Stadtrennen in Schotten (Archivversion) Volle Dröhnung

Und zwar einmal im Jahr im Vogelsberg. Denn dann läuft der Schotten-Grand-Prix für historische Rennmotorräder.

Klingt nach Ruhe und Harmonie: Luftkurort Schotten im Naturpark Hoher Vogelsberg. Ein Ort der Erholung an 363 Tagen
im Jahr. Aber an zwei Tagen ist hier die Hölle los, herrscht der Himmel auf Erden für Liebhaber alter und immer noch schneller Zweiräder. Dann bebt ganz Schotten und die Natur nimmt sich
ein Wochenende Auszeit. Die für eine Kuranwendung vorgesehene Luft wird ersetzt durch Schwaden von verbranntem Rizinusöl,
heißem Gummi und genussvoll abgefackelten Sprits.
Am 19. und 20. August war es wieder so weit, in Schotten
wurde gerannt – es war die 18. Auflage des mittlerweile legendären Klassik-Grand-Prix auf dem 1,4 Kilometer langen, kniffeligen und äußerst reizvollen Stadtkurs.
Laut Reglement geht es um Gleichmäßigkeitsläufe, die zur Deutschen Historischen Motorradmeisterschaft des VFV (Veteranen Fahrzeugverband) zählen. Gewinner der einzelnen Klassen ist
derjenige, der in zwei Läufen am konstantesten unterwegs war.
So weit die Theorie – und zum großen Teil auch die Praxis.
Doch keine Regel ohne Ausnahme: Zur Freude der Zuschauer setzen viele Herren und Damen das alte Renngerät produkt-
und namensgerecht ein. Was natürlich für stehende Ovationen
und heiße Ohren beim Publikum sorgt – 16000 Oldie-Fans waren
dieses Jahr vor Ort. Und durften zu Recht begeistert sein. Mehr
als 400 Maschinen ab Baujahr 1902 bis Ende der Siebziger sorgten für Leben zwischen den Schottener Fachwerkhäusern.
So war Ferry Brouwer mit seinem »Yamaha Classic-Racing Team« nach Schotten gekommen. Ferry Brouwer schraubte einst an den Yamahas von Phil Read und Kent Andersson, heute ist er Teamchef und besitzt allein mindestens zwei Hand voll klassischer Zweitakt-Renner von Yamaha sowie noch einige weitere Pretiosen. Von 50 bis 500 cm3 Hubraum, von einem bis zu vier Zylindern
und von Baujahr 1964 bis 1977. Und die werden bei ihm nicht
museumstechnisch eingeölt, sondern müssen bei solchen Veranstaltungen zeigen, dass der Barthel damit Most holen kann.
Den holte zum Beispiel der siebenfache Weltmeister Phil Read, mittlerweile 67 Jahre, aber noch kein bisschen weise. Und netterweise auch kein bisschen gleichmäßig. Auf den pfeilschnellen Yamahas ließ er die glorreichen Siebziger wieder aufleben. In seinem Windschatten oder manchmal auch vor ihm »uns« Dieter Braun und Kent Andersson. Schotten war leider der letzte Einsatz des zweifachen schwedischen 125er-Weltmeisters, der unerwartet in der letzten Augustwoche verstorben ist.
»Unglaublich, fantastisch«, befand Phil Read, der neben den Yamahas auf einer Paton zeigte, dass er mit Viertaktern ebenfalls schnell ist. Und weil’s so schön war, hat er wie Dieter Braun gleich fürs nächste Jahr zugesagt. Ebenso»Youngster« Ralf Waldmann, den es wurmte, dass er kein Motorrad dabei hatte. Üben durfte
er aber schon mal: als »Schmiermaxe« im Gespann von Ex-Seiten-
wagen-Vizeweltmeister Ralph Bohnhorst.
Gut drauf und Liebling der Oberhessen war der ehemalige MZ-Werksfahrer Heinz Rosner. Dieses Mal ausnahmsweise nicht auf MZ: Er trat mit Barry Sheenes legendärer Suzuki 500 von 1976 an – und fand sie leichter zu fahren als die 350er-Dreizylinder-Yamaha, die 1977 Takazumi Katayama bei den WM-Läufen zum Einsatz
gebracht hatte. Heimlich hatte Rosner aber seine eigene Werks-MZ mitgebracht, damit auch sie Schotten beben und leben lassen konnte. Wobei noch viele andere Männer und Maschinen mithalfen. Sogar der alte Petrus, der eigens für die Rennen seine August-Eiszeit mit warmen Sonnenstrahlen unterbrach – zumindest am wunderbaren Samstag. Und dem netten Luftkurort im hohen Vogelsberg mal wieder zu zwei herrlich vollgedröhnten Tagen verhalf.

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