Teneriffa (Archivversion) Jenseits der Wolken

Dem Winter entfliehen und in der Sonne Motorrad fahren – dieser alte Traum kann auf Teneriffa Wirklichkeit werden.

Die Winter-Wunderwelt könnte kaum schöner sein: 30 Zentimeter Schnee, minus zwei Grad und wolkenloser Himmel. Sind wir im falschen Film? Wir wollten Motorrad und nicht Schlitten fahren, sind schließlich nach Teneriffa und nicht nach St. Moritz geflogen. Fassungslos sehen Birgit und ich den Einheimischen beim Wintersport zu. Mit Kind und Kegel sind die Tinerfeños in die Berge gefahren, schlagen begeistert Schneeballschlachten, rodeln auf Plastiktüten die verschneiten Hänge runter oder bauen beachtliche Schneemänner. Zwei junge Frauen schaufeln die weiße Pracht auf die Ladefläche ihres roten Toyota Pick-up: »Den Schnee bringen wir runter nach Santa Cruz. Dort schneit es nie.«

Klimawandel auf den Kanarischen Inseln? Mitnichten, es war nur ein außergewöhnlicher Wintersturm, der Gran Canaria an einem Tag die Regenmenge eines Jahres brachte und auf den Bergen Teneriffas reichlich Schnee abgeladen hat. Mit unseren BMWs und den dünnen Motorradklamotten sind wir völlig fehl am Platz, haben keine Lust auf Glatteis und Kälte. Also wenden wir die Enduros und rollen bergab zum Meer, der Wärme entgegen.

An der Südküste ist von dem winterlichen Spuk nichts mehr zu spüren. In den Gärten blühen Weihnachtssterne, Oleander und Ginster, rosa leuchtende Mandelbäume verströmen honigsüßen Duft. Entlang der kurvenreichen Landstraße nach Los Cristianos wachsen Feigenkakteen, Agaven und Palmen. Lauwarmer Ostwind streichelt die Nasen. So hatten wir uns das vorgestellt.

Die Bergregion der Cañadas rund um den 3718 Meter hohen Pico del Teide, den höchsten Berg Spaniens, lassen wir vorerst links liegen. Soll die Sonne sich erst mal um den Schnee kümmern und ihn verdampfen, bevor wir der spektakulären Vulkanlandschaft dort oben wieder unsere Aufwartung machen.

Das touristische Epizentrum der Insel liegt im sonnensicheren Südwesten. Dort steigen die meisten der jährlich fünf Millionen Besucher ab, in mehr oder weniger abschreckenden Betonsiedlungen wie Playa de las Américas, Los Cristianos oder Costa Adeje. Schwarze Sandstrände mit nummerierten Liegen, Wienerwald, Schwarzwälder Kirsch und Bundesliga-Live-Bars. Wenig einladend. Also lieber weiter entlang der trockenen Westküste, bis sie hinter Los Gigantes so steil wird, dass weder Platz für Häuser noch für Straßen bleibt.

Dort beginnt das zerklüftete Teno-Gebirge, der älteste Teil Teneriffas. Bereits der Blick auf die Landkarte macht nervös: enge Täler, steile Berghänge und Straßen fast ohne Geraden, sämtlich mit grünen Linien für landschaftlich besonders spannend geadelt. Wobei die Realität noch besser ist als vermutet. Sofort nach dem Ortsschild von Los Gigantes klettert die gute Straße 1000 Meter hinauf zum Aussichtspunkt Degollada de Cherfe. Die Spanier nennen solche Punkte Mirador, was ein wenig nach Mirakel klingt. Auf Teneriffa kommt fast jeder Mirador einem kleinen Wunder gleich, und dieser ist besonders gelungen. Das Auge folgt der aberwitzig kurvigen Straße, die sich in die dunkle Tiefe der Masca-Schlucht stürzt. Beinahe senkrechte, überraschend grüne Bergflanken mit scharfen Graten begrenzen den Einschnitt. Der Atlantik glitzert silbern im Gegenlicht der Nachmittagssonne, am Horizont scheint die schwarze Silhouette der Nachbarinsel Gomera auf dem Ozean zu schwimmen, und weit im Nordwesten ist sogar La Palma auszumachen. Doch damit nicht genug. Im Osten grüßt der verschneite Kegel des Teide, der sich gewaltig hoch aus den rostroten Lavafeldern erhebt.


Jetzt aber nichts wie runter, die Motorräder brauchen Kurven. Das schmale Teerband seilt sich Meter um Meter in die Schlucht hinab. An die wenigen horizontalen Flächen klammern sich Caseríos, kleine, alte Gehöfte, meist schneeweiß gestrichen und von wenigen Feldern umgeben. Bis in die 90er Jahre lebten deren Bewohner ein einsames Leben. Erst dann wurde die spektakuläre Straße gebaut. Der einzige Ort – Masca – liegt auf einem schmalen Bergrücken hoch über der Schlucht. Die außergewöhnliche Lage und die malerischen alten Steinhäuser küren Masca zum schönsten Ort der Insel. Wir parken die Motorräder vor der kleinen Bar, ordern Eis und Café cortado und genießen die Sicht über Masca und das bizarre Teno-Gebirge.

Nach Norden wird die Straße breiter, die Kurven flüssiger, die Radien weiter. Es folgen zwei weitere Pässe, bevor die lange Abfahrt zur Nordküste nach Buenavista beginnt. Dort lockt der als gefährlich beschilderte Abstecher zum Westkap, dem Punta de Teno. Obwohl sich der Weg haarsträubend an der senkrechten Steilküste entlanghangelt, droht Gefahr nur von Steinschlägen, die bei Regen und Sturm nicht selten sind. Bei sonnigen 20 Grad hingegen ist der Weg zum Leuchtturm ein Traum, verspricht er doch neben der spannenden Strecke den besten Blick zu den 500 Meter hohen Klippen von Los Gigantes.

Vom Faro de Teno bis zum Faro de Anaga am Ostkap sind es 110 Kilometer. Keine Entfernung, dennoch schaffen wir sie nicht an einem Tag. Es gibt einfach zu viel zu sehen. Das beginnt schon in Garachico, ein bildschöner Ort direkt an der zerklüfteten Nordküste. Garachico war einst der wichtigste Hafen der Insel, bis 1706 zwei Lavaströme vom Teide die wohlhabende Stadt unter sich begruben. Nur das Zentrum überstand die vulkanische Attacke, während das wirtschaftliche Rückgrat, der Hafen, zerstört wurde. Garachico versank in der Bedeutungslosigkeit, die meisten Einwohner wanderten aus nach Südamerika. Heute ist der historische Ortskern einer der schönsten der Insel, vor allem die von restaurierten Kolonialgebäuden gesäumten Gassen rund um die Kirche San Francisco sind sehenswert.


Kaum weniger malerisch ist die Altstadt von Icod, wo der mit geschätzten 1000 Jahren älteste und größte Drachenbaum steht. Ein archaisches Gewächs, das Botaniker nicht als Baum, sondern als Agavenart einstufen. Egal wie, eindrucksvoll ist der Drago millenario mit seinem zwei Meter dicken Stamm allemal. Hinter Icod verlassen wir die stark befahrene Hauptstraße und schwingen auf kleinen Wegen weit oberhalb der Küste ins Orotavatal. Keine Ahnung, warum der Reiseführer von diesem Tal schwärmt, es ist dicht besiedelt und von Feldern und Plantagen übersät, keineswegs ein landschaftlicher Höhepunkt.

Ohnehin ist die fruchtbare grüne Nordküste völlig zersiedelt, die oft gesichtslosen Orte gehen fast ineinander über. Fahrspaß kommt folglich kaum auf. Also geben wir den Bikes auf der Autobahn die Sporen und peilen das Anaga-Gebirge im Nord-osten an. Kaum ist die alte Hauptstadt La Laguna mit ihrem Verkehrschaos durchquert, finden wir, wonach wir suchen: einen Kurventraum in Gestalt der TF 12, die sich ohne langes Vorspiel mit den Bergen anlegt und im dichten Wald verschwindet.

Die gute Straße klettert immer höher bis zu den Gipfelgraten des Anaga-Gebirges, 1000 Meter über dem Meer. Schnell wird klar, warum der Wald hier so üppig wächst. Wir tauchen ins Innere der Passatwolken, die reichlich Feuchtigkeit mitbringen. Selten als Regen, meist als sehr feines Nieseln, das an den langen Nadeln der kanarischen Kiefern zu dicken Tropfen kumuliert, die uns nun aufs Visier platschen. Bis mit einem Schlag der Nebel aufreißt. Weit unter uns liegt die zerklüftete Nordküste, auf der anderen Seite die Südküste. Die TF 12 ist eine Panoramastraße erster Klasse, verläuft fast ständig auf dem Gipfelgrat und überrascht mit Aussichten wie aus dem Flugzeug, wenn es der dichte Kiefern- und Lorbeerwald erlaubt.

Am Mirador El Bailadero zweigt die TF 134 ab, die 900 Meter zum Meer nach Taganana hinabkurvt. Die Aussichten auf die weißen kubischen Häuser der kleinen Orte, die raue, schwarze Küste und die grünen Felszacken des Anaga-Gebirges rauben den Atem. Vom Klischee der sonnigen Ferieninsel ist dieses Kleinod Lichtjahre entfernt. Nur selten verirrt sich ein Tourist hierher. Der Atlantik schiebt schäumende Viermeterwellen in die steinigen Buchten, salzige Gischt vernebelt die bizarren Felsen am Punta de los Roquetes. Zweifellos ist dies der wildeste Teil Teneriffas, wir fühlen uns eher wie an einer einsamen Küste in Neuseeland oder Chile.


Kaum 20 Kilometer weiter, an der Südseite der Anaga-Halb-insel, sieht die Welt ganz anders aus. Bevor wir an den Bilder-buchstrand Las Teresitas rollen, haben wir noch das Gebirge vor der Brust. Also wedeln wir hinauf zum Mirador, tauchen kurz in die Wolken ein und kratzen dann die Kurven der TF 12 runter zur Südküste. Augenblicklich küren wir diese Straße zu unserem Favoriten, sie kann es mit jedem Alpenpass aufnehmen.

Las Teresitas ist der schönste Strand Teneriffas. Schiffsladungen mit feinstem Sand wurden extra aus der Sahara herangeschafft und in der halbkreisförmigen Bucht abgeladen. Palmen spenden Schatten, und ein Steinwall im Meer schützt den kost-baren Sand vor den Wellen. Ein künstliches Urlaubsparadies vor den Toren der Hauptstadt Santa Cruz. Die 220000-Einwohner-Stadt reizt uns weniger, doch an dem spektakulärsten Gebäude müssen wir anhalten, dem Auditorio de Tenerife. Das futuristische, 2000 Besucher fassende Konzerthaus ist das architektonische Meisterwerk von Santiago Calatrava. Der kühne Schwung des mit schneeweißen Bruchkacheln verkleideten Gebäudes weckt Assoziationen an eine Riesenwelle, ein Segelschiff oder einen Baldachin. Jeder glaubt etwas anderes zu sehen.

Nun wird es aber Zeit, noch mal hoch zum Teide zu fahren. Fünf verschiedene Straßen schrauben sich von der Küste hinauf ins vulkanische Herz der Insel. Wir wählen die TF 24, die von La Laguna der Cumbre Dorsal folgt, dem zentralen Bergrücken, der sich bis hinauf zur Caldera am Teide zieht. Schon bald tauchen wir in eine Allee aus meterdicken Eukalyptusbäumen ein, die intensiven aromatischen Duft verströmen. Durch weite Kurven schwingen die Enduros bergwärts, rollen etwas später zwischen knorrigen Kiefern schon jenseits der 1500-Meter-Marke.

Ein kleines Schild verweist auf eine Schotterpiste zum Mirador de la Cumbre. Hoch über der Nordküste, die sich unter dem weißen Watteteppich der Passatwolken versteckt, bietet sich ein Postkartenpanorama. In sanften Wellen rollen kiefernbewachsene Hänge bis zum verschneiten Kegel des Teide, der die Blicke magisch anzieht. Uns natürlich auch. Und so nehmen wir wieder die TF 24 unter die Räder, die bald die Baumgrenze auf 2000 Meter erreicht und sich zur absoluten Traumstraße mausert. Nicht etwa aufgrund verwegener Kurven, die gibt es hier oben kaum noch, sondern wegen dieser grandiosen Sicht in der glasklaren Luft. Ein Kugelgelenk im Hals wäre nicht schlecht, um alles erfassen zu können. Weit im Südosten wachsen die Konturen von Gran Canaria aus dem Meer, vor uns der dominierende Teide und im Nordwesten, 130 Kilometer entfernt, ist klar und deutlich La Palma zu erkennen. Ein Tag wie dieser ist ein seltenes Privileg.

Die Straße senkt sich kurz zur Kreuzung El Portillo und kurvt dann hoch in die Cañadas, die riesige Vulkancaldera zu Füßen des Teide. Der 17 Kilometer große Kessel ist geologisch be-trachtet jung, kaum 600000 Jahre alt. Damals ragte hier ein über 5000 Meter hoher Vulkan auf, der nach gigantischen Eruptionen einstürzte und damit die Caldera schuf. Erst danach stapelte der aktivste der Krater in jahrtausendelanger Arbeit den heutigen Teide auf, dessen letzter Ausbruch erst 99 Jahre her ist.

Zu seinen Füßen dringen wir in eine Landschaft ein, die zumindest in Europa einzigartig ist. Dutzende Lavaströme, braun, gelb, schwarz oder rot, fließen vom Teide in den Kessel. Manche wirken so frisch, als wären sie erst gestern erkaltet, bilden ab und zu fantastische Türme, Zacken oder glