Südfrankreich (Archivversion) Jagdszenen jenseits der Route du Soleil

Südwestlich von Grenoble erstrecken sich die Berge des Vercors. Von dort hinab bis zur Ardèche ist nicht nur wegen des milden Klimas ein echter Tipp für den Herbst. Ohne den Trubel des Sommers lässt es sich hier zu dieser Jahreszeit einfach am besten Motorrad fahren.

Grenoble fliegt vorbei, ich setze den Blinker, tausche die leidige Bahn bei St. Gervais endlich gegen eine Landstraße. Aber nicht gegen irgendeine. Sondern gegen die D 35, die »Route des Ecouges«, die sich eng an eine Felswand schmiegt und beherzt nach oben führt. Hier beginnt der Vercors, eine mächtige Barriere aus grauem Stein. So unschein-
bar dieser bewaldete Gebirgszug auf der Karte aussieht, so steil und imposant
gibt er sich in natura.
Im wilden Zickzack geht es hinauf, bis sich schließlich in Richtung Westen eine majestätische Aussicht ins Rhônetal auftut. Dort verläuft irgendwo die »Autoroute du Soleil«, die Piste, auf der halb Europa sonnenhungrig Jahr für Jahr hinunter ans Meer zieht. Die herannahenden Wolkenberge lassen allerdings eher Norwegen-Atmosphäre aufkommen. Gebirgstouren im Herbst haben etwas Unberechenbares, doch wir gaben die Hoffnung nicht auf, hier mit ein paar milden, sonnigen Tagen noch einmal ein bisschen Sommerstimmung zu genießen.
Etliche Rinnsale queren die Straßen – in der letzten Nacht muss es bereits heftig gegossen haben –, und an der alten, steinernen Sicherung des Abgrunds haben sich grüngelbe Flechten festgesaugt. Ein Naturtunnel ist in die schroffe Felswand gehauen, daneben windet sich ein Teerband, kühn wie die Calanque auf Korsika, über dem Abgrund. Einbahn-Verkehr: im Tunnel hin, außen zurück. Für Corina und mich heißt das: ab in die Finsternis. Das Scheinwerferlicht wird vom pechschwarzen Nichts aufgesogen. Vorsichtig tasten wir uns dem kleinen, hellen Fleck am
Ende der Röhre entgegen, bis uns eine Felsscharte ins Freie entlässt. Der Herbstwind hat dort Laubwehen bis hoch zu
den steinernen Randmauern aufgetürmt. An manchen Stellen ist kein Meter Asphalt mehr zu sehen.
Über ein Hochtal gelangen wir weiter zu den Gorges de la Bourne. Mächtige
Felswände ragen aus dem gelb und rot gesprenkelten Laubwald, die Straße mühevoll aus dem Stein gesprengt und teilweise unter natürlichen Überhängen ver-
laufend – ein großer Vorteil beim wenig später einsetzenden Regen. Weitere Abstecher verschieben wir wohl besser auf morgen.
Augenscheinlich sind wir nicht die Einzigen, die das schlechte Wetter in die »PMU Sportsbar« in Pont-en-Royans getrieben hat. Jeder Tisch ist bis auf den letzten Platz besetzt, und aus dem Hinterzimmer dringt das Klackern von Billardkugeln. Als wir über der durchnässten Landkarte grübeln, kommt der Wirt herbei, pocht mit seinem Finger auf einige Orte auf dem Blatt und fragt, ob wir wüssten, wie das mit der Resistance während des Zweiten Weltkrieges im Vercors gewesen sei? Wir seien doch Deutsche, oder? Damals hätten viele Bewohner der Region gegen die Nazis gekämpft. Nicht ohne Stolz erzählt der alte Mann von den zahlreichen Partisanenüberfällen im Rhônetal sowie in den Alpen, die vom
Vercors aus vorbereitet und durchgeführt wurden. Siegesbewusst hatte sich im
Februar 1944 der antifaschistische Widerstand sogar zur »République du Vercors« formiert. Dann hätte General de Gaulle sein Versprechen nicht gehalten, alliierte Truppen im Vercors abzusetzen, die
die Resistance mit Waffen, Munition und wichtigen Gütern versorgen sollten.
So seien beim Angriff der Wehrmacht im
Juli 1944 zwei Dörfer niedergebrannt
und 639 Widerstandskämpfer sowie 231 Zivilisten erschossen worden. »Ihr müsst
unbedingt ins Musée de la Résistance in Vassieux-en-Vercors fahren«, empfiehlt er schließlich.
Am nächsten Tag klart das Wetter auf, weshalb wir ein Vertiefen in die geschichtlichen Hintergründe auf eine spätere Reise vertagen. Stattdessen peilen wir die »Grands Goulets« an – eine einzigartige Strecke, deren Name so viel wie »großes Nadelöhr« bedeutet und die durch ein abenteuerlich angelegtes Galleriesystem am oberen Rand einer Schlucht entlangführt. Doch davon bekommen wir nichts zu sehen – ein Schild verhindert die Weiterfahrt: Baustelle bis März 2008. Auf Kosten der Europäischen Union wird die Straße verbreitert, verschwindet danach vermutlich in einem langweiligen Tunnel. Neidisch blicke ich ein paar Bauarbeitern auf einem Pick-up hinterher. In meinem Kopf sehe ich bereits ein riesiges Transparent: »Motorradfahrer aller Länder vereinigt euch für den Erhalt aller abenteuerlichen Straßen Europas...«
Wenig später kreuzen in den Wäldern, die einst vielen Resistance-Kämpfern Unterschlupf boten, tatsächlich Bewaffnete unseren Weg. Aber sie sind harmlos. Jedenfalls für uns. Mit dem Herbst ist in Frankreich das Jagdfieber ausgebrochen, weshalb Jäger und Treiber in Camouflage-Look immer wieder unvermittelt die Straße queren. Oder in den Dorfkneipen stolz über ihr Jagdglück berichten. Mit erhöhter Aufmerksamkeit hangeln wir uns kurz
darauf entlang der »Combe Laval«, eine Panoramatrasse, die hoch im Fels die beiden Pässe Col Gaudissart und Col de la Machine miteinander verbindet und einen Blick tief hinunter ins Tal der Isère bietet.
Wir halten weiter Kurs Süd, pfeilen durch den Wald von Lente und nehmen hinter Vassieux-en-Vercors den Col de Rousset ins Visier. Zwar verfügt er aus dieser Richtung kommend nur über eine kurze Rampe bis zur gut 1300 Meter
hoch gelegenen Passhöhe, doch die Aussicht von oben beflügelt die Sinne. Ein
in sämtlichen Herbstfarben schillernder Laubwald umrankt die weithin sichtbaren Haarnadelkurven, die bis zum fast schon provenzalisch wirkenden Städtchen Die führen. Hier endet also das alpine Frankreich, der Süden beginnt. Schemenhaft leuchtet der kahle Gipfel des Mont Ventoux, und nach der Passabfahrt wandert bei geschätzten 25 Grad die erste Bekleidungsschicht in die Koffer. Im Departement Drôme regiert noch immer der Sommer.
Eine Stunde später tauchen wir südlich der D 93 in die ländlichen Ausläufer der Rhône-Alpen ein. Durch Weinberge, die von ihren Früchten bereits erleichtert
wurden, führt das Sträßchen zum Col de
la Chaudière, zwischen Montélimar und
Le Teil kreuzen wir die Rhône und folgen schließlich den Wegweisern nach Aubenas, um endgültig Kurs auf die Ardèche
zu nehmen. Der lauwarme Fahrtwind
tut einfach nur gut.
Der Herbst kann ruhig noch lange auf sich warten lassen.
Am Ortseingang von Valvignères er-tönt im letzten Tageslicht aus polyphonen Jagdhörnern das Halali – die Jagdgesellschaften werden wir heute nicht mehr los. In dem entlegenen Winzerdorf haben sich scheinbar alle Bewohner versammelt, um die Ausbeute des Tages zu bewundern. Eine Weile später beginnt bei Pastis und Wein der gemütliche Teil des Abends.
Es duftet bereits schmackhaft nach Wildschweinbraten. Dekorativ angerichtet mit Pilzen, Herbstlaub und Kastanien, hätte selbst Obelix seine helle Freude daran. Auch wir werden auf ein Glas Wein eingeladen, wollen allerdings noch die Strecke nach St. Maurice-d’Ibie zurücklegen, die bei Nacht nicht ganz einfach zu finden ist.
Auf kleinen, landwirtschaftlichen Wegen unterwegs, helfen bei totaler Finsternis
nur noch die Pfeile des GPS-Geräts weiter. Irgendwo auf einer Wiese schlagen wir das Zelt auf, und schon bald köcheln die Spaghetti. Kulinarisch vermutlich keine Konkurrenz zu Wildschwein, doch die armen Viecher taten uns schon ein bisschen leid.
Die Gorges de l’Ardèche sind erreicht. Und präsentieren sich im Oktober komplett anders als im Sommer. Was nicht allein daran liegt, dass die Sonne viel tiefer steht und so für interessante Licht- und Schattenspiele in der Schlucht sorgt. Während im Hochsommer unzählige Boote den Fluss tief unten im Canyon bevölkern, ist das Wasser jetzt stark aufgewühlt, weshalb nur noch wenige, geschickte Kajakfahrer durch die wilden Stromschnellen pfeilen. In Vallon-Pont-d’Arc ist es nicht einfach, ein offenes Geschäft oder Lokal zu finden. Die Saison ist eben längst gelaufen. Erst ein Stück flussaufwärts werden wir an Balazucs steinerner Bogen-
brücke fündig. Neben dem obligatorischen Kanuverleih hat noch ein Gartencafé geöffnet. Vereinzelte Kanuten flitzen auf dem Wasser vorbei, Motor- und Fahrradler passieren die Brücke, nebenbei werden Eis und Getränke serviert. Genau so hatten wir uns das vorgestellt.
Ein paar Kilometer weiter nördlich präsentiert sich ein französisches Vorzeigedorf: Das charmante Vogüé darf sich zu den »plus beaux villages de France«, einer Vereinigung der schönsten Dörfer Frankreichs zählen. Nicht verwunderlich beim Anblick der perfekt arrangierten, mittelalterlichen Häuser im Schatten von hohen, ockerfarbenen Kalkfelsen, die allesamt aus dem gleichen hellen Stein erbaut wurden. Auf einem kleinen Platz beginnen ein paar alte Männer im Schatten uralter Platanen gerade mit einer neuen Partie Boule. Das laute Klacken der schweren Metallkugeln ist weithin zu hören, jeder Wurf wird anschließend ausgiebig diskutiert. Vom nahen Winter, der sich in den Bergen allmählich schon breit macht, ist hier noch nichts zu spüren. Auf der gut ausgebauten, relativ stark befahrenen D 104 halten wir uns für einige Zeit in Richtung Alès, um am Ufer des Chassezac nach Les Vans abzubiegen. Das gewundene Sträßchen führt von nun an über ein bewaldetes Plateau, den »Bois de Païolive«, das auf der einen Seite gut 80 Meter tief in die Chassezac-Schlucht abfällt. Wir lassen das Motorrad stehen und folgen eine Weile lang einem Wanderweg, der
zu merkwürdig geformten Felsgebilden führt, die Menschen- und Tiergestalten
ähneln. Ein Gefühl, als seien wir in einer Märchenwelt gelandet.
Am späten Nachmittag lassen wir es dann einfach wieder laufen. Die Strecken rund um Les Vans und entlang des Flüsschens Sure sind hochgeniales Motorradterrain. Es geht an zahlreichen Weinfeldern vorbei, wo die Lese noch in vollem Gang ist. Die Räder unserer Maschine wirbeln Laub auf, und es duftet nach Maccia. Herbst in Südfrankreich. Wir genießen
ihn in vollen Zügen.

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