Spanien (Archivversion) Auf unbekannten Wegen

Von der Quelle bis zur Mündung – eine Fahrt entlang des Ebro ist eine rund 1000 Kilometer lange Reise durch fünf spanische Provinzen, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.

Ruhig zieht ein Raubvogel seine Kreise über den kantabrischen Bergen. Von meiner Freewind blicke ich auf und sehe, wie er mit dem Aufwind spielt, hoch über dem kleinen Talkessel, in dem der Ebro entspringt.Nicht wirklich groß, doch viel zu groß für den kleinen Flecken Fontibre erscheint der leere Parkplatz oberhalb der Quelle. Da der Ebro – oder früher Ibre –seit der Römerzeit der Iberischen Halbinsel ihren Namen gibt, ist er nicht nur wegen seiner Länge von mehr als 900 Kilometern bedeutsam für Spanien. Die Stille wird jäh zerrissen vom streitsüchtigen Geschnatter einiger Enten, die einen kleinen Teich bevölkern, zu dem der Ebro unmittelbar nach seiner Geburt aufgestaut wird. Im langen Lauf des Flusses Richtung Mittelmeer wirkt dieses erste, aber bei weitem nicht letzte Staubecken mit seinem türkis leuchtenden Wasser, den Gräsern und Wasserpflanzen inmitten des Wäldchens beinahe wie der Teil eines englischen Landschaftsgartens.Direkt über der Stelle, wo die Quelle aus dem Felsen bricht, ist eine Nische in den Stein gehauen, in der eine von roten Ölleuchten umgebene Marienstatue steht. Flackernd reflektiert das vom Wind gekräuselte Wasser die letzten in den Talkessel dringenden Sonnenstrahlen auf die Stämme der Bäume. Der dadurch entstehende Effekt erinnert an psychedelische Projektionslampen der sechziger und siebziger Jahre.Klaus und ich folgen dem Ebro Richtung Reinosa, einer etwa fünf Kilometer östlich von Fontibre gelegenen kleinen Industriestadt. Durch die frühe Aufstauung frisst sich der Ebro bereits aus seinen ersten Kilometern als kräftiger Bach durch eine felsige Landschaft, die, wo immer sie es zulässt, zum Ackerbau genutzt wird. Als ich die Suzuki dicht ans flache Ufer fahre, winkt und ruft ein Bauer von der anderen Seite herüber. Er meint jedoch nicht mich, sondern das Vieh und seine Hunde diesseits des Ebro. Die Hunde kläffen mal mich, mal die ungehorsamen Kühe an. Aber erst einem Esel inmitten der Herde gelingt es durch einen Knuff in den Hintern der letzten Kuh, das Milchvieh durchs Wasser zu bewegen. Fungiert der Esel als Treiber? Oder will er nur seine Vorwitzigkeit vor einem fremden Enduristen demonstrieren? Jedenfalls animiert das graue Tier auch mich und meinen Eintopf, den Weg durch die Furt zu wagen.Dazu ist hier die letzte Gelegenheit, denn bei Reinosa gleißt im letzten Tageslicht der Embalse del Ebro, der mit rund 20 Kilometern Länge und bis zu fünf Kilometern Breite größte Ebro-Stausee. Der Embalse – spanisch für Stausee – unterstreicht die Funktion des Ebro als Wasserreservoir für Städte, Landwirtschaft und Industrie. Bedeutender Schifffahrtsweg wird er erst in seinem späteren Verlauf.Nach einem variantenreichen Frühstück in der schon warmen Morgensonne vor einer der Tapa-Bars Reinosas brechen wir am nächsten Morgen zur Erkundung des Ufers des Stausees auf. Noch im Ort lernen wir die Tücken spanischer Straßen kennen, die oftmals unschuldig-trocken erscheinen, um dann mit einem extrem glatten Belag die Zweiradfahrer ins Schleudern zu bringen. Wir können beide die Mopeds in einer Kurve gerade noch abfangen – ansonsten wären wir in die Auslage eines Hutgeschäfts eingeschlagen. Wir sind gewarnt.Zwischen Las Rozas und Renedo treckern wir auf und abseits von Feldwegen durch eine steinige Uferlandschaft, die inschwischen unter einer irrsinnigen Hitze leidet. Wir entdecken eine halb verfallene Kapelle direkt am Fluss, in deren offenen, gemauerten Turm noch die Glocken hängen – eine Szene wie im Italowestern-Klassiker »Spiel mir das Lied vom Tod«. Das laute Quaken eines fetten grünen Frosches, der auf einer Wasserpflanze in Ufernähe sitzt, bringt uns in die Wirklichkeit zurück.Einige Kilometer nach dem Ausfluss des Stroms aus dem Stausee bei Arroyo passieren wir bei Orbaneja del Castillo eine gigantische Burg mit bizarren Türmen, Bögen und Zinnen. So scheint es zumindest im Gegenlicht. In Wahrheit staunen wir über verspielte Felsformationen, die hoch über dem Fluss wie die Reste einer Wehranlage anmuten, während der Strom tief unten durch den Canyon rauscht.Schließlich erreichen wir das in den Bergen gelegene Dorf Pesquera de Ebro, das von einer hellen Sandsteinkirche dominiert wird. Hier beginnt eine wunderbare Strecke über diverse Passsträßchen, die in Richtung der kleinsten, wegen ihres Weines aber berühmten spanischen Provinz Rioja führen. Allmählich wird die Landschaft grüner. Ein wunderbarer Kontrast zu den letzten Kilometern. Von den Hügeln grüßen die bekannten riesigen Stierfiguren, die für Weinbrand werben. Als einziger Schandfleck erweist sich leider ein Atomkraftwerk, das am Ufer des Embalse de Sobrón vor Miranda liegt – und raubt dem Ebro seine Unberührtheit, der ab hier als nicht besonders sauber gilt. Kurz darauf säumen das flache Uferland die Rebstöcke mit den reifenden Rioja-Trauben. Das Bild der umliegenden Orten wird geprägt durch die Bodegas, in denen die zahlreichen Weingüter ihre Produkte zur Verkostung und zum Kauf anbieten. Doch nach einer Weinprobe steht uns in diesem Moment nicht der Sinn: Aus den dunklen Abendwolken platz ein heftiger Schauer, und so suchen wir noch vor Erreichen der Weinstadt Haro ein Nachtquartier.Leider regnet es auch den ganzen nächsten Vormittag, und bevor wir in die karstigen, teils wüstengleichen Gebiete bei Zaragoza aufbrechen, gönnen wir uns ein Mittagsmahl in der Bodega »Ramona« in Lodosa. Der Wirt schaltet für die ausschließlich männlichen Gäste im Minutentakt zwischen den TV-Übertragungen zweier Sportveranstaltungen hin und her: die Fiesta von San Fermín in Pamplona und die Tour de France. In Pamplona jagen sich Stiere und Männer wechselseitig über die regennassen Straßen; zumindest für die Stiere ein unfreiwilliges Vergnügen. Im Radlassiker preschen die Fahrer gerade durch die spanischen Pyrenäen, und man hofft natürlich auf nationale Etappensieger. Zurück auf der Straße, nimmt nicht nur der Regen, sondern auch das Grün der Landschaft beständig ab. Östlich von Milagro wird der landwirtschaftlich genutzte Raum um den Strom zu einem schmalen Band. Schon wenige Kilometer von den Ufern entfernt erstrecken sich ausgedehnte Geröll- und Steinwüsten. Bei Fustiana unternehmen wir einen Abstecher in die Plana de la Negra. Kleine Tafelberge und Geröllkegel, auf denen nur Distel und ein paar dürre Sträucher gedeihen. Der Weg mutiert zu einem Pfad, markiert durch wenige Reifenspuren. Verschlungene und bis zu 15 Metern tief ausgewaschene Mini-Canyons deuten darauf hin, dass bei heftigen Regen mächtige Ströme gen Ebro fließen.Es hat zwar längst aufgehört zu regnen, aber noch verdecken schnell ziehende Wolken die Sonne. Der einsetzende Wind wirbelt viel Staub und Sand vom bereits wieder völlig trockenen Boden auf. Zum Glück bleibt die große Hitze aus. Wir entdecken nach einer Weile das schwer zugängliche Kloster Eremita de Sancho Abarca, das wie ein Adlerhorst auf einem Berggipfel klebt, treffen bei Tauste auf die Reste einer verfallenen Farm Diese karge und graue Landschaft gäbe eine ideale Kulisse für Western oder Endzeitfilme ab. Schließlich lenken wir die Motorräder wieder auf eine richtige Straße, peilen Zaragoza an.Spanischer Stadtverkehr. Hektik und hupende Autos, dazu unzählige rote Ampeln – ganz schön stressig nach so viel Einsamkeit, Prompt gelangen wir mitten ins Zentrum Zaragozas, der mit fast 600000 Einwohnern größten Stadt am Ebro. Wir gönnen uns eine kurze Pause an der lebhaften Plaza del Pilar, die von waren Prachtbauten umschlossen ist. Während der Ebro im Stadtgebiet durch ausgedehnte grüne Parkanlagen fließt, zeigt sich die Landschaft jenseits von Zaragoza erneut karg und felsig. Nach 40 Kilometern erreichen wir die Ruinen des im spanischen Bürgerkrieg (1936 – 1939) zerstörten Belchite. Heute ein Mahnmal, war dieser Ort während des Krieges eine der letzten Stellungen der Republikaner im Kampf gegen die faschistischen Nationalisten unter Franco. Im Ruinenfeld hinter der alten Stadtmauer klappern lose Fensterläden im Wind, Vorhänge flattern aus glaslosen Scheiben, und in den Räumen der zerfallenen Häuser hängen alte Tapeten in Fetzen von den Wänden. Es herrscht eine bedrückende Stimmung. Einige Zeit später nähern wir uns Caspe. Hier mäandert der Ebro wieder durch eine deutlich vegetationsreichere Landschaft, wird breit aufgestaut, warum man den Fluss hier auch Mar de Aragón nennt. Doch bald wird aus dem Meer wieder ein Fluss, der schließlich durch ein immer tiefer eingeschnittenes Tal weiter in Richtung Mittelmeer fließt. Auf den Höhen entdecken wir zahllose Kastelle und Burgen, und schließlich sind wir an einigen Stellen gezwungen, den direkten Flusslauf zu verlassen. Macht nichts, denn wie zur Entschädigung rauschen wir über unerwartet kurvige Straßen und passieren sogar einige kleinere Pässe. Wunderbar.Katalonien. Wir folgen nicht mehr dem Ebro, sondern dem Ebre – so der katalanische Name. Die letzten Kilometer führen uns durch das gleichnamige Flussdelta, das sich östlich von Tortosa und Amposta Delta de l`Ebre erstreckt und, durchzogen von unzähligen Wasserläufen und Kanälen, wie eine Halbinsel ins Mittelmeer ragt. Große Teile des Deltas sind Naturschutzgebiete, in denen sogar Flamingos leben. Schließlich erreichen wir einen kleinen Hafen, entdecken einen Weg, der uns direkt bis an die Mündung des Ebro führt. Trotz einiger Strände finden nur wenige Touristen den Weg in dieses Gebiet. Gut so. Denn das leise Rauschen der Wellen genügt als Geräuschkulisse nach einem langen Fahrtag. Und ein in aller Stille genossener Sonnenuntergang am Mittelmeer ist ohnehin der beste Abschluss einer Reise.

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