Spreewald (Archivversion) Bike and Boat

Wer seine Spreewald-Tour auf asphaltierte Straßen beschränkt, verpasst das Wesentliche: Mitten durch urwüchsige Wälder führt ein uraltes Wasserwege-Netz – ideal für ausgedehnte Kanu-Wanderungen.

11.30 Uhr. Die Post trifft ein. Eilig parke ich die Sachs Roadster 800 am Straßenrand und beobachte das tägliche Schauspiel auf dem Spree-Kanal. Halb verdeckt von urwüchsigem Auwald gleitet ein leuchtend gelber Kahn vorbei, am Bug ein aufgemaltes Horn, die Botin stakend wie ein venezianischer Gondoliere, mit wasserdichtem Postsack am Heck. Alltag in einer amphibischen Welt, in der so mancher Briefkasten nur per Boot zu erreichen ist.Ein prüfender Blick auf die Karte. Zwischen Leibsch im Norden und Vetschau im Süden verzweigt sich die Spree in hunderte Arme, Gräben und Kanäle. Dazwischen kaum fadendünn verzeichnete Sträßchen, auf denen ich mit dem Motorrad so weit wie möglich ins Herz des Spreewaldes vorstoßen will. Doch im Sackgassen-Dorf Lehde ist für die Sachs und mich zunächst mal Endstation. Die Postbotin hat freie Fahrt, wuchtet noch ein Paket ans Ufer und stakst dann weiter ins grüne Venedig Brandenburgs.Langsam tuckere ich zurück nach Lübbenau, wo der Hauptspreekanal eine Art Canale Grande bildet. Doch statt Rialto-Brücke und Dogenpalast prägen hier eher urige Holzbrücken und Bauernhäuser das Bild. In den Vorgärten regionaltypische Requisiten: Kähne als Blumenkübel und Gartenhäuschen aus Gurkenfässern.Spreewaldgurken links, Spreewaldgurken rechts – auf dem Weg zum Großen Spreewaldhafen begegnet mir der hiesige Verkaufsschlager in allen erdenklichen Varianten. Gewürzgurken, Senfgurken, Knoblauch-, Pfeffer- oder Dill-Gurken. An den Marktständen frisch vom Fass, in den Souvenirläden aus grünem Plüsch, an den Wänden als Pop-Art-Poster im Andy-Warhol-Stil. Am »Hafen« sind die Sachs und ich im Nu umringt von einer Berliner Ausflugstruppe, die in die bereitstehenden Holzkähne drängt. Hafen-Terminal A, B, C, D und E, 30 Leute pro Kahn. Zwei Herren geraten beim Anblick der Roadster in Verzückung, waren sie doch vor über 50 Jahren mit Sachs-Mopeds unterwegs. Nach wiederholten Lautsprecherdurchsagen »Abfahrt nach Wotschofska« entscheiden sie sich dann aber doch für die schräglagenfreie Kahnfahrt. Mit Sitzkissen, Tischdecken und Porzellangeschirr.Jedes Spreewald-Dorf hat seinen eigenen Kahnhafen, größere Ortschaften gar zwei. Oder gleich vier wie Lübben, das ich in fliegender Fahrt über die B 115 erreiche. Ein kurzer Schlenker zum Kahnfährhafen 1 mit dem Beinamen »Lustige Gurken«, danach dringe ich in konzentrischen Kreisen weiter ins Spreewald-Zentrum vor. Über den Kanal »Roter Nil«, schließlich auf die B 320 und auf gut Glück weiter in die Postbautenstraße. Vorbei am »Takko«-Modemarkt, dem »Reno«-Schuhzentrum und der »dixi«-Getränke-Quelle. Dann kommt das Schild »Biosphärenreservat«, und mit einmal ist alles grün. Doch der Fahrspaß auf dem schmalen Waldsträßchen währt nicht einmal zehn Minuten: Sackgasse ohne Vorankündigung.Wenige Kilometer weiter, bei Radensdorf, der nächste Versuch. Laut Karte müsste der Abzweig von der Bundesstraße rüber nach Bukoitza und dort kreuz und quer durch den Spreewald führen. Aufgeregt dirigiere ich die Sachs über das schmale Asphaltband nach Norden, passiere Wiesen, Wälder, Kanäle, stoße auf den winzigen Weiler Bukoitza. Aber auf den nächsten fünfhundert Metern nehmen nur noch vereinzelt auftretende Radweg-Schilder das nahende Durchfahrt-verboten-Schild schon vorweg. Fluchend rausche ich zurück nach Radensdorf und kurve von dort über Alt Zauche und Wußwerk nach Burg. Die Strecke wirkt besänftigend. Sie führt zwar nur am äußeren Spreewald entlang, verzeichnet jedoch exzellente Kurven fürs Motorrad. Am Ende der Waldstrecke lockt eine Rast im Spreewaldhafen von Burg. Tagesgericht: Spreewälder Gurkengulasch oder Schmorgurken...Während ich mir die Spezialitäten einverleibe, ziehen Kanus und Kajaks über den Kanal. Geradewegs in die dschungelartigen Auwälder, zu denen kein Motorrad vordringen kann. Morgen mache ich es anders! Ganz sicher. Doch jetzt will ich mit der 800er noch ein wenig durch die Landschaft gurken. Burg Kauper, Leipe, Raddusch. Kaum autobreit schlängelt sich die Nebenstrecke durch Wälder, Wiesen und an abgeernteten Feldern vorbei. Pferde äugen von ihren Koppeln, Kühe von ihren Weiden und Störche aus ihren Nestern, die wie Wagenräder über den Bauernhöfen thronen. Zurück in Lübbenau, unternehme ich noch einen Schlenker über Luckau zum Unterspreewald. Schlepzig, Leipsch, Neuendorfer See, Groß Wasserburg. Kahnfährhäfen tauchen auf, bisweilen kaum größer als Dorfschwimmbäder. Und Gasthäuser, die sich mit ausgefeilten Gurkengerichten gegenseitig zu übertrumpfen suchen. Als die Sonne untergeht, ziehen Störche wie Kampfgeschwader über mich hinweg. Auf den Schilfpflanzen entlang der Kanäle glitzern tausende Spinnweben. Der Altweibersommer hat begonnen.Am nächsten Morgen passiert’s. In Lübbenau miete ich ein Kanu. Eine grobe Wasserkarte gibt’s dazu, die Kanäle, erläutert mir der Vermieter, seien fast durchweg beschildert: »Großes Fließ«, »Suez-Kanal«, »Gurkengraben«. Alles klar. Wie der letzte Mohikaner breche ich in die Wildnis auf und gleite nach wenigen Paddelschlägen an schmucken Holzhäusern und Bootsgaragen vorbei. Schilder rechts, Schilder links: »Einfahrt freihalten«, »Durchfahrt verboten«, »Warnung vor dem Hunde«. Am Ufer stehen Geranienkübel wie auf einem Fenstersims. Es folgt ein Wasserstraßen-Café, daneben ein Stand, wie man ihn bisweilen an Bundesstraßen findet – mit Körben voll Äpfel und Gemüse und Eimer voller Blumen.Lehder Fließ, Ecke Hauptspreekanal, die erste große Herausforderung: ein Wehr, zu umschiffen über einen Seitenkanal mit anschließender Bootsrolle. Ich steige aus, ziehe, schiebe, rolle, bis das Kajak schwungvoll in die Hauptspree platscht. Direkt in die Fahrspur der fetten Spreewald-Ausflugskähne – den Trucks der Wasserstraßen gewissermaßen. Eine kleine Rangelei zwischen Kanu und zwei Dickschiffen entsteht, und erst die drohende Eskimorolle macht klar, dass der Größere hier prinzipiell gewinnt. Kleinlaut flitze ich davon, flüchte von der Hauptroute schnell in den Hechtgraben.Links ein Kiosk mit Bootsanlegestelle! Eine Frau in Lehder Volkstracht preist Limonade, Schmalzbrot und saure Gurken im Stabreim an. Doch drei bullige Spreewaldkähne laufen bereits von der Seite ein – nichts wie weg hier. Durch den Wehrkanal nach Wotschofska – der »Insel im Sumpf«, wo es seit über hundert Jahren eine zünftige Gaststätte mit Biergarten geben soll. Wenig später parke ich auf dem »Paddelbootparkplatz« ein und studiere die Speisekarte. Erbsensuppe, Bockwurst, Bratwurst. Keine Gurken. Hinter Wotschofska scheint das Ende der Zivilisation erreicht. Kein Kahn, kein Haus, kein Mensch mehr. Kaum ein Sonnenstrahl dringt durch das dichte Blätterdach, die Wurzeln steinalter Erlen ragen aus dem Wasser wie Mangroven. Endlich kann ich leise durch die Einsamkeit gleiten. Irgendwo hackt ein Buntspecht, ein Sumpfhuhn wischt ins Ufergebüsch, eine Bisamratte taucht wie ein Bonsai-Biber neben der Bugwelle auf. Am Abend habe ich zehn Kilometer geschafft – nicht mal ein Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit. Bei gut 500 Kilometern befahrbarer Wasserstraßen sind also noch 490 Kilometer zu erforschen. Genug bis zum Winter. Wenn die Spreekanäle zugefroren sind und die Postbotin ihre Wasserbriefkästen auf Schlittschuhen versorgt.

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