Straßengeschichten (Archivversion) Baden gegangen

Auf der Rückfahrt von Elba erfuhr Unterwegs-Redakteur Michael Schröder, dass Mailand und die Mongolei weit mehr gemeinsam haben als nur das »M« am Anfang: Im Falle einer Panne braucht man hier wie dort viel Geduld.

Donnerstag, 1. April 2004. Die Reisereportage über Elba ist im Kasten, und pünktlich zum Wochenende werden Kollege Oliver Ebner und ich daheim bei unseren Liebsten sein. Die Laune ist bestens – wir fliegen förmlich über die Bahn, halten seit dem Fährhafen Piombino stur Kurs Nord, wollen heute noch bis Como.
20 Uhr. Kurz vor Mailand. Oliver signalisiert ein Problem. Im Cockpit der BMW R 1200 GS leuchtet ein Warndreieck und das Symbol für den Generator. Vermutlich wird die Batterie nicht mehr geladen. Also Endstation Mailand. Und morgen gleich zur BMW-Niederlassung. Bis dorthin sollte der Strom reichen.
Tut er aber nicht – am denkbar ungünstigsten Ort zündet der Boxer seinen letzten Funken: auf der äußersten von drei Spuren, die über eine Brücke eines verzweigten Autobahndreiecks irgendwo westlich der Industriemetropole führen. Wie es Oliver ohne Motorkraft, Licht und Blinker durch den äußerst temperamentvollen Verkehr auf den knapp einen Meter breiten Standstreifen geschafft hat, verdient Respekt. Ich komme mit der KTM 950 Adventure etwa 300 Meter vor ihm zum Stand.
Handy raus, ADAC angerufen. Kaum zwei Stunden später verladen wir die GS auf einen Abschleppwagen, dem ich im Sattel der KTM in den garantiert unheimlichsten Vorort Mailands folge. Die GS verschwindet in einer düsteren Lagerhalle des italienischen Automobilclubs. Zum Glück findet sich ganz in der Nähe ein Hotel.
Freitag, 2. April, 8.30 Uhr. Da es sich bei der maladen GS um ein Testfahrzeug handelt, rufe ich in München an – in der Hoffnung, einen Ansprechpartner in Mailand genannt zu kriegen. Weil aber die
Abteilung, die für den Fuhrpark zuständig
ist, gerade umzieht, verweist man mich auf die internationale BMW-Servicenummer, die in der Bedienungsanleitung (liegt daheim auf dem Schreibtisch) stünde. Immer-
hin erhalte ich am Hörer eine erste
Schadensdiagnose: Wahrscheinlich sei der
Keilriemen gerissen, der die Lichtmaschine antreibt.
8.35 Uhr. Von den Kollegen in der
Redaktion erfahre ich die Servicenummer. Zweimal wird dort sofort wieder aufgelegt, beim dritten Versuch meldet sich jemand, der ein paar Brocken Englisch versteht. Man will das Kennzeichen von mir wissen – na super, die Papiere liegen im Büro des Abschleppdiensts. Ohne Kennzeichen keine Hilfe. Ciao.
8.40 Uhr. Der ADAC ruft an. Man würde das Motorrad nun zur BMW-Niederlassung bringen. Gegen 10 Uhr startet der Abschleppwagen, ich mit der KTM hinterher. Nach einer Stunde quer durch Mailand schließlich die piekfeine BMW-Zentrale – in der man sich ausschließlich um Autos kümmert. Wir erfahren lediglich die Adresse der neu eingerichteten Zweiradwerkstatt. Doch ohne neuen Auftrag des ADAC weigert sich unser Mann – die Mittagspause vor Augen –, dorthin zu fahren. Um halb eins stehen wir wieder am anderen Ende der Stadt, die bis 14 Uhr Siesta hält. Und dann? Wochenende. Ich fühle mich
so hilflos wie bei meiner Panne vor einigen Jahren mitten in der Wüste Gobi.
15 Uhr. Der ADAC hat endlich einen weiteren Transportauftrag ausgegeben. Trotzdem geht nichts voran. Unsere letzte Hoffnung: Eva Breutel, Italien-Korrespondentin von MOTORRAD, die quasi mit jedem aus der Zweiradbranche hier im Land per du ist – und sofort irgendwo in den oberen Etagen bei BMW anruft. Auf einmal kommt Schwung in die Sache: Um 16 Uhr wird die GS in einen BMW-Service-Wagen verladen, knapp eine Fahrstunde später erreichen wir endlich die zuständige Werkstatt – die, wir können es kaum glauben, nur wenige Minuten von der imposanten BMW-Zentrale entfernt ist, an der wir bereits heute Vormittag standen. Oli und ich sind kurz davor, völlig auszuflippen.
Wenigstens macht man sich hier sofort an die Arbeit. Der Keilriemen ist gerissen. Dazu ein undichter Kurbelwellensimmerring, der zu hohem Ölverlust geführt hat. Es dauert, bis ein passendes Ersatzteil auf-
getrieben ist. Gegen 19 Uhr ist die GS wieder fit. Glück gehabt, hätte auch Montag werden können. Um zwei Uhr schlagen Oliver und ich todmüde in Stuttgart auf.

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