Teil 1: Nördlicher Apennin (Archivversion) Die spannendste Versuchung ...

...seit es Motorräder gibt: Der Apennin zwischen Toskana und Emilia Romagna verführt nicht nur mit tollen Kurven, sondern auch mit italienischem Lebensgefühl.

Alles für die Katz! Da saßen Zep und ich stundenlang über den
Apennin-Karten, heckten detaillierte Routen und Streckenführungen aus, legten Roadbooks und Computerausdrucke für die Kartenfächer im Tankrucksack an – nur um dann völlig anderen Wegen zu folgen. Meine Schuld, zugegeben. Immerhin lebe ich seit über zehn Jahren mitten im Apennin. Und weiß im Grunde genau um das Geheimnis dieses zerklüfteten Gebirges, das von Turin bis Kalabrien ganz Italien durchzieht: Es verführt.
Anders als die Alpen, wo es neben den Hauptrouten wenig Ausweichmög-
lichkeiten gibt, lockt der Apennin an jeder Ecke mit einer neuen Versuchung. Hier eine gut ausgebaute Staatsstraße, da ein eng gesteckter Pass, dort ein staubiger Feldweg. Und alle führen sie ans Ziel, hinauf zur nächsten Pass-
höhe. Und das so kurvig wie möglich. Wer da nicht vom geplanten Weg
abweicht, muss beinhart sein.
Ausgangspunkt unseres Trips ist Cereglio, meine Wahlheimat. Ein 300-Seelen-Kaff in der Region Emilia, rund 40 Kilometer südlich von Bologna
und auf 700 Meter Höhe an einer ehemaligen Bergrennstrecke gelegen. Zwei Tagestouren wollen wir von hier aus fahren. Eine westliche in Richtung Pavullo und Monte Cimone, sowie eine nach Osten zu den berühmtesten Motorradpässen zwischen Imola und Mugello. Und den südlicheren Hängen des
Apennin widmen wir uns in der nächsten MOTORRAD-Ausgabe (21/2005).
Erstes Etappen-Ziel ist der Passo dell Abetone, das Motorradfahrer-
Mekka der Provinz Modena. Der Weg dorthin präsentiert sich gespickt mit
kleinen und größeren Passhöhen; Namen gaben ihnen die Einheimischen nur in seltenen Fällen. Langsam rückt der höchste Berg der Gegend näher, der schneebedeckte Gipfel des 2165 Meter hohen Monte Cimone. An dessen
Fuß passiert es: In Fanano entdecken wir dieses versteckte Holzschild zum
Passo di Croce Arcana. Eine Piste vermutlich. Und schon ist’s vorbei mit
der Planung, die Roadbooks im Tankrucksack sind schlagartig Makulatur
und wir auf spannendst möglichem Weg zum Arcana unterwegs. Zunächst
führt die Route noch schmal und asphaltiert am wild gischtenden Flüsschen
Ospitale entlang, doch bald rollen die beiden Ducati auf weich federndem Waldboden. Aromatische, nach Moos und Holz duftende Kühle umfängt
uns bei der ersten Pause an der »Capanna Tassone«, der Hütte zum »großen Dachs«, die still unter hohen Tannen ruht.
Doch kaum bollern die Desmo-Twins wieder los, geht der bislang harm-
lose Waldweg in losen Schotter über und fällt steil bergab. Zusätzlich haben Regenfälle die Fahrrinne böse ausgewaschen und größere Gesteinsbrocken hinterlassen. Gar nicht so einfach auf der Multistrada, obwohl ihr Name
anderes suggeriert. Diese Strada jedenfalls scheint nicht ihr Ding zu sein. Und meins auch nicht, offen gestanden. Der offroad-erfahrene Zep macht hingegen auf der schwereren ST3 kurzen Prozess und staubt stehend das Geröll hinab, während ich mich deutlich mehr überwinden muss. Also gut. Tief durchatmen, rauf auf die Rasten und Gas! Schotterpassagen funktionieren mit Schwung deutlich besser als auf der Bremse. Weiß eigentlich jedes Kind, motiviere ich mich. Schließlich ist das Bergabstück gemeistert, und auf dem folgenden Anstieg beginnt die Sache plötzlich Spaß zu machen. Ich sorge mich nicht mehr um das schlingernde Hinterrad, und gemeinsam mit Zep pflüge ich prächtig voran. Die Baumgrenze bleibt hinter uns zurück, und bald bestimmen die karg und schroff aufragenden Felsen des Croce Arcana das Bild. Ein scharfer
Wind pfeift auf gut 1700 Meter Höhe über das Gipfelplateau, doch nach dem
hitzigen Anstieg ist er durchaus willkommen.
Kurz darauf hat der Schotterspaß leider ein Ende. Nun ja, es waren nicht mehr als zwölf Kilometer, und wirklich schwierig lässt sich die Strecke nicht nennen – aber ich fühle mich berauscht wie nach einem Gipfelsturm. Trotz
seiner knackigen Spitzkehren und atemberaubend schnellen Kurven kann der folgende Abetone-Pass da nicht mithalten.
Also gehen wir auf die Jagd nach weiteren unbefestigten Wegen. Nord-
östlich des Monte Cimone stoßen wir bei Sestola auf Pässe mit so viel
versprechenden Namen wie Wolf (lupo) und Falke (falco). Sie entpuppen sich
jedoch als Enttäuschung, denn es handelt sich lediglich um gut ausgebaute Zubringer ins Skigebiet. Jetzt im Sommer herrscht hier gähnende Leere
und Trostlosigkeit um die leeren Seilbahnstationen. Nur ein aufgeschrecktes
Wildschwein kreuzt in wildem Galopp unsere Bahn. Erst hinter dem idyllischen, aber eiskalten Nymphen-See (lago di ninfa) stoßen wir nach kurzem Suchen auf ein winziges Schottersträßchen, das uns in gewagten Windungen durch verwunschen dichte Wälder wieder zu Tal befördert.
Szenenwechsel. Nach dem rauen Panorama und den Feldwegen im einsamen Hoch-Apennin geht es am nächsten Tag nach Süden und in die Nähe der Rennstrecke Mugello – will heißen: mitten hinein ins Getümmel. Das gibt’s im Apennin nämlich ebenfalls, zumindest an den sommerlichen Samstagen
wie heute, wenn sich sämtliche verhinderten Rennfahrer der Umgebung auf ihre Hausstrecken stürzen. Wo sie sich größere Stelldicheins geben, etwa auf dem Raticosa-Pass oder am Fuße des Sambuca, schwängert konzentriertes Testosteron die Luft. Im Verein mit Hunderten Gleichgesinnter braten wir die Pässe hinauf und hinunter, Raticosa, Futa, Giogo und Sambuca. Die Multistrada fühlt sich voll in ihrem Element, scheint genau für diese Mischung aus winkeligen Spitzkehren, weiten und engen Kurven sowie kurzen schnellen
Geraden gebaut. Kein Wunder, das Stammwerk in Bologna ist nicht weit, und die Entwickler und Testfahrer von Ducati toben sich hier während und nach
der Arbeit genauso aus wie alle übrigen Motorradler.
Bald jedoch haben wir genug von dem samstäglichen Rummel. Zumal
der Apennin wunderbare Alternativrouten offenbart, auf denen bei weitem
nicht so viel los ist. Zum Beispiel entlang des Santerno, vom Raticosa-Pass Richtung Firenzuola. Einen richtigen Canyon hat der Fluss dort in den Berg
gefressen, und tief unter uns vergnügen sich die Badenden im kühlen Nass. Ein kurzer Sprung in die grün schimmernden Fluten wäre nicht zu verachten – aber ob man sich danach wieder in das durchgeschwitzte Leder zwängen mag? Wohl kaum. Wir suchen unser Heil lieber in der kühlenden Höhe und
biegen Richtung Marradi zum Faggiola-Pass ab, der auf den meisten Karten – auch auf unserer – nicht eingezeichnet ist, nur der benachbarte Monte Faggiola. Vermutlich der Grund, weshalb auf ihm wenig Verkehr herrscht, vielleicht aber auch, weil die Strecke nach den ersten zehn Spitzkehren zusehends enger
wird. Nichts für reine Racer. In regelmäßigen, schön gezeichneten Kurven führt das schmale Asphaltband entlang einer kahlen Bergflanke bis auf 950 Meter, von der das Auge ungehindert zu weit entfernten Höhenzügen schweift.
Auf dem Heimweg bleiben wir bei der bewährten Taktik, meiden gut ausgebaute Heizerstrecken, wo an Wochenenden gern Radarfallen auf ahnungslose Opfer lauern, und folgen nur grob der Himmelsrichtung gen
Nordwesten. Von kleinen Sträßchen biegen wir auf noch kleinere ab, kreuzen durch liebliche Täler und die in diesem Teil relativ niedrigen
Hänge des Apennin.
Doch allen Nebenstrecken zum Trotz ereilt uns in dem Dorf Camugnano der Schrecken aller Motorradfahrer: Mit viel Schwung schießt am Ortsausgang ein klappriger weißer Fiat Panda aus einer Einfahrt, während wir gerade wieder das Gas anlegen. Ich greife und trete heftig in sämtliche Eisen der Multistrada, merke, dass es nicht reicht, lasse wieder los und schlängle mich haarscharf an dem mit kreischenden Bremsen schlingernden Panda vorbei, während Zep unfreiwillig auf dem Vorderrad der schwereren ST3 hinter mir gerade noch zum Stehen kommt. Puh, das war knapp! Während sich der betagte Autofahrer wort- und gestenreich entschuldigt, stehen wir am Straßenrand und atmen durch. Vor
uns leuchten die grünen Hügel des Apennin warm in der Abendsonne, gefleckt von Stoppelfeldern und überschattet von dunklen, dichten
Wäldern. Angesichts so viel gelassener Schönheit kehrt gottlob die Herzfrequenz schnell auf normales Niveau zurück. Auf den Apennin ist eben Verlass. Ob er nun mit seinen Kurven anregt oder blank liegende Nerven beruhigt: Er ist ein echter Freund – in allen Schräg- und Lebenslagen.

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