Südamerika (Archivversion) Nicht von dieser Welt

Wüste, Regenwald und Hochgebirge – es gibt kaum einen anderen Landstrich mit so extremen Kontrasten wie Bolivien, Peru und Ecuador. Und schon mal was von Inka-Cola gehört? Kein Wunder, denn dieses Getränk ist wirklich nicht von dieser Welt.

Ein altes, weißes Blechschild scheppert im Wind. »Bienvenidos a Bolivia«
ist in verwitterten, gelbgrünen Buchstaben zu lesen. Reifenspuren zirkeln um das vom ewigen Sturm gebeutelte Schild auf 4700 Meter Höhe herum und verlieren sich dann in der endlosen Weite des Altiplano. Schließlich fällt die sandige Hochfläche sanft zu einem türkisfarbenen See, der Laguna Verde, ab. Dahinter bohren gewaltige Vulkane ihre schneeweißen Gipfel in einen unwirklich blauen Himmel. Doch es fällt schwer, die Schönheit der Anden-Region unbeschwert zu genießen. Zumindest im
Moment. Unsere Körper werden noch eine ganze Weile brauchen, um sich an die sauerstoffarme Höhenluft zu gewöhnen.
Birgit und ich haben uns die fast 500 Kilometer lange Piste nach Uyuni vorgenommen, die von vielen als eine der schönsten, aber zugleich auch schwierigsten Strecken Südamerikas eingeschätzt wird.
Tatsächlich entpuppt sich der Zustand dieser Piste als grottenschlecht. Wellblech. Wir finden einfach keine Geschwindigkeit, bei der die Rappelei halbwegs zu ertragen ist. Reine
Nervensache. Vermutlich wird sie einem bis Uyuni sämtliche Plomben aus den Zähnen gerüttelt haben. Doch plötzlich ist die Piste vergessen. Vor uns breitet sich eine Senke mit unzähligen heißen Quellen aus. Die Geysire von Sol de mañana, 4850 Meter über dem Meer – des Teufels Küche verdammt nah am Himmel. Kochender, grauer Schlamm spritzt meterhoch aus einem kleinen Krater, daneben tost eine weiße Dampfsäule aus der
zerrissenen Erde.
Der Weg in Richtung Norden bleibt fahrerisch weiterhin äußerst anspruchsvoll. Sand, fein wie Puderzucker, dann wieder Spurrillen, so tief, dass rechts und links die Alukoffer aufsetzen. Ist uns inzwischen aber egal. Denn das Land hier oben zieht sämtliche Register. Im Westen reihen sich die Vulkane wie an einer Perlenschnur. Fantastisch erodierte Felsen wachsen aus der Wüste, und die vielen
Lagunen setzen blaue und grüne Akzente. Die Laguna Colorada leuchtet sogar flammend rot und bietet trotz der eisigen Temperaturen, die in diesen Höhen praktisch das ganze Jahr über herrschen, Lebensraum
für abertausende Flamingos. Die Laguna Honda ist dagegen umgeben von seltsam geformten grauen Bergen, während das
Ufer der Laguna Cañapa überraschend
grünen Bewuchs trägt.

Schließlich gelangen wir zum Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt. Für uns einer der Höhepunkte dieser Reise. Unser Traum, mit den Enduros über die brettebene und schneeweiße Salzfläche zu düsen, geht allerdings baden. Die letzte Regenzeit, intensiv wie seit 50 Jahren nicht mehr, hat den Salar meterhoch überflutet. So bleibt uns nur ein trauriger Blick über die endlos weite Wasserfläche. Doch die melancholischen Gedanken werden schnell von realen Problemen abgelöst. Es gibt keinen Sprit in Uyuni. Mañana – morgen, lautet die Auskunft des Tankwarts. Aus morgen wird übermorgen. Und dann wieder: »Mañana«. Vier Tage warten wir auf die nächste Tankfüllung. Als sie schließlich eintrifft, entpuppt sie sich als zweifelhafte Brühe mit höchstens 85 Oktan. Und riecht obendrein verdächtig nach Terpentin. Doch das Zeug nennt sich optimistisch »Especial«.
Unsere Honda- und Suzuki-Singles verdauen das Gebräu zum Glück ohne Murren und bringen uns ins zugig kalte Potosí, von dort
in die malerische Kolonialstadt Sucre und schließlich in die Metropole La Paz. Verkehrschaos in einer neuen Dimension. Jeder hat Vorfahrt. Oder tut zumindest so. Wir kämpfen uns durch, finden trotz fehlender Schilder
die Ruta 3, die uns aus diesem Moloch
wieder hoch aufs Altiplano bringt. Und zum Abzweig jener Piste hinunter in die immergrünen Yungas, die als gefährlichste Straße der Welt gilt. Ein zweifelhafter Superlativ.
Erst vor zwei Tagen stürzte ein Kleinbus in
die Tiefe – 16 Tote.

Entsprechend groß ist unser Respekt. Die einspurige, steil bergab führende Piste ist mühsam in die Felswand
gehauen. Links geht es völlig schutzlos nahezu senkrecht in die Tiefe, mal nur 100, dann wieder fast 1000 Meter. Und rechts genauso steil hinauf. Zudem herrscht auf dieser Strecke Linksverkehr. Damit die Piloten der bergab rollenden Autos bei Gegenverkehr stets den Abgrund im Blick haben, wenn sie auf der schmalen Trasse rangieren. Allerdings verrät kein Schild, ab wann der Seitenwechsel von rechts nach links gilt. Wir können auf
dieser haarsträubenden Spur nur warten, bis uns der zum Glück recht langsam bergan kriechende Gegenverkehr, zumeist schwer beladene Lkw oder uralte, vollbesetzte
Busse, laut hupend darauf hinweist. Das war es dann schon mit der Rücksichtnahme.
Auf zwei Rädern stehen wir in der Hierarchie der Straße ganz unten.
Nach einigen Kilometern legt sich unsere
Anspannung, weicht der Euphorie des
Fahrens auf dieser spektakulären Piste. Mit
jedem Meter abwärts wird es grüner, feuchter und wärmer. Handtellergroße Schmetterlinge flattern umher, und irgendwann zeigt das Thermometer 27 Grad. In Coroico, einem netten Urwaldkaff, quartieren wir uns im Hotel Esmeralda ein, können uns kaum satt sehen am üppigen Grün der Yungas und würden gerne noch ein paar Ausflüge machen. Aber ein landesweiter Generalstreik ist angedroht. Eigentlich nichts Außergewöhnliches in Bolivien. Bei Protesten in La Paz gab es jedoch gestern zwei Tote. Die Situation ist schwer einzuschätzen, da die Armee bereits die Kasernen verlassen hat. Alle raten uns, das Land zu verlassen.
Also Kurs Nordwest, zum Titicaca-See
und nach Peru. Überraschend freundliche Grenzbeamte empfangen uns im Nachbarland. Anstatt direkt nach Cuzco zu fahren, steht uns der Sinn erst mal nach Meer. Die Strecke hinunter zum Pazifik ist der Wahnsinn. 4000 Höhenmeter, feinster Asphalt,
zu mindestens 1000 Kurven arrangiert.
In einem Restaurant am Pazifik machen wir Bekanntschaft mit peruanischen Gaumenfreuden. Inka-Cola heißt die knallgelbe Flüssigkeit, die wie geschmacksverstärkte, aufgelöste Gummibärchen schmeckt.
Entweder man hasst dieses Zeug oder wird süchtig. Ich bestelle noch eine
Flasche. Eine große. Schließlich muss das Essen verdaut werden – gebratenes Meerschweinchen, die Spezialität des
Landes. Schmeckt fast wie Kaninchen.

Dann aber nehmen wir Kurs auf
Cuzco. Und wieder geht es
mächtig bergauf. Bald zeigt der Höhenmesser 4800 Meter. Aber im Gegensatz zum südlichen Bolivien
ist es immer noch richtig grün. Wir ent-
decken sogar ein paar grasende Kühe –
auf einer Weide, die höher gelegen ist
als jede Bergspitze Europas.
Schließlich erreichen wir Cuzco, das
einstige Zentrum des alten Inkareichs.
Vermutlich die schönste Stadt Amerikas, die sogar noch das vor kurzem bewunderte Sucre übertrifft. Schmale, gepflasterte Gassen im Zentrum, koloniale Häuser mit geschnitzten Holzbalkonen und die quirlige Plaza, auf der uns unzählige
fliegende Händler beharrlich alles Mögliche zum Kauf anbieten. Überall entdecken wir die massiven Mauern, die die Baumeister der Inka errichtet haben. Die riesigen Steine sind so passgenau aufeinander gesetzt, dass nicht mal ein Blatt Papier in die Fugen passt.
Ganz in der Nähe befindet sich das eindrucksvollste Zeugnis der Inka-Kultur:
die sagenumwobene Stadt Machu Picchu, die von den Spaniern zum Glück nicht
gefunden wurde und von der man bis heute nur sehr wenig weiß. Wir sind schon morgens um sechs an diesem in völliger Abgeschiedenheit auf einem Felsensattel gelegenen Ort, haben Machu Picchu noch für uns allein. Eine geheimnisvolle Stille liegt über den Ruinen, nur das dumpfe Rauschen des tief unten fließenden Rio
Urubamba ist zu hören.
Es wird Zeit, wieder ein paar Meter zu
machen. Zwei Tage kurven wir durch die Berge, dann erreichen wir die Panamericana. Von wegen Traumstraße, in Chile und Peru ist die »Panam« die langweiligste Straße überhaupt, führt meist schnurgerade durch öde Küstenwüste. Aber es gibt einen Lichtblick – die Oase Huacachina. Ein kreisrunder See, von Dattelpalmen gesäumt, eine Hand voll schöner Häuser und über 100 Meter hohe Dünen. Ein perfektes Bild – wie mitten in der Sahara.

Es fällt uns schwer, diesen traumhaft schönen Ort zu verlassen – nicht nur mental, sondern auch technisch: Die Honda verweigert ihren Dienst, nimmt
einfach kein Gas mehr an. Der Vergaser ist in Ordnung, die Kerze funkt, der Sprit läuft, und der Luftfilter ist schnell gereinigt. Trotzdem geht nichts. Es bleibt nur eine Möglichkeit – Lima. Niemals wollten wir in die Zehn-Millionen-Metropole, aber nur dort können wir auf eine gute Werkstatt und
Ersatzteile hoffen. Also rein in die Hauptstadt von Peru. Verkehr nahe dem Overkill, und wir mittendrin. Und nicht einfach so, sondern als Schleppzug! Birgit fährt mit ihrer Suzuki voran, zieht mich samt Honda an einem Seil durch das Chaos.
Ein Himmelfahrtskommando.
Zum Glück finden wir schnell eine kleine Werkstatt. Zwei Tage schrauben die Jungs, bis sie den Fehler gefunden haben: Ein Auslassventil ist abgebrannt. Eine Kleinigkeit – wenn man über Ersatz verfügt. Aber wer hat schon ein Honda-Dominator-Ventil in seiner Schublade, wenn dieses Motorrad nirgendwo in Amerika verkauft wird? Doch der Chef treibt ein passendes Teil auf – für einen exklusiven Preis: 100 Dollar sind nicht gerade ein Schnäppchen, aber wir haben keine andere Wahl.
Nichts wie raus aus dem Moloch. Durch den zähen Küstennebel, der fast acht
Monate die Sonne versteckt, rollen wir nordwärts. Bis sich die Straße mit den
Bergen anlegt und sich in unzähligen
Kehren hinauf zum Paso Conococha schraubt. Unterwegs durchbrechen wir die Nebeldecke und spüren endlich
wieder die Wärme der Sonne. Die Reiselust ist nach dem deprimierenden Aufenthalt in Lima zurück. Kribbeln im Bauch.
Was sich schlagartig zum Orkan steigert, als vor uns die Cordillera Huayhuash auftaucht. Wir sind sprachlos angesichts der senkrechten, völlig vereisten Berge mit
ihren messerscharfen Graten. Ein Gipfel erscheint schöner als der andere. Der Yerupajá ist der spektakulärste von allen, 6634 Meter hoch.
Wie in Trance rollen wir hinunter nach
Chiquián, einem kleinen Ort zu Füßen
dieser fantastischen Eisgebilde. Im Hotel treffen wir drei Schweizer Bergprofis. Traurig berichten sie uns von ihrem Scheitern am Yerupajá. »Zu extrem, zu gefährlich, schwieriger als die 8000er im Himalaya.« Aber eine Lappalie im Vergleich zu der Geschichte, die uns Mario abends in der Bar erzählt. In den mörderischen Zeiten Anfang der 90er Jahre, in denen die Guerillabewegung »sendero luminoso« das Land terrorisierte, kamen einige der Untergrundkämpfer auch in sein Dorf. Sie
zwangen die Männer, sich dem »leuchtenden Pfad« anzuschließen. Zum Zeichen, dass sie es ernst meinten, massakrierten sie den Bürgermeister. Eines der vielen tausend Opfer in diesem Krieg, der erst vor einigen Jahren vom damaligen Präsidenten Fujimori beendet wurde.

So langsam läuft uns die Zeit davon. Bis Ecuador ist es weit. Doch wir
wollen noch einmal in die Berge – in die Cordillera Blanca. Vorbei am gigantischen Huascaran, mit 6768 Meter der
König unter Perus Bergen, gewinnen wir auf einer Piste, die es locker mit sämtlichen Alpenstrecken aufnehmen könnte, ständig an Höhe. Bis uns die Wolken verschlucken und dichtes Schneetreiben einsetzt. Plötzlich öffnet sich ein Wolkenfenster, und
uns stockt der Atem beim Blick auf die eisgepanzerten Berge. Ein Traum. Der sich wiederholt. Die Strecke zurück führt über Punta Olimpica. Ein letztes Mal stehen wir ganz oben – 4900 Meter über null – und entscheiden uns bei minus zehn Grad und Schneetreiben endgültig für wärmere
Gefilde. Einige Fahrtage später erreichen wir die Grenze nach Ecuador – und somit die Tropen. Welch Kontrast zum praktisch baumlosen Hochland. Intensives Grün,
farbenprächtige Häuser mit exotischen Blumengärten davor. Ecuador scheint auf den ersten Blick wohlhabender zu sein
als die Nachbarländer.
Die Suche nach einer Unterkunft ist dennoch nervig. Das erste Hotel, vom Reiseführer empfohlen, hat keinen sicheren Parkplatz für die Motorräder, das zweite existiert nicht mehr, das dritte sieht zu schäbig aus, im vierten rennen fette
Kakerlaken herum, und in Nummer fünf schläft man über einer Disco. Zelten
war einfacher, aber Campingplätze gibt es in diesem Teil Südamerikas nicht.
Quito. Endstation unserer Reise. Wir organisieren den Rückflug und zimmern eine stabile Kiste für die Motorräder. Ein letzter Ausflug muss allerdings noch sein. Zum Äquator, dieser imaginären Linie um den Bauch der Erde. Das Hinterrad parkt auf der Südhalbkugel, das Vorderrad auf
dem nördlichen Teil. Am liebsten würden wir jetzt nicht zurück nach Quito fahren, sondern einfach weiter. Immer nordwärts. Bis Alaska. Ein prickelnder Gedanke.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote