Slowenien (Archivversion) Die Entdeckung der dritten Dimension

Berge und Strände, Tradition und Moderne, karge Karstlandschaften und dschungelgrüne Vegetation: Das Land zwischen Alpen und Adria bietet Kontraste – und zudem wesentlich mehr Volumen, als der Blick auf die Landkarte zunächst offenbart.

Slowenien«, so steht im Reiseteil
einer überregionalen Tageszeitung zu lesen, »ist nicht mal so groß wie Hessen, und auch aus den
entlegensten Winkeln lässt sich in rund zwei Stunden Meer oder hochalpines
Terrain erreichen.« Klingt ideal für letzte Urlaubstage und die BMW ist schnell
gesattelt. Brenner, Pustertal, Gailtal,
Nassfeldpass, Tarvisio, bereits die Anreise
bietet Bestes. An der slowenischen
Grenze bei Ratece weht die im Mai 2004 gehisste EU-Flagge, und das deutsche Nummernschild reicht für formloses Durchwinken. Es ist kurz nach vier, so müsste nach obiger Einschätzung also noch genügend Zeit sein, weite Teile
des Ministaates zu erkunden.
Über Kranjska Gora ist im Handum-drehen Bled erreicht, ein von Bergen
umrahmtes Postkartenstädtchen samt gleichnamigem See. Touristen flanieren über kunstvoll angelegte Holzstege,
Kinder planschen am Ufer, Ruderboote cruisen zu einem bewaldeten Inselchen mit Kirche – dem einzigen Eiland Sloweniens. Auf dem Weg zur mittelalterlichen Burg kommt das Bleder Touristenbähnchen entgegen, bemalt mit Werbebotschaften von Porsche Leasing und der Hypo Alpe-Adria-Bank. Die Wirtschaft
des jungen EU-Mitgliedsstaates boomt. Hoch über dem Bleder See thront die
Bled School of Management, das
European Leadership Centre und ein
65 Hektar großer Golfplatz, auf dem das angehende Top-Management sein
Handicap verbessern kann.
Nach einem Streifzug durch die Burg Bled mit umwerfendem Panoramablick auf Julische Alpen und Karawanken schraube ich mich über die 905 nach Süden hin in die Berge. Die Fichtenwälder werden mit jedem Gasstoß dichter, die Kurven enger, der Verkehr flaut ab, bis in Richtung
Bohinjska Bistrica schließlich kaum noch ein Fahrzeug unterwegs ist. Dafür trabt
ein Reh über die Straße, und ein Eich-hörnchen hangelt sich am Fahrbahnrand
von Ast zu Ast. Dann endet plötzlich der Asphalt, und ich holpere mit der BMW durch die Einsamkeit der Wälder. Nach
einer Weile lichtet sich das Dickicht, und ein winziger Weiler taucht auf: Goriuše.
Ein paar Häuser, Scheunen und eine
Gartenwirtschaft am Ortseingang. Auf den Feldern und Streuobstwiesen rundum
werden die Kartoffel noch in Handarbeit geerntet, das Gras mit vorsintflutlichen Balkenmähern gemäht und Wasser am
alten Ziehbrunnen geholt. Keine Werbeplakate, kein Golfplatz, kein internationales Nachwuchs-Management. Unbeeindruckt vom EU-Beitritt Sloweniens scheinen die Zeiger der Uhren in dieser Region schon länger nicht mehr vorgerückt.
Nun wieder asphaltiert, führt die
905 weiter nach Bohinjska Bistrica.
Blumengeschmückte Bauernhäuser und bunte Bauerngärten säumen die Straße, und am Horizont tauchen die gezackten Konturen der Julischen Alpen auf. Ich
halte, der Beschilderung Bohinjsko Jezero folgend, direkt auf die Kalkklötze zu und gelange zu einem blau-grün glitzernden See, der sich wie mit Aquarellfarben gemalt hinter dem Ort Ribcev Laz in die Berglandschaft schmiegt. Die pittoresken Heuharfen (kozolci) träumen noch auf den Wiesen, ergänzt von ein paar hübschen Restaurants, Straßencafés, Pensionen
und dem einen oder anderen Touristenbus. Das quirlige Geschäft mit dem
Fremdenverkehr hat hier offensichtlich
die traditonelle Landwirtschaft schon
fast verdrängt.
Zwei Ecken weiter, am Bohinjsko-
Sedlo-Pass, lotst mich ein schmales Asphaltband in die Bergeinsamkeit zurück. Die Straße klettert durch dichte Wälder umständlich nach oben und wickelt sich dann Gebirgsetage für Gebirgsetage wieder in Richtung Baca-Tal hinunter. Was
auf der Landkarte mit wenigen Daumenbreiten abzumessen war, zieht sich in Wirklichkeit in endlosen Kapriolen dahin. Als ich in Podbrdo mal beiläufig auf die Uhr gucke, ist es halb acht. Und bis zu meinem Ziel in Radovljica sind es noch
ein paar Kilometer. Ich rausche über die 403 gen Osten, schwenke in Zelezniki auf die vermeintlich kurze Route über Kropa und gerate bei Anbruch der Dunkelheit auf ein kaum autobreites Sträßchen, das sich in engen Schleifen über einen gewaltigen Gebirgsriegel schwingt. Ich schwinge mit, bis sich die Lichter im Tal aus der Vogelperspektive präsentieren, tauche erneut ab in die Wälder und laufe erst kurz nach 21 Uhr in der Sport Penzion in Radovljica ein. Die Wirtin schmiert netterweise noch ein paar Brote, der Wirt spendiert selbst gebrannten Birnenschnaps, dann stoßen
wir an: auf dieses Land, kleiner als Hessen, in dem man auch aus dem entlegensten Winkel in rund zwei Stunden das
Meer oder die Alpen erreichen kann.
Tags darauf geht es über Begunje und Trizic an der Südflanke der Karawanken entlang und dann kurzentschlossen nach Süden auf die Autobahn. Rund eine
Million Transitreisende bretterten im vergangenen Jahr über die A 2 nach Kroatien, hinzu gesellten sich Geschäftsreisende, Lastwagen und wohl auch die Reporter meiner Tageszeitung, die das Land in wenigen Stunden durchmaßen. An Kranj vorbei führt die Strecke zügig nach Ljubljana, wo mit A 1 und A 2 die beiden Verkehrsachsen Sloweniens aufeinandertreffen, sich ringförmig miteinander verknoten und wie eine Halskrause um die 280000 Einwohner zählende Hauptstadt ziehen. Vier-
bis fünfspurige Schnellstraßen führen an Autohäusern, Einkaufszentren, Industriezonen und Baumärkten vorbei ins Zentrum, ringsum zeugen Baukräne von und Presslufthämmer von Aktivitäten in Hoch- und Tiefbau. Aufbruchstimmung des
jungen EU-Mitglieds auch hier.
Als ich die BMW am Rand der Altstadt parke, klingt der Trubel schlagartig ab, verkehrsberuhigte Gassen führen an sorgfältig restaurierten Jugendstil-, Renaissance- und Barockbauten vorbei ins Zentrum. Wo sich die Sehenswürdigkeiten dicht an dicht reihen: Stadtmarkt, Alter Markt,
Oberer Markt, das weidengesäumte Ufer der Ljubljanica, eine Burganlage mit
Aussichtsturm sowie todschicke Einkaufspassagen. Ich flaniere an Kaffeehäusern vorbei, betrachte die neue Handy-Kollektion bei Vodafone, die kunstfertig auf-
getürmten Frisuren im »Frizerski Studio Wella« und die brandaktuellen Sport-
schuhe im Puma-Shop, während gleich um die Ecke wettergegerbte Bäuerinnen Gemüse sowie handgeflochtene Körbchen mit Pilzen, Hagebutten und Kräutern
feilbieten. Ausgerüstet mit der nötigen Wegzehrung fädle ich mich auf der BMW durch das Gestrüpp von Schnellstraßen aus der Stadt hinaus in Richtung Soca-Tal.
Mal schluchtartig eng, mal mit weitem Blick übers Gebirge kurve ich an der karibisch grünen Soca entlang durch eines der schönsten Täler der östlichen Alpen nach Bovec. Der Weg zum 1611 Meter hohen Vršic-Pass führt an dschungelgrünen Bergen und steil emporragenden Felswänden vorbei, zwischen denen Kajakfahrer johlend über die Stromschnellen der Soca flitzen. Das Schild »Vršic offen« fliegt im Augenwinkel vorbei, dann falle ich in die erste von 26 Kehren, die sich in herrlichen Bögen zur Passhöhe aufschwingen. Die Julischen Alpen rücken näher, bauen
ihre wuchtigen Flanken vor mir auf, recken
die zackigen Gipfel in den Himmel, als wollten sie demonstrieren, dass sie die hessischen Berge um ein Vielfaches überragen. Tatsächlich ist der Triglav, mit
2864 Metern Sloweniens Prior, rund dreimal so hoch wie die Wasserkuppe in der Rhön, was in etwa dem Größenverhältnis Zugspitze–Mount Everest entspricht.
In Kranjska Gora, das ich 24 abenteuerlich gepflasterte Abwärtskehren später erreiche, werfe ich einen Blick auf die
Karte und entscheide, mit einem Schlenker über Italien und den Predilpass den Weg zum 2678 Meter hohen Mangart abzukürzen. Da es seit dem EU-Beitritt
kaum noch Wartezeiten an der Grenze gibt, kann ich direkt auf die spektakulär gewundene Mangart-Stichstraße einbiegen. Dramatische Ausblicke, Felsentunnel, cruising über dem Abgrund. Am Ende
des mautpflichtigen Sträßchens liegt der knapp 2100 Meter hohe Mangart-Sattel mit prachtvoller Aussicht über das Gipfel-
meer der Julischen Alpen. Dank der
Brotzeit im Tankrucksack beschließe ich, künftige Abendessen im Hotel nun
endgültig zu streichen.
Berge oder Meer lauteten die Alter-
nativen in dem Zeitungsartikel, Letzteres gilt es noch zu erkunden. Auf der A 1
verschwinden die Zweitausender bald im Rückspiegel, stattdessen dominiert nun das zerklüftete Hochplateau des slowenischen Karstes, und ein warmer Hauch
des Südens weht. Plötzlich, hinter Kozina, wickelt sich die Fahrbahn in Serpentinen zur Adria hinab und gewährt einen fulminanten Blick über drei Länder. Links Kroatien mit rund 1800 Kilometer Küstenlinie, rechts Italien mit satten 7600 Kilometern, dazwischen Slowenien mit 46 Kilometer Meeres-Anrainerschaft. Beim Näherkommen staune ich, was man auf so kleiner Fläche alles unterbringen kann: vierspurige Schnellstraßen samt Über- und Unterführungen, Fabrikgebäude, Supertanker, Fährschiffe, Grand Hotels, Kasinos,
Dattelpalmen, Lacoste-Shop, dm-Markt und Souvenirläden mit Popart-Postern
von Jesus, Elvis, Che Guevara und Tito.
Die herrliche Altstadt von Piran, in
die ich während meines übereilten Rückzugs strudle, wirkt im Vergleich wie eine Oase. Mit idyllischem Hafen, verwinkelten Gassen, blumengeschmückten Plätzen,
und venezianischen Löwenköpfen an den Häusern. Ein Wortschwall, bestehend aus »mamma mia« und »dio mio« dringt aus
einem Fenster – an der slowenischen
Adriaküste, die übrigens Teil der Halbinsel Istrien ist, herrscht Zweisprachigkeit. Die Verdijeva Ulica wird auch Via Giuseppe Verdi bezeichnet, die Njoki im Resta-
vracija/Ristorante Verdi auch Gnocchi, die
Špageti auch Spaghetti. Ich ergattere
einen freien Tisch mit Blick aufs Meer und genieße das süße Leben in bella Slovènia. Ein Abstecher zum italienischen Nachbarn ist gar nicht nötig.
Rund 280 kurvige Kilometer weiter – Sneznik-Gebirge und Krka-Tal liegen hinter mir – blicke ich durch mondäne Springbrunnenfontänen auf habsburggelbe Stuckvillen und Grandhotels und wähne mich im benachbarten Österreich. Slowenien scheint eine Art Europa en miniature zu sein. So kurte in Rogaška Slatina einst die Habsburger Doppelmonarchie, die
Familie Bonaparte und die Herren und
Damen von Thurn und Taxis. Heute lassen sich im Spiegelsaal des Grandhotel
Rogaška lediglich die Laptop-bewehrten Vertreter der internationalen Geschäfts-welt erspähen, die sich Moët zu 62,50 Euro und Zigarren Marke »La Libertat«
à 4,60 Euro zu Gemüte führen.
Nach Norden hin tauche ich mit der BMW wieder in die Einsamkeit der Berge ab. Die ersten Reben der Weinbauregion Haloze tauchen auf, ein verstecktes Dörfchen hier, ein klapperndes Windrad dort, dazwischen kaum handtuchbreite Straßen, die auf der Landkarte nur mühsam aus-
zumachen sind. Ptuj, Sloweniens älteste Stadt, empfängt mit einer denk-malgeschützten Altstadt am Ufer der Drava,
deren Bürgerhäuser und altertümliche Werbeschilder noch von der einstigen wirtschaftlichen Blüte zeugen. Das nahe gelegene Maribor dehnt sich, die historischen Stadtgrenzen sprengend, hinge-
gen nach allen Seiten aus. Schnellstraßen
katapultieren mich an den verglasten
Kuppeln des Europark Centers und Obi-
Baumax-x vorbei.
Nach dem Werbeplakat »H & M –
jetzt auch in Maribor!« liegt der Stadttru-bel hinter mir, und die Straße kurvt in
herrlichen Formationen durchs Drava-Tal. Ab Dravograd schlängle ich mich durch Karawanken und Sanntaler Alpen in Richtung Westen und werfe bei Gornji Grad
einen ungläubigen Blick auf die Uhr:
fast sieben. Ist es nun das Land, in dem
man in zwei Stunden Meer oder Gebirge erreichen kann oder nicht? Ich gebe
Gas und schwenke hinter Kamnik auf die
Autobahn. Um noch einmal mit meinen Wirstleuten in Radovljica auf Slowenien
an zustoßen.

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