Taubertal (Archivversion) Abseitsfalle

Brücke pfeilt behände zu Tauberrettersheim. Zwerge werkeln unbezipfelmützt in Weikersheim. Jenseits von Rothenburg, abseits des Tourismus en masse, wölbt sich ein famoser Bilderbogen: Deutschland – eine Idylle. Zwischen Barock und Biedermeier, Romantik und Deauville.

Das Taubertal hat ein Imageproblem. Und das heißt Rothenburg – perfektes Arrangement einer vorindustriellen Stadt. So brillant, so geschleckt, dass es heimgesucht wird von tausenden Gästen. Jeden Tag. Ein Ort also, den der individualistische Motorradfahrer gefälligst zu meiden hat. Wegen aufgesetzter Fassade und Abzocke satt. Wer so denkt, versäumt was. Das Klischee nämlich, wonach Zeit still stehen kann. Was verlogen ist, natürlich. Doch mit der Lüge lässt sich trefflich leben. Am besten morgens um acht. Da die Touristen noch in ihren Bussen dösen. Wenn sie dann durch die gepflasterten Gässlein schlurchen, so ab elf, finden sie alles ganz arg romantisch.

Womit sie sich selbst ein kleines bisschen den Bauch pinseln und Romantik mit Biedermeier verwechseln. Schließlich wollten die Romantiker raus aus den Städten, die blaue Blume oder sonst was Schönes suchen.
Auf jeden Fall aber das Weite. Die Generation
danach, das Biedermeier, kultivierte den
Gartenzaun, richtete behaglich sich ein im Beengten, im Winkel, dem putzig Kleinen.
Diese Sehnsucht nach Fachwerk, beschützenden Mauern, nach Nippes, der
alsdann die eigenen vier Wände mehr oder weniger stilvoll antiquiert, wird in Rothenburg optimal bedient. An die drei Millionen Besucher im Jahr können sich nicht irren. »Schon verrückt, dass eine solche Masse von Menschen auf dem Marktplatz steht, nur um zu sehen, wie oben am Rathaus mechanische Figürlein den Meistertrunk zelebrieren«, mokiert sich ein älterer Herr. Und muss plötzlich lachen. Weil ihm auffällt, dass er ja selbst hier aus der Wäsche guckt. Wobei es sich bei der Wäsche um den in unternehmungslustigen Pensionistenkreisen beliebten Safari-Look handelt. Und bei dem »Meistertrunk« um eine
Episode aus dem 30-jährigen Krieg. Da soll ein Altbürgermeister drei Liter Wein in einem Zug in sich rein geschüttet haben. Was Feldherr Tilly dermaßen imponierte, dass er beschied, statt der Stadt ebenfalls lieber Wein zu vernichten.
So groß ist die Anziehungskraft dieses Freiluftmuseums zu Rothenburg, dass
die meisten Touristen stur retour gen Autobahn steuern. Anscheinend genügt
ihnen die Sensation, das Einzigartige. Sie suchen das Bild einer vergangenen, einer ruhigeren Welt. Und sie finden es, paradoxerweise, in der Hektik, im Trubel. Derweil geht das alles jenseits von Rothenburg völlig unspektakulär vonstatten.
Die kleinen Städte an der Tauber, die da im Abstand von 10, 15 Kilometern
sich reihen wie Perlen am Band, nötigen schlichtweg zum Halt. Bilderbuchkulissen haben das nun mal so an sich. Und
wenn man sich dann satt gesehen hat
am Schloss der Deutschordensritter in Mergentheim, dem Rittersaal zu Weikersheim, vielleicht aber auch nur an der
netten Kellnerin im Straßencafé, wird es höchste Zeit fürs Kontrastprogramm:
rauf auf die Höhen. Mitunter geht’s dabei
derart eng und serpentinig zu, dass man die Tourenmaschine gegen eine Supermoto tauschen möchte. Ein anderes Mal, wenn Kurven das Weite suchen, käme
hingegen eine R1 sehr wohl zupass. Die 130 Kilometer von der Quelle bei Wettringen bis zur Mündung in den Main bei
Wertheim schafft selbst ein kommoder Tourer wie Hondas Deauville in zwei Stunden. Doch wer will das schon – einfach durchrauschen?
An ihrem Oberlauf windet sich die junge Tauber durch ein Tal, das sich behäbig breit macht, so weit, dass die Straßen
mitunter gehörig Abstand nehmen vom Fluss. Da tut es richtig gut, einen Abzweig zu einer der vielen Mühlen zu nehmen oder einfach ein paar Meter zu gehen, um alsdann eine urwüchsige Uferlandschaft zu genießen. Mit allem, was dazugehört: Sumpfdotterblumen, Gänsen, Fröschen, Libellen, zerquetschter Cola-Dose.
Bei Rothenburg presst sich die Tauber durch ein enges Tal, und von der Straße, die von hier bis nach Tauberbischofsheim die »Romantische« heißt – übrigens nicht immer zu Recht –, schlängeln aus Auen asphaltene Bänder sich die Hänge hinauf. Anfangs meist bewaldet, bieten sie flussabwärts, links wie rechts der Tauber, allmählich terrassierten Weingärten Platz, bis dann am Unterlauf, da das Tal dramatisch verschlankt, abermals der Forst dominiert.
Wo man die Biege macht, um die Höhen zu erkunden, ist letztlich egal, weil sich fast überall grandiose Perspektiven bieten. Auf eine Allerweltslandschaft, die aber genau deshalb, weil sie so herrlich gewöhnlich ist, das freilich in Reinkultur, notorisch entzückt. Obstbäume stehen Sträßchen Spalier; Waldfetzen lappen in sprenklige Wiesen, krönen Hügel; Mohn und Kornblumen setzen in
Dinkel- und Braugerstefeldern hingetupfte Akzente. Und auf den dezent dauergewellten Ebenen jenseits des Flusses gibt’s das
Ganze dann in Grün. Manchmal aber auch Überraschungen in Buntsandstein. Hinter Finsterlohr kommt einem die Wirklichkeit
auf einmal fantastisch vor. Eine Märchenstadt am Horizont. Rothenburg? Rothenburg!
Obwohl es also ganz nach Belieben abgehen kann von der Hauptstraße der Tauber entlang, empfiehlt es sich, den Dreh rein ins Vorbachtal, kurz hinter Weikersheim, nicht auszulassen. Um die Weinberge des Karlsbergs hinauf und zum »Gelben Haus« zu kurven. Das, einst Jagdschlösschen der Hohen-
loher, verbürgerlichte zu einem nobel eingerichteten und angesichts der herrschaftlichen Räume und Fresken geradezu preisgünstigen Restaurant. Daneben spendet ein Biergar-
ten unter den Bäumen eines naturgeschützten Waldes Schatten und Aussicht über
die Weinberge hinweg ins bei Weikersheim ungemein turmreiche Tal.
Gelegentliches Grunzen und Schmatzen kommt meist nicht vom Nachbartisch, sondern von richtigen Schweinen. Wildsauen stromern massenhaft rum, der Küchen-
abfälle wegen. Wozu sie zur Jagdsaison
partiell wohl selbst werden. Und man sich fragt, worin der waidmännische Reiz besteht, zahme Tiere zu massakrieren.
Dass das Tal drunten so »lieblich« ist, liegt letztlich daran, dass es im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung Landschaft und Städte allmählich zu verwan-
deln, zu verschandeln begann, schlicht vergessen ward. Vergessen hat man deswegen auch, neue Brücken zu bauen. Die alten, einspurig meist und im 18. Jahr-
hundert errichtet, bewältigten den Verkehr
allemal. Heute kommt es nach Feierabend mitunter zwar zu Staus, doch für den
Genuss, über ein veritables Kulturdenkmal
zu fahren – die Brücke zu Tauberrettersheim etwa (Seite 92 und 93) hat der berühmte Barockbaumeister Balthasar Neu-
mann entworfen –, nimmt man gern eine kleine Wartezeit in Kauf. Hier gewinnt selbst eine Flussüberquerung auf Deauville historische Dimension.
Ein Erlebnis, das letztlich Napoleon zu verdanken ist. Der 1809 mit der Kleinstaaterei im Taubertal aufräumte und es unter Bayern, Württembergern und Badenern aufteilte, seinen Verbündeten gegen die Preußen. Unter der neuen Herrschaft geriet das Taubertal an die Grenze jedes dieser drei Königreiche, wurde extrem peripher.
Dabei war hier schon zuvor verdammt wenig los. Rothenburg, die freie Reichsstadt, hatte im 16. Jahrhundert seine Blütezeit bereits hinter sich. Und, was dazu passt, eine Brücke aus dem 14. Jahrhundert. Danach kam, von den Touristen abgesehen, nicht mehr allzu viel. In Mergent-
heim ließen sich immerhin die Deutschordensritter nieder, aber da waren die längst abgehalftert, von Polen und Litauern aus ihren Stammlanden in Preußen gejagt.
So schlummerte das Taubertal über die Jahrhunderte dahin. Lauda wurde erst spät bekannt – als »Eisenbahnknotenpunkt«. Wie wichtig der heutzutage noch ist, zeigt sich daran, dass der Bahnhof, wie auf der eiligen Suche nach einem
stillen Örtchen sich weist, kneipenfrei und
ein gewisser Schlüssel zu einer gewissen Schüssel ausschließlich beim fachkundigen Personal zu erheischen ist.
Königshofen hält ein paar Kilometer Abstand zu Lauda, und sei, sagt ein Frührentner, der sich als geborener Königshofener outet, einst so wie er, nämlich schön und attraktiv gewesen. Bis irgendwelche Volksstürmler hier die Amis aufhalten wollten. Was granatenmäßig an die Substanz ging. Die Bausubstanz.
Anderen Städten im Tal ist beim Dahinfahren leichthin noch anzusehen, was einst deren Substanz ausmachte: die Äcker, Weinberge, Felder und Wiesen drum herum. Röttingen gleicht bis auf den heutigen Tag einem befestigten Dorf. Ans Exportieren von Lebensmitteln war, abgesehen vom Wein, nicht zu denken, es reichte gerade mal so für den eigenen Bedarf.
Wie schwer es fiel, den zu decken, zeigen die Steinaufschüttungen an den Hängen im Vorbachtal. Steine gab’s und wenig Brot. Davon zeugen auch die Figuren
auf den drei berühmten Taubertäler Altären des Würzburger Holzbildhauers Tilman Riemenschneider in Rothenburg, Detwang und Creglingen. »Sehen Sie, wie entrückt die Mutter Gottes in den Himmel schaut«, schwärmt eine Fremdenführerin Touristen auf Ausflugsfahrt zum Creglinger Marienaltar vor. »Und sehen Sie, wie sehnsuchtsvoll die Blicke der Unerlösten auf ihr ruhen, die nicht mit in den Himmel fahren können.« Was sie vergisst zu sagen, weil es nicht in ihr Weltbild passt: An der Sache mit der Erlösung aus ihrem Elend, ihrer Fron, haben die Bauern, mit denen Riemenschneider sympathisierte, sich dann eben selbst versucht. Vergebens, nach der Niederlage der aufständischen Bauern 1525 bei Königshofen hat sich das Taubertal als selbständig agierende Region aus der Geschichte verabschiedet.
Denn auch die Fürsten in Mergentheim oder Wertheim spielten keine große Rolle, inszenierten meist nur noch sich selbst. Welche Aufgabe sie dem Volk dabei zumaßen, zeigt der barocke Garten des Schlosses zu Weikersheim. Da stehen die bürgerlichen Bediensteten des Hofstaats zu Zwergen geschrumpft auf einer Balustrade und schauen dem heroischen Treiben der Herrschaft zu, die mit Vorliebe im
antiken Kostüm versteinert. Erforscher des Wesens des deutschen Gartenzwergs –
an volkskundlichen Instituten gibt es die tatsächlich – wollen in den Weikersheimer Barockzwergen die Ahnen jener armseligen Gestalten mit Schubkarre und Pfeife sehen, deren Kopfbedeckung an eine
erigierte Schlafmütze erinnert. Ganz schön verguckt haben sie sich hier, die Gartenzwerghistoriker. Sind die Weikersheimer Wichte, 20 an der Zahl, doch allesamt
kleine Individuen, mehr jedenfalls als die dümmlichen Heroen zu Pferde. Und
manche schauen so grimmig drein, dass man jederzeit damit rechnet, sie könnten eine Armbrust aus ihrem Wams ziehen. Zum Behufe der Dezimierung ihrer Arbeit-
geber, gelegentlich.
Derweil ertönt aus einem Pavillon Jazz, ein internationales Jugendorchester probt, anscheinend zum ersten Mal. Und ein Pfau, den es auf einen Baum im Park verschlagen hat, begleitet die Darbietung laut und enerviert. Selten ist es zu hören im Taubertal:
das Atonale. Kurt Tucholsky, der hier wanderte, Ende der 20er Jahre, schrieb über
diese Gegend: »Wenn Landschaft Musik macht: dies ist ein deutsches Streichquartett.« Welches man auch auf dem Motor-
rad mit Genuss zu hören versteht.

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