So fotografieren die Motorrad-Profis (Archivversion)

Ritsch, ratsch, klick

Ohne Fotos geht nix - und druckreife MOTORRAD-Bilder sind kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis sorgfältiger Planung und oftmals stunden- oder tagelanger Arbeit. Eine Reportage über den Alltag der Test- und Reisefotografen sowie einige Tips, wie mit wenig Aufwand und Übung die Bilder fürs private Fotoalbum besser gelingen.

Hockenheimring. Zehn Uhr morgens. Während sich drei Testredakteure von MOTORRAD in der Boxengasse noch in ihre Lederkombis zwängen, verschwindet Markus Jahn mit zwei großen Fototaschen im Kofferraum in Richtung Sachskurve. Rund 30 Kilogramm wiegt die Ausrüstung des MOTORRAD-Fotografen, die eine Objektivpalette vom Ultra-Weitwinkel bis zum 500er Tele umfaßt - notwendiges Werkzeug für die Produktion einer MOTORRAD-Titelgeschichte, deren Gestaltung und Aufmachung am Tag zuvor mit dem Autor des Test und dem Grafik-Leiter besprochen wurde: Da bei diesem Vergleichstest von drei Motorrädern der Testsieger bereits ermittelt wurde, ist es die Aufgabe des Fotografen, das Resultat bildlich umzusetzen - soll heißen, bei einem Gruppenfoto in Schräglage den Testsieger knackscharf, die hinterher fahrenden Konkurrenten unscharf, aber dennoch erkennbar abzubilden. Für den Profi Jahn jedesmal eine neue Herausforderung.Nach einer Weile haben sich die Tester um Markus Jahn versammelt, der noch einmal erklärt, wo und in welcher Reihenfolge sie fahren sollen, bevor er sich mit seinem knapp vier Kilogramm schweren 500er Teleobjektiv in rund 20 Metern Entfernung vor der Sachskurve plaziert. Daß Jahn mit so schwerem Gerät arbeitet, ist kein selbstverordnetes Krafttraining, sondern hat damit zu tun, daß sich die Motorräder nur mit einer großen Brennweite so ablichten lassen, daß sie formatfüllend und ohne störende Hintergründe, die zusätzlich bewußt unscharf gehalten werden, zu sehen sind. Ferner können sich schnell fahrende Motorräder aus dem Stand nur mit sehr kurzen Belichtungszeiten wie mit einer 1/500 Sekunde oder kürzer gestochen scharf »einfrieren« lassen. Um dennoch die entsprechende Menge Licht auf die Filme zu bannen, müssen die Objektive extrem lichtstark sein, was sie groß, schwer und mit rund 14500 Mark Anschaffungspreis für ein 500er auch extrem teuer macht. Motorräder erschweren aufgrund der hohen Eigenvibration zusätzlich die Arbeit der Fotografen: Einen schüttelnden Einzylinder ohne Bewegungsunschärfe abzulichten, erfordert von vornherein kürzere Belichtungszeiten, da bei der vielfachen Vergrößerung des Dias für ein doppelseitiges Bild im Heft auch die geringste Unschärfe schonungslos zu sehen ist.Inzwischen pfeilt die Testcrew im Formationsflug um die Ecke. Jahn bleiben nur wenige Sekunden, um die Motorräder in der gewünschten Position zu erwischen - und er schießt gleich ein Dutzend Bilder. Die Testfotografen sind dabei wie ihre Kollegen aus dem Sportressort auf modernste Kameras mit ultraschnellem Autofokus und einem ebenso schnellen Filmtransport angewiesen. Da sich aber selbst die ausgeklügelsten Meßsysteme teurer Kameras zum Beispiel durch das helle Scheinwerferlicht oder die reflektierenden Verkleidungen der Motorräder irritieren lassen können, vertraut Jahn lieber den Angaben eines zusätzlichen Handbelichtungsmessers, um korrekt belichtete Aufnahmen zu erhalten. Trotzdem ist er nicht zufrieden und scheucht die Gruppe noch ein paar Mal durch die Sachskurve, bis er sich an anderen Standorten für neue Perspektiven entscheidet. Und immer wieder sind es Kleinigkeiten, die nicht ins Bild passen: Fliegen auf der Verkleidung, ein aus Versehen angestellter Blinker oder kein Licht, dann die halboffene Kombi eines Fahrers, dem es bei einer Pause einfach zu warm war. Irgendwann läßt bei allen eben die Konzentration nach. Es dauert Stunden, bis die vollständige Produktion sicher im Kasten ist. Meist noch zeitaufwendiger sind Aufnahmen auf der Landstraße, weil die anderen Verkehrsteilnehmer natürlich nicht im Bild zu sehen sein sollen.Jahn sowie die anderen Fotografen von MOTORRAD sind zudem ständig auf der Suche nach neuen »Blickwinkeln«. So sitzen sie schon mal verkehrt herum auf dem Soziussitz oder im Kofferraum eines Autos, um die im Zentimeterabstand folgenden Motorräder mit einem Weitwinkelobjektiv abzulichten - Bilder, die extrem dynamisch wirken, weil sie viel Tempo vermitteln. Dave Schahl, der in seinem Stuttgarter Foto-Studio fact regelmäßig auch die ausgefallensten Bildwünsche realisiert, ging bei einem aufwendigen Vergleichstest in Spanien schon mal mit einem Ultraleichtflieger in die Lüfte, um das Fahrerfeld von oben zu fotografieren.Gänzlich andere Anforderungen stellt die Arbeit an die Fotografen, die Reisereportagen für das Ressort UNTERWEGS produzieren. Zwar schleppen sie aus Platzgründen - im Unterschied zu den Test-Fotografen arbeiten sie vom Motorrad aus - deutlich weniger an Ausrüstung mit, doch der Aufwand, um ein druckreifes Bild zu erhalten, ist kaum geringer: Professionelle Reisefotos sind nicht das Nebenprodukt eines Erholungsurlaubs, sondern das Resultat stundenlanger Arbeit und minutiöser Planung. Während in der Testfotografie das Motorrad das Hauptmotiv ist, sind bei Reisebildern Land und Leute das zentrale Thema. Was von einem Fotografen Kenntnisse sowohl in Sachen Landschafts- und Architektur- als auch in Porträtfotografie verlangt. Zusätzlich muß er das Motorrad so in einem Bild plazieren, daß es dieses nicht dominiert, der Betrachter aber gleichwohl Lust bekommt, diese Region im Sattel eines Bikes zu bereisen - ein Schnappschuß von einem lieblos am Straßenrand geparkten Motorrad ist weder attraktiv noch spannend.Gute Reisebilder entstehen bereits vor der Reise - und zwar im Kopf der beteiligten Redakteure und der Fotografen. Mit Bildbänden, Reiseführern und Reisemagazinen sowie durch genaues Kartenstudium stimmen sie sich auf das Land und dessen geographischen Gegebenheiten ein und erfahren, wo es etwas zu sehen gibt und wie man dorthin kommt. Bei einer oft nur einwöchigen Produktionszeit für die Geschichte vor Ort darf man möglichst wenig dem Zufall überlassen, obwohl man unterwegs meist genügend Motive entdeckt, die sich allerdings nicht immer sofort fotografieren lassen: Anspruchsvolle Landschaftsaufnahmen entstehen wegen der besseren Lichtverhältnisse zu fast 100 Prozent am frühen Morgen oder am späten Nachmittag bis zum Sonnenuntergang - ein ausgiebiges Frühstück oder oppulente Abendessen fallen regelmäßig den Produktionszeiten zum Opfer.Der Spaß der Fotografen am Motorrad fahren bleibt unterwegs gerade in besonders attraktiven Regionen zwangsläufig auf der Strecke: Statt hingebungsvoll über einen Paß zu rauschen, müssen sie sich während der Fahrt ständig die Landschaft von verschiedenen Standpunkten aus durch den Sucher einer Kamera vorstellen. Und nicht selten streifen die UNTERWEGS-Fotografen in kompletter Motorradkleidung zu Fuß weit durchs Gelände oder liegen auf dem Bauch in einer Wiese, um ein Bild aus einer möglichst interessanten Perspektive zu bekommen. »Gute Landschaftsaufnahmen zeichen sich aber nicht nur durch ungewöhnliche Blickwinkel oder Aufnahmestandorte aus, sonders auch durch die Verwendung von extremen Brennweiten wie ein 20-Millimeter-Weitwinkelobjektiv oder ein 200er Tele. Ein 50-Millimeter-Standardobjektiv entsprich zwar am ehesten dem Blickwinkel des menschlichen Auges, ist aber deshalb die langweiligste Brennweite«, erklärt Detlef Motz von der Münchner Fotozeitschrift Color Foto.Einmal warmgeschossen, können die Reisefotografenunerbittlich sein. Gerhard Eisenschink, der in der Regel mit UNTERWEGS-Redakteurin Annette Johann Reisereportagen produziert (siehe auch Seite 72 bis 83), kennt keine Pausen, wenn die Lichtverhältnisse stimmen und scheucht seine Fotofahrerin gnadenlos von einem Standort zum nächsten. Aber die Resultate rechtfertigen diese Anstrengungen - obwohl Johann, von anderen MOTORRAD-Fotografen nur neuestes und teuerstes Equipment gewöhnt, während der ersten gemeinsamen Produktion sehr skeptisch war, was die antiquierte Fotoausrüstung Eisenschinks anging. Der routinierte Profi verläßt sich bei seiner Arbeit auf eine zehn Jahre alte Canon T 90 und eine noch ältere Canon F1. Die Gehäuse und Objektive ersteht er ausnahmslos im gebrauchten Zustand auf Fotobörsen. Und Autofokus? Schnickschnack.Im Gegensatz zu Eisenschink produzieren Josef Seitz und der Autor ihre Reportagen im Alleingang - sich selbst zu fotografieren ist bis zum fertigen Bild stets eine langwierige Aktion, da die Kamera am gewünschten Standpunkt zuerst immer auf einem Stativ aufgestellt werden muß. Während Eisenschink sein Model an die entsprechende Stelle dirigiert und im Sucher den endgültigen Bildaufbau sieht und beurteilt, kann man bei Soloproduktionen logischerweise nicht gleichzeitig vor und hinter der Kamera stehen. Bei Fahraufnahmen wird zuvor die gedachte Position des Motorrads zum Beispiel durch einen Stein am Straßenrand markiert, um schließlich von dort aus im entsprechenden Moment die Kamera per Fernsteuerung, die am Lenker montiert ist, zu bedienen. Um zudem verschiedene Einstellungen für eine möglichst große Bildauswahl vorzunehmen, müssen die Fotografen an jedem Standort entsprechend oft in kompletter Fahrkleidung zwischen Kamera und Motorrad hin und her laufen - besonders bei Hitze eine schweißtreibende Arbeit, die schon mal unter den amüsierten Blicken oder mehr oder weniger gut gemeinten Ratschlägen von Pasanten stattfindet.In Sachen Ausrüstung sind sich die vier Fotografen trotz unterschiedlicher Einsatzbereiche einig: Eine Kamera ist nur ein Werkzeug, und selbst die modernsten Gehäuse machen trotz aller Automatiken und Programme keine besseren Fotos - sie erleichtern in manchen Situationen allenfalls die Arbeit, aber nicht die Suche nach einem guten Motiv oder einer guten Bildidee. Die Ausrüstung sollte natürlich dem Zweck entsprechen: Objektive, wie sie der Test-Fotograf Markus Jahn verwendet, lohnen sich nur im professionellen Bereich, während sich bei einer Urlaubstour mit einem Gehäuse sowie einem Standard- und einem Telezoom (siehe Kasten) bereits anspruchsvoll fotografieren läßt. Hersteller oder Alter der Ausrüstung spielen dabei die geringste Rolle - der kreative Teil liegt nach wie vor in der Hand des Fotografen.
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Tips und Tricks (Archivversion)

Gute Bilder sind keine Hexerei - zumindest nicht, wenn man sich zum Beispiel vor einer Urlaubsreise ein paar Gedanken über die Ausrüstung macht. Eines gleich vorweg: Die kompakten Sucherkameras, die in unzähligen Varianten ab zirka 200 Mark angeboten werden, eignen sich zwar hervorragend für Schnappschüsse und Erinnerungsbilder, in Sachen Bildqualität und Bildgestaltung jedoch nur sehr bedingt für anspruchsvollere Fotografie. Wer gerne fotografiert, sollte sich deshalb überlegen, ob er sich nicht gleich eine einfache, aber gute Spiegelreflexkamera anschafft. Die Auswahl an Objektiven läßt keine Wünsche offen, und man kann auch manuell in die Belichtungsautomatik eingreifen, um zum Beispiel für eine interessantere Bildgestaltung bewußt den Schärfentiefenbereich zu steuern: große Blendenzahl (kleine Blendenöffnung) = viel Schärfentiefe; kleine Blendenzahl (große Blendenöffnung,) = sehr geringe Schärfentiefe. Beim Blick durch den Sucher läßt sich diese Arbeitsweise durch Drücken der Abblendtaste vor dem Auslösen kontrollieren.Die drei besten Modelle in der Basisklasse heißen laut der Zeitschrift Color Foto (Heft 12/1998) derzeit Nikon F 60 (575 Mark), Minolta 505si Super (650 Mark) und Canon EOS 500N (600 Mark). Ein wichtiges Kriterium bei der Wahl der Ausrüstung sind die begrenzten Unterbringungsmöglichkeiten auf dem Motorrad: Sie soll möglichst umfangreich sein - aber dennoch so klein wie möglich, um problemlos im Tankrucksack zu verschwinden. Denn das ist der beste Platz für eine stoßempfindliche Fotoausrüstung: Entweder in einer gepolsterten Fototasche, in einer selbstangefertigten und maßgeschneiderten Vorrichtung aus Schaumstoff (siehe Bild Seite 89) oder in einem Fotofach von Hein Gericke oder Detlev Louis, das für verschiedene Tankrucksäcke angeboten wird.In den meisten Fällen reichen ein Standard-Zoom zwischen 24 bis 80 Millimeter Brennweite sowie ein Telezoom von 80 bis 200 Millimeter. Wer zusätzlich ein extremes Weitwinkelobjektiv um 20 Millimeter einpackt, verfügt bereits über eine vielseitig nutzbare Ausrüstung. Fremdobjektive (Tokina, Sigma, Tamron) sind in der Regel günstiger als Originalobjektive - und garantieren trotzdem eine sehr hohe Bildqualität. Filme kauft man am besten vor der Reise, da sie in fast jedem Urlaubsland deutlich teurer sind. Dias oder Papierbilder? Geschmackssache: Dias liefern eine bessere Bildqualität - Papierbilder sind später leichter anzuschauen. Wichtig: Die Filme möglichst kühl tief untem im Koffer oder in der Gepäckrolle lagern, vor Feuchtigkeit, Staub oder direkter Sonneneinstrahlung schützen und wegen höherer Qualitätsmaßstäbe erst zu Hause entwickeln lassen. Besonders für die Landschaftsfotografie lohnt sich die Anschaffung eines Polarisationsfilters, das eine stärkere Farbsättigung garantiert und unerwünschte Reflexe eliminiert. Da dieses sehr dunkle Filterelement die Lichtstärke des Objektivs reduziert, sollte ein kleines Stativ zur Hand sein, um auch bei längeren Belichtungszeiten verwacklungsfreie Aufnahmen zu erhalten. Bei schwierigen Lichtsituationen (Gegenlicht, helle oder reflektierende Flächen) empfiehlt es sich, Belichtungsreihen (bewußtes Über- und Unterbelichten durch manuelle Blenden- und Zeitvorwahl) durchzuführen. Wer jetzt noch das gewünschte Motiv aus einer neuen oder ungewöhnlichen Perspektive fotografiert (sich einfach mal in die Hocke setzen oder ganz nah ans Objekt »rangehen« und bewußt auf Vorder- oder Hintergründe achten), erhält mit Sicherheit Aufnahmen, die den Erinnerungswert an einen Urlaub deutlich steigern.

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