Südfrankreich: Cevennen

Foto: Daams

Schon die Reifen der Staatskarossen von de Gaulle und Adenauer ließen den Kies knirschen bei der Ankunft am Hotel Château d’Ayres in Meyrueis, einem herrschaftlichen Gemäuer aus dem 12. Jahrhundert, das uns eine gütige Fügung des Schicksals als Hauptquartier für die nächsten Tage beschert hat. Der Auftrag: Erkundung eines südfranzösischen Paradieses für Kurvenfreaks sowie Recherche des Themas Hugenotten und Kamisarden. Hilfreich dabei ist die bereits leicht zerfledderte Michelin-Karte 339, die dermaßen mit gelb-grünem Straßengewürm gespickt ist, dass keine Gefahr besteht, die Zeit als Salonlöwe im Château zu vertrödeln und die Triumph Tiger zu vernachlässigen.

Zum Warmfahren geht es von Meyrueis aus entlang der Jonte auf den Col de Perjuret mit seinem fantastischen Ausblick auf die Hochebene Causse Méjean, eines dieser Hochplateaus, die neben den Gebirgs-massiven – Ausläufer des Massiv Central – und den tief eingeschnittenen Flusstälern das Landschaftsbild des Nationalparks der Cevennen prägen. Oh la la, Karten lügen nicht. Einige Kurven später an der D 18 nach Cabrillac das Schild „Route difficile et dangereuse – schwierige und gefährliche Straße“, dann verbeißen sich während der nächsten Stunde die mikroskopisch kleinen Zähnchen der Michelin Pilot Power in den mehr oder weniger kunstvoll onduliertem Asphalt, zu-nächst bis Florac auf der D 996 und D 907, dann entlang des Tarn auf der D 998. Hört sich doch irgendwie nach drei Ducatis an, oder? Wer unter dem endlosen Dach der Bäume Pause macht, kann die französischen Motorradfreunde, die Motards, schon aus der Ferne hören und raten, womit sie gleich vorbeigeflogen kommen, hoffentlich auf die Gravillonage, den in Frankreich beliebten Rollsplit, achtend.

Ein ideales Fleckchen Erde, um den Gaumen mit frischen Crêpes und duften-dem Grand Crème zu verwöhnen, ist am Fuße des Mont Lozère in Le Pont-de-Montvert das Café le Commerce. Danach gibt’s einen kleinen Spaziergang hoch zum Écomusée du Mont-Lozère, wo uns Odile Rival, Leiterin des Heimatmuseums, mit allerlei Geschichten über Hugenotten und Kamisarden unterhält.Im 16. Jahrhundert erreichten die reformatorischen Ideen von Luther und Calvin auch die einsamen, unzugänglichen Cevennen – und fielen dort bei den Bauern, Hirten und Handwerkern auf fruchtbaren Boden. Schon bald konvertierte ein Großteil der Bevölkerung zu den Protestanten, von den Katholiken – wahrscheinlich in Verballhornung des Wortes für Eidgenossen (eyguenet) – spöttisch Hugenotten genannt. Erst 1598 gewährte ihnen König Heinrich IV. mit dem Toleranzedikt von Nantes (bedingte) Religionsfreiheit sowie staatsbürgerliche Gleichberechtigung und beendete damit eine vierzig Jahre währende Zeit religiöser Kriege und Kämpfe. Doch der Friede hielt keine hundert Jahre.

Ludwig XIV. annullierte 1685 das Edikt und provozierte damit erneut erbitterten Widerstand gegen die (katholische) Obrigkeit, besonders in den Cevennen. Am 24. Juli 1702 eskalierte die Lage, als in Le Pont-de-Montvert der wegen extremen Machtmissbrauchs verhasste Abbé du Chaila von rebellischen Hugenotten getötet wurde. Es war der Beginn des Kamisardenkrieges, benannt nach den weißen Hemden (chemise) der Aufständischen. Obwohl zahlenmäßig weit unterlegen – 3000 Kamisarden standen 30000 königliche Soldaten gegenüber –, waren sie als Ortskundige mit ihren Aktionen in den unwirtlichen Gebirgsregionen immer wieder erfolgreich. Um den Kamisarden den Rückhalt in der Bevölkerung zu nehmen, begannen Truppen von König Ludwig XIV. im Herbst 1703 unter der Losung „Verbrennen der Cevennen“ mit großflächigen Verwüstungen. 466 Dörfer und Gehöfte wurden abgefackelt, die Bewohner in katholische Gegenden umgesiedelt. Doch viele heimatlos ge-wordene Männer schlossen sich nun den Kamisarden an. Erst 1704 konnte eine Amnestie das Land befrieden, das in den Kämpfen auszubluten drohte.

Trotz aller Gewaltexzesse auf beiden Seiten: Dies war weniger ein Bürgerkrieg, sondern eher der bewaffnete Aufstand gegen eine totalitäre Herrschaft mit dem Ziel, als Protestant frei von Repressalien leben zu können. Und immerhin schon seit zwei Generationen ist es kein Problem mehr, wenn in Le Pont-de-Montvert ein Protestant eine Katholikin heiratet – erzählt Museumsleiterin Odile Rival und schlägt damit wieder den Bogen ins Jetzt. Wo an einer bonbonroten Fensterlade des Cafés das Thermometer 22,5 Grad zeigt und uns damit der Sonne in die strahlenden Arme treibt. Kalt dürften sie niemanden lassen, die Esel von Jean Pierre.

Der ehemalige Lehrer bietet in St. Privat de Vallongue experimentierfreudigen Urlaubern die Möglichkeit, mit charmant-charakterstarken Tieren auf Wanderschaft zu gehen. „Citronneeelle“, lockt der pensionierte Pädagoge – mit seinem wallend weißen Haar könnte man ihn fast für den Gandalf aus dem „Herr der Ringe“ halten – eines der Langohren, von denen sich gleich sieben knuffige Exemplare angesprochen fühlen und neugierig ans Gatter traben. Was für eine Chance, sich einzulassen auf ein Abenteuer der Langsamkeit, wie es bereits 1878 Robert Louis Stevenson, Autor der „Schatzinsel“, verarbeitet hat im Buch „Reise mit dem Esel durch die Cevennen“. Also machs gut Citronelle – und dann können 115 britische Pferde auf der geschwungenen N 106 zeigen, wieviel Wolf im Tigerpelz steckt. Muckelige 35 Grad verspricht der Wetterbericht fürs Wochenende – und damit ein Südfrankreich wie aus dem Bilderbuch. Auf zur nächsten Seite. Wie ein landender Jet klingt der 1050er-Triple, wenn er wieder mal vor einer Serpentine zusammengebremst und runtergeschaltet wird. Wir sind unterwegs auf der Kammstraße Corniche des Cévennes nach Saint-Jean-du-Gard, das von 1702 bis 1704 die Stätte des protestantischen Widerstandes war und in dessen Nähe das Musée du Désert über die Kamisardenkriege informiert. Doch bis dahin ist eindeutig der mit schönen Hügeln gespickte, kehrenreiche Weg das Ziel. Angelegt wurde die Panoramastraße übrigens unter Ludwig XIV., damit seine Truppen in die Cevennen vordringen konnten.

Wer sich Zeit für einen kurzen Halt nimmt, entdeckt etwas abseits der Straße bei Saint-Laurent-de-Trèves 190 Millionen Jahre alte Spuren von Dinosauriern, die damals ihre XXL-Stampfer ins lehmige Ufer einer Lagune gedrückt haben. Für alle, die den Botanik-Ausflug zu mühsam finden, bleibt der Blick auf anderes Schuhwerk: Wenn en passant ein Ninja-Krieger seinen Schaltfuß grüßend von der Raste hebt. Ach, wäre das motorisierte Zweirad doch 300 Jahre früher erfunden worden und Vorbild gewesen dafür, wie friedlich sich die unterschiedlichsten Fraktionen der Menschen begegnen können. Musée du Désert im Dörfchen Les Mas Soubeyran bei Mialet – ein Mekka der Hugenotten, die sich hier alljährlich am ersten Sonntag im September treffen. Das Museum befindet sich im Geburtshaus des als Roland bekannt gewordenen Pierre Laporte, der zusammen mit Jean Cavalier, einem Bäcker aus Ribaute, den Aufstand der Kamisarden anführte. 2000 Ausstellungsstücke, vom doppelbödigen Schrank als Zufluchtsort vor den Häschern des Königs bis zum knochenbrechenden Folterrad, lassen eine blutige Zeit wieder aufleben, die Désert genannt wird, weil sie zwi-schen 1685 und der französischen Revolution 1789 eine Wüste im übertragenen Sinne war: als den „ketzerischen“ Protestanten kraft königlicher Allmacht die Ausübung ihres Glaubens strengstens verboten war, sie sich in den Wäldern, Grotten und Schluchten der Cevennen versteckten.

Wurden sie entdeckt, drohte den Priestern der Tod, den Männern ein Dasein als Galeerensklaven und den Frauen der Kerker. Ziel des „Sonnenkönigs“, der neben der politischen auch die religiöse Einheit des Staates anstrebte (une foi, une loi, un roi – ein Glaube, ein Gesetz, ein König), war die Rekatholisierung seiner protestantischen Untertanen. Von denen, soviel Geschichte muss noch sein, bereits Tausende in der berühmt-berüchtigten Bartholomäusnacht zum 24. August 1572 in Paris massakriert wurden. Kein Wunder, dass in der Folgezeit rund 200000 Hugenotten ihre Heimat fluchtartig verließen. Und so fristet die reformierte Kirche heute in Frankreich ein Leben als wahres Mauerblümchen, sind nur noch 1,5 Prozent der Bevölkerung protestantisch. Doch jetzt raus aus dem Museum, bevor ob des güldenen Spätnachmittagslichtes und der geduldig wartenden Motorräder alle Sinne rebellieren.

Es könnte die neue Hausstrecke werden: Mialet, Saint-Jean-du-Gard, Peyrolles, Col du Pas, Valleraugue, Meyrueis. Erst eine Ehrenrunde zur Pont des Camisards, eine steinerne Brücke über den verträumten Gardon, und dann ist man wach! Mal lockt die Straße als Flickenteppich die Federelemente aus der Reserve, mal ist sie derart schmal, dass zur kosmetischen Reparatur automobilen Flankenkontakts zwischen Clio und Golf eine ganze Rolle Gaffa-Tape nicht reicht; und zu guter Letzt provoziert sie einen 56 Kilometer langen Endspurt auf der D 986 zum abendlichen Mahl.„Und dann können wir ja vielleicht auch dieses Sträßchen noch mitnehmen, parcour difficile, hört sich doch gut an“ – Gespräche am Frühstückstisch mit Baguettekrümeln auf der Karte. Schnell die obligatorische Morgenrunde zur Tanke, wo heute ein alter Citroën Traction Avant, das aus vielen Krimis bekannte Gangsterauto, für Aufsehen sorgt, und los geht’s mit dem Sträßchensammeln. Mit der D 57 landen wir gleich einen Volltreffer im grünen Bereich. Ganze Blümchenkolonien haben es sich wie auf Inseln im aufgebrochenen Asphalt wohnlich gemacht, und ein unverschämt blauer Himmel wölbt sich über uns. Unterstützt wird die offensichtlich gute Thermik von den Ventilatoren der Motorräder, deren Enduro-Gene doch arg domestiziert sind, wie jetzt sukzessive deutlich wird.



Nur konsequent, dass sich irgendwann an einer Kreuzung von Waldwegen mitten im Forêt Domaniale de l’Aigoual die Frage stellt: Wo sind wir denn hier bloß gelandet – und wo bitteschön geht’s jetzt weiter? Wer dann alles richtig macht, stößt 27 Kilometer nach dem Tanken in Meyrueis wieder auf eine ordentliche Straße. Doch Hausstrecken kommen in den Cevennen nie allein. Für einen längeren Turn am heutigen Nachmittag empfiehlt der Verkehrsminister: Mont Aigoual, Le Vigan, Ganges, Sumène, Lasalle, Col du Merou, Col de l’Asclier, Notre Dame de la Rouvière, Valleraugue, Meyrueis. Die Vorfreude steigt, das Thermometer auch. Unmöglich zu zählen, was danach an verzwirbelten Kurvenkombinationen, harzig-kräuterigen Duftexplosionen und sprachlos machenden Cevennenpanoramen das Herz des flotten Romantikers aufgehen lässt. „Bergvaga-bunden sind wir...“, würde vielleicht Heino schnulzen. Eine Sozia dagegen, womöglich noch auf spartanischem Sitzbrötchen kauernd, würde wohl eher auf den Helm ihres herzallerliebsten Heizers hämmern und flehen: „Lass uns im Abendglühen langsam heimwärts ziehen.“ „Ruhm und Ehre für die Märtyrer der Résistance“, gedenkt eine stille Tafel am Col du Merou des französischen Widerstands gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. In Le Pont-de-Montvert dagegen hören wir laute Pauken und Trompeten. Begleitet von einem Tambourkorps marschieren „Anciens Combattants d’Algérie“ durch die Straßen, feiern den Jahreskongress alter Kämpfer des Algerienkrieges (1954 bis 1962). Doch das ist ein anderes, nicht weniger blutiges Kapitel in der Geschichte Frankreichs.

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