Steiermark (Archivversion)

Gold-Rausch

Berauschende Momente sind garantiert, wenn das Laub an den Bäumen erst Feuer gefangen hat. Und wenn man dann noch auf einer der vielen kurvigen Weinstraßen in der Steiermark unterwegs ist, spielen die Sinne irgendwann völlig verrückt.

Es dämmert bereits, als ich am Ortsausgang von Lavamünd den unscheinbaren Einstieg in die B 69 erwische. Anfangs fast so schmal wie eine Forststraße, windet sie sich in ausgelassenen Schlenkern auf 1000 Meter Höhe. Plötzlich bin ich wieder hellwach, obwohl mir die lange Anfahrt in den Knochen sitzt.Schließlich fällt der Blick hinunter in die Ebene, wo sich die Lichter der Häuser wie Perlen an einer Schnur aneinander reihen. Dann verschwindet die Fahrbahn in dichtem Fichtenwald. Linker Hand fliegt irgendwann der Stausee Soboth vorbei, dunkel und geheimnisvoll, und amschließend gibt es kein Halten mehr. Die B 69 – nun breit und übersichtlich – führt in langgezogenen Kurven durch das Mittelgebirge Soboth dem Steirischen Weinland entgegen. Die BMW rauscht durch die einsame Waldlandschaft, der Mond klettert über die Baumwipfel, nur ab und an taucht eine in Dornröschenschlaf versunkene Ortschaft auf.Das neongrell beleuchtete Schild kommt völlig unvermittelt: »Route 69«. Darunter der Hinweis: »Biker Camping«. In der Einfahrt parken ein paar Harleys, ein zitronengelb lackiertes Trike und ein Truck. Die »steirischen Cowboys« sitzen lässig an der Theke, auf der eine Schankanlage aus original Harley-Tanks thront. Auch ohne Boots und Westernhut heißen mich die Jungs herzlich willkommen, allen voran Wirt Werner. Noch während die versammelte Motorradfahrerschaft das milde Klima der Südsteiermark preist, kommt der »Sturm« - in Weingläsern auf dem Tablett. Was aussieht, riecht und schmeckt wie Traubensaft, ist nichts anderes als Neuer Wein. Und nach einigen Gläsern bin ich froh, heute nicht mehr farhen, sondern nur noch über die Harley Road und an Indianerzelten vorbei zu den »Houses of Brandy« – Branntweinfässer mit rund 6000 Litern Fassungsvermögen, in denen ein Bett steht – gehen zu müssen.Der Blick aus der Fensterluke am nächsten Morgen weckt die Lebensgeister: Sonnenschein. Gestern am Katschberg lag bereits der erste Schnee am Straßenrand, hier klettern die Temperaturen im Nu auf 20 Grad. Thermoausrüstung und Vliespulli verschwinden in den Koffern, dann rollt die BMW schleunigst vom Hof - bevor sich der nächste »Sturm« zusammenbraut. Bei Leutschach kommt plötzlich Farbe ins Spiel – die sanft geschwungenen Bergkuppen sind mit Weinreben übezogen, die ein herbstliches Spektakel in sämtlichen Gelb- und Rottönen vollführen. Dazwischen vereinzelte Obstbäume und Pappeln, die Zypressen gleich aus den Hügelketten ragen. Es würde etwas fehlen, wären da nicht die kleinen, weit über das Landschaftsbil^d verstreuten Höfe der Weinbauern. Irgendwie passt er recht gut, der Beiname »Steirische Toskana«.»Wüi er net laufen?« fragt mich eine Bäuerin mit Blick auf die am Straßenrand geparkte BMW. »Er« wolle schon, sage ich ihr, aber im Augenblick staunte ich lieber über die Landschaft. Das hübsche Muster der Weinberge käme nicht von ungefähr, erklärt mir die Frau, »des is harte Arbeit«. Die Früchte dieser Arbeit gäbe es an ungezählten Verkaufsständen entlang der ältesten Weinstraße der Steiermark zu sehen und natürlich zu kaufen: der Südsteirischen Weinstraße. Neben Wein und Kanistern mit Sturm bieten die Winzer auch Obstsäfte, Edelbrände und Kürbiskernöl feil. Über offenen Feuerstellen werden Kastanien und Maiskolben geröstet. Was für eine Gegend. Zu den Sinnesfreuden des Fahrens gesellen sich auch noch die Gaumenfreuden.Links und rechts der Hauptroute zweigen weitere Weinstraßen ab, kleine und kleinste Asphaltbänder, die die weit verstreuten Weingüter auf filigrane Weise vernetzen. Wer die Wahl hat, hat die Qual. In eine Weinlaube gleich neben der Straße, wo einem die Trauben – zum Glück noch unvergoren – direkt in den Mund wachsen, werfe ich einen Blick auf die Karte. Um vollends zu verzweifeln. Südsteirische Weinstraße, Sausaler Weinstraße, Klöcher Weinstraße, Schilcher-Weinstraße... Das Repertoire scheint unbegrenzt. Und eine Straße wirkt verlockender als die andere. Da hilft nur eins: Die Karte wieder wegpacken und sich treiben lassen.Nächster Abzweig: Klapotetzstraße. Ein Volltreffer. Die Strecke schlängelt sich kaum fahrzeugbreit über die höchsten Bergkuppen der Weinbaugemeinde Glanz. Vorsichtig taste ich mich von Hofdurchfahrt zu Hofdurchfahrt. Geprägt von allzu vielen Streckensperrungen, bekommt man schon fast ein schlechtes Gewissen, auf diesen winzigen Wegen herumzukurven, die durchweg legal befahrbar sind. Aber hier kommt man ja kaum zum Fahren. Die Verlockungen sind einfach zu groß. Ein uralter Weinkeller hier, ein mit steirischen Köstlichkeiten gefüllter Hofladen dort. Dazwischen baumeln einem Weintrauben, Äpfel und Birnen vom Straßenrand direkt ins weit geöffnete Visier. BMWs Sporttourer R1100 S nimmt die Bummelei gelassen hin und spielt im dritten Gang bei 2000 Umdrehungen seine Laufruhe aus.Mehr aus Zufall gelange ich zurück auf die Steirische Weinstraße, um mich kurz nach der Ortschaft Ratsch im Grenzbereicht zu bewegen. Der rechte Fahrbahnrand ist slowenisches Staatsgebiet, der linke zählt zu Österreich. Der Mittelstrich ist gleichzeitig Grenzlinie – ein Kuriosum der Südsteiermark, dass zwei 2,5 Kilometer lange Straßenteile die Staatsgrenze zu Slowenien bilden. Doch bis auf ein lapidares Hinweisschild ist von Grenze nicht viel zu spüren. Die wird schon eher dadurch augenfällig, dass der grenznahe Weinbauer neben Sturm auch »Slivovitz« im Angebot hat.Bei Ehrenhausen stoße ich auf die altbekannte B 69 und rolle an der österreichisch-slowenischen Grenze entlang Richtung Osten. In Weitersfeld lockt das Schild »Murfähre« von der Bundesstraße hinunter zum Grenzfluss Mur. Am gegenüberliegenden Ufer liegt eine pittoreske Fähre, die man anscheinend nur herüberwinken muss. »Naa, des geht net«, meint der österreichische Zöllner mit Blick auf die 1100er-BMW. Der Transport von Pkw und Motorrädern beschränke sich auf den sogenannten kleinen Grenzverkehr, gelte also nur für Anwohner mit speziellen Ausweispapieren. Außerdem existiere bei Motorrädern eine strikte Begrenzung auf 125 Kubik. Heute würde er aber eine Ausnahme machen und einfach wegschauen, wenn ich die Fähre benutzen wolle...Auf der anderen Seite angelangt, empfängt mich eine frappierende Weite. Im Murtal rücken die Berge weit in den Hintergrund, ausgedehnte Wiesen und Felder prägen die Flusslandschaft. Dazwischen verläuft eine schnurgerade Straße. Das kann’s nun wirklich nicht sein. Ich beschließe, Slowenien zu einem späteren Zeitpunkt noch mal weiter westlich aufzurollen und fahre bei Gornja Radgona zurück nach Österreich. An der Klöcher-Weinstraße folgt der erwünschte Szenenwechsel: Die Region ist wieder bergiger, kurviger, lieblicher.Von St. Anna geht’s an Bad Gleichenberg vorbei quer rüber nach Leibnitz. Hoch über dem Sulmsee thront Schloss Seggau, mit den Ausmaßen einer Ritterburg zweifelsfrei die etwas herrschaftliche Variante zum Thema Weingut. Zwei Ecken weiter liegt Kitzeck, die höchstgelegene Weinbaugemeinde Österreichs, und unweit davon schraubt sich die Sausaler Weinstraße schmal und kehrenreich durch die steilsten Weingärten der Steiermark. Zur Abwechslung kann ich die BMW mal wieder richtig laufen lassen, vorbei an Deutschlandsberg, bis ich fast schwindelig nach ungezählten Kurven und Kehren die »Südsteirische Panoramastraße« erreiche. Was für ein Tag!Der Frühnebel hängt noch in den Tälern, als ich mich in die Bergwelt aufmache. Die Straße ist so schmal, dass ein Auto - sollte tatsächlich mal eins entgegenkommen - aufs Bankett ausweichen muss. Davon künden Grasbüschel, Äste und Erde in den Kurven. Mich lockt noch einmal ein Abstecher nach Slowenien, und der Einstieg am Grenzübergang Sveti Duh ist gut gewählt. Die Strecke ist noch schmaler als drüben und führt in unablässigen Kurven über die dicht bewaldeten Bergkuppen. Das Landschaftsdesign scheint sich an der Grenzlinie zu spiegeln. Die gleichen geschwungenen Hügelketten, nur herrscht auf slowenischer Seite eine Einsamkeit, wie ich sie selten erlebt habe. Kilometerweit kommt mir kein Fahrzeug entgegen. Es ist phantastisch. Die Stille der Bergstrecke wird schließlich von der quirligen Betriebsamkeit einer Stadt abgelöst - Maribor. Nicht nur der auf der Karte verzeichnete Doppelname Maribor/Marburg zeugt von der einstigen Präsenz der Habsburger Doppelmonarchie, sondern auch die prunkvollen Gebäude aus den k.u.k.-Zeiten Österreichs, deren pastellfarbene Fassaden wie mit Zuckerguss überzogen erscheinen. In den Pflastersteingassen der Altstadt reiht sich Straßencafé an Straßencafé. Flanieren ist angesagt. Kurzärmelig, die Sonnenbrille auf der Nase, von einem Café zum nächsten. Vielleicht ist es ja das letzte Mal in diesem Jahr.Die Nationalstraße 3, das slowenische Gegenstück zur steirischen B 69, verleitet zum Geschwindigkeitsrausch. Die Strecke führt in langgezogenen Kurven am Fluss entlang, der zwischen Hügelketten eingebettet ist. Herbstfarben leuchten von den Hängen, die nach jeder Biegung ein wenig näher an die Fahrbahn rücken. Den fahrtechnisch krönenden Abschluss bildet der Radlpass, der mit ein paar ansehnlichen Spitzkehren aus der Schlucht heraus über die Berge führt.Zurück im steirischen Weinland, rolle ich auf direktem Weg in die Weinberge. Auf irgendeinem dieser verdammt schmalen Sträßchen. Wenn die Sonne untergeht, werde ich mich in die Weinlaube eines »Buschenschank« setzen und die Landschaft berachten. Bis der »Sturm« kommt. In Weingläsern auf dem Tablett. Aber was soll’s. Nahezu jeder Buschenschank verfügt über Gästezimmer.
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Infos (Archivversion)

Touren im Herbst haben ein besonderes Flair – vor allem, wenn man auf einer der vielen Weinstraßen im der Steiermark unterwegs ist. Neben kurvigen Strecken locken hier besonders viele Schänken, Gasthöfe und Weingüter.
AnreiseDer schnellste Weg in die Steimark führt von München via Salzburg, den Tauerntunnel und der mautpflichtigen Tauernautobahn A 10 nach Klagenfurt und Völkermarkt. Von dort über die Bundesstraße 80 nach Lavamünd, wo die Bundesstraße 69 beginnt, die quer durch das Steirische Weinland führt. Alternative: Über die A 8 von München nach Salzburg und auf der A 1 / A 9 über Graz nach Leibnitz.ReisezeitIm Steirischen Weinland herrscht mildes, von der Adria beeinflusstes Klima. Touren lässt es sich von April bis Oktober. Besonders stimmungsvoll ist es im Herbst während oder nach der Weinlese. Wer im Spätherbst anreist, sollte bedenken, dass die Anfahrt durch einen Teil der Alpen führt und dort bereits mit Schneefällen zu rechnen ist.ÜbernachtenWie überall in den Alpen herrscht auch in der Steiermark kein Mangel an Hotels in allen Preiskategorien. Besonders empfehlenswert für Motorradfahrer: »Bikercamping Exit L.A.« an der B 69 in Eichberg-Trautenburg, Telefon 0043/3455/46927 Fax 0043/676/5633397, e-mail: camping@route69.at, Internet: www.route69.at. Man nächtigt wahlweise im Branntweinfass, im Indianerzelt, im Matratzenlager oder im eigenen Zelt. Eine Übernachtung kostet inklusive Frühstücksbuffet pro Person etwa 32 Mark. Der Preis umfasst zusätzlich Tourentipps, Kartenmaterial und einen Pannendienst. Auf Wunsch werden auch Zimmer mitten in den Weinbergen vermittelt. Ebenfalls ein guter Tipp: Das Weingut von Harald Legat in Eichberg-Trautenburg 9, Telefon und Fax 0043/3454/230. Für eine Übernachtung mit Frühstück sind etwa 37 Mark zu zahlen (kostenlose Garagenbenutzung). Gut schläft man auch im einzigen Gästezimmer des Weinguts Schantlhof, Glanz 19, Leutschach, Telefon 0043/3454/344. Mit Frühstück werden pro Person rund 37 Mark fällig. Auf dem Gut findet sich auch eine umfangreiche Sammlung alter Puch-Motorräder.Weiter Infos, Prospekte, Zimmernachweise und spezielle Infos für Motorradfahrer (kostenloser Prospekt mit Streckentipps) sind bei der Steirischen Tourismus GmbH, St. Peter-Hauptstraße 243, A-8042 Graz erhältlich, Telefon 0043/316/40030, Fax 0043/316/400310, e-mail: info@steiermark.com. Internet-Infos unter: www.steiermark.com. LiteraturDie erst vor einem halben Jahr erschienene Merian- Ausgabe »Steiermark« ist Sachen Bild, Text und Infos eine ideale Lektüre für die Vorbereitung einer Reise in diese Region (14,80 Mark). Einen guten Überblick verschafft auch der HB Bildatlas Nr. 66 »Steiermark/Graz« für 16,80 Mark.Landkarte: Die Generalkarte, Großblatt Österreich Nr. 2 «Salzburg, Steiermark, Kärnten” von Mairs Geographischer Verlag im Maßstab 1:200000 für 12,80 Mark.Streckenlänge: 400 KilometerZeitaufwand: zwei Tage

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