Südfrankreich (Archivversion) Freies Spiel der Kräfte

Der Fluss Tarn garantiert bleibende Eindrücke: neben, auf und gelegentlich auch in seinen ungebändigten Fluten, die sich bis zu 600 Meter tief ins karstige Gestein gefressen haben. Die Straßen in seinem Einzugsbereich sind genauso wild.

Es gibt Gegenden in Frankreich, an denen man auf dem Weg zum Mittelmeer oder in die Pyrenäen aus Zeitgründen zigmal einfach vorbeigehastet ist. Eine Sünde, verpasst man so doch echte Erlebnisse. Und gerade dafür ist man ja unterwegs, oder? Dem Fluss Tarn, Protagonisten dieser Geschichte, sind derartige Reiseprobleme sicher völlig schnurz. Wir als Motorrad fahrende Jäger und Sammler hingegen wollen den weißen Fleck auf der persönlichen Landkarte endlich enttarnen, pardon: entfernen. Dazu empfiehlt sich ein Basislager, um möglichst unbeschwert für ein paar Tage durchs Zielgebiet zu stromern.

Die Schluchten (Gorges) des Tarn liegen im Département Lozère, mit 14 Einwohnern pro Quadratkilometer die am dünnsten besiedelte Region Frankreichs. Städte sind dort Mangelware, nicht jedoch, zumindest im Sommer, Fahrrad-, Kanu- oder Kletterhelme tragende Aktivurlauber. So spült uns die Quartiersuche schließlich nach Meyrueis. Das mittelalterliche Städtchen liegt etwas abseits an der Jonte, aber das muss kein Nachteil sein, im Gegenteil: Auch dieser Fluss hat sich fleißig durch den Fels gefräst, und nur ein paar Kilometer weiter südlich beginnt das Straßengewürm des Cevennen-Nationalparks.

Einem wundervollen Wiederschmecken der französischen Küche auf der lauschigen Terrasse des Hotel Le Sully folgt am nächsten Morgen bei wolkenlosem Himmel die erste Annäherung an die bis dato so stiefmütterlich behandelte Region. Vor lauter Freude ob der perfekten Bedingungen wird’s auch der TDM schnell warm ums zweizylindrige Herz. Während sich in den Gorges de la Jonte die Pneus zwar zuverlässig, doch flüchtig mit dem Asphalt verzahnen, ist die Liaison jener Blumen, deren filigrane Wurzeln auf wundersame Weise Halt im steil aufragenden Fels finden, von dauerhafterer Art. Am Abzweig nach St. Pierre-des-Tripiers dann keine Chance für Wohnwagen, Busse und Lastkraftwagen: Solch sperrige Spezies müssen unten im Tal bleiben, das serpen-tinenreiche Bergsträßchen ist für sie gesperrt. Eine Einladung par excellence für Motorradfahrer.

Wir tauchen ein oder besser auf in die Welt der sogenannten Grands Causses, einsame, ausgedehnte Karstebenen, von Tarn und Jonte wie mit einer Steinsäge unterteilt in Causse Méjean, Causse Noir und Causse de Sauveterre. Ein Fall für Romantiker. Kugeldisteln und Klatschmohn, um nur zwei der 2000 im Lozère heimischen Pflanzenarten zu nennen, wiegen sich im Wind. Die Luft schon lange raus ist bei verbeulten Kasten-R4 und rostigen Kinderrädchen, die sich vor den wenigen Häusern die Reifen platt stehen. Gleich daneben parken aber, Symbol vielleicht für den Glauben an die Zukunft, nagelneue Autos. Ein paar Etagen tiefer, in der Tropfsteinhöhle Aven Armand, hat sich eine ganze Armee kolossaler Kalksäulen, die größten davon 30 Meter hoch, auf längeres Bleiben eingerichtet. Bei einem durchschnittlichen Wachstum von 0,1 Millimetern pro Jahr ist es schon ein Weilchen her, dass der erste Tropfen durch die poröse Decke fiel.

Zurück ins Tal, mitten hinein in den südfranzösischen Sommer. Und Pause in Le Rozier, wo die Jonte in den Tarn mündet und unter den Schatten spendenden Schirmen einer Brasserie noch gerade rechtzeitig die drohende Dehydration abgewendet werden kann. Für Unterhaltung sorgt am Nachbartisch ein Radlerpärchen: Offenbar nur ihm zuliebe hat sie sich auf die Hitzeschlacht eingelassen – und jetzt die Faxen dicke. Eine durchs Dorf brennende Ducati Hypermotard erinnert uns dann daran, dass der weiße Fleck auf unserer Karte noch dezimiert werden muss, und so begleitet die Yamaha den Tarn weiter flussaufwärts bis les Vignes.

Noch ein wenig schüchtern beim ersten Zusammentreffen, versteckt sich das glasklare, grünlich glänzende Gewässer oft hinter einem dichten Blätterdach, ist von der Straße aus kaum zu sehen. Auch nicht von dem 400 Meter höher gelegenen Point Sublime: Kalter Nebel fetzt ungemütlich um den Aussichtspunkt. Das 19-Uhr-Bimmeln von Kirchenglocken ruft zum Gebet, ein Lämmchen ängstlich blökend nach der Mutter. Wie apokalyptische Reiter stürmen wir auf unserem roten Ross via la Malène und D 986 zurück in das fast schon heimische Meyrueis. Zwei Stunden später steht dort die Mousse au Chocolat auf dem Tisch.

Anderntags ist die Welt, wettertechnisch betrachtet, wieder in Ordnung. Gelegenheit für eine weitere Runde über die Causse Méjean. Durchschnittlich 1000 Meter hoch, knapp 450 Quadratkilometer groß und weniger als 500 Einwohner – das sind die nüchternen Eckdaten einer berauschenden Landschaft. Die wellige Straße führt durch ein wahres Gräsermeer, das im Gegenlicht leuchtet wie helle Schaumkronen. An einigen Stellen der steil abfallenden Ränder der Causse Méjean bohren sich Sträßchen korkenzieherartig den Weg zum Tarn. Dieser war übrigens lange Zeit einziger Transportweg der Region, bis man 1905 eine Straße von Le Rozier nach Sainte Enimie baute.

Die mit Ach und Krach, vermutlich auch mit viel Dynamit, am Nordufer untergebrachte D 907 ist quasi die Panoramastraße durch die Gorges du Tarn. Aufgereiht wie Entenküken beim Schwimmunterricht, präsentiert sich nicht nur die Schar der paddelnden Kanuten, sondern auch manch architektonisch oder landschaftlich Sehenswertes. In Pougnadoires etwa krallen sich Häuser aus unbehauenem Stein förmlich in den sie bedrohlich überragenden Hang. Der Grund für solch kamikazehaft-klaustrophobischen Wohnverhältnisse: chronischer Wassermangel auf den Hochplateaus, der die Menschen die Weite der Causses gerne gegen die Enge der Flusstäler tauschen ließ.


Metropölchen der Tarnschlucht ist Sainte Enimie, ein 500-Seelen-Nest, in dessen engen Gassen einige Galerien Platz gefunden haben, Kunst und Kommerz dicht beieinander liegen. Genau der richtige Ort, um in einem Straßencafé an der Uferpromenade dieses feine Fleckchen Frankreich zu goutieren, zusammen mit all den anderen Teilnehmern der internationalen Karawane, die sich hier eingefunden hat, darunter eine Speed Triple aus Celle und eine Super Duke aus Berlin.

Bis kurz vor Florac kann man so den Tarn beim öffentlichen Schaulaufen begleiten, danach zieht er sich in sein abgeschirmtes Kinderbett am Mont Lozère zurück. Nichts wie hinterher. Den Twin auf der kurvenreichen D 998 bis nach le Pont-de-Montvert mal munter jubeln lassen – dann trennen sich unsere Wege, da die noch acht Kilometer entfernte Quelle des Tarn nur per pedes zu erreichen ist. Trost und 500 Höhenmeter spendet die D 20 zum Col de Finiels. Auf 1541 Metern hat sich eine bunte Bergflora versammelt, die so manchem Urbanisten den Kopf verdreht. Anschließend folgt ein ordentliches Stück Landstraße. D 901 und D 41, N 106, D 907 und D 996, und schon ist Meyrueis wieder erreicht. So eine feste Bleibe hat doch entscheidende Vorteile.

Bei vielen Menschen, die statt Vin rouge lieber rote Blutkörperchen zu einem zentralen Bestandteil des Urlaubsvergnügens machen, steht der Mont Aigoual (1567 Meter) ganz weit oben. Denn für gezieltes Höhentraining sind die Gipfel der Cevennen bei Rennradfahrern und anderen Sportlern sehr beliebt. Wir umkurven anderntags einen Trupp Biathleten, die unter den Skiern Rollen haben und sich ob der an diesem Morgen nur einstelligen Temperaturen sichtlich wohlfühlen. Ob das mit der Kälte hier so bleibt? Immerhin wurde nach der Wahl von Sarkozy ja allgemein der Anbruch einer sozialen Eiszeit prognostiziert.

Der Vorgänger im Präsidentenamt, Jacques Chirac, hat am 14. Dezember 2004 die höchste Autobahnbrücke der Welt eingeweiht, den von Norman Foster entworfenen Viaduc de Millau. Die 2,5 Kilometer lange Brücke über den Tarn wird getragen von nur sieben Pfeilern; der höchste misst 340 Meter, 16 mehr als der Eiffelturm. Die Fahrbahn, gehalten von stählernen Trossen wie von den Saiten einer Harfe, schwebt 270 Meter über dem Tal. Das Bauwerk, 242000 Tonnen schwer, soll Windstärken bis 250 Stundenkilometern trotzen. Soweit die Fakten. Wer das Ensemble aus kühner Konstruktion und dem hier weiten Tal auf sich wirken lassen will, muss auf der Suche nach dem perfekten Logenplatz Geduld mitbringen.

Als die Sonne sinkt, begeben wir uns wieder auf die D 996 von Le Rozier nach Meyrueis durchs Tal der Jonte. Die Straße ist uns jetzt vertraut wie unsere Hausstrecke, doch wir sind wieder zu spät. Térésa und Joël, die überaus gastfreundlichen Wirtsleute vom Restaurant Sully, beköstigen uns noch, obgleich die Küche eigentlich längst Feierabend hat. Merci beaucoup.

Der Kampf für gesunde Nahrungsmittel ist das große Thema von José Bové, dem »Asterix von Millau«. Nicht nur äußerlich hat der Globalisierungsgegner und Buchautor (Die Welt ist keine Ware. Bauern gegen Agromultis) eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Comic-Helden. Berühmt geworden ist die von ihm am 12. August 1999 initiierte »Filetierung« einer McDonald‘s-Filiale durch protestierende Bauern in Millau. Bové wurde dafür zu drei Monaten Gefängnis verurteilt. Anlass des medienwirksamen Spektakels waren von den USA verhängte Strafzölle auf französische Produkte wie Roquefortkäse – wobei diese Einfuhrhindernisse wiederum eine Reaktion auf die zuvor erfolgte Weigerung der EU waren, genmanipulierte Nahrungsmittel aus den USA importieren zu lassen. Von Uncle Sam wegen der milden Strafe für den modernen Asterix gescholten, ja sogar des Antiamerikanismus bezichtigt, verbat sich Frankreich nun seinerseits jede Einmischung in innere Angelegenheiten. Und verurteilte den populären Medienstar 2005 erneut, dieses Mal zu vier Monaten Gefängnis, weil er an der Zerstörung von Genmais-Plantagen beteiligt war. Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende: 2007 kandidierte Bové für das Amt des französischen Staatspräsidenten – und erhielt im ersten Wahlgang stolze 1,3 Prozent der abgegebenen Stimmen.

Fehlt noch was? Ja sicher, eine Kanu-Tour! Hoffentlich sind sie kein schlechtes Omen, die über den Felsen bei Truel kreisenden Gänsegeier. Seit den 1980er Jahren hier wieder heimisch, spähen die Raubvögel nach Aas und Schlachtabfällen. Tief unter ihnen fliegt ein letztes Mal die rote Yamaha durch die Gorges de la Jonte, unterwegs zum Tarn. Möglichkeiten, dort Kanus zu mieten, gibt es viele. Der beste Ausgangspunkt für die malerischsten Flusspassagen scheint jedoch La Malène zu sein. Im schattigen Garten des dortigen Maison de Montesquiou noch einen belebenden Café frappé nebst vitaminreichem Salatteller und dann vis-à-vis zur Verleihstation von Canoë 2000, wo Motorrad und Klamotten ein sicheres Plätzchen finden, bis uns ein Minibus zurückbringen wird.

Ein Kanu für zwei Personen oder zwei Solo-Kajaks? Gemeinsam ist man hoffentlich stark, und so wird eine rote »Banane« geentert, deren Bug und Heck leicht nach oben gebogen sind. Störrisch wie ein Esel macht das Ding mit den schwimmwestenbewehrten Landratten, was es will. Mal geht’s nach links, mal nach rechts, oft auch rückwärts voran. Oder ist doch nur die Strömung schuld? Hektischer Paddeleinsatz führt selten zum gewünschten Kurs. Den Besatzungen der anderen Booten geht’s oft nicht besser: »à gauche«, »non, à droite« schallt es über den Fluss. Ab und zu haben wir Grundberührung, wenn der Kunststoffkiel über die Flusskiesel schrappt. Immerhin kommen keine Mücken, dafür wunderschöne, türkisfarbige Libellen. Die Landschaft ist sowieso ein Traum, kaum mit Worten zu beschreiben. Und nach der ersten erfolgreich gemeisterten Stromschnelle das beruhigende Fazit: Locker bleiben und laufen lassen, der Bug sucht sich schon seinen Weg – ganz ähnlich wie beim Tiefsandfahren das Vorderrad einer Enduro.


Acht Kilometer sind es von La Malène bis zur Ausstiegstelle Cirque des Baumes, wofür zwei Stunden zu kalkulieren sind, inklusive Picknickpause am Kiesstrand. Ein paar Kekse und Limonade, zusammen mit Badetüchern und trockenen Hosen in einer wasserdichten Tonne an Bord, dann heißt es »Leinen los« fürs Finale Grande. Es geht alles ganz schnell. Von unsichtbaren Kräften bewegt, macht das Kanu wieder mal eine halbe Pirouette, treibt mit dem Heck voran auf einen wild gurgelnden Strudel zu. Und kentert. Einfach so. Das Wasser ist gar nicht kalt. Auch nicht sonderlich tief. Aber Garant dafür, dass der gewünscht innige Kontakt zum Tarn auf kaum noch zu intensivierende Weise gelingt. Die Sonnenanbeter am flachen Ufer sehen kaum auf, solch nautische Missgeschicke sind sie wohl gewohnt. Einzig drohendes Malheur offenbar: Die zweite Tonne mit der kompletten Spiegelreflex-Ausrüstung will sich als Flaschenpost auf die wellige Reise an ein unbekanntes Ziel machen. Das kann verhindert werden, glücklicherweise.

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