Südafrika (Archivversion) Vom Affental in die Hölle

In den westlichen und östlichen Kap-Provinzen Südafrikas gibt es einige fast vergessene historische Schotterpässe, die durch grandiose Berglandschaften und Täler mit verwegenen Namen führen. Eine Winter-Alternative für die Fans alpiner Off Road-Touren.

Harmlos wie Kühe seien sie, sagte Ranger Antony, und meinte das normale Verhaltensmuster von Breitmaulnashörnern. Im Gegensatz zum Spitzmaul-Rhinozeros würden sie keinerlei Aggressionen gegen Zweibeiner hegen. So, so. Die Theorie bezog sich allerdings ganz eindeutig auf Zweibeiner, die im Auto sitzen und nicht auf die Sorte, die per Bike unterwegs ist. Und vermutlich auch nicht auf erregte Breitmaul-Mütter, die gerade ihren Nachwuchs ausführen. Oh Mann - und ausgerechnet vor diesem Familienteam stehe ich jetzt mit der verflixten BMW. Was für eine bescheuerte Idee! Was vom Auto aus schon recht groß aussieht, wirkt vom Motorradsattel dick, echt dick, Mann. Und als Mama Rhino ihr Riesenhorn auch noch ganz plötzlich in meine Richtung wendet und samt Baby (Lebendgewicht vorsichtig geschätzt 1000 Kilogramm) mit gesenktem Kopf auf mich zuschnaubt, taste ich mit zitterndem Daunem nach dem Starter. Keine gute Idee, wie sich schnell herausstellt, denn der Sound des alten Boxers bringt die gepanzerten Urviecher völlig aus der Fassung. Doch sie weichen aus, gottlob, donnern rechts und links an mir vorbei.Okay, ich bin selbst schuld, es war meine Idee. Was haben auch Nashörner mit einer Schottertour über die Pässe der südafrikanischen Kap-Provinzen zu tun? Nun, ich hatte mir das alles so schön überlegt, wollte das Gefühl vermitteln, wie es den ersten weißen Siedlern gegangen sein muß, die mit ihren Ochsenwagen über die Berge ins Landesinnere gezogen und dabei immer wieder auf wilde Tiere gestoßen sind. Zu diesem Zweck fragte ich Danie Malan, den Marketing Manager des Shamwari Game Reserves nördlich von Port Elizabeth, ob Fotografin Elke und ich eventuell ein paar Fotos mit Maschine und Tieren im Hintergrund schießen könnten. Immer für grelle Ideen zu haben, stimmte dieser sofort zu. Demnächst soll in Shamwari auch Hollywoods teuerster, jemals in Afrika produzierter Film gedreht werden: Mambo - die Story eines Elefanten, mit Wilderern, schönen Frauen und Brad Pitt - Ranger Antony konnte sich also schon einstimmen. Er und Elke hatten sich am Nachmittag im Land Rover auf die Suche nach fotogenen Dickhäutern gemacht, mich auf der BMW vorsichtig im Schlepptau. Kurz vor Sonnenuntergang stöberte Antony die beiden Breiten auf. Als sie nach der nervenaufreibenden Konfrontation endlich im Dickicht verschwunden sind, sehe ich an Elkes erhobenen Daumen, daß sie die Szene im Kasten hat - Lohn der Angst. Während das Beobachten von Afrikas Fauna in Shamwari eher etwas für Gutbetuchte ist, komme ich im weiter westlich liegenden Addo Elephant Park auch mit normalem Budget über die Runden. Statt teuerer Lodges gibt schöne Campingplätze und Hütten für Selbstversorger. Das Essen im Restaurant ist so grausam schlecht, daß man ohnehin schnell zur Campingküche übergeht. Wie in den meisten Nationalparks darf ich mit dem Motorrad nicht durch den Park fahren, doch die Ranger nehmen mich in ihrem Geländewagen netterweise bei ihren Pirschfahrten mit. Nach dem Rhino-Erlebnis bin ich nun eigentlich auch ganz dankbar, im Auto sitzen zu dürfen. Bevor die Regierung Addo in den dreißiger Jahren zum Nationalpark erklärte, war es den Dickhäutern derbe an den runzligen Kragen gegangen. Weil sie immer wieder zum Naschen in Zitrusplantagen eindrangen, die ungefähr ähnlich empfindlich wie Porzellanläden sind, beauftragten die ansässigen Farmer im Jahre 1918 den Profikiller, pardon, Großwildjäger Major Phillip Pretorius damit, das »Problem« aus der Welt zu schaffen. Innerhalb kurzer Zeit gab es nur noch 16 Elefanten in Südafrika. Nach einem Aufschrei der Empörung in der südafrikanischen Bevölkerung wendete sich schließlich das Blatt und 1931 wurde der Addo Elephant National Park ins Leben gerufen. Mittlerweile leben wieder 265 Elefanten in der Region, und der Park gilt nach einigen Erweiterungen inzwischen als Südafrikas drittgrößter Nationalpark.Auf dem Weg nach Westen in Richtung der Schotterpäße durchquere ich eine eher trostlose Gegend. In Wellblechhütten am Straßenrand leben Angehörige des Xhosa-Stamms, die aus den einstigen Homelands in der Ciskei und Transkei hierher in den Süden gekommen sind, um in den großen Autofabriken von Uitenhage und Port Elizabeth Arbeit zu finden. Obwohl Wellblech mittlerweile Stroh und Lehm ersetzt, blieben die Traditionen der Xhosa erhalten. So gibt es nach wie vor die Heiler, Sangomas genannt, die nun in einem Bretterverschlag statt in der althergebrachten Rundhütte praktizieren.Gerade als ich mit der BMW an einem stinkenden Lkw vorbeiziehen will, springt eine weiß leuchtende Gestalt aus den Büschen am Straßenrand. Ich gehe voll in die Eisen. Es ist ein junger Xhosa, der sich mitten in seiner Initiationszeremonie befindet, der Beschneidung. Nach dem Ritual muß er, am ganzen Körper weiß bemalt, einige Zeit in der Wildnis verbringen, was so nahe an der Stadt nicht einfach ist, wie er erklärt. Sein Englisch ist erstaunlich gut. Die Hitze macht ihm deutlich zu schaffen, und er leert die angebotene Wasserflasche mit einem Zug. In der dichten Vegetation der Transkei konnte man früher die Zeit gut im Busch verbringen, erklärt er. Da die jungen Männer in dieser Phase keine Frau sehen oder gar ansprechen dürfen, brachten ihnen ihre Väter Essen und Trinken. Hier arbeiten die Väter den ganzen Tag und natürliche Trinkwasserquellen gibt es nicht. Noch in Gedanken bei dem Jungen, verpasse ich fast die Abfahrt nach Hankey, dem Eingangsportal nach Baviaanskloof. Die ersten holländischen Siedler benannten das Tal nach den zahlreichen dort lebenden Pavianen. Mit denen sie übrigens kurzen Prozeß machten. Die Reste einer Lederfabrik zeugen noch grausam davon. Bald darauf taucht der kleine Ort Patensie auf, heute ein Zentrum des Obstbaus und außerdem die letzte Gelegenheit, das 32-Liter-Spritfaß der BMW vor der Wildnis noch mal zu füllen. Von hier zieht sich ein geschottertes Sträßchen 120 Kilometer weit durch eine nahezu unberührte Berglandschaft. Rechts des Wegs ragt der mit knapp 1800 Metern höchste Gipfel der Region in den blauen Himmel, der Cockscomb (Hahnenkamm), wie er aufgrund seiner fünf Zacken treffend getaufte wurde.Die Schotterstrecke zwischen Patensie und Willowmore wurde zwischen 1880 und 1890 von Thomas Bains gebaut. Zusammen mit seinem Vater Andrew Geddes, der 1816 von Schottland nach Südafrika kam, betreuten er 32 der wichtigsten Straßen- und Paß-Projekte in der Kap-Provinz. Die allmählich nach Norden drängenden weißen Einwanderer brauchten Wege, um ihr Hab und Gut weiter ins Land zu bringen. Bains und Geddes schufen buchstäblich die Grundlagen dafür. Vergleichbar mit den Militärstraßen des ersten Weltkriegs in den Alpen, sind die alten Pässe inzwischen kaum noch von Bedeutung. Für Enduristen ideale Voraussetzungen, führen sie doch durch traumhafte Bergregionen. Staubend erklimmt die BMW den ersten Bergübergang, den durch ein Naturschutzgebiet verlaufenden Combrink’s Mountain-Paß. Die engen Kehren sind schwierig zu fahren, und der harte »Wellblech«-Untergrund schlägt mir fast den Lenker aus den Händen. Doch oben wird der steile Anstieg mit einer grandiosen Aussicht belohnt: im Osten zurück auf das durchquerte Tal und nach Westen über das ausgedehnte Bergplaas-Plateau, dessen langes, golden schimmerndes Gras sanft im Wind wogt. Ein paar kürzlich ausgesetzte Berg-Zebras sollen hier die seltene Rasse wieder heimisch werden lassen. Kurz darauf zwingt mich allerdings kein Zebrastreifen in die Bremsen, sondern eine Riesenschildkröte, die in aller Gemütsruhe über die Piste marschiert. Als ich näher komme, zieht sie sich mit einem empörten Seufzer in ihren gewaltigen, Lkw-Rad-großen Panzer zurück.Die Paßabfahrt ähnelt einer Achterbahn-Runde und macht mit der GS höllischen Spaß. Rechts und links wächst die für die Kap-Region typische Fynbos-Vegetation mit wunderschönen Protea-Pflanzen, die in vielen Farben blühen und exotische Düfte in den Fahrtwind mischen. Ein Stückchen privates Farmland unterbricht das Naturschutzgebiet, dann geht es wieder auf Staatsterrain weiter. Am Doodsklip, dem Todesfelsen, stoße ich am Ufer eines Flußes auf einen Campingplatz der Naturschutzbehörde. Einer Legende nach sollen hier einst Menschen auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sein. Als ich über den baumbestandenen Platz tuckere, verschwinden ein paar Paviane unter kreischendem Protest ins nahe Unterholz, eine Riesenschildkröte zieht sich mit ihren krallenbewehrten Vorderbeinen langsam über den Sand. Hinter den Büschen bewegen sich Schatten, gelbfunkelnde Augenpaare starren aus dem Halbdunkel. Kein besonders behaglicher Platz. Nur fünf Kilometer weiter liegt dafür ein Campingplatz wie aus dem Bilderbuch. In einer Biegung hat der Kruisrivier-Fluß ein natürliches Becken mit einem schneeweißen Sandstrand geschaffen. Ich stürze mich ins Wasser, lasse genüßlich Hitze und Staub von der Haut waschen. Kein Mensch weit und breit, nur ein Fischadler, der über mir kreist. Rooihoek ist der Afrikaans-Name dieses wunderschönen Platzes: rote Ecke, weil die untergehende Sonne die monumentale Felslandschaft abends rot erglühen läßt.Kurz nach Sonnenaufgang kommt der Weckruf. Markerschütternd. Das befehlshabende Pavian-Männchen des Tales begrüßt den neuen Tag. Die Gefolgschaft antwortet vielstimmig. Die steilen Felswände verstärken das Konzert noch, an Schlaf ist nicht mehr zu denken.Vor dem Grassneck-Paß lädt der Fluß noch einmal zum Sprung ins Wasser. Ein paar Kinder freuen sich über die Abwechslung, die meine Badestopp bringt, und amüsieren sich sichtlich über die ganzen Klamotten, die ein Motorradfahrer so trägt und vor einem Bad ablegen muß. Auf der Paßhöhe angekommen, reicht der Blick bis in die Karroo-Wüste. Anschließend geht es auf einer gut ausgebauten und flott befahrbaren Piste nach Westen in Richtung Willowmore weiter. Kurz bevor die Teerstraße beginnt, gilt es noch, eine enge, von roten Felswänden flankierte Schlucht zu durchqueren, danach bläst der Fahrtwind auf dem glatten Asphaltband den Staub aus den Kühlrippen und trocknet die schweißgetränkten Klamotten.Doch schon in Uniondale löst sich der Untergrund wieder auf. Auf grobem Schotter geht es über den Prince Alfreds-Paß, der sich durch die Outeniqua-Berge und den dichten Knysna Forest mit seinen mächtigen Gelbholzbäumen bis zur berühmten Garden Route am Indischen Ozean zieht. Die Wolken, die vom Pazifik ins Landesinnere ziehen, bleiben an der Bergkette hängen, regnen sich aus und schaffen so diese grüne Zone, die an einen blühenden Garten erinnert. Ich rolle hinab nach Knysna, das mit seinen unzähligen Bed & Breakfast-Schildern, den Coffee Shops und Kneipen das touristische Zentrum der Region darstellt. Vor »Charly’s Tapas«, einem auf Stelzen in die Lagune gebauten Holzbau, stehen schon ein paar Motorräder. Ein guter Platz für eine Pause. Schließlich soll es hier die besten Austern Südafrikas geben und selbstgebrautes Bier vom Faß. Anschließend fahre ich wieder zurück in die Berge und nördlich von Knysna in Richtung Rheenendal, auf die parallel zur stark befahrenen Garden Route verlaufende Seven Passes Road. Abwechselnd geteert und geschottert, führt dieses weitere Werk des Straßenkünstlers Thomas Bain bis nach George. Der Weg schlängelt sich durch üppiges Grün, Affen kreischen im dichten Unterholz, Vögel zwitschern. Nur ab und zu gelangt ein Sonnenstrahl durch das grüne Blätterdach. Vermutlich sieht es hier immer noch so aus wie 1867, als Bains die Straße durch den Urwald trieb.In George wartet der nächste Leckerbissen: Südafrikas ältester, befahrbarer Bergübergang, der 1847 eröffnete Montagu-Paß. Da er unter Denkmalschutz steht, ist er immer noch so wunderbar eng und holprig wie zu seinen Entstehungszeiten. Ein Fest für die GS. Die grüne Vegetation erinnert an Bergstrecken in tieferen Alpen- oder Pyrenäenregionen. Nur herrscht hier noch weniger Verkehr. Auf der anderen Paß-Seite ändert sich das Landschaftsbild. Da die feuchten Pazifikwolken nur selten hierher gelangen, ist es in der Karroo heißt und trocken, es ist Straußenland. Hunderttausende der Vögel leben hier auf Farmen. Oudtshoorn ist die Straußen-Metropole der Welt. Während früher Federn hoch im Kurs standen, später das cholesterinfreie Fleisch, ist heute das durch die Federkiele charakteristisch genarbte Leder der teuerste Teil der mächtigen Laufvögel. Nördlich von Oudtshoorn liegt Bains Meisterwerk: der Swartberg, sein siebzehnter und letzter Paß. Vier Jahre brauchte Bains, um die bis auf 1585 Meter ansteigende Piste in den Berg zu treiben. Bis zu 400 Sträflinge arbeiteten in Ermangelung von Maschinen mit Pickeln, Spaten, Hämmern, Meißeln, Schubkarren und Schießpulver daran. Unter großen Felsen wurde einfach ein Feuer angezündet und nach tagelangem Erhitzen dann kaltes Wasser darübergegossen, was sie augenblicklich zum Bersten brachte.Das erste Auto, ein Panhard von 1902, überquerte 1904 den Swartberg. Der Wagen steht heute im C.P.-Nel-Museum in Oudtshoorn. Ein verblichenes Schwarzweiß-Foto zeigt seinen ehemaligen Besitzer, einen gewissen Dr. G. Russel, beim beherzten Queren einer Furt.Selbst alpenverwöhnte Schotterfahrer kommen am Swartberg auf ihre Kosten. Aber es wird noch besser. Kurz hinter der Paßhöhe zweigt eine Piste nach links ab, in die Hölle. Der Ausflug nach Die Hel - den Spitznamen bekam das Gamkaskloof-Tal aufgrund der extremen Hitze im Sommer - bedeutet allerdings weitere 47 Kilometer Staubpiste. Und anschließend den gleichen Weg wieder zurück, denn die Hölle ist eine Sackgasse. Die ersten Einwohner des Tales waren Buschmänner. Weiße kamen 1830, das erste feste Haus entstand etwa sieben Jahre später. 1841 gab es mit Onderplaas die erste Farmgründung. Bis 1963 die Straße zum Swartberg-Paß gebaut wurde, war Gamkaskloof von der Außenwelt abgeschlossen. Alle lebensnotwendigen Dinge mußten mit Packeseln von Prince Albert über die Berge geschafft werden. Heute lebt niemand mehr hier, der letzte Farmer wanderte vor wenigen Jahren ab. Gleichmäßig brummt die Maschine dahin, ab und zu zwingen sie Löcher zu abrupten Kursänderungen, dann geht es wieder flott auf und ab, wie über den Rücken eines Drachens, mit Staubwolke am Hinterrad und einem flauen Gefühl im Magen. Hinter jeder Steigung erwarte ich den Blick ins Tal, sehe aber nur das gelbbraune Band des Wegs, das sich durch die grüne Landschaft schlängelt und irgendwo am Horizont verliert. Ganz plötzlich endet dann die Piste an einem Steilabbruch. Gut 1000 Meter tiefer liegt der Talboden. Dazwischen ein paar extrem steile Spitzkehren. Vorsichtig fädele ich die BMW hinab. Ein paar vom Vorderrad gelöste, kleinere Steine klickern weit über die Felsen ins Tal hinab. Wer in die Hölle will, muß verteufelt gut fahren - ein alter Werbespruch, der hier verdammt gut paßt. Endlich unten angekommen, schlage ich mein Lager auf, grille ein paar im Rucksack mitgebrachte Hühnerbeine. Selbst die in einen feuchten Socken eingewickelte Dose Bier ist sogar noch einigermaßen kühl. Bald geht das Kreuz des Südens am Nachthimmel auf. Wenn ich singen könnte, würde ich das jetzt tun. Ich bin höllisch gut drauf.

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