Südpolen (Archivversion) West-Ost-Kontakt

Sudeten, Hohe Tatra, Beskieden - im Süden Polens schließt sich ein Gebirge an das andere an. Martin Byczek erkundete per Chopper die südpolnischen Höhen und Tiefen.

Mein erster Gedanke beim Aufwachen gilt dem Wetter. Doch der erste Blick aus dem Fenster ist beruhigend. Die Sonne kämpft sich durch den Morgendunst und in dem Städtchen Hirschberg, kurz hinter der deutschpolnischen Grenze, erwacht gerade das Straßenleben. Also schnell frühstücken, Satteltaschen und Topcase packen - es kann losgehen. Patrizia klettert tapfer auf den kleinen Soziusplatz des Choppers und wir tuckern los. Gleich hinter der Stadt führt die Straße in Serpentinen durch dichten Wald auf runde 1000 Höhenmeter hinauf in den Ort Karpacz. Die 34 PS-Maschine klettert wacker hinan, scheint sich an der niederen Spritqualiät Polens nicht zu stören. Einsame Bauernhöfe und kleine Dörfer säumen unseren Weg in Richtung Osten, während der Straßenzustand zusehends schlechter wird. Immer wieder müssen wir Pausen machen, und die durchgeschüttelten Knochen sortieren. Bis Gluszyca begleitet uns die ländliche Umgebung. Dann gelangen wir auf die Landstraße 385 und damit auf eine der schönsten Strecken im Riesengebirge. Malerisch windet sich der Weg zwischen zwei Gebirgszügen hindurch, vollhängende Kirschbäume und goldbraun im abendlichen Sonnenlicht schimmernde Heureiter stehen jenseits der Wegränder in langen Reihen, werfen bereits lange Schatten auf Asphalt und Wiesen. Es ist Erntezeit, und überall sind die Kirschpflücker auf langen Leitern in den Bäumen bei der Arbeit. Lange habe ich das nicht mehr gesehen. Mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Am späten Abend finden wir finden wir am Ufer eines Sees bei Pyskowice Unterkunft in einem kleinen Segler-Hotel. Obwohl die Küche längst geschlossen hat, werden wir liebevoll mit Suppe und belegten Broten versorgt.Durch den berüchtigten polnischen Kohlenpott um Gleiwitz und Kattowitz nehmen wir am nächsten Tag Kurs auf die alte Hauptstadt Krakau. Sie nicht zu besuchen wäre eine Sünde. Die Strecke ist zwar interessant, aber sie hat es auch in sich. Ab Gleiwitz sind die Straßen von Schlaglöchern übersäht, und stinkende Lkw quälen sich in Konvois darüber. Kein Wunder - wir befinden uns im Herzen der polnischen Schwerindustrie. Endlich ist Krakau erreicht, und wir bummeln zu Fuß durch die wunderschöne Altstadt. Auf dem arkadenumsäumten Markplatz herrscht quirliges Großstadtleben. Kinder füttern die allgegenwärtigen Tauben, Pantonime-Künstler unterhalten die Passanten, und ein Geschwisterpaar läßt sich mit einem als Laikonik verkleideten Künstler fotografieren - jenen legendären, tapferen Stadtwächter, der im Kampf gegen die Tartaren beim rettenden Alarmblasen getötet wurde. In der Marienkirche ertönt zu jeder vollen Stunde ein Trompetensignal zu seinem Gedächtnis.Doch schon am nächsten Tag wollen wir wieder in die Berge. Hinter Wisla beginnt der steile Aufstieg in die Schlesischen Beskiden. Ständig zwischen dem dritten und vierten Gang wechselnd, kämpfen wir uns über den Kublonka-Durchbruch in Richtung Szczyrk durch. Am späten Nachmittag tauchen die ersten schneebedeckten Gipfel der Hohen Tatra am Horizont auf. In Bilay Dunajec, nahe des Wintersportortes Zakopane, finden wir bei einem Bauern ein Zimmer. Als ich das Gepäck ins Haus trage, beißt sich ein kleiner Welpe an den Satteltaschen fest und läßt sich knurrend über den Hof schleifen. Es sei eine Mischung zwischen einen Wolf und einem Bernardiner, erklärt uns lachend die Bäuerin.Gottlob hält das schöne Wetter noch immer an, als wir am nächsten Morgen aufbrechen. Zwischen den Gipfeln sind die letzten Nebelbänke zu sehen, die langsam von der Sonne verdrängt werden. Ich habe mein Visier offen und die frische Morgenluft bläst mir angenehm ins Gesicht. Auch Patricia genießt die Tour - es hat sich gelohnt, die schmale Chopper-Sitzbank breiter polstern zu lassen. Die langen Etappen sind auf der kleinen Maschine nun prima zu verkraften. Über Poronin, Trybsz und Lapsze - Orte, in denen erst 1931 die Leibeigenschaft aufgehoben wurde - erreichen wir nach einer halben Stunde Niedzica. Laut einer Volkssage hat hier im 18. Jahrhundert die Frau des letzten Nachfahren der Inkaherrscher gelebt und ein Geheimdokument versteckt, in dem angegeben ist, wo der sagenhafte Inkaschatz im südamerikanischen Titicacasee versteckt liegt. Wir schenken uns die Dokumentensuche und fahren weiter Richtung Trzy Krony. Entlang des Dunajec-Durchbruchs offenbart die Hohe Tatra ihre volle Schönheit. Den Fluß zu unserer Rechten, steile Hänge zur Linken, vorbei an winkenden Touristen, die auf einem Floß auf der Dunajec unterwegs sind, nähern wir uns dem höchsten Gipfel des Pieniny-Nationalparks. Während ich dort ein paar Fotos mache, spricht mich ein alter Mann in gebrochenem Deutsch an. Als ich ihm erkläre, wie beeindruckt ich von der Landschaft bin, erwidert er nur lachend: »Ja, ja, schöne Berge, schweres Leben«, und erzählt, wir anstrendend es sei, die Felder auf den steilen Hängen zu bestellen. Am späten Nachmittag drehen wir noch eine Runde um Zakopane. Die versinkende Sonne hüllt das Städtchen in goldenes Licht und der schneebedeckte Gipfel des Giewont wacht mächtig am Horizont. Auf dem Parkplatz hinter uns verkauft eine alte Bäuerin geräucherten Schafskäse, während wir am Straßenrand sitzen und hinab ins Tal schauen. Es ist zweifellos der schönste Anblick seit Beginn der Reise.Wir fahren weiter nach Osten. Auf der 98 herrscht reger Verkehr. Es ist die einzige, gut ausgebaute Straße nach Sanok in den Bieszczaden, dem östlichsten der südpolnischen Gebirgszüge, der fast bis zur Ukraine reicht. Aufgrund gefährlicher Partisanenumtriebe wurde dort nach dem Zweiten Weltkrieg die Bevölkerung ausgesiedelt. Geisterdörfer in den Bergen zeugen noch heute davon. Erst 1957 hatte sich die Lage so weit stabilisiert, daß ein Teil der Bewohner zurückkehren konnte. Heute bietet das verwilderte und undurchdringliche Gebiet Lebensraum für fast ausgestorbene Tierarten wie Steinadler, Wölfe, Luchse und Bären. Am Rande der Ortschaft Lesko finden wir eine kleine Pension. Dort gibt es eine Garage, aber keine Schlüssel für die Zimmer. Der Vermieter guckt fast beleidigt, als ich ihn darauf anspreche. »Ich bin den ganzen Tag da, und wenn was wegkommt, stehe ich persönlich dafür grade«, lautet die knappe Antwort. Es fehlt natürlich nichts.Am nächsten Tag machen wir uns auf die letzte Etappe der Tour, die sogenannte Große Ringstraße. Sie wurde in den sechziger Jahren zur wirtschaftlichen Anbindung des südwestlichsten Zipfel Polens gebaut. Die Morgenluft duftet nach Wald, der die Straße dicht und undurchdringlich säumt. Gelegentlich tauchen einfache, oft renovierungsbedürftige Häuser auf, die von den bescheidenen Lebensverhältnissen der Menschen zeugen. In kleinen Gärten werden Gemüse und Obst angebaut. Kurz hinter Cisna gibt es einen kleinen Stau. Ein paar Pferde sind von der Weide ausgebrochen und trotten auf der Fahrbahn. Im Schrittempo fahren wir vorsichtig vorbei. Sie gucken uns gelassen an - es ist ihr Zuhause. Auf halber Strecke nach Ustrzyki Gorne wabern weiße Rauchwolken über die Fahrbahn. Was zunächst nach einem Waldbrand aussieht, entspringt aus vier Öfen, in denen Holzkohle gebrannt wird. In einer Baracke nebenan wohnt die Köhlerfamilie. Eine paar Entenkücken flüchten auf eine Wasserpfütze, ein Hund schnuppert an meinen Beinen, Besucher sind selten hier draußen. Der Köhler mit Cowboyhut und rußgeschwärztem Gesicht kommt auf einen Schwatz von seinen Öfen herüber, während sich ein kleiner Junge schüchtern an sein Hosenbein klammert. Einmal in der Woche holt ein Lkw aus der Stadt die fertige Kohle ab und bringt gleichzeitig Lebensmittel für die vierköpfige Familie mit. In der Dämmerung fahren wir zurück nach Lesko. Mein Helmvisier ist voller Mücken, ich kann die Straße kaum noch erkennen. Tausend Gedanken gehen mir durch den Kopf. Tief beeindruckt mich diese unberührte Natur, die Ehrlichkeit und Offenheit der Menschen. Was wird passieren, wenn irgendwann hier Tourismus und Industrie Einzug halten und vielleicht Werte wie Freundschaft und Hilfsbereitschaft verloren gehen? Eines der letzten unberührten Gebiete Europas wird dann sicherlich der Vergangenheit angehören. Ich tröste mich mit dem Gedanken, es gerade noch anders erlebt zu haben.

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