Survival-Training (Archivversion) überleb mal wieder

Bernd Tesch ist in der Traveller-Szene ein Urgestein. Er hat fast alles schon erlebt, ist
fast überall schon gewesen. In Survival-Trainings gibt er sein Wissen weiter. Aber auch
so ein Tesch-Training muss man erst mal überleben.

enn wir Glück haben, dann hat es minus zehn Grad und einen halben Meter Schnee.« Survival-Trainer Bernd Tesch macht seinen Kursteilnehmern Mut. Es ist Winter. Schöne Aussichten für ein langes Wochenende unter freiem Himmel. Und das auch noch in der Eifel. Wo Kälte und Dauerregen selbst im Hochsommer Normalfall sind.Aber was heißt hier Normalfall? Normal ist jetzt gar nichts, denn wir proben den Ernstfall: Survival-Training für Motorrad-Reisende. Draußen. Ohne Zelt. Seit ein paar Tagen quälen mich Zweifel: »Wie hab’ ich mich nur darauf einlassen können?«Freitagmorgen um neun geht’s los. Treffpunkt: ein einsamer Parkplatz am Waldrand mitten in der Rur-Eifel. Wir haben Glück. Verdammtes Glück: zehn Grad plus, und die Sonne lacht. Außer mir sind noch elf weitere Teilnehmer dabei. Darunter auch Emma, die einzige Frau im Kurs. Und alle sind Motorradfahrer. Aber das ist jetzt ziemlich unwichtig. Was gelernt werden soll, ist, wie man durchkommt. Wenn das Bike verreckt ist und du irgendwo in Afrika stehst – dein Schlafsack verbrannt, dein Kompass verloren, dein Geld geklaut. Was wurscht ist. Denn im Umkreis von 500 Kilometern gibt’s sowieso nichts zu kaufen. »Eine Situation, in die jeder kommen kann«, predigt Bernd, und sein langer Bart gibt seinen Worten das nötige Gewicht. Wir nicken betreten.»Als erstes werde ich euer Gepäck auf das zum Überleben Notwendige reduzieren«, kündigt Tesch mit einem Anflug von Grinsen an. Pflichtschuldigst packen wir aus. Von jedem Rucksack wird das Innerste nach außen gekehrt. Bis zwölf Zahnbürsten in einer Reihe liegen. Mit der Gründlichkeit eines Bundeswehr-Spießes macht sich der Alte daran, das Gepäck zu inspizieren: »Was ist das?« fragt er und hält eine dicke bunte Glasröhre hoch. »Ein Deo.« »Pah, Junge, du bist hier im Wald.« Das Pfund Schokolade muss genauso raus wie die zweite Unterhose, der Reserve-Pulli und das kleine rote Kopfkissen. Erst als jeder Rucksack höchstens noch fünf Kilo wiegt, ist unser Trainer zufrieden. Eine Zahnbürste hat jetzt keiner mehr. Dafür einen Bundeswehrponcho, für 39,90 Mark, von Tesch. Und den berühmten Tesch-»Allradbecher« – ein Blechnapf, der aussieht, als hätten US-Soldaten schon im Dschungel Vietnams drin gekocht – geschenkt, zur Feier von Teschs vierzigstem Survival-Training seit 1978. Wenigstens habe ich noch eine Taschenlampe in meinem Fotokoffer. Denn der ist unangetastet geblieben. Diplomatengepäck.»So, jetzt geb’ ich euch Papier und Bleistift, sonst habt ihr nichts dabei. Dann soll mir mal einer hier die Himmelsrichtungen sagen«, eröffnet Überlebenskünstler Tesch den theoretischen Teil. Orientierung mit nichts, mitten im Nichts. Und siehe da, der Trick, den er anschließend erklärt, ist so genial wie simpel: Weil die Sonne mittags immer im Süden steht, wirft der Bleistift, senkrecht auf weißes Papier gestellt, einen Schatten, der gegen zwölf Uhr Norden anzeigt. Auch bei Wolken, überall auf der Welt. Nachdem wir das kapiert haben, fühlen wir uns alle schon ein bisschen überlebensfähiger.Dann heißt es Vorräte einpacken. Jeder Teilnehmer bekommt ein Päckchen Räucherspeck, zwei Karotten, je eine Tüte Zucker, Teebeutel, Mehl und Weizenschrot plus drei kleine Päckchen Backpulver. Das soll reichen? »Das ist reichlich für zwei Tage – man muss Nahrung nur einsetzen können«, doziert Bernd. Doch dann hat er noch eine Überraschung auf dem Speiseplan: Zuallerletzt lädt er zwei lebende Hühner aus seinem alten Passat. »Wir könnten auch jagen. Aber das ist hier ja verboten«, kommentiert Überlebens-Trainer Tesch lakonisch unsere entsetzten Blicke. Beim Abmarsch schließlich baumeln zwei lebende Hühner kopfüber an zweien der zwölf bunten Rucksäcke.Sie schaffen es nur bis zum ersten Halt auf einer Lichtung. Denn wer überleben will, muss töten. Hat ja auch der alte Brecht schon gewusst: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Eine scharfe Machete erledigt den Job kurz und schmerzlos. Rupfen und Ausnehmen muss anschließend ohne Hilfsmittel zu machen sein, auch ohne Messer. Was folgt, ähnelt Szenen aus dem Film Blair Witch Project. Doch früher oder später schafft es jeder, den Ekel zu überwinden, und plötzlich geht alles ganz einfach. Auch für Emma, die am Anfang beängstigend blass war. Eine halbe Stunde später sehen die Hühner so appetitlich aus wie Tiefkühl-Gockel aus dem Supermarkt.Nachdem wir mit Hilfe zweier Buchen und eines Bundeswehrponchos eine Krankentrage gebaut, mit Gepäck einen Steilhang gemeistert und uns am Seil in zwei Metern Höhe über einen Bach gehangelt haben, erreichen wir nach fünf Kilometern Fußmarsch den Lagerplatz. Es dämmert schon, aber vor dem Programmpunkt »Unterkunft bauen« heißt es noch perfektes Feuerholz sammeln, perfektes Lagerfeuer machen, perfekten Eintopf kochen – in dem die beiden Hühner schließlich ihre letzte Ruhestätte finden. Satt und mit langsam schmelzenden Fußsohlen sitzen wir ums Feuer und lauschen gebannt den Geschichten des Meisters: Wie er in Afrika überfallen wurde, wie er in Tadschikistan die Grenzer austrickste, wie er in Australien seine XT abfackelte – seither aber weiß, dass sich nasses Feuerholz bestens auf dem Auspuff trocknen lässt und praktischerweise auch gleich selber anzündet.Erst als es wirklich stockfinster ist, gibt der Alte Instruktionen zum Zeltbau im Unterholz mit Bundeswehrponcho. Als Zeltstangen dienen zwei dicht stehende Baumstämme, als Heringe ein paar kräftige, mit dem Messer angespitzte Äste. Ich war noch nie so froh über eine Taschenlampe, muss aber Schelte vom Meister dafür einstecken: »Das ist doch hier kein Hilton-Ausflug.« Wohl wahr, denke ich und stelle entsetzt fest, dass meinen Fotokoffer bereits eine Schicht aus feinen Eiskristallen überzieht. Hilton-Ausflug? Nennt mich ruhig Weichei, eine einfache Pension würde mir schon reichen.Überraschung Nummer eins am nächsten Morgen: Mich hat es kaum gefroren. Schlafsack, Poncho und Wollsocken sei Dank. Überraschung Nummer zwei: Es gelingt mir tatsächlich, aus Weizenschrot, Mehl und Backpulver am Feuer so etwas Ähnliches wie Brot zu zaubern. Außen zwar immer schwarz und innen nie durch, aber es schmeckt entfernt nach Pizzateig. Auch der Allradbecher besteht seine Feuertaufe, und noch nie war heißer, gezuckerter Tee so gut wie heute.Erst als uns Bernd einzeln auffordert, mit einem einzigen Streichholz jeweils ein Lagerfeuer zu entfachen, fällt mir wieder auf, dass vom Tau ringsum alles patschnass ist. Auf unser »geht nicht« hat der Alte immer nur ein »gibt’s nicht« parat – und macht es vor: Poncho, falls es doch noch regnet, als Dach aufspannen, dicke Stämme spalten, das trockene Innere nach außen. So entsteht eine trockene Grundfläche. Im dichten Unterholz trockenes Reisig suchen. Die Bitte nach einem bisschen Benzin als Hilfsmittel tut Tesch mit einem »unwürdig« ab. Birkenrinde, Kerzenwachs oder Harz, sagt er, taugen als Brandbeschleuniger genauso. Ratsch, das einzige Streichholz brennt und kommt zur Sicherheit immer zuerst an die Kerze. Birkenrinde und Reisig fangen sofort Feuer. Dann immer dickere Stämme nachgelegt – geht doch.Muss auch. Denn Überleben geht einfach immer. Selbst wenn du irgendwo in Afrika stehst, dein Bike verreckt ist, dein Schlafsack verbrannt, dein Kompass verloren, dein Geld geklaut. Es geht. Sogar in der Eifel.

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