wir, nehmen die kleine Dieselfähre, die morgens um acht Uhr in Mlibizi am Südrand des Sees ablegt. In den 50er Jahren, als er fertiggestellt war, lief kurz vor der Flutung eine der grössten Tier-Rettungsaktionen der Geschichte an. Bei der Aktion »Noah« evakuierten freiwillige Helfer über 5000 Tiere aus dem Überflutungsgebiet.22 Stunden lang tuckert das Boot über den See, das linke Ufer gehört zu Sambia, das rechte zu Simbabwe. Etwa 100 US-Dollar kostet die Überfahrt, Vollpension inklusive. Geschlafen wird in einem grossen Gemeinschaftsraum, in Sesseln, die am Abend, nach dem fantastischen Sonnenuntergang, in Betten umgebaut werden. Das sanfte Wiegen des Bootes und etliche Flaschen Zambezi beschleunigen die Einschlafphase.Das auf Meereshöhe gelegene Kariba selbst gilt als der heißeste Ort Simbabwes, was wir bereits morgens um sieben Uhr spüren, als wir mit den beiden Maschinen von der Fähre tuckern. Wir starten deshalb gleich durch, Richtung Osten, in die Hauptstadt Harare, die 1470 Meter hochliegt und ein erheblich angenehmeres Klima verspricht. Am Ortsausgang von Kariba steigen wir voll in die Bremsen. Ein Elefantenbulle bricht durch das Gebüsch und trabt direkt vor uns über die Strasse.Harare ist tatsächlich kühler, aber recht hektisch und so machen wir uns gleich Richtung Osten auf, in die ruhigeren Eastern Highlands, Simbabwes Biker-Paradies. Kurve reiht sich an Kurve. Der Asphalt ist griffig, die Luft kühl. Dazu die würzig riechenden von schroffen Felsen durchsetzten Nadelwälder und der alpine Eindruck ist perfekt. Zwei Tage zuvor haben wir die Hitze kaum mehr ausgehalten, jetzt knöpfen wir das wärmende Futter zurück in die Goretex-Jacken und freuen uns über das Kaminfeuer in der kleinen Lodge, mitten in den Bergen. Ein angenehmer Reise-Ausklang, denn so wird der beim Rückflug nach Deutschland zu erwartende Kälteschock etwas abgemildert.

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