Süddeutschland (Archivversion)

Bock und Barock

Eine schwungvolle Runde zwischen Ulm und Bodensee führt unweigerlich an barocken Klöstern und Kirchen vorbei – man sollte ruhig mal einen Blick hinter die Portale riskieren.

Den Kopf im Nacken, starre ich nach oben, versunken in himmlische Halluzinationen, die typisch »barroco«, zu deutsch »schiefrund«, sind. Seltsamste Gestalten in wallenden pastellfarbenen Gewändern schweben auf einer Wolkenspirale, die sich immer höher und höher schraubt. Je enger sie wird, desto schwindeliger wird mir. Dann verschwimmt das Deckenfresko endgültig vor meinen Augen. Ich muss mich hinsetzen. Ein wenig zu geräuschvoll für den heiligen Ort zwänge ich mich in voller Motorradmontur in eine der hölzernen Kirchenbänke des altehrwürdigen Münster Zwiefalten im Aachtal am Rande der Schwäbischen Alb.Vielfältige Formen und Farben außen und innen, der Bau gleicht einer gigantischen Theaterkulisse. Üppig verzierte Beichtstühle stehen in künstlichen Palmengärten, und die wuchtigen Pfeiler sehen nur so aus, als seien sie aus Mamor. Prunk und Pomp als Machtdemonstration der Kirche? Nicht nur. »Barockkirchen sind eine Vision des Himmels.« Es ist ein Mönch in langer schwarzer Kutte, der mir zur Erleuchtung verhilft.Bruder Augustinus, ein sympathischer Benediktiner, der wie Klaus und ich das Münster Zwiefalten besichtigt, versucht geduldig, mir die Bedeutung barocker Sakralbauten im 17. und 18. Jahrhundert zu erklären. »Um nach der Reformation die Menschen an sich zu binden, wollte die katholische Kirche in ihren Gotteshäusern jedem etwas bieten, sei es nun sinnlich einfach oder subtil religiös.« Ein hochmodernes Projekt eigentlich – der Kirchenraum als große Show, als unterhaltsames Event, das einst für die katholische Kirche werben sollte.Draußen vor den wuchtigen Toren des Barocktempels wartet ein Event ganz anderer Art auf mich. Optisch hat die Transalp wenig gemein mit den überschwänglichen, verspielten Formen des Barock. Doch auch ohne den trügerischen ‚schönen Schein‘ gibt mir die Honda den Kick zu »unbändiger Sinnesfreude« – dem typisch barocken Lebensgefühl. Also raus auf die Straße. Vorbei am zu dieser Jahreszeit geschlossenen Biergarten mitten im Ort, der Sommers ein guter besuchter Motorradtreff ist. In der direkten Umgebung lockt ein Netz überaus kurviger Wege, auf denen heute kaum jemand unterwegs ist. Wir geben Gas, lassen die Bikes laufen. Der Fahrtwind schmeckt förmlich nach den Wiesen und Wäldern, und die milden Sonnenstrahlen lassen uns glauben, dass der Winter längst vorüber ist.Oberschwaben ist so durch und durch katholisch, dass die Region zuweilen auch scherzhaft als »schwarzer Erdteil« bezeichnet wird. Auf fast jeder Anhöhe dieses sanften, hügeligen Landstrichs zwischen Ulm und Bodensee ist ein Zwiebelturm als untrügliches Kennzeichen des Barock auszumachen. Klosteranlagen und Dorfkirchen drängen sich auf engstem Raum im einstigen »Pfaffenwinkel des Heiligen Römischen Reiches«.Nach wenigen Kilometern peilen wir Schloss Mochental an, das sich zwischen wildwüchsigen Wiesen, kahlen Obstbäumen und kleinen Wäldchen auf einem Hügel erhebt und einst als Sommersitz und Jagdschloss der Äbte des Klosters Zwiefalten diente. Sie wussten das Leben zu genießen. Gemächlich cruisen wir durch die Landschaft, halten Ausschau nach einem nackten Knaben mit lockigem Haar und Flügelchen. Denn der Putto – Nachfahre der antiken Eroten und Inbegriff heiter-sinnlicher Liebenswürdigkeit – ist unser Pfadfinder entlang der »Oberschwäbischen Barockstraße«. In Anbetracht der Flut an Barockdenkmälern wurden Routen mit dem Emblem »Gelbe Putte auf blaugrünem Grund« gekennzeichnet.Dem illustren Jüngling auf den Fersen, folgen wir der Hauptroute gen Süden und beziehen schließlich in Bad Waldsee Quartier. Selbst im rötlich schimmernden Abendlicht leuchtet das monumentale Portal der Pfarrkirche St. Peter mit ihren seltsam übereck gestellten Türmen noch strahlend weiß.Eine kühle Brise kriecht mir in die halbgeöffnete Lederjacke, als ich am nächsten Vormittag sorgenvoll die schwere Wolkendecke über den Hügeln am Horizont nach einem Sonnenstrahl abtaste. Es sieht gefährlich danach aus, als würden sämtliche Fahrfreuden bald in einem Regenguss ertränkt. Ganz in der Nähe erhebt sich das Glanzlicht des oberschwäbischen Barock ins düstere Firmament: Kloster Weingarten, die größte Barockkirche nördlich der Alpen und berühmt für seinen »Blutritt«. Bis zu 2000 Pilger reiten alljährlich am »Blutfreitag«, dem Tag nach Christi Himmelfahrt, bei ihrer Prozession durch die Stadt. Angeführt werden die Gläubigen vom »Blutreiter«, einem Priester zu Pferd in einem weiten roten Mantel, der die Pilger unablässig segnet und das Kleinod schließlich wieder in die Klosterkirche bringt.Geläutert pilgern wir – jetzt wieder bei strahlendem Sonnenschein – via Ravensburg und Heiligenberg Richtung Meersburg. Unser Programm für den Rest des Tages: Einfach nur Fahren, nichts mehr anschauen außer den ausgedehnten Obstbaumwiesen, noch brach liegenden Feldern und beschaulichen Dörfern im ruhigen Hinterland des Bodensees. Abseits des Barockpfads gönnen wir den Bikes die vielen Kurven, schwingen hin und her, um schließlich ab Uhldingen-Mühlhofen auf einer schmalen Straße zwischen Weinbergen und dem Seeufer zu rollen. Natur pur statt Kultur-Tour. Von den Mauern des Meersburger Schlosses genießen wir schließlich den Blick hinab aufs funkelnde Wasser. Im warmen Abendlicht schimmern die alten, rostbraunen Ziegel der windschiefen Dächer wie Kupfer. Ein romantisches Fachwerkstädtchen, dessen Charme sich außerhalb der Saison ohne die Touristenströme besonders intensiv genießen lässt. Irgendwo im sonnendurchdrängten Dunst stampft eine Fähre über den See und schaukelt mit ihrer Bugwelle die Segelboote gegen die Pfähle des Anlegers. Ein würdiger Ausklang für die heutige Etappe.Am nächsten Morgen entdecken wir bereits nach kurzer Fahrt das Barockschloss Wolfegg, das auf einem Bergrücken liegt und nur über eine kleine Nebenstraße zu erreichen ist. Seit 200 Jahren residiert hier das Uradelsgeschlecht der Grafen zu Waldburg. Neugierig geworden, halten wir mit den Motorrädern auf die massive Toreinfahrt zu. Leider bleibt die Zugbrücke verschlossen. »Besichtigungen sind derzeit nicht möglich.« Hermann Harrer lächelt uns freundlich an. Seit 34 Jahren hütet der nette Pförtner das Entree der Barockresidenz und erzählt von »seinem Grafen« und den fürstlichen Festlichkeiten mit bis zu 300 Gästen. Schade, dass er heute keine Gäste empfängt.Eine heftige Böe fegt über unsere Köpfe hinweg, als wir wieder auf die E-Starter drücken, um gen Norden zu steuern. Ohne Sonnenschein wirkt der stetige Wechsel von Weiden und Wäldern bestenfalls kühl romantisch, und das typische Barockgelb der schlossartigen ehemaligen Benediktiner-Reichsabtei Ochsenhausen leuchtet nicht annähernd so stark wie im Reiseführer. Kaum habe ich das Visier geschlossen, um den kalten Fahrtwind zu bannen, sammeln sich die ersten Tropfen im Sichtfeld. Über uns treiben bedrohliche graue Kumuluswolken ihr Unwesen.Wir schaffen es trocken bis zur Klosterbibliothek Wiblingen. Stattliche Frauenfiguren symbolisieren, was es im Leben zu wissen gilt, wie die Vertreterin der Mathematik mit Winkel, Feder und Zirkel oder jene der Theologie mit dem Auge Gottes im dreieckigen Nimbus auf der Brust. Wieder eine Theater gleiche Kulisse – doch diesmal ist es ein »theatrum scientae«. »Darin liegen alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft verborgen!« lautet die Inschrift über dem Portal Bibliothek, wo Putten mit Kompass und Fernrohr oder Flaschenzug und Brennspiegel die Wunder der Technik demonstrieren. Der helle Lesesaal versteht sich so sehr als barockes Gesamtkunstwerk, dass selbst die Bücher mit einheitlichen weißen Rücken versehen wurden – weil die ‚Göttliche Weisheit‘ hell ist.Gespenstisch wirkt der mächtige, gotische Dom im Schein des Vollmonds, als wir an unserem letzten Abend durch die stillen Gassen der Ulmer Altstadt ziehen. »In Finsternis vergehen die Frevler« – auch das ist eine Inschrift der Klosterbibliothek.
Anzeige

