Skijöring in Kössen (Archivversion) Eiseilige

Was sind das für Verrückte, die mit Crossern, Gespannen und Quads Skifahrer ums verschneite Oval ziehen? Und wie
funktioniert das überhaupt? Ein Einblick ins Skijöring im österreichischen Kössen, das zur Chiemgau-Meisterschaft zählt.

Der Schnee stiebt. Zweitakter-Sound erfüllt die Luft. Die 125er driften um die Kurve. Hinterräder schlingern, gerade eben noch auf Kurs gehalten von Skifahrern. Die stehen auf ihren Brettl-Kanten und ziehen mit voller Kraft an Seilen, die an den Motorradrahmen befestigt sind. Doch die 14 Meter breite Bahn wird manchem zu eng. Und sein Kurvenradius immer größer, bis der Lenker an der hoch-
getürmten Mauer aus Schnee streift. Glück und Können verhindern den Fall. Die Zuschauer jubeln.
Ganz vorn düst Runde um Runde völlig unspektakulär der 14-jährige Simon Besele auf seiner serienmäßigen Yamaha YZ 125 ums 350 Meter lange Oval, am Seil seine 16-jährige Schwester Bianka. Ein eingespieltes Team, das sich über den Sieg in der 125er-Klasse für Jugendliche riesig freut. Die zwei grinsen wie Schneekönige.
»Skijöring ist Training. Die meisten schalten vor der Kurve einen Gang zurück, damit das Hinterrad gleichmäßig durchdreht. Der Skifahrer steuert den Drift, und am Kurvenausgang lässt er nach, dass der Motorradfahrer wieder geradeaus fährt«, erklärt Christian Enenkel, der den Lauf in Kössen organisiert und mit einem selbst gebastelten Wasp-Gespann mit 250er-Motor teilnimmt. »Ich fahre aus Gaudi.«
Wer als Motorradpilot ganz vorn mit-
mischen will, braucht viel Gefühl in der rechten Hand. Bei den Skifahrern in den Soloklassen kommt es auf Kondition und Kraft an. Im österreichischen O-Ton: »Die meisten sind schon beieinand. Sonst bist auch kein bayrisches Mannsbild net, wenn du net beieinand bist«, so Enenkel. Tatsächlich finden sich unter den 130 Piloten, Copiloten und Skifahrern in Kössen nur zwei Frauen. Dafür hat Bianka Besele eine Erklärung: »Die meisten haben halt irgend-
wie Angst.« Nicht völlig unberechtigt. »Ges-
tern habe ich einen Vorderreifen an die Füße gekriegt. Das gibt blaue Flecken. Das kann ich versprechen«, sagt sie und lacht.
In Kössen wird zwar ein Lauf wegen
einer Massenkarambolage in der ersten Kurve abgebrochen, und einige Ski-Akrobaten stürzen kopfüber auf die Bahn. Aber Verletzungen bleiben aus. »Es geschieht selten was. Vielleicht mal ein Armbruch«, meint Enenkel.
Beim Kössener Skijöring gibt es acht Klassen, darunter Motorräder bis 125, 250 und über 250 cm3 plus Gespann-, Veteranen- und Quadläufe. Die Ergebnisse zählen zur Chiemgau-Meisterschaft. Die Gewin-
ner der Chiemgau-Meisterschaft wiederum kämpfen mit den Siegern aus Zugspitzkreis und Bayerwald um die Bayerische Meisterschaft. Enenkel: »Das ist das höchste, was du erreichen kannst.«
Eines der erfolgreichsten Teams der letzten Jahre sind Markus Wanka und
Stefan Höllbacher, die auch in Kössen
die 250er- und 500er-Klasse beherrschen und beim »Race of the Champs«-Lauf für die Finalsieger aller Klassen siegen. Ihr Geheimnis: »Das Duo muss passen. Wir sind beide gleich wichtig. Ich bin früher Cross gefahren und der Stefan Skirennen«, erklärt Wanka. »Und wenn du schnell sein willst: Gefühl, eine saubere Linie, den Rhythmus finden – und locker bleiben.«
Dass viel Leistung auf der rutschigen Piste eher hinderlich ist, beweist Thomas Rieder, der die Veteranenklasse souverän mit einer zehn PS starken DKW 175 anführt: »Zweiter Gang und Vollgas. Das langt zum Überrunden. Ich fahre auch noch
mit einer 480er-Honda, Baujahr 1982. Aber bei diesen eisigen Verhältnissen ist die
zu giftig.« Die durchdrehenden Hinterräder
lassen den Schnee schmelzen. Das Wasser gefriert zu Eis, das bei jeder Runde blanker poliert wirkt. Die Metallkanten der Ski kratzen über die glatte Oberfläche, und die Geschwindigkeit sinkt.
»Wir fahren so 40 in den Kurven und auf der Geraden so 60 oder 70«, schätzt Werner Haggenmiller, der seit 18 Jahren ein Zabel-Gespann hat. Sauber steht der auf 980 cm3 aufgebohrte und mit einer Kurbelwelle mit mehr Hub versehene ehemalige Yamaha XS 650-Motor da. »Wenn sie geht, geht sie gut. Doch voriges Jahr ist uns ein Pleuel gerissen. Das ist ein Mordsaufwand, neue Teile zu bekommen.«
Seit fast 20 Jahren bewegt Alfred Spiegelsberger beim Skijöring Zweitakt-Gespanne. »Wir fahren schon in der sechsten Saison zusammen. Das passt wunderbar. Wir ergänzen uns auch von den Ideen, wie man noch schneller werden kann«, meint Spiegelsberger. »Am MTH-Motor machen wir nichts. Der hat 75 PS. Aber wir ändern die Fahrwerkseinstellung und die Neigung des Beiwagenrads.«
Alle fahren mit extrem wenig Luftdruck in den Gummis. Zwischen 0,2 und 0,6 bar wegen der größeren Aufstandsfläche. Zusätzlich schnitzt fast jeder an seinen Cross-Reifen mit weicher Gummimischung: »Wir schneiden mit einem heißen Eisendraht Rillen ins Profil. Jede Kante bringt Grip«, sagt Spiegelsberger. Beim Vorderrad längs für den seitlichen Halt und beim Hinterrad quer, damit es nach vorn schiebt. »Manche schwören auch auf die Lamellentechnik«, ergänzt Enenkel.
Trotz der Vorbereitung rechnet sich Spiegelsberger wenig Chancen aus: »Mit dem Zweitakter wird’s auf der eisigen Bahn vom Drehmomentverlauf her kritisch. In Ruhpolding war’s griffig. Da waren wir die Chefs im Ring.« Obwohl er nicht dran glauben mag, gewinnt Spiegelsberger gegen die viertaktende Konkurrenz. Beifahrer Konrad Loider drückt seine Freude nach dem Zieleinlauf durch ein Schulterklopfen aus, dass einem Elefanten das Genick hätte brechen können. »Mir san die Grimmgsten«, lacht Loider befreit. Und Skifahrer Franz Gasteiger ist völlig aus dem Häuschen: »Und mir san alle ledig«, kräht er und hält sich den Bauch vor Lachen.
»Da musst halt einen Verrückten finden, der so was macht«, sagt Enenkel, der zusammen mit anderen für die Genehmigung sorgt, die Piste präpariert, Plakate aufhängt, die Veranstaltung kommentiert. »Meine Frau sagt, du musst einen schönen Vogel haben. Doch das macht Spaß. Wir sind ein bisschen wie eine Familie.«
Zur lockeren Atmosphäre tragen auch die Sportler bei: »Natürlich wollen wir gewinnen. Aber es geht ebenso um den
Zusammenhalt im Fahrerlager. Alle kennen sich hier«, sagt Markus Wanka. »Außer-dem kann man mitten im Winter Motor-
rad fahren. Das ist einfach eine Gaudi.«
Infos im Internet: www.skijoering.de.

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