Spanien (Archivversion)

Ein himmlischer Ort

Einer Legende nach befand sich in den Picos de Europa der Garten Eden. Für Endurofahrer ist diese Region ganz bestimmt ein Pardies.

Die drei alten Herren, die auf der Holzbank vor einem Haus in Espinama sitzen, sind sich einig. Sie zeigen auf die kleine Durchfahrt zwischen den Häusern, daß sei der Weg, »no problema« für die Africa Twin. Mit der Policía soll es auf den kleinen Bergpfaden ebenfalls keine Probleme geben. Sehr gut. Ich folge ihren Handzeichen, und nach wenigen Metern sind die drei freundlichen Gesichter aus dem Rückspiegel verschwunden. Hinter den letzten Steinhäusern steigt der Schotterweg schnell an, kurz darauf ist das Dorf nur noch ein fleckiges Meer rotgrauer Dachziegel.Ich bin auf der Suche nach einem Weg zur Gipfelstation der Seilbahn, die von Fuente Dé auf den 1926 Meter hohen Mirador del Cable führt. Bereits heute morgen schaukelte ich in einer Gondel hoch zum Aussichtspunkt. Der unendliche Blick auf das zerklüftete Massiv der über 2600 Meter hohen Picos de Europa, der höchsten Gipfel Nordspaniens, begeisterte. Doch viel interessanter fand ich es herauszufinden, wie der Geländewagen, der neben der Station parkte, bis hierher gekommen war. Denn die Straße von Potes endet zwangsweise kurz hinter Fuentes Dé in einem Talkessel, umschlossen von steilen Felswänden. Nirgendwo war hier eine Piste zu erkennen. Also muß es eine Verbindung geben, die geradewegs durch die Berge führt. Den ersten Hinweis entdeckte ich auf einer Karte, die in dem Restaurant auf dem Mirador del Cable an der Wand hängt. Eine kleine Straße schlängelt sich von Espinama durch die Picos nach Norden bis Sotres. Nach schätzungsweise sieben oder acht Kilometern ist eine dünne schwarze Linie eingezeichnet, die von diesem Weg abzweigt und bis zu der Gipfelstation der Seilbahn führt. Mehr ließ sich nicht herausfinden - was den Reiz einer Endurotour jedoch verstärkt.Von Espinama sah das Gelände noch aus wie eine kaum begehbare, wilde Granitlandschaft. Aber schon nach einigen staubigen Kilometern in der Spurrille eines Feldwegs entpuppt sich diese Gebirgsregion vielmehr als eine weitläufige Almenlandschaft. An einem verrosteten Tor, das schon längst nicht mehr schließt, weist ein von der Witterung gezeichnetes Schild darauf hin, daß es streng verboten ist, mit Fahrzeugen die Wege zu verlassen. Ansonsten scheint die Benutzung der Wege erlaubt zu sein. Nach ein paar Kilometern zweigt eine feste Sandpiste nach Westen ab. Das muß die Strecke zur Gipfelstation sein, die besagte dünne Linie auf der Karte. Eine lange Steigung führt zu einer Berghütte, dem Refugio de Aliva, dann wird aus der bis dahin gut befahrbaren Strecke eine steinige Buckelpiste. Gleich mehrmals kreuzen kleine Bäche den Weg, und die Africa Twin schlingert auf dem schmierigen Untergrund hin und her. Aber alles »no problemo« - und spaßig dazu. Ein paar Meter weiter gedeihen keine Wiesen mehr. Nur noch weite Geröllfelder, die irgendwo in den grauen Granit der Felsen übergehen. Dann windet sich die Piste um einen Bergkegel, dahinter taucht überraschend die auf eine Felskante gebaute Seilbahnstation auf. Wanderer kommen mir entgegen, schauen verdutzt. Als motorisierter Eindringling erwarte ich nur wenig Verständnis oder gar üble Ermahnungen. Weit gefehlt. Die Wandersleute freuen sich nicht nur, sondern fragen auch noch interessiert, wie ich denn hier hoch gekommen sei und wie die Pistenverhältnisse wären. Einem Engländer diene ich sogar samt Motorrad vor der Gipfelstation als Fotomodell. Er ist mit der Seilbahn hochgekommen, und unten im Tal warten seine Frau und sein Motorrad auf ihn. Ihr schien es zu gefährlich, mit der Gondel in diese Höhen zu schweben. Daß ein Weg hierher führt, wußten die beiden nicht. Weiter nördlich zieht sich eine gerade Linie wie ein dünner Bleistiftstrich schräg durch den Fels. Ich schaue durch das Teleobjektiv und versuche zu erkennen, ob es sich um einen befahrbaren Weg handelt. Plötzlich spricht mich ein älteres Paar an und erklärt, daß sie soeben aus der Richtung kämen, in die ich schauen würde. Und ich müsse unbedingt dorthin fahren, denn es sei einfach wunderschön dort oben.Ein ganzes Stück treibe ich die Twin über den losen Untergrund der schmalen Piste, die direkt am Hang entlangführt. Nach einer engen Kehre mit groben Geröll zweigt ein steiler Pfad ab, der so aussieht, als ob er seit Jahren nicht mehr benutzt wurde. Mühsam klettere ich mit der schweren Enduro Meter für Meter hoch in eine unwirtliche Welt aus Granit. Urplötzlich ziehen dichte Nebelwolken durch die Felsen, Sekunden später sehe ich so gut wie gar nichts mehr. Ich halte an - aber auch, weil vor mir die Piste auf über der halben Breite von einer Geröllawine mitgerissen wurde. Zwar ist der Engpaß nur zirka ein Meter lang, aber der noch verbliebene Rest ist so schmal, daß ich den Koffer abnehmen muß, damit ich mit dem Motorrad nah genug an die Felswand komme. Ansonsten würde ich abrutschen. Einige Ecken weiter endet die Piste endgültig vor dem letzten Rest eines tauenden Schneefeldes. Irgendwo muß es hier einmal ein Bergwerk gegeben haben, denn sonst hätte sich wohl kaum jemand die Mühe gemacht, den Weg in den Fels zu schlagen.Ich kehre um, es bleibt leider keine andere Möglichkeit, als wieder zurück bis zu der Straße zu fahren, die von Espinama nach Sotres führt. Die Strecke verläuft auf dem Grat eines langgezogenen Bergrückens, der das enger werdende Tal in zwei Hälften teilt. Kurz vor Sotres beginnt dann wieder der Asphalt.Ich übernachte in Sotres in einer kleinen Herberge, die Bergwanderen als Ausgangspunkt für Touren durch die Picos dient. Ganz in der Nähe lockt der Gipfel des 2613 Meter hohen Pena Vieja, der sich in einer ausgedehnten Tagestour problemlos zu Fuß erkunden läßt. Aber meine Pläne sehen anders aus: Über Tresviso will ich bis Urdón und in die Schlucht von Hermida fahren. In der Karte, die immerhin einen Maßstab von 1:200 000 hat, ist eine Straße zwischen den beiden Ortschaften eingezeichnet. Aber was am Ende von Tresviso unter die Räder der Africa Twin kommt, hat derben Feld,- Wald- und Wiesencharakter. Und nach einem Kilometer verringert sich die Pistenbreite auf nur noch dreißig Zentimeter: Die »Straße« ist nicht mehr als ein Wanderpfad, der serpentinenartig die Felswand hochklettert. Mit der schweren Honda unpaßierbar, und ich schaffe es kaum noch, in einer der engen Kehren zu wenden. Wieder in Tresviso. Sogar der Wirt der einzigen Kneipe wundert sich über das, was als Straße in meiner Karte eingezeichnet ist . Aber er hat besseres zu bieten, nämlich eine Wanderkarte im Maßstab von 1:25 000. Bei einem Kaffee erklärt er mir den Weg. Ich solle acht Kilometer zurückfahren und könne mich dann zwischen zwei Varianten entscheiden. Die einfachere Strecke führe durch das Tal Valdediezma, anspruchsvoller sei der Weg vorbei an der Berghütte Caséton de Andara. Klar, die zweite Variante klingt interessanter.Die zweispurige Piste zieht sich hoch auf den Kamm der Sierra de la Corta. »Piste para Jeep« steht auf der Karte - nur für Geländewagen. Faustgroße Steine und loser Schotter bilden den Untergrund. Einfach eine tolle Strecke, aber es ärgert mich, daß ich mein Reisegepäck mitschleppe, denn die schweren Koffer machen aus der gutmütigen Twin eine schwammige Fuhre. Kurz nach der Berghütte kommt noch mal ein Engpaß. Auf einer Länge von 30 oder 40 Metern hat abermals eine Geröllawine die Piste unter sich begraben. An einer Passage fehlt sogar ein Teil der Strecke. Das verbliebene Stück zwischen Wand und Abgrund ist so schmal, daß ich wieder die Koffer abnehmen muß, um weiterfahren zu können. Zentimeter für Zentimeter manövriere ich die Enduro über den Engpaß, immer wieder gibt das lose Geröll unter den Reifen nach. Zu Fuß hole ich schließlich noch die Koffer - und sehe jetzt erst so richtig die Landschaft. Felsen und Berge aus Granit bestimmen das Bild, die Farbe Grau dominiert. Nur vereinzelt leuchten kleine, weiße Schneetupfer an den Hängen. Während meine durchgeschwitzten Klamotten in der Sonne trocknen, sitzte ich auf einem Stein und freue mich darüber, hier oben ganz allein zu sein. Über mehrere Serpentinen fällt die steinige Piste bis zur kleinen Ortschaft Beges ab. Hier beginnt wieder der Asphalt und wenige Kilometer weiter die kurvenreiche Schlucht von Hermida. Bis zu 100 Meter sind die senkrechten Felswände hoch. Neben der Straße fließt die Deva durch den engen Canyon. Der Fluß entspringt im östlichen Teil der Picos de Europa. Einer Legende nach soll sich hier einst das Paradies befunden haben, also die Quelle (Fuente) von (de) Eva. So wurde schließlich aus dem Namen d´Eva der Flußname Deva. Ob´s war ist oder nicht, für Endurofahrer ist dieser Flecken einfach himmlisch.
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Unterwegstip (Archivversion)

Die Picos de Europa in Kantabrien sind die höchsten Gipfel Nordspaniens und warten mit abwechslungsreichen und einsamen Endurostrecken auf. Die Wege sollten aber niemals verlassen werden.
Anreise: Das Massiv der Picos de Europa liegt nur wenige Kilometer von der Atlantikküste entfernt zwischen Santander und Gijón. Von der französisch-spanischen Grenze in Irun sind es zirka 380 Kilometer entlang der Küstenstraße. Wer direkt von Deutschland bis zu den Picos fahren will, gelangt entweder von Mühlheim/Mulhouse über Chalon und Limoges oder von Aachen über Paris und Bordeaux zur Grenze in Irun. Beide Strecken sind zirka 1200 Kilometer lang.Übernachten: Die Pension La Taberna in Tresviso liegt ruhig und bietet eine prächtige Aussicht ins Tal des Rio Urdón. Ein Doppelzimmer kostet zirka 30 Mark. Der Wirt informiert über die Zustände der Pisten und Wege in der Umgebung. Anschrift: Pension La Taberna, Picos de Europa 39580 Tresviso, Telefon 0034 / 9 42 / 73 01 60.Das Motorrad: Die beschriebene Strecke läßt sich grundsätzlich mit jeder Enduro befahren. Obwohl die Africa Twin sich leicht manövrieren läßt, sind kleinere Enduros in den engen Passagen von Vorteil. Reisezeit: Von Mai bis Oktober sind die Temperaturen am angenehmsten. Im Juli und August wird es sehr heiß. Im Urlaubsmonat August sollten die Strecken um Fuente Dé wegen der vielen Wanderer gemieden werden. Die Piste von Espinama nach Tresviso läßt sich jedoch immer befahren, und zwischen Sotres und Beges herrscht auch im August Ruhe.Literatur: Soeben ist der ausführliche Motorrad-Reisefüher Spanien von Josef Seitz in der Edition Unterwegs für 29,80 Mark erschienen. Der Autor beschreibt schönste Motorradstrecken in Spanien und auch in Portugal. Für die Schotterpisten ist eine sehr genaue Karte nötig: Wanderkarte Los Urrieles y Andara, Mappa Excursionista, 1:25 000. Sie ist in der Region erhältlich. Für die weitere Umgebung: Michelin, Nr.: 442 im Maßstab 1:400 000.

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