Szene: Langstreckenfahrt Stressfaktor bei langen Fahrten

Wie sehr belastet Motorradfahren Körper und Psyche? Beim Dauertest einer Kawasaki 1400 GTR im Sommer 2007 sind 39 Polizisten untersucht worden. Jetzt liegen die Ergebnisse vor.

Das Blutdruck-Messgerät hat alle 30 Minuten gepiept. Einmal aufgepumpt, hat es in den Arm gekniffen. Mitunter war das stressig“, sagt Rudi Müller. Der Braunschweiger Autobahnpolizist hatte die Idee, zusammen mit Kollegen 100000 Kilometer auf einer Kawasaki 1400 GTR abzuspulen. Was die Polizisten in 83 Tagen unfall- und pannenfrei erledigten. Macht im Schnitt rund 1200 Kilometer pro Tag. Während der Kilometerfresserei wurden die Beamten medizinisch überwacht: Unter der Kombi trug jeder ein Langzeit-EKG-Gerät zur Messung der Herzfrequenz, ein Blutdruck-Messgerät und eines, das den Energieumsatz prüft. „Die Geräte waren alle etwa so groß wie eine Zigarettenschachtel und konnten somit störungs-frei in der Bekleidung untergebracht werden“, so Rainer Nietschke, Medizinstudent an der Universität Freiburg. Dessen Ziel bei diesem Teil der Untersuchung: die körperliche Belastung prüfen. Statistisch gesehen repräsentierten die Polizisten in etwa die Struktur der Motorradszene: Sie sind zwischen 29 und 57 Jahre alt, ihre durchschnittliche Motorradfahrleistung liegt bei rund 8000 Kilometern, wovon gut 2000 Kilometer dienstlich absolviert werden.

Noch bevor die Polizisten zum Dauertest aufbrechen durften, checkten die Mediziner, wie fit die Beamten sind, ließen sie auf Fahrrad-Ergometern strampeln, zapften Blut, wogen und befragten sie. Ein enormer Aufwand. Was kam dabei heraus? „Manche haben bis zu 8000 Kilo-kalorien während einer Fahrt verbraucht“, erzählt Rudi Müller. „Das kann schnell in Unterzuckerung enden, zu Muskelkrämpfen und Kreislaufzusammenbrüchen führen, wenn man nicht genügend isst und trinkt.“ Ansonsten entsprechen die Ergebnisse den Erwartungen: „Dass weniger gut trainierte Personen, die übergewichtig sind und keine Praxiserfahrung auf dem Motorrad mitbringen, die gefährdeteren Personen sind, leuchtet ein“, so Nietschke. „Umgekehrt hat ein trainierter, normalgewichtiger, praxiserprobter und vor allem gesunder Motorradfahrer ein größeres Potenzial, was Ausdauer, Konzentration und Ähnliches bei Langstreckenfahrten betrifft.“ Eine Überraschung gab es doch. Nietschke: „Das Alter spielt keine Rolle, die körperliche und motorradspezifische Fitness dafür umso mehr“. Neben der körperlichen Anspannung interessierte sich Dr. Thomas Rebe von der Medizinischen Hochschule Hannover für die Stressbelastung. Pro Tagestour bekam jeder Polizist zehn Urin-Röhrchen. Die erste Probe wurde vor dem Start genommen, die weiteren dienten einem 24-Stunden-Urinprofil. Analysiert wurden unter anderen die Stressindikatoren Noradrenalin und Adrenalin, wobei vor allem Adrenalin auf psychischen Druck hinweist.
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Messwerte und Ergebnisse

Zwischen Freizeit und Fahrzeit stiegen die Werte von Noradrenalin und Adrenalin um den Faktor 1,7 an. Nur diejenigen, die laut Persönlichkeitstest zur Selbstüberforderung neigen, hatten tendenziell höhere Werte. Ein umfangreicher Fragebogen half den Wissenschaftlern zuvor, die Stresstypen einzuordnen: 20 der 39 Polizisten gehen es eher gemütlich an. Neben dieser Schonungstendenz zeigten zehn das sogenannte Gesundheitsmuster, das ein stärkeres Engagement und höhere Widerstandsfähigkeit gegen Stress positiv kombiniert. Kritisch wird es beim Risikomuster A, das zwei Polizisten zugeordnet wurde: überhöhtes Engagement, verminderte Widerstandsfähigkeit und eher negative Emotionen. Das Risikomuster B mit Überforderung, Erschöpfung und Resignation erlebten sieben Polizisten. Den höchsten Anstieg an Adrenalin verzeichnete die Risikogruppe A. Mehr über den Test unter: www.persoenlichkeitspsychologie-potsdam.de/AVEM.htm. „Beim Motorradfahren liegen Spaß und Entspannung dicht beieinander. Ich plädiere für einen reflektierten Umgang mit dem Gasgriff. Weil man über den Gashahn den eigenen Stress selbst dosieren kann“, sagt Thomas Rebe. Stress, meint Rebe, lasse sich im Leben nicht vermeiden. Auf den richtigen Umgang komme es an. „Man muss sich als Motorradfahrer nicht provozieren lassen. Schneller ist man sowieso.

Aus dieser souveränen Haltung heraus kann man besonnen fahren und genießen.“ Rebe aber geht noch weiter. „Zu viel Stress und eine schlechte Stressverarbeitung können langfristig zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen führen.“ Den sorgfältigen Umgang mit Stress könne jeder beim Fahren schon mal üben. Als Schule fürs Leben, denn „zu viel und zu langer Nervenkitzel beeinträchtigen die psychische Gesundheit.“ Dass sich Nervenkitzel manchmal nicht vermeiden lässt, untersuchte das Institut für Zweiradsicherheit beim Dauertest mittels Fragebögen, die nach jeder Etappe ausgefüllt werden mussten. Viele Fahrer gaben an, dass sie von anderen Verkehrsteilnehmern übersehen oder ihre Geschwindigkeit falsch eingeschätzt wurde. Das Fazit von Kawasaki-Pressesprecher Andreas Seiler: „Motorradfahren ist Sport. Fairness, Rücksichtnahme, aber auch Fitness, Reaktionsfähigkeit, gesunde Ernährung und eine gute Portion richtiger Selbsteinschätzung und Selbstdisziplin gehören dazu. Nur wer vorausschauend und partnerschaftlich im Verkehr unterwegs ist, kommt sicher ans Ziel.“
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