Südfinnland (Archivversion) Die Lust am Norden

Finnland bedeutet Wasser, Wald und endlose Pisten. Wer hier lebt, muss mit Einsamkeit und Natur in höchster Potenz umgehen können. Wer hier reist, genauso. Mücken und Rentiere werden mitunter zu den einzigen Begleitern.

Runter von der Fähre, am Hafenmarkt noch schnell ein paar Lebensmittel einpacken und dann ab nach Norden. Die Häuserschluchten der finnischen Hauptstadt Helsinki am äußersten Südzipfel des Landes sind bald aus den Rückspiegeln verschwunden, und ich drehe auf kleine Nebenstraßen ab. Als wolle Finnland alle Horrorgeschichten des monoton-kurvenfreien Straßenbaus Lügen strafen, mäandern herrliche Teer- und Schotterpisten zwischen bestellten Feldern und unberührten Waldlandschaften hinauf zum Päijännesee. Hinter Asikkala balanciert die Straße kilometerweit auf einem winzigen, natürlichen Landrücken knapp über der Wasseroberfläche, der mitunter kaum breiter als die Straße selbst ist.

Erst als mir wenig später beinahe die Augen zufallen, realisiere ich, dass die Uhr fast Mitternacht zeigt. Die Sonne scheint unverdrossen wie zu Hause am Spätnachmittag. Kurz entschlossen rolle ich den Schlafsack auf der Veranda einer unbewohnten Fischerhütte aus und verkrieche mich darin, so gut es geht. Zum einen, um es wenigstens etwas dunkler zu haben, zum anderen als Schutz vor den Mücken.

Nächste Station ist Muurame. Dort wurde der urfinnischen Institution par excellence die Ehre erwiesen – mit einem Saunamuseum. Und alles zusammengetragen, was mit freiwilligem Schwitzen zu tun hat. Die Geschichte der Sauna begann vor mehr als tausend Jahren in einem abgedeckten Erdloch, das von einer Rauchsauna und schließlich von der Blockhaussauna abgelöst wurde, wie sie heute noch aktuell ist. Früher fungierte der Sauna- raum oft gleichzeitig als Küche, Bad und Räucherkammer. Sogar das Getreide zum Bierbrauen wurde darin getrocknet. Auch wenn die räumliche Differenzierung mittlerweile strenger ist, ein Haus ohne Sauna wäre für einen Finnen undenkbar. Eher würde er das Dach weglassen, als auf die geliebte Dampfkabine verzichten.

Ich schwitze im Moment auch ohne heißen Dampf. Feuchte neunundzwanzig Grad im Schatten lassen die Luft drückend-schwül wirken. Ein wenig Kühlung bietet der Weg zurück über den Päijännesee und anschließend die 431 Richtung Mikkeli. Dort entsprechen die Straßen nun leider dem finnischen Klischee: zweckmäßig gerade und alle paar Kilometer eine lang gezogene Kurve. Aber kurz vor Mikkeli bin ich ganz froh um die klare Aufteilung. Denn innerhalb weniger Minuten wird der Himmel zappenduster, wie aus dem Nichts brechen tosende Sturmböen auf die Baumwipfel herab, und kurz darauf beginnt es zu schütten, als käme die Sintflut. Ich klemme mich hinter einen blauen Lieferwagen, den ich durch die Wasserwand wenigstens noch schemenhaft erkennen kann, bis mich kurz vor Mikkeli das Vordach eines Supermarktes rettet. Plötzlich erfüllt ein Krachen die Luft, und eine ausgewachsene Föhre schlägt genau dort auf den Teer, wo ich vor zwei Minuten abgebogen bin. Zwanzig Minuten dauert der Spuk. Dann flaut der Wind so schnell ab, wie er gekommen war, und der Regen nieselt nur noch unschuldig herab. Ich verziehe mich auf den nächsten Campingplatz. Vom Wirt erfahre ich am nächsten Morgen, dass der Sturm tausende Bäume umgerissen und einhunderttausend Haushalte vom Stromnetz isoliert hat. Nun, Wald und Wasser sind die Seele Finnlands, Natur gehört hier zum Leben.

Mit jedem Meter Richtung Osten wird es feuchter. Von oben wie von unten. Ich bin an der Ostküste des Saimaasees angelangt, dem größten Binnengewässer des Landes. Obwohl achtmal so groß wie der Bodensee, wirkt er beim Vorbeifahren lediglich wie ein großer Weiher. Unzählige Einbuchtungen und Inseln vereiteln jeden Überblick. Der See hat vor allem für die Holzindustrie Bedeutung. Von kleinen Schleppbooten gezogen, können Tonnen von Stämmen mittels Schwimmpontons über weite Strecken zu den Holzverarbeitungszentren im Süden transportiert werden. Eine Tradition, die bereits seit Jahrhunderten so praktiziert wird.

Während mir der Regen allmählich aufs Gemüt schlägt, scheint er die Finnen in keiner Weise zu beeinträchtigen. Unverzagt stehen sie auf den Uferfelsen und schleudern mit Geschick ihre Angelhaken über Bäche und Seen. An solchen Regentagen würden die Fische am besten beißen, erfahre ich bei einem Kaffee. Außerdem sei Samstag, da habe man Zeit, und das Wetter sei dann zweitrangig. Ich versuche mir diese Philosophie zu Eigen zu machen, doch es gelingt mit nur mäßigem Erfolg.

Wasser ist auch in Imatra das beherrschende Thema, diesmal als imposantes Schauspiel inszeniert. Das dortige Kraftwerk öffnet allabendlich die Schleusen und lässt gewaltige Wassermassen durch eine enge Schlucht in den Vuoksi gischten. Ein Spektakel, das schon im 19. Jahrhundert Zaren und Kaiser in den Ort zog.

Mich am Sonnenstand orientierend, versuche ich, von Imatra auf kleinsten Wegen nach Nordosten vorzudringen. Als ich dann zum zweiten Mal an demselben Bauernhaus vorbeikomme, bin ich doch ziemlich verdutzt. Ohne daran zu denken, dass die Sonne in Finnland um diese Jahreszeit spätabends fast im Norden steht, habe ich einen kompletten Kreis gezogen. Beim zweiten Anlauf klappt es besser. Bei Särkilahti entdecke ich direkt am Seeufer einen herrlichen Schlafplatz. Einziges Problem: die Mücken. Schon beim Zeltaufbau kann ich mich kaum vor ihnen retten.

Die Mücken sind am nächsten Morgen verschwunden, dafür steht ein älterer Finne neben meinem Zelt. Keiner versteht ein Wort des anderen, aber ich kann aus seinen Gebärden herauslesen, dass ich offenbar auf seinem Angelplatz campiere. Okay, ich bin gleich weg. Was er mir allerdings sagen will, als er plötzlich auf allen Vieren über den Boden kriecht und ständig in den Wald deutet, ist mir ein Rätsel. Erst eine Stunde später und zwei Kilometer weiter geht mir ein Licht auf – als eine Bäuerin mir erklärt, dass in den hiesigen Wäldern in den letzten Jahren immer wieder eine Bärin mit ihren Jungen gesehen wurde.

Der Wald ist nicht nur die Seele Finnlands, wirtschaftlich gesehen ist er auch das Rückgrat. Fünfzig Millionen Festmeter Holz werden pro Jahr verarbeitet oder exportiert. Dank ausgeklügelter Waldpflege wächst der Bestand trotzdem jährlich um rund 15 Millionen Festmeter. Unter diesem Aspekt steht in Punkaharju ein Museum, das vielleicht noch besser als das Saunamuseum zu Finnland passt: das Forstmuseum Lusto. Neben vielen Informationen zum Thema Wald werden auf einer riesigen Panoramaleinwand einheimische Tiere in eine leuchtende Herbstlandschaft projiziert. Ich fühle mich wie im Dschungel.

Doch es kommt noch besser. Wenig später stehe ich in dem kleinen Ort Kerimäki vor der angeblich größten Holzkirche der Welt. Ein nach Amerika emigrierter Finne soll die Kirche seinem Heimatort gestiftet haben. Es wird erzählt, er habe mit den Dollars auch gleich die Maße geschickt. Dass er sie in Fuß statt Metern angegeben hatte, konnte ja keiner wissen

Hinter Kitee geht es hinauf nach Tohmajärvi und weiter nach Värtsila zur russischen Grenze. Ein eigenartiges Gefühl kommt auf, als große Schilder in den Feldern mehrsprachig und unmissverständlich die Verbotszone ankündigen. Jenseits der Grenzlinie herrscht unberührte, wilde Natur – die Reviere von Bären und Wölfen. Doch nicht nur sie fungieren als Grenzwächter. Es gibt da noch einen, winzig, international und gnadenlos. Die Mücke. Bei einem kurzen Fotostopp bleibt mir nichts anderes übrig, als panikartig weiterzufahren. Tausende der Plagegeister schwirren in einer Dichte um meine Ohren, als wollten sie mich auffressen. Auf dem Campingplatz bei Ilomantsi wird es noch unerträglicher. Aber der Campingwirt beruhigt mich. Das sei nicht so schlimm heute. Wenn es wirklich viele Mücken gebe, dann umkreise eine dunkle Wolke den Kopf. Ich sehe mein Heil nur noch in der Flucht ins Zelt – und kaufe mir am nächsten Morgen, worüber ich heute schon bei einigen Zeitgenossen geschmunzelt habe: einen Imkerhut.

Bei Hattuvaara zeigt ein großes Schild »To the easternmost point of the EU«. Für den Weg dorthin ist eine Genehmigung der Grenzbehörde erforderlich, die im Grenzoffice in Hattuvaara schnell und freundlich ausgestellt wird. Dann eiert die Africa Twin auf einer grob geschotterten Piste gen Osten. Irgendwann überquert der Weg die dunklen Wasser des Koitajoki-Flusses und endet nach 18 Kilometern an einer einsamen Hütte vor einem See. Für das östliche Ende Europas hätte man sich keinen schöneren Platz aussuchen können. Würden sich da nicht die beiden Grenzpfähle – der finnische in Blauweiß, der russische in Rotgrün – auf einer Insel mitten im See wie zwei Grenzwächter gegenüberstehen, ich wäre mir sicher, auf einem unberührten Flecken Erde zu stehen. Lange grüble ich über die Tatsache, dass hier einst Erster und Zweiter Welt aufeinander trafen, schließlich fahre ich zurück nach Hattuvaara und lasse die Honda auf der 522 weiter nordwärts gleiten. Mehr als hundert Kilometer lang gibt es nichts als einsame Waldgebiete. Nur ein paar Seen und tundraartige Ebenen unterbrechen die grüne Wand aus Kiefern. Hier beginnt sie, die Wildnis des finnischen Nordens. Schiere Natur, die Anpassung von jedem erfordert, der darin leben will. Mit welchen Mitteln die Finnen dies im Laufe der Jahrhunderte bewältigten, zeigt das Pielinenmuseum in Lieksa. Über siebzig Gebäude aus dem Umland wurden dort zu einem Museumsdorf zusammengetragen. Grundlage für das Leben war stets der Wald. Ob Suppenlöffel, Wagenrad oder Spanlampe – aus Holz ließ sich fast alles herstellen.

Mit Nurmes erreiche ich den nördlichsten Punkt meiner Reise und nach Umrundung der Nordspitze des Pielinensees auch den Höhepunkt der Tour. Topographisch zumindest: Mit 347 Metern über Normalnull ist der Berg Koli das Höchste, was Südfinnland zu bieten hat. Grund genug, die Gegend zum Nationalpark zu erklären. Offenbar aber auch, um einen Skilift einzurichten und ein Gipfelhotel zu bauen. Der Weg hinauf führt durch fünf (!) richtige Kurven inklusiver einer Serpentine. Immerhin – der Koli bietet einen der seltenen Blicke über die Wald- und Seenlandschaft. Wie ein Teppich aus Nadeln und Wasser verschwindet sie weit am Horizont, grün und grau vermutlich bis hinauf zum Eismeer.

Westlich des Hoytiäinensees und am Kermajärvi vorbei rollt die Honda weiter nach Süden bis Heinävesi. Ein unscheinbarer Ort, in dem mich ein Finne in holprigem Deutsch auffordert, den Kirchturm zu fotografieren. Dort oben habe während des Krieges seine Mutter mit einem Feldstecher gesessen und nach russischen Bombern Ausschau gehalten. Und nachdem Finnland im Krieg an deutscher Seite stand, meint er, solle das ein Bild wert sein. Außerdem müsse ich die finnischen Erdbeeren probieren. Es seien die besten der Welt.

Ich probiere aber erst mal die Piste über Pyyli hinunter nach Savonlinna und weiter nach Sulkava. Dort soll am Wochenende das traditionelle Kirchboot-Rennen stattfinden. Als Straßen in den Wäldern noch Mangelware und viele Siedlungen kaum erreichbar waren, mussten die Menschen oft weite Strecken im Seenlabyrinth zurücklegen. Zu den großen Kirchenfesten waren mitunter ganze Dorfgemeinschaften per Boot unterwegs. In Sulkava ist daraus – wie könnte es in Finnland anders sein – ein Rennen entstanden. Bis zu vierzehn Ruderer sitzen in den Langbooten, die erstaunliche Geschwindigkeiten erreichen. Allerdings ist weniger die Höchstgeschwindigkeit ausschlaggebend als die Ausdauer. Das Rennen geht über viele Kilometer durch Wald- und Flusslandschaften. Nach dem Massenstart verschwinden die Boote am Horizont –, und in Sulkava ist Party angesagt. Klassisch finnisch mit viel Bier, Fisch und Bratwurst. Gegen Mitternacht, als ich das Renngeschehen schon länger aus den Augen verloren habe, kommt der moderne Teil: Showtime für die Amischlitten. Finnen lieben amerikanische Straßenkreuzer und cruisen in ihren riesigen Kisten nächtens die Flaniermeilen und illegalen Racetracks der Dörfer entlang. Als ich in den frühen Morgenstunden in den Schlafsack krieche, ist die Party noch in vollem Gange.

Gegen Mittag breche ich auf Richtung Saimaasee. Die Nebenstraße nach Suurlahti geistert fünfzehn Kilometer lang auf einer brettharten Piste durch stille Wälder und an Seen entlang. Dann folgt eine traumhafte Motorradstrecke hinüber nach Ristiina und Richtung Lahti, wo jetzt im Sommer die riesigen verwaisten Skisprungschanzen bizarr in den Himmel stechen. Abends gönne ich mir auf dem Zeltplatz am Tuusulasee das letzte Vier-Euro-Plastikbecher-Bier und genieße noch einmal die schrägen Strahlen der langsam gen Norden wandernden Sonne. Am nächsten Morgen bin ich wieder im Hafenmarkt von Helsinki. Diesmal mit einem Körbchen Erdbeeren im Gepäck. Der Mann aus Heinävesi hatte Recht. Sie sind Weltklasse.

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