Infos (Archivversion)

Sinnliche Gefühle statt kühle Vernunft, schöner Schein statt trister Realität – mit diesem Konzept wollte der überschwängliche Barock einst die Menschen beeindrucken. Wer im oberschwäbischen Hügelland unterwegs ist, passiert mitunter die schönsten Bauwerke dieser Epoche.
AnreiseUlm bietet sich als Startpunkt für eine Reise durch Oberschwaben an. Dorthin gelangt man über die A7 von Würzburg oder über die A8 aus Richtung Stuttgart oder München. Die »Oberschwäbische Barockstraße« ist sehr gut gekennzeichnet. An fast allen wichtigen Kreuzungen sind Wegweiser mit dem Emblem »Gelbe Putte auf blaugrünem Grund« angebracht. Der Tourismusverband Bodensee-Oberschwaben (Telefon 07524/941343) hat neben einer Haupt- auch eine Ost-, West- und Südroute ausgearbeitet.UnterkunftNur einen Katzensprung vom Ulmer Münster entfernt schläft man recht komfortabel im Hotel »Roter Löwe«, Ulmer Gasse 8, 89073 Ulm, Telefon 0731/62031, Fax 0731/6021502, http://www.akzent.de/hotels/ak165.htm, e-mail: Hotel.Roter.Loewe@akzent.de. Ein Einzelzimmer kostet 138 Mark, ein Doppelzimmer 155 Mark. Ebenfalls sehr angenehm und direkt an dem romantischen mittelalterlichen Rathaus von Bad Waldsee gelegen, ist das Hotel »Grüner Baum«, Hauptstraße 34, 88339 Bad Waldsee, Telefon 07524/9790-0, Fax 07524/9790-50, http://www.gruener-baum-voller-leben.de. Hier schlägt ein Einzelzimmer mit 91 Mark zu Buche; für ein Doppelzimmer sind 140 Mark zu zahlen. In Wangen empfiehlt sich das Hotel »Mohren-Post«, Herrenstraße 27, Telefon 07522/21076, Fax 07522/4872. Ein Einzelzimmer kostet hier 70 Mark, ein Doppelzimmer 130 Mark. Alle Preise sind inklusive Frühstück.SehenswürdigkeitenSelbst in den kleinsten Orten der Region ist irgendwo ein kulturelles Kleinod verborgen. Die schier unüberschaubare Fülle an Barockdenkmälern in Oberschwaben macht die Selektion selbst zur Kunst. Unbedingt empfehlenswert sind die pompösen Sakralbauten des Münsters Zwiefalten und des Klosters Weingarten. Eine kleine, aber feine und zudem handfeste Abwechslung zum pathetischen Barock bieten die Borsten im Besenmuseum von Schloss Mochental. An der Barockbibliothek im Kloster Wiblingen sollte kein Weg vorbei führen.LiteraturDer HB-Kunstführer »Oberschwäbische Barockstraße« bietet eine gute Einführung in die Region und über die barocken Baudenkmäler. Im Buchhandel für 18,80 Mark. Der HB-Bildatlas »Bodensee Oberschwaben« für 16,80 Mark wirkt zwar leicht angestaubt, ist aber aufgrund der vielen Infos und Routentipps trotzdem eine gute Wahl, wenn ein Ausflug durch diese Region ansteht. Kunstfreunde sollten den Reiseführer »Oberschwäbische Barockstraße« aus dem Verlag Schnell und Steiner (ISBN 3795411246) für 28 Mark besorgen.Karte: Blatt 6 »Baden-Württemberg« der der Marco Polo Generalkarte Deutschland im Maßstab von 1: 20000. Das gesamte Set (12 Karten) kostet 19,80 Mark. Oder die ADAC Regionalkarte Süddeutschland, Maßstab 1: 500000 für 12,80 Mark.Streckenlänge: etwa 550 KilometerZeitaufwand: zwei Tage

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote