Südfrankreich (Archivversion) Herbe de Provence

Wer den herben Charme der nördlichen Provence entdecken möchte und die winzigen Trails südlich des Alpenkamms, der findet bei einem kleinen, hoch engagierten Enduro-Team nahe Sisteron echte Antworten.

Lachen ist vom Hof zu hören, Geschirrklappern dringt aus der Küche. Ein strahlender Herbstmorgen löst gerade die letzten Nebelfetzen aus der Haute Provence. Der erste schöne Tag seit Wochen, das hartnäckige Tief ist gen Mittelmeer entschwunden. In der Küche dampfen riesige Milchkaffeeschalen auf dem Arbeitstisch, während Uta Baier bereits in vollem Cross-Ornat über dem Einkaufszettel fürs Abendessen grübelt. So, fertig – Lehrling Radek kriegt die Liste, und die Wanderkarten werden aus der Küchenschublade gekramt. Uta Baier, 48, ist nicht nur Hotel- und Küchenchefin, sondern auch Enduro-Guide. Seit 1989 lebt die Ex-Bayerin mit den beiden Freunden Wolfgang und Moritz in diesem rund 400 Jahre alten, aus Ruinen eigenhändig wieder aufgebauten Herrenhaus Fombeton und organisiert von dort die Entdeckung der Hautes Alpes und Haute Provence. Entweder aus der Luft – dank bester Thermik ist die Region ein internationales Segler- und Gleiterdorado – oder per Mountainbike oder Motorrad. In dem urigen 14-Zimmer-Hotel teilen sich denn auch beide Fraktionen einträchtig die Plätze. Während die Flieger online die Wetterkanäle durchsurfen, studieren Uta und Wolfgang die Höhenlinien der IGN-Karten. »Wie wär’s mal wieder mit dem Chabre?« »Den schönen Höhenweg? Und mittags dann nach Sederon? Genial!« Der Trip ist schnell geplant, und Monika und ich machen unsere Enduros draußen startklar. Hatte etwas Überwindung gekostet, mit den alten Kisten hier aufzukreuzen. Yamaha XT 350 und Suzuki DR 350 waren technisch zwar echt mal richtig aufregend gewesen und die Suzuki sogar schon zweimal in Afrika – aber State of the Art ist dann doch was anderes. Der erste Blick in die Schrauberwerkstatt des Hauses beruhigt jedoch – neben zwei neuen KTM von Teilzeit-Crewmitglied Andrea Mayer, einem verstaubten Rallye-Unimog sowie einem mit allen Wassern gewaschenen Toyota-Pick-up entdecken wir den eigentlichen Fuhrpark des Hauses: Honda XLR aus den glorreichen 80ern – hier sind wir richtig! Ein paar energische Tritte, und die kleinen Singles ballern fröhlich los. Helm auf und raus geht’s auf die Landstraße Richtung Sisteron, das seine berühmte Zitadelle weithin sichtbar gen Himmel reckt. Drunter in den Gassen brodelt bereits das südfranzösische Morgenleben, die Renaults und Citroëns ötteln vor den Läden und Cafés im Leerlauf, während drinnen der erste Café noir plus Schwätzchen angesagt ist. Schnell tanken, und wenige Kilometer später verschluckt uns die tief ausgeschnittene Schlucht des Méouge.Übers Motorrad hat die Crew sich kennen gelernt. Als Andrea Mayer 1999 im BMW-Paris-Dakar-Team antrat und Chef Richard Schalber eine weibliche Mechanikerin für sie organisierte hatte. »Do hot’s gschaut, die May’rin, wie’s g’hört hot, dös a Fra ihr Motorradl richt’n soll.« Uta amüsiert die Schote heute noch. Bei KTM hat Andrea später auf Uta bestanden, so gut lief die Sache. Erst den Wechsel zu Mitsubishi vergangenen Winter machte die gelernte BMW-Mechanikerin nicht mehr mit. Jetzt waren erst mal das Hotel und die Provence-Pisten dran.Türkisgrün sprudelt tief unter uns der Fluss, während wir auf halber Schluchthöhe entlanghämmern. Ein kleines, brüchiges Teersträßchen zweigt am Ende ab und zwirbelt sich hoch in die Berge. Der Asphalt wird immer dünner, bis er schließlich ganz in Schotter übergeht. Enge Kehren winden sich zwischen knorrigen Bäumen und hüfthohem Gras hindurch, und wir arbeiten uns allmählich an die Südflanke des Chabre heran. Ein paar alte Steinhäuser ducken sich neben dem leicht zu fahrenden Weg, der sich nach einem weiten Bogen allmählich wieder ins nächste Dorf absenkt. Hühner und Hunde flitzen in Ballons zur Seite, bevor es in ein paar bröckeligen Kehren erneut aufwärts zum 927 Meter hohen Col de la Croisette und wenig später zum 1159 Meter zählenden Col de St. Jean geht. Ein alter R4 schaukelt auf der kreuzenden D 170 daher, der Jäger darin nickt uns freundlich zu. Die Teerstraße kommt gerade recht, wir pfeilen für eine Pause ab nach Séderon. Direkt vor die obligatorische Bar neben einem kleinen Lebensmittelgeschäft mit Zeitungs- und Postkartenständern vor der Tür, die Enduros werden an die nächste Platane gelehnt, Kaffee, Sprudel und Baguettes für alle. Eine Stunde später stieben wir auf einem von der Straße kaum erkennbaren Schotterabzweig wieder hoch in die Berge. Loses Geröll, tiefe Rinnen, egal – Gas, ein kleiner Buckel noch, und irgendwann kippen wir atemlos oben über die Kante, erreichen einen wunderschönen Grat. Im Nordosten zeichnen sich weiß verschneit die Ausläufer der Alpen ab, im Südwesten der Mont Ventoux als einsame Spitze in dem flacher werdenen Terrain, die Hügel davor in grauen und rosaroten Schattierungen. Und dann ist er plötzlich da, dieser unvergleichliche Duft. Ein Lavendelfeld auf dem Talweg direkt neben uns, violett schimmernd und mit seinem Odem die Aura der ganzen Provence versprühend. »Der Wanderweg! Wir müssen unbedingt den Wanderweg nehmen!« Andrea Mayer, zusammen mit Fotograf Gerhard mit von der Partie, kennt die Schmankerl der Tour gut. Die Rede ist vom einen Wegabschnitt, den man eigentlich mittels Serpentinen recht entspannt zu Tal fahren könnte. Das Vergnügen lässt sich aber auf einem Fußpfad, der quasi senkrecht in der Falllinie die Kehren abschneidet, deutlich erhöhen. »Ehm, sieht ja ganz schön steil aus...«, Moni und ich gucken etwas skeptisch den Hang runter. »Ach was, bisschen Abstand halten und vorsichtig bremsen, dann klappt das.« Ach so. Und schon tauchen sie ins Unterholz ein, die Büsche schließen sich hinter ihnen. Also hinterher. Immerhin sind das unsere Instruktoren. Zweige peitschen an den Helm, fette Steine rollen vors Vorderrad, Geröll drückt sich prasselnd weg. Möglichst weich führe ich die Suzuki zwischen den Knien, halte sie locker an Gas und Bremse. Und tatsächlich, ziegengleich klettert die Kleine wie in ihren besten Tagen zu Tal. Gelegentlich überqueren wir den Fahrweg, schlüpfen gegenüber fast lautlos wieder ins Dickicht. Es wird immer dichter, die Äste streifen hart an den Armen, es ist kaum mehr Platz. Aufatmend kommen wir auf dem Kehrweg an. »Dann nehmen wir doch das letzte Stück mit der abgerutschten Kehre auch noch.« Andrea nutzt die Gunst der guten Laune. Nach der probaten Faustregel 0,1 bar pro Sekunde Daumendruck lasse ich schnell etwas Luft aus den zu prallen Reifen, um den Grip zu erhöhen, und schon liegt das letzte zerklüftete Steilstück hinter uns. »Jetzt eine morastige Wiese, dann haben wir’s.« Doch die Regenfälle! Als ich als Letzte die Wiese erreiche, sehe ich gerade noch Moni und Wolfgang mit dreiviertels abgetauchten Vorderrädern kämpfen und rette mich schnell auf eine erhöhte Grasnarbe, um die beste Passage auszugucken. Überall lauert tückisch schwarzer Morast unter den dünnen Grasbüschen. Also Vorderrad entlasten und mit möglichst viel Druck und Drehzahl durch. Die DR würgt zunächst etwas in dem zähen Modder, doch dann fräst sie sich tapfer und mit einer Dreckfontäne durch zur nächsten Anhöhe. Da ist es plötzlich vorbei mit Gerhards KTM. Peng, aus. Ohne Vorwarnung. »Die Nässe!« Uta hat bereits den Stecker runter und dreht die Kerze raus. »Wolfgang, gib mir mal probeweise die von der Honda.« Ein paar mal Starten – kein Funke mehr. »Puh – das wird was Längeres, die muss heim in die Werkstatt.« Schieben oder schleppen? Es kommt nur ein kleiner Buckel, dann beginnt der Talweg. »Schleppen!« »Da kennt die May’rin sich aus!« Uta lacht laut. »Eine ganze Polen-Rallye hat uns so eine blöde Blackbox mal vergeigt. Geschleppt bis zum Abwinken!« Uta und Andrea sind schon bei den Rallye-Anekdoten. »Und ausgerechnet heut’ ist der Feucht nicht da ist!« Moritz hat ihn mitgenommen. Erich Feucht, ein steinalter Mercedes 207 D und irgendwann im vorigen Jahrhundert vor dem Tod durch den deutschen TÜV in die Provence gerettet. »Erich Feucht – Installationen, Gas, Wasser – Telefon 089/...« »Eigentlich hätten wir den Schriftzug überlackieren sollen...«, grinst Uta. Der Feucht fehlt schmerzlich bei der KTM-Bergung, und es wird Nacht, bis wir in Fombeton zurück sind. Andrea, mix doch mal einen Kir.« Während Uta noch in Crossstiefeln die gusseisernen Töpfe auf den Herd knallt, holt Andrea Sekt und Cassis aus dem Kühlschrank. Die Damen sind nicht nur vielseitig, sondern offenbar auch genussfähig. »Frauen an den Herd« – im Grunde genommen war es ja nur die ewige Lästerei von Teamchef Richard Schalber gegen sein ehrgeiziges Damen-Team, die sie als Widmung auf dem 2002er-Dakar-Poster hinten an der Küchenwand verewigt haben. »So richtig kam er vermutlich nicht klar damit«, erzählen beide beim Essen von der Zeit bei der Einzylindertruppe des BMW-Dakar-Werksteams. Obwohl er es selbst eingefädelt hatte. Sie hätten gut zusammengearbeitet, wie ein altes Ehepaar habe man gewusst, was zu tun und zu lassen ist. Wenn Uta nächtelang »dr May’rin ihrn Schrott z’sammflicken« musste, damit sich diese wieder bis zur Erschöpfung in die Dünen stürzen konnte. Nicht schlecht waren sie gewesen, damals, als Uta verantwortlich die Einzylinder betreute. Immerhin Dakar erreicht. Prosit! Wir wechseln zum Roten über. »Morgen geht’s an die Lure!« Der Westostgebirgszug der Region und zwischen 1300 und 1800 Metern hoch. »Über einen Schotteranstieg geht’s rauf, erst ganz einfach, später immer steiler. Und dann bis du oben auf einem Grat, irgendwo zwischen Himmel und Erde, im Rücken die Alpen, vor dir das Mittelmeer. Und da oben gibt’s einen Höhenweg, der ist der Wahnsinn. Erst ist es völlig kahl, wie eine Mondlandschaft, nur weißes Geröll, kein Gras, kein Baum, danach geht’s etwas tiefer runter und zwischen Gestrüpp und kleinen Krüppelbäumen entlang. Bis du schließlich in die Arena kommst. Die ist das Beste. Die Lure macht dort eine Biegung, und wenn du da oben am Rand stehst und vor dir der Steilabsturz der gestaffelten Gesteinsschichten über hunderte von Metern runter geht, dann fühlst du dich wie in einer riesigen Arena. Das ist das Maximum. Morgen werdet ihr es erleben.“

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