Spanien (Archivversion) Klimawechsel

Ab nach Spanien, ab zur Sonne. Tolle Strände an der Costa Brava, tolle Strecken im Hinterland, dann ein plötzlicher Wintereinbruch - Josef Seitz kam in den Provinzen Katalonien und Valencia aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Wie ein tiefrot glühendes Stück Eisen verschwindet die Sonne hinter den welligen Linien dunkler Hügelkämme. Die Konturen des Klosters Sant Pere de Rodes, das wie eine Festung hoch über el Port de la Selva in den Bergen klebt, verschmelzen von Minute zu Minute mehr mit der Dämmerung. Bald ist von dem gewaltigen Steingebäude nur noch das Rechteck eines kleinen Fensters zu erkennen, aus dem das warme Licht einer schwachen Glühbirne in die Dunkelheit dringt. Eigentlich wollte ich unten in el Port de la Selva nach einem weichen Bett schauen und den Straßenstaub von der langen Anreise unter einer warmen Dusche abspülen. Doch die Aussicht von dem kleinen Parkplatz in der Nähe des Kloster ist einfach überwältigend. Ruckzuck steht mein kleines Zelt unter einem unglaublich klaren Sternenhimmel. Daß der Platz nicht unbedingt der sicherste ist, bemerke ich erst am nächsten Morgen. Ein riesiges Schild warnt davor, irgendwelche Wertsachen im Fahrzeug zu lassen. Splitter zerbrochener Autoscheiben, die über den ganzen Parkplatz verstreut sind, untermauern die Warnung.Eine steile Serpentinenstrecke stürzt sich hinunter in das gemütliche Cadaqués. Ein uriger Hafen, ein paar kleine Kneipen, genau das, was ich gesucht habe. Die Heerscharen sonnenhungriger Touristen, die weiter unten in Tossa de Mar die Strände säumen, lassen sich hier nicht sehen - der ortseigene Badeplatz ist einfach zu klein. Und wenn kaum Gäste kommen, müssen auch keine siloähnlichen Hotelbauten aus dem Boden gestampf werden. Mit ein wenig Glück wird Cadaqués das bleiben, was es ist: ein Ort für stille Genießer ohne große Ambitionen zum Bodybraten am Sandstrand. Etwas weiter am Cabo de Creus herrscht schließlich völlige Ruhe. Nur die Wellen plätschern sanft und leise gegen die Klippen, auf denen weiter draußen ein Leuchtturm in den dunklen Himmel wächst.Der Kontrast könnte extremer nicht sein. Nur 15 Kilometer weiter beginnt bei Roses die Costa Brava, beginnt eine Region, die Jahr für Jahr von zigtausend Urlaubern heimgesucht wird. Auch mich zieht es hierher, denn die Strände sind wirklich traumhaft und lassen sogar für einen Moment die herben Bausünden dahinter vergessen. Zudem gilt das tiefblaue Wasser in dieser Region wieder als sehr sauber. Die dafür notwendigen Kläranlagen wurden allerdings erst gebaut, nachdem aufgrund der schlechten Wasserqualität ein deutlicher Rückgang bei den Tourismuseinnahmen die lockeren Gemüter der Spanier zum Grübeln gebracht hatte.Es fällt nicht ganz leicht, sich für eine Weile vom lockeren Strandleben zu verabschieden. Aber der Abstecher nach Figueres muß sein. Mitten in dem Ort prangt ein architektonisch ungewöhnliches, rostrotes Gebäude mit übergroßen Hühnereiern auf dem Dach. Die Außenwände sind mit unzähligen Tonstücken beklebt, und im Innenhof hockt die Skulptur eines grübelnden Mannes - auf einem meterhohen Haufen ausrangierter Lastwagenreifen. Eine skurrile Szenerie, geschaffen von einem der größten und bekanntesten Künstler des Landes: Salvador Dalí, dessen bemerkenswertes Kunstmuseum in Figueres gleichzeitzig seine Grabstätte ist. Dichtgedrängt stehen in den verschiedenen Stockwerken unzählige Exponate des vor sieben Jahren verstorbenen Surrealisten, der wie kein anderer die unterschiedlichsten Kunstrichtungen verfremdet oder parodiert und bei seinen Werken alle denkbaren Techniken und Materialien verwendet hat. Bei San Felíu stoßen die Ausläufer der Sierra de Tossa ans Meer, kurvenreich schmiegt sich die Küstenstraße hoch über der See an die Berghänge. Eine Strecke, die zu den schönsten Spaniens zählt. Leider wird mein Fahrspaß nachhaltig getrübt: Weil die Straße erst vor kurzem neu geteert wurde, sind nur 40 Kilometer pro Stunde erlaubt. Und wie zum Hohn bummelt vor mir ein Polizeiwagen. Lässig läßt der Fahrer seinen Arm aus dem Fenster baumeln, und ich sehe, wie er mich durch seine dunkle Sonnenbrille im Rückspiegel mustert. Jetzt bloß ruhig bleiben, stur halte ich mich an die vorgegebene Geschwindigkeit. Plötzlich hebt der Beamte seinen Arm - und winkt mich vorbei. Scheint so, als säße da einer am Steuer, der weiß, was auf zwei Rädern Spaß macht. Barcelona, geprägt vom Baustil Antonio Gaudís, berühmt-berüchtigt für ein Nachtleben, das zu den ausschweifendsten Spaniens gehört, und Sorgenkind der Regierung in Madrid, weil die Katalanen am liebsten ihren eigenen Staat gründen würden, ist das pulsierende Zentrum der Region. Zu Fuß spaziere ich durch diese wunderbare Stadt und stehe plötzlich vor der Sagrada Familia, einer ungewöhnlichen Kirche, die mit ihren zahlreichen Türmen wie ein bizarrer Fremdkörper mitten im Häusermeer wirkt. Seit über 100 Jahren wird an diesem monumentalen Bauwerk gearbeitet, dessen Architekt Antonio Gaudi eine »Predigt aus Stein« erschaffen wollte. Doch den steinernen Träumen ziehe ich das pralle Leben vor. Und das tobt in den Ramblas. Stundenlang streife ich durch diese ältesten Viertel der Stadt, staune über Gaukler, schaue Porträtmalern über die Schulter, lausche den zahlreichen Straßenmusikanten, die überall vor den unzähligen Kneipen auftreten. Später probiere ich im Markt La Boqueria luftgetrockneten Schinken, fritierten Fisch und schokoladegefüllte Hörnchen, bevor ich mich wieder mit dem Motorrad durch den dichten Verkehr schlängle. Doch mit der breiten BMW hänge ich bald genauso fest wie die Autos, die nur schrittweise vorankommen. Besser ergeht es nur denen, die auf Rollern sitzen - und das sind nicht wenige. Egal, ob Teenager oder Büroangestellter mit Anzug und Krawatte, auf den kleinen Dingern sind sie die Könige der Stadt, auch wenn manches ihrer Manöver mir einen heftigen Schauder über den Rücken jagt. Nur ein paar Kilometer weiter halte ich in St. Sadurni d´Anoia und staune über die Anzahl von Sektkellereien in diesem Ort. Eine gute Gelegenheit, endlich zu erfahren, wie das prickelnde Zeug hergestellt wird - und bei einer Führung durch einen der Betriebe natürlich auch einen kräftigen Schluck zu probieren. Gestenreich und geduldig wird mir erklärt, daß zuerst etwas Hefe und anschließend Sand in eine Flasche Wein gefüllt wird. Die Hefe bringt den Wein nochmals zum gären, und der Sand verhindert, daß die Hefe am Glas der Flasche festklebt. Später wird die Flasche kopfüber entsprechend lange gelagert und in dieser Position so lange gedreht, bis sich Sand und Hefe im Flaschenhals abgesetzt haben. Dann wird das Ganze tiefgekühlt, danach wird der Verschluß mit den gefrorenen Ablagerungen der Hefe und des Sands einfach entfernt. Korken drauf, fertig und Prost. Na ja, so ungefähr zumindest.Glücklich können sich die Bewohner von Prades schätzen, denn einmal im Jahr dürfen sie das kostbare Prickelwasser umsonst genießen: Während des Festtages zu Ehren des heiligen Jaume fließt Sekt statt Wasser aus dem Dorfbrunnen.Ich fahre weiter, rausche vorbei an den steilen Felswänden der Sierra de Montsant nach Tarragona. Auf der Suche nach einem Zimmer lande ich in einer schmalen Gasse, an deren Ende zwei Holzstühle stehen. Auf dem einem sitzt ein junger Kerl, der versunken und leidenschaftlich mit seiner Gitarre Flamenco spielt. Es dauert nicht lange, und es erscheint ein zweiter Mann, der eine Weile zuhört und schließlich rhythmisch zu klatschen beginnt. Minutenlang beleben die beiden die lückenlosen Häuserreihen der Altstadt mit einer vibrierenden Atmosphäre. Für die beiden anscheinend eine ganz normale Mittagspause in der einstigen Hauptstadt der westlichsten Region des Römischen Reiches. Für mich Spanien von seiner schönsten, von seiner attraktivsten Seite. Am nächsten Tag brodelt die Stimmung erst recht in diesem Viertel. Es ist Karfreitag, und am Abend verwandelt sich Tarragona zurück in das Römische Reich. Männer in klirrenden Rüstungen stampfen zum Klang laut geschlagener Trommeln über die Pflasterwege. Bedrohlich finstere Figuren, eingehüllt in lange Kutten mit spitzen Kapuzen, aus denen nur die Augen blitzen, tragen im Schein flackernder Fakeln riesige Figuren auf den Schultern durch die düstere Nacht. Dazwischen Kinder und Frauen, ebenfalls in historischen Gewändern und ausgerüstet mit Kerzen, Kreuzen, alten Waffen und Folterwerkzeugen. Über drei Stunden dauert dieser imposante Zug, flankiert von Tausenden von Schaulustigen.Ein ähnlicher Rummel herrscht nachts in den Straßen und Diskotheken von Salou, einem Urlaubsort wie aus dem Bilderbuch: Die rund 2500 Einwohner versorgen während einer Saison über 250000 Gäste, hauptsächlich aus Deutschland und England. Dementsprechend ist das Flair von Salou: Hotels und Souvenirläden ohne Ende, neongrelle Restaurants, Speisekarten in sechs Sprachen, Lärm und Nepp an jeder Ecke. Bloß weg hier.Hinter Tortosa folge ich der Straße zum 1447 Meter hohen Monte Caro. In steilen, engen Kehren zieht sich die Strecke hoch zum Gipfel. Oben angekommen, genieße ich den herrlichen Blick über die umliegenden Berggipfel und das Naturschutzgebiet des Ebro-Deltas. Der Ebro, der in seinem Mündungsgebiet ein weites und fruchtbares Schwemmland geschaffen hat, in dem sogar Reis gedeiht, ist neben dem andalusischen Rio Guadalquivir Spanies wichtigster Fluß. Er entspringt im Norden der Iberischen Halbinsel bei Reinosa in Kantabrien. Das Süßwasser, das er durch das Land transporiert, wird für die Region immer lebenswichtiger, da es in den letzten Jahren zu wenig geregnet hat. Ein paar Fahrstunden später ist alles anders.In der Region Valencia überraschte mich wahrhaftig ein heftiges Schneetreiben. Mitten im Frühling. Unglaublich. Dicke Flocken klatschen gegen mein Visier, die Sicht geht gegen Null, bitterkalter Wind beißt durch die Kombi. Seit den frühen Morgenstunden rattert bereits ein Schneepflug durch Fortanete, wo ich zwangsweise übernachten mußte, weil die Strecke einfach nicht mehr zu befahren war.Gegen zehn Uhr versuche ich zu Starten. Vor Kälte und Anspannung zitternd, taste ich mich mehr rutschend als fahrend durch eine traumhafte Schneelandschaft. Wie mit Puderzucker haben die weißen Flocken das hügelige Land überzogen.In der Bar in Cedrillas versuche ich mit einer großen Tasse Café con leche, wieder etwas Wärme in die kalten Knochen zu bringen. Das Motorrad vor der Tür scheint eine willkommene Abwechslung im Dorf zu sein. Im Nu ist die kleine Bar voller Männer, die mich mit einer Mischung aus Staunen und Zweifeln anschauen, als ich ihnen erzähle, daß ich von Fortanete komme und heute noch weiter nach Teruel will. Einige Kilometer weiter weiß ich, warum einige von ihnen die Köpfe über meine Reisepläne geschüttelt haben: Die Paßstraße, die sich vor mir in die Berge zieht, führt auf eine Höhe von 1600 Metern. Schon bald versperren tiefe Schneeverwehungen den Weg. Mühsam versuche ich, in der rutschigen Spur eines Lastwagens zu fahren. Erst nach einiger Zeit merke ich, daß es auf der festen Schneedecke zwischen den Spuren besser vorangeht. Oben angekommen, pfeift mir ein bitterkalter Wind ins Gesicht, meine Hände und Füße sind total klamm, und das Wetter verschlechtert sich zusehends. Bloß wieder zurück an die Küste.Erst in Teruel wird es besser, Schnee und Regen vermischen sich zu Matsch. Nach 250 Kilometern stehe ich endlich wieder am Meer, irgendwo an der Costa Blanca am Golf von Valencia. Der warme Fahrtwind während der letzten Stunde tat gut, jetzt brate ich an einem zauberhaften Sandstrand in der glühend heißen Mittagssonne. Kaum mehr vorstellbar, daß sich in den Bergen noch der Winter austobt.

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