Südfrankreich (Archivversion) Immer wieder gut

Keine Frage, Frankreichs Süden ist ein tolles Motorradrevier und begeistert stets aufs Neue. Selbst
da, wo sich das Land tischeben zeigt, wie in der
Camargue, die über einen völlig eigenen Reiz ver-
fügt. Auf die Stiere sollte man allerdings aufpassen.

Etwas scheint in Saint-Rémy in der Luft zu liegen. Straßen sind gesperrt, Cafés und Geschäfte mit Stahlgittern verbarrikadiert. Menschen stehen rund um den Place de la République hinter Befestigungswällen, sitzen auf Mauern, Treppen, Fenstersimsen, ja sogar auf den Wegweisern nach Arles und Tarascon. Als ich mit der Voxan Scrambler an der Kirche Saint-Martin vorbeifahre, vernehme ich einen gewaltigen Knall, gleich darauf wirbelt drüben am Grand Café Riche ein Vorfahrt-achten-Schild durch die Luft – und plötzlich rennt ein Stier durch die Avenue de la Résistance, verfolgt von mehreren Reitern. Nicht wenige wollen ihren Mut beweisen, springen über die Absperrung direkt vor die Hörner des Stieres, versuchen, sich am Tier festzuhalten, um es zu Fall zu bringen. Die Menge applaudiert. Ein älterer Herr neben mir lacht: »Solche Veranstaltungen finden in den Départements Bouches-du-Rhône fast jedes Wochendene statt.« Als acht Stiere auf einmal um die Ecke kommen, läuft er ihnen entgegen, schlägt einen Haken und hetzt – 16 Hörner dicht auf den Fersen – die Straße hinab. Ein grässliches Spektakel.Eine Stunde später drehe ich mit der Voxan eine Runde um den Place de la République. Das Vorfahrt-achten-Schild steht wieder auf seinem Platz. Stiere, Pferde und Stahlgitter sind verschwunden. Am Grand Café Riche strömt mir der Duft von Café au lait und frischen Croissants entgegen und rückt das vertraute Frankreichbild wieder ins Lot. Beim Blick auf mein französisches Motorrad gerät das Blut der versammelten Stierfreaks erneut in Wallung. Die Fragen bezüglich des »moto française« sind knapp und direkt wie bei einer Viehauktion. »Wie stark – wie schnell – wie teuer – wie schwer?«Gleich hinter Saint-Rémy beginnt echter Kurvenspaß. Schier schwerelos trägt mich die Voxan von Biegung zu Biegung durch lichte Kiefernwälder hinauf in die karge Felslandschaft der südlichen Alpilles. Kein Wunder, dass Renoir, Cézanne und van Gogh in dieser Ecke der Provence zur kreativen Höchstform aufliefen. Diese Landschaft schreit geradezu danach, gemalt zu werden. Stahlblauer Himmel, darunter weißes Kalkgestein, das sich in gewaltigen Quadern, Türmen und Kugeln über die Hügelketten verteilt. Ganz oben, auf einer fast senkrecht aufragenden Felswand, thront die Festung und das Künstlerdorf les Baux.Die Fahrt geht über Eygalières, Orgon, Mouriès. Auf schmalen, kaum befahrenen Straßen an zackigen Berggipfeln vorbei, an Olivenhainen und steinalten Bauern-höfen, die eingerahmt sind von blühenden Büschen und Zypressen. Der Wind streicht über den gerade mal 250 Meter hohen Pass de la Figuière, schiebt Wölkchen und Staubpartikel hinaus aufs Meer. Wenn der Nordwind blies, rammte van Gogh seine Staffelei mit Eisenpflöcken in den Boden. Weil der Mistral, der von Norden kommt, bisweilen über die Landschaft fegt wie ein wilder Stier.In Italien führen alle Wege nach Rom, in Südfrankreich ist Arles das Ziel. Heute wie vor 2000 Jahren. Eine schnelle Runde durch die Altstadt, das eine oder andere antike Bauwerk anschauen, schließlich – so mein Plan – weiter nach Süden. Doch die frühere Hauptstadt der Provence zieht mich für Stunden in ihren Bann. Vielleicht liegt der Zauber von Arles an den von Platanen gesäumten Boulevards, den ungezählten Straßencafés, den mittelalterlichen Gassen. Oder am Amphitheater, das älter ist als das Kolosseum in Rom und heute als Stierkampfarena dient.So sieht dann auch mein Nachmittagsprogramm aus: Course Camarguaise – der provenzalische Kampf zwischen Mensch und Stier. Auf den Rängen herrscht Hochbetrieb, aus den Lautsprechern dröhnen Fanfarenstöße und Melodien aus der Oper Carmen, unten in der Arena laufen 14 Männer wie um ihr Leben. Dabei sind die Stierkämpfer – Nebendarsteller. Das haben bunte Plakate in fetten Lettern bereits deutlich gemacht: Hauptakteure bei der Course Camarguaise sind die Stiere. Sie heißen Minos, Arlequin oder Figaro und werden gefeiert wie die Stars der Nationalelf. Und wie beim Fußball geht es hier um Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Punkte, niemals um Leben und Tod.Von dem archaischen Schauspiel noch völlig benommen, rolle ich weiter nach Süden. Durch das Rhône-Delta, mit seiner weiten Ebene, den ausgedehnten Salzseen und Schwärmen rosaroter Flamingos, die am Étang de Vaccarès wie Kampf-geschwader über mich hinwegfliegen. Dichte Wolken von Insekten steigen aus den Sümpfen, prasseln gegen das Visier. Frösche hüpfen über die Fahrbahn. Ein Graureiher flattert erschreckt aus dem Straßengraben, in dem er gerade gefischt haben muss.Bei Salin-de-Giraud ragen die wohl schroffesten Gipfel der Camargue empor: Salzberge, schneeweiß wie die Spitze des Montblanc. Vis-à-vis der Snack-Bar »Fleur du Sel« türmen Schaufelbagger in den weiten Salzfeldern der Salins du Midi gerade einen neuen Gebirgszug auf. Laut Karte sind es noch zehn Kilometer bis zum Meer, aber schon wenige hundert Meter weiter ist kein Land mehr in Sicht. Salz-seen links, Salzseen rechts, dazwischen die schmale, durch keinerlei Mäuerchen begrenzte Straße. Am Ende der Wasserwanderung liegen die weißen Strände der Camargue, bis in die 70er Jahre ein Traum für Aussteiger. Ausgeschlachtete Wohnmobile stehen am Straßenrand, daneben ein Schild »Parc Naturel Régional – Campen verboten«.Noch einen Kaffee in der Snack-Bar »Fleur du Sel«, dann rollt die Voxan auf die Fähre über Grand Rhône. Östlich des Rhône-Deltas scheint der Einfluss des Camargue-Naturparks zu enden. Die gespenstische Kulisse von Fos-sur-Mer taucht auf: Hoch-öfen und Walzstraßen mit einer Produktionskapazität von acht Millionen Tonnen Stahl im Jahr. Irritiert fahre ich weiter, rechter Hand die staatlich subventionierte Schwerindustrie, linker Hand Flamingos, die unbekümmert durch kleine Salzseen staksen. Sie scheinen darauf zu warten, dass der Himmel über diesem Teil der Provence wieder so blau wird wie auf den Gemälden van Goghs.Auf der N 568 gebe ich Gas, rausche mit Tempo 100 durch die menschenleere Ebene der Crau. Steine, Sand, Steppengras – Wüstenfeeling jenseits von Afrika. Zurück im Rhône-Delta, erkunde ich die westliche Seite des Étang de Vaccarès und stoße bei Méjanes auf eine schlammige Piste Richtung Saintes-Maries-de-la-Mer. Kilometer um Kilometer schlingern die Reifen durch die einsame Sumpflandschaft der Camargue. Kein Mensch ist zu sehen, nur Flamingos, Pferde und Stiere. Es dämmert schon, als ich über die Petit Rhône ins Languedoc gelange. Nach einem Blick auf die Karte steht fest: Der einzige Ort, der als Übernachtungsziel in Frage kommt, ist Aigues-Mortes, ansons-ten scheint es in der Kleinen Camargue lediglich Sümpfe, Weideland und Stierfarmen zu geben. Der Weg ist nicht zu verfehlen. Beleuchtet wie Las Vegas in der Wüste führen mich die Mauern und Türme der mittelalterlichen Stadtbefestigung ans Ziel. Im 13. Jahrhundert starteten von Aigues-Mortes Ritterheere zu den Kreuzzügen ins Heilige Land. Heute ankern Hausboote vor den Stadttoren, überfrachtet mit Blumenkübeln, aus denen Geranien, Palmen und Kakteen quellen. Ich bummele am Kanal entlang, spähe durch winzige Bullaugen in heimelig beleuchtete Kajüten.Am nächsten Morgen streife ich durch die Gassen der Altstadt, erkunde das Verlies hinter den sechs Meter dicken Mauern des Tour Constance und drehe auf der lückenlos erhaltenen Stadtmauer eine Runde um den historischen Stadtkern. Als der erste Schwung Tagesausflügler in Reisebussen eintrifft und Souvenirshops Drehständer mit fiependen Plüschflamingos und singenden Keramikzikaden nach draußen stellen, mache ich mich mit der Voxan davon.In Le Grau-du-Roi empfängt mich hektisches Möwengeschrei. Die Vögel be-gleiten in Schwärmen die in den Hafen einlaufenden Fischkutter – eine bunt bemalte Flotte, die die hiesigen Fisch-restaurants mit Hummer, Austern, Krabben und Seeschnecken versorgt. Bei der Auslieferung wird nicht lange rumgemacht, am Kanal hat jede Restaurantterrasse ihren eigenen Landesteg.Fischer flicken am Kai ihre Netze. Am alten Leuchtturm sitzen Gauloise rauchende Angler. Zu beiden Seiten des Kanals klappen Anwohner die blauen Holzläden ihrer Häuser auf und überblicken das geschäftige Treiben. Neben Fischkuttern ziehen Katamarane und eine wilde Horde Kajakfahrer vorbei. Die Aussicht übers Meer wirkt da weniger pittoresk. Drüben im Westen hat man die Küste mit dreizehnstöckigen Hotelklötzen zubetoniert. Der Irrwitz hat einen Namen: La Grande Motte. Nur gut, dass die bunte Hafenszenerie von Le Grau-du-Roi und die nahen Sanddünen am Fare de l’Espiguette von den bauwütigen Tourismusplanern der 70er Jahre verschont geblieben sind.Wahrscheinlich hätte man die anrückenden Bautrupps mit den Stieren gemeinsam durch die Straßen getrieben. So mein Eindruck, als ich auf der Fahrt nach Norden in Saint Laurent d’Aigouze Zwischenstation mache. Im Dorfzentrum ein kleiner Platz mit Kirche, Springbrunnen, Platanen, dazwischen eingeklemmt die für Camarguedörfer obligatorische Stierkampfarena. Vor dem Grand Café parken schlammverschmierte Geländewagen, drinnen wird in rauem Ton über Pferde und Weideflächen diskutiert. Als ich eintrete, starren sie mich reglos an, die präparierten Stierköpfe über der Theke ebenso wie die Gardians – jene Cowboys der Alten Welt, die es schon lange vor ihren amerikanischen Kollegen gab.Dass das Thema Stier aus dieser Region nicht wegzudenken ist, dämmert mir spätestens am Ortseingang von Le Cailar, wo sich die allgemeine Liebe zu diesem Tier auf rührende Weise in einem Grabstein manifestiert. Am Rand des Kreisverkehrs hat man einen der berühmtesten Camargue-Stiere begraben: Le Sanglier, auf deutsch: Wildschwein.Vorbei an Nîmes lasse ich mich nach Norden treiben, plötzlich verengt sich die Straße und zirkelt in perfekten Kurvenradien an schroffen Kalkfelsen entlang. Beschleunigen, anbremsen, Schräglage – im Augenwinkel rauschen markante Hügel vorbei, die felsige Schlucht des Gardon, die altertümliche Pont St. Nicolas. Nähere Betrachtungen sind nicht drin, was jetzt zählt, ist Konzentration. Zu sehen gibt es bis zum Tourende in Saint-Rémy ohnehin noch genug: die Altstadt von Uzès, die von den Römern errichtete Pont du Gard, die mittelalterlichen Festungen Beaucaire und Tarascon.Es ist schon später Nachmittag, als ich am Ortseingang von Remoulins abrupt in die Hebel lange. Vor mir das Schild »Achtung, Stiere auf der Straße«. Pferdegetrappel ist zu hören, Stimmengewirr. Mag sein, dass mir auf dem Weg zum nächsten Straßencafé ein neun Zentner schweres Muskelpaket entgegenstürmt. Aber was soll’s, das gehört in dieser Region zum Savoir-vivre – der französischen Lebensart.

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