Szene: Vladimirs Reisen Der taubstumme Russe Vladimir auf Reisen

Mit einer Jawa brach Weißrusse Vladimir Yarets vor zehn Jahren zu einer Weltreise auf. Kreditkarte hat er keine - Gehör und Stimme auch nicht.

Foto: Schmieder
Um zu überleben, musste Vladimir A. Yarets das Improvisieren auf die harte Tour lernen. Nämlich schon als Einjähriger, seit er durch eine Krankheit sein Gehör verloren hat. Der am 5. Mai 1941 in Minsk geborene Weißrusse ist taubstumm, aber Mitmenschen gegenüber unglaublich kommunikativ. Wie ein aufgedrehter Marktschreier, der sich keine Sekunde ruhig halten kann, umschwirrt er seine F 650 GS und weiß, dass er mit dem Bike inmitten der Touristen vor dem Brandenburger Tor in Berlin die reinste Jahrmarkt-Attraktion darstellt. Wer wissen will, was es auf sich hat mit all den Fahnen, Fotos, Landkarten, Zeitungsartikeln und zahllosen Zetteln, mit denen die beiden kunstvoll verzurrten Hartschalen-Rollenkoffer und der Rest der BMW tapeziert sind, der wird herangewinkt: „Treten Sie ruhig näher, treten Sie ein – die Vorstellung ist eröffnet!“

Wer sie sieht, erfährt Erstaunliches. Etwa, dass dieser Mann, der fast immer lächelt, seit dem 27. Mai 2000 ohne Unterbrechung on the road ist. Wobei er auch etwas Englisch gelernt hat, das er in Form einzelner Wörter auf Zettel notiert, um dann mit Händen, Füßen und dem ganzen Rest seines erstaunlich durchtrainierten Körpers seine Mitteilung zu vervollständigen. International verständlich. 76 Länder hat er in den zurückliegenden zehn Jahren bereist. Einige von ihnen mehrfach. Weit über 300000 Kilometer hat er dabei ab­gerissen. Die blaue BMW ist sein auf der jetzigen Reise drittes Motorrad, gebraucht gekauft bei seinem Aufenthalt im Oktober 2009 in Berlin. Und er hat noch Pläne und Ziele. Sein größtes: Er will ins Guinness-Buch der Rekorde. Als erster Gehörloser, der die Welt per Motorrad umrundet.

Wer noch mehr wissen will, der erfährt auch von seinem Unfall. Er passierte am 23. Oktober 2003 im US-Staat Illinois, auf dem Rückweg von Prudhoe Bay, Alaska. Vladimir hatte mit seiner 350er Jawa, einem Zweizylinder-Zweitakter, mit dem er dreieinhalb Jahre früher in Minsk aufgebrochen war, auf der Interstate 74 angehalten. Den Truck von hinten konnte er nicht kommen hören, wie auch? Dessen Fahrer hätte ihn wohl sehen müssen, erwischte ihn aber noch mit dem Auflieger. Den Aufprall überlebte der damals 62-Jährige nur knapp. 28 Knochenbrüche diagnostizierten die Ärzte anschließend. Mit gebrochenen Beinen, Becken, Hüfte und Arm lag Vladimir zwei Monate lang im Saint Francis Medical Health Center in Peoria, Illinois. In der anschließenden, fünf Monate langen Reha lernte der ehemalige Marathon-Läufer und Triathlet das Gehen wieder neu. Das unglaubliche Glück, das er abgesehen vom reinen Überleben hatte: Kurz vor dem Unfall war Vladimir so nebenbei eine Etappe der Iron Butt Rally mitgefahren, des „Eisen-Arsch-Rennens“, eine Art Motorrad-Marathon durch die USA. Und hatte dabei Freunde gewonnen, die in der AMA, der American Motorcyclist Association, tätig waren. Die sprangen jetzt für ihn ein, organisierten übers Internet eine Sammelaktion, stellten sicher, dass die gigantischen Krankenhauskosten für Vladimir bezahlt würden.

Über die AMA-Initiative war auch ein Motorradhändler aus Chicago auf das Schicksal des weltenbummelnden Weißrussen aufmerksam geworden, der ihm schließlich die Fortsetzung seines Trips ermöglichte. „Als Geschäftsmann konnte ich mir das eigentlich nicht leisten, aber als ich Vladimir Yarets traf, wusste ich, was ich zu tun hatte“, wird Händler Bill Kautz in einem Artikel der AMA-Verbandszeitschrift zitiert. Im Rahmen einer Party in seinem Laden schenkte Bill 2004 dem Weißrussen eine gelbe BMW F 650 GS, übers Federbein etwas tiefer gelegt, mit Givi-Koffern, Topcase und 3000 Meilen auf dem Tacho.

Um sich quasi wieder warm zu fahren, machte sich Vladimir mit der 50-PS-BMW erneut auf nach Norden: In Kanada fehlten ihm noch ein paar Provinzen, und auch alle 50 US-Bundesstaaten – Hawaii und Alaska hatte er zuvor schon abgehakt – machte er mit dem Trip gleich noch voll. Irgendwo auf dem Weg nach Mexiko und Belize verschwanden 2005 die Givi-Koffer, wurden ersetzt durch ein Paar Rollen-Samsonite, farblich passend in Gelb – neben dem Dauergrinsen und dem ewig erhobenen Daumen ab sofort Vladimirs Erkennungsmerkmal. Ungewöhnliche Gepäcklösungen waren für ihn ohnehin nichts Neues. Als Mechaniker in Minsk hatte er beruflich ständig improvisieren müssen. Und auf der Jawa war sein Hab und Gut auch schon in zwei links und rechts montierten Kühlboxen und einem Plastiksack verstaut.

Probleme löst Vladimir mit Charme. Der hat nur selten versagt. Etwa auf Kuba, wo sie ihn drei Monate ins Gefängnis sperrten wegen ungültiger Papiere. China und Irak hatten ihn erst gar nicht einreisen lassen. Und jetzt, während dieser Artikel entsteht, sitzt er seit Anfang Dezember auf Malta fest: kein Visum für Südafrika. Umso schlimmer, da die BMW per Luftfracht schon längst dort angekommen ist. Doch irgendwie geht es immer weiter:

Daumen hoch, Väterchen Vladimir! Gute Reise, viel Glück, und pass auf dich auf!

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