Südliches Angola (Archivversion) Die andere Seite

Lange hatten sie mit dieser Grenze gehadert, aus Namibia die verlockenden Berge betrachtet. Dann verstummten die Gewehre des Bürgerkriegs, und fünf Freunde des südwestlichen Afrikas konnten endlich mit ihren Enduros den Cunene überqueren. Die andere Seite betrachten: Angola.

Keiner von uns hat dieses Camp je vergessen. Unterm hellen Licht des Vollmonds, nach 1000 Kilometern quer durch Namibia, jeder voller Abenteuer­lust. Und dann dieser Fluss, den niemand überwinden kann. »Wenn du als Weißer deinen Kopf über diese Grenze hältst, wirst du eine Kugel bekommen«, warnten Einheimische. Wir kramten unser Wissen über den Bürgerkrieg zusammen: rivalisierende Armeen, notleidende Bevölkerung, Landminen. Nein, diese Berge jenseits des Cunene würden wohl immer ein Traum bleiben, eine Reise durch Angola schien 1999 auch auf lange Sicht unmöglich.
Und jetzt? Sind wir Teil dieses Traums. Haben es geschafft, rollen mit Motorrädern und Begleit-Jeep über die Flutbrücke des Kunene, der Erste nimmt schon angolanischen Boden unter die Räder. »Sie schießen nicht mehr«, hatte unser namibischer Freund schon vor zwei, drei Jahren berichtet. Mit der unausgesprochenen Aufforderung, die Chance zu nutzen. »Wer weiß, wie lange die Feuerpause anhält.« Sie hält, letzte Zweifel beseitigen die unbehelligten Kilometer auf der Piste nach Chitado.
Schnell ist die mühevolle Einreise vergessen. In einem zerschossenen Gemäuer hatten die Zollbeamten uns empfangen. Sie sind oft Monate ohne Kontakt zum übrigen Land, es fehlt an Tinte und Papier für die Eintragungen. Wie sie über unser Erscheinen, so waren wir überrascht über ihre Freundlichkeit. Viele dieser Beamten haben noch nie einen Europäer gesehen, ganz zu schweigen von fünf Enduristen. »Deutschland«, fragte einer, »liegt das in Asien?« Unsere Fahrzeug- und Führerscheindaten wurden von Hand in ein großes Buch eingetragen. Diese Prozedur dauerte fast eine Stunde. Weitere drei Stunden sowie einige Cola-Dosen, Zigaretten plus etwas Geld kosteten Fahrzeug- und Passkontrolle.
Vier Stunden. Unser Tagesziel ist nicht mehr zu schaffen. Aber die Spannung steigt. Wie sieht ein Land nach über 25 Jahren Krieg aus? Chitado gewährt einen ersten Eindruck. Kein Haus ohne Einschusslöcher, ohne Schäden an Dach, Fensterläden und Scheiben. Viele Bewohner sichtbar arm, mancher von ihnen wäre froh, in einem solchen Haus wohnen zu dürfen. Und gleichzeitig spielt das Leben sein Lied. Geht weiter und weiter. Ein Angolaner kommt auf uns zu, beeindruckt, dass weiße Touristen seine Heimat besuchen. Und dann noch mit Motor­rädern. Eine uralte 125er-Honda zeigt er uns, die leider nicht mehr läuft.
In Richtung Chabicua finden wir hinter einer größeren Farm ein trockenes Revier, gut für die erste Nacht in Angola. Schnell spricht sich unser Erscheinen im nahen Kral herum, und so erhalten wir bald zahlreichen Besuch. Als die Neugierde befriedigt ist, genießen wir die Ruhe nach einem aufregenden Tag. Nach Mitternacht brummt ein Fahrzeug heran. Dann fallen Schüsse. In Angola schießen sie nicht mehr? Sind wir gemeint? Imponiergehabe? Uns allen ist unwohl. Doch die restliche Nacht verläuft ruhig.
Drei Jahrzehnte haben Waffen den angolanischen Alltag bestimmt. Nach bald 500 Jahren Kolonialherrschaft waren die Portugiesen zwar vertrieben, aber die beteiligten Befreiungsbewegungen fielen gleich danach übereinander her. Die einen unterstützt von Russen und Kubanern, die anderen von den USA und Südafrika. Wann herrscht nach so einer Zeit wieder Normalität? Und was heißt Normalität in einem solchen Land? Normal war lange und oft genug aus gutem Grund, jeden Weißen für einen Ausbeuter zu hal­-ten. Viele Europäer mussten in den 60er Jahren büßen, was zuvor irgendwelche Raubritter angerichtet hatten. Normal sind heute noch Massen von Landminen, und deshalb versprechen wir uns anderntags quasi stündlich, nur Pads zu befahren, die halbwegs frische Spuren anderer Fahrzeuge aufweisen.
Auf dem Weg nach Cahama passieren wir mehrere stark zerstörte Ortschaften. Und ebenso selbstverständlich wie gewaltige Affenbrotbäume säumen zurückgelassene Panzer oder völlig unbewachte Munitionsdepots den Weg. Besonders im Verteidigungsumfeld größerer Städte liegen ganze Munitionsmüllhalden. Keine 100 Meter neben der Straße nach Cahama entdecken wir ein Waffenlager, dessen Raketen, Panzergranaten und Flugabwehrgeschosse noch immer eine Großstadt in Schutt und Asche legen könnten. Dass dort Kinder spielen, stört niemanden. Auch mitten in Cahama stehen alte Panzer herum, als sei der Bürgerkrieg gerade erst beendet.
Auf einer guten Teerstraße geht es weiter, doch bald holt uns der Bürgerkrieg wieder ein. Die Hauptverbindung in die Provinzhauptstadt Lubango ist übersät mit Schlaglöchern, und auf der Suche nach einem geeigneten Schlafplatz passiert es dann: Zu spät bemerken wir den beinahe platten Hinterreifen eines Motorrads und die Felge knallt mit voller Wucht ins nächste Schlagloch. Die Reifenflanke hält gerade noch an der eingedrückten Felge.
Am nächsten Tag erwartet uns mit Lubango eine quirlige Großstadt, 2000 Meter hoch am Rande des Steilrandge­birges gelegen. Erst auf den zweiten Blick wird sichtbar, dass der Bürgerkrieg diese einstmals wunderschöne Stadt in einen ausgeplünderten und verwahrlosten Torso verwandelte. In dem Tausende kleiner Kinder in erbärmlichem Zustand leben. Als wir unsere Müllsäcke an einer Deponie entsorgen wollen, warten schon Dutzende Kinder. Wir ahnen, was kommen wird, aber die Szenen, die der Kampf um unseren Müll entfacht, über­steigen unsere Vorstellungskraft.
Man rät uns, den 30 Meter hoch über die Stadt ragenden Christo von Lubango und Tunda Vala zu besichtigen. Lubango – das Christus 30 Jahre lang nicht bewachen konnte – liegt uns zu Füßen. Ein berauschend-befreiender Blick, doch was soll an diesem Tal dran sein? Nicht einfach zu finden. Den Schildern der staatlichen Bierbrauerei N’Gola folgend, zuckeln wir einen Schotterpfad den Berg hinauf. Die Vegetation wird karger, die Luft kühler, und rauschende Bäche erinnern an Alpenszenarien. 2400 Meter zeigt das GPS, als sich vor uns eine steinige Hochebene ausbreitet. Wir durchqueren ein märchenhaftes Steintal, dann kippt der plötzlich Horizont weg. Vor uns ein jäher, 2000 Meter tiefer Abriss des afrikanischen Hochplateaus, vor dem gerade glühend rot die Sonne versinkt.
Doch der Friede täuscht: Am nächsten Morgen stoßen wir auf einen gepflasterten Weg, der ebenfalls unvermittelt vor einem Abgrund endet. Mit dem Fernglas entdecken wir unzählige Knochen in der Tiefe. Darum also hatte man diesen Weg in den Himmel gepflastert. Damit er in der Hölle endete: Unlieb­same Einheimische zwang man hier, über die Klippe zu springen.
Pedro, ein Mestize mit portugiesi­schem Blut, erzählt uns am anderen Tag von der grausamen Rache, die Schwarze an Weißen nahmen, als sie endlich die Macht hatten. »Und wie geht’s jetzt?« Er krault sich seinen Spitzbart und stöhnt, halb auf Portugiesisch, halb in holprigem Englisch: »Ach ja, so langsam wird es besser, aber die ewige Korruption hört nicht auf. Wer keine Freunde beim Militär hat, kommt zu nichts. Unser Geld hat keine Kraft, und Devisen kriegt man nur in den Häfen an der Küste und nur, wenn man Dia...« Er schaut vorsichtig um sich. »...Diamanten hat«, beendet er. »Haltet euch ja von dem Teufelszeug fern. Keine Steine sammeln oder von Diamanten reden; das ist hier sehr ungesund.«
Wir durchfahren weite Kiefern- und Eukalyptuswälder, auf den Wiesen dazwischen weiden Rinder. Zu einer riesigen, gut bewirtschafteten Agrarfläche weitet sich das Land. Kleine Brunnen mit Handrädern spenden das nötige Wasser, auch wir nutzen sie, wenn unser Vorrat zur Neige geht. Und platzen dabei einmal in eine unter freiem Himmel abgehaltene Schulstunde. Der Lehrplan hat keine Chance, 100 kleine Angolaner kriegen Anschauungsunterricht: »Das sind nun richtige Muzungus«, erläutert der Lehrer. Echte weiße Menschen.
Namibe, die Stadt am Atlantik, erreichen wir spätabends und errichten an der wunderschönen Palmenpromenade unser Camp. Der Krieg hat jedes Haus mitgenommen und die Straßen zu Fallen gemacht. Tiefe Löcher im alten Teer, fehlende Kanaldeckel – wer sich hier nicht Achsen oder Füße brechen will, muss auf der Hut sein. Benzin gibt’s ebenso reichlich wie Bier und Cola auf dem Schwarzmarkt. An jeder Ecke bieten selbstbewusste angolanische Frauen frisches Gemüse, Früchte und Geflügel an und warten auf fröhliches Feilschen. Aus einem kleinen Häuschen am Strand dringt seltsamer Lärm. Wir gesellen uns zu der Menschenmenge an der offenen Tür. »Oh, Besuch aus Europa«, grinst Philippe, der Trainer einer improvisierten Boxschule, und nutzt die seltene Chance, einem internationalen Publikum die Kunst seiner Schüler zu demonstrieren. Sofort arrangiert er einen Kampf, und die Kontrahenten legen sich vor unserer Kamera engagiert ins Zeug. Doch Philippe muss den Kampf bald abbrechen, da einer der Helden mächtig taumelt. Schweißüberströmt posieren sie fürs Siegerfoto, in engen Wollpullovern, bei 40 Grad im Schatten.
Unser nächstes Ziel ist der südlichste Punkt Angolas. Der Foz do Cunene, eine Polizeistation an der Mündung des Kunene. Um dorthin zu gelangen, gibt es aus Richtung Norden nur zwei Möglichkeiten: die Strandpassage entlang der Küste über Tombua mit allen Risiken der Gezeiten und meist starkem Gegenwind. Oder der Weg durch den Iona-Nationalpark mit einer nicht einfachen Überquerung des Rio Curoca.
In Lubango schon hatte uns ein ortskundiger Farmer mitgeteilt, der Iona-Park sei bis Ende April geschlossen, und Motorräder dürften eh nicht rein. Wir entscheiden, dennoch zum Park zu fahren, werden vor Ort aber auch nicht schlauer, suchen deshalb entlang der östlichen Grenze des Parks eine Alternative, müssen trotzdem über den Rio Curoca. Tage zuvor hat der Fluss durch Hochwasser sämtliche Uferböschungen bei Pediva weggespült und nur noch Steilkanten zurückgelassen. Überquerung unmöglich. Die Einheimischen versuchen zu helfen und inspizieren mit uns den Fluss. Weiter flussabwärts könnte es klappen, die frisch bepflanzten Felder am anderen Ufer jedoch sähen nach unserer Passage nur noch wie Crosspisten aus. Wieder nichts. Also doch durch den Park – unsere Benzinvorräte lassen ohnehin keine andere Wahl mehr. Drei Stunden schuften wir, um alle Fahrzeuge über den Fluss zu schaffen, eine grandiose Landschaft lohnt die Mühen. Dann poltert uns ein Polizei-Jeep entgegen, die Beamten gutgelaunt: »Macht’s Spaß mit den Motorrädern im Park?«
Prima war’s, aber bis Foz de Kunene reicht das Benzin nicht. Deshalb schwenken wir von Iona in Richtung Otechifengo ab. Mehrfach säumen von Landminen zerstörte Fahrzeuge unseren Weg. Bloß nicht von der Spur abkommen! Acht Millionen dieser Teufelsdinger sollen in Angola noch liegen. Wo wir Viehpfade finden, benutzen wir diese, da sie oft sicherer sind als Pads. Manche Pisten sind so verbuscht, dass wir sie stundenlang freischlagen müssten. Unzählbar, wie oft wir den Weg nur noch mit Hilfe der freundlichen Himbas oder Ova Sembas finden. »Om patti?« Wo ist die Straße, fragen wir einen alten Himba, der sich mit Namen Kakoko vorstellt. Er zeigt uns die Strecke, indem er mehr als einen Kilometer durch das Buschgewirr vor uns herläuft. Als wir sicher wieder auf der richtigen Route sind, fragen wir Kakoko, womit wir ihm einen Gefallen tun können. »Makaja«, antwortet er. Tabak. Den haben wir leider nicht dabei, aber Zigaretten. Strahlend greift er zu, zieht den Rauch nach dem langen Marsch aber wohl zu tief in seine alten Lungen. Um Luft ringend sinkt auf den Boden, wir mit besorgten Gesichtern rundum. Doch Kakoko winkt lässig ab und verschwindet gleich darauf mit heiserem » Karipo naua« im dichten Mopane-Busch.
Zwei Tage kappen wir Büsche, erarbeiten uns 70 Kilometer Strecke durch schroffes Granitgebirge. Es gibt in Afrika keinen Strauch ohne Dornen, weshalb wir bald blutüberströmt sind. Immer seltener begegnen uns Menschen, und ihren Reaktionen zu Folge haben sie wohl noch nie Weiße gesehen haben. Aber Gewehre: Wenn wir das lange Objektiv hervorholen, gehen viele Himba-Kinder in Deckung oder flüchten barfuß Hals über Kopf mit bemerkenswerter Gewandtheit über Geröllhalden und Dornbüsche. Unsere wenigen Brocken Herero jedoch, welches die Himbas sprechen, zaubert ein zutrauliches Lächeln auf die staunenden Gesichter.
Immer sind wir auch die lang ersehnten Doktoren, denn der Glaube an die Heilkünste der Weißen ist unge­brochen. Eltern bringen kleine Kinder mit Bindehautentzündungen, Verbrennungen, eitrigen Hautinfektionen, die wir versorgen können. Ihr Vertrauen hilft uns, kleine Einblicke in die Riten und Bräuche dieses wohl letzten afrikanischen Naturvolkes zu erhaschen. Gepägt von einem Gott Mukuru und den Ahnen. Letztere, so glauben die Himba, sehen alles und bestrafen jeden, der gegen die alten Bräuche verstößt. Im heiligen, immerzu brennenden Feuer, das niemals erlöschen darf, wohnen die Seelen der Verstorbenen, allabendlich vom Stammeshäuptling um Rat befragt. Eine heilige Linie umzieht die Flammen. Die wir auf keinen Fall übertreten dürfen. Diese andere Seite bleibt uns Fremden versperrt.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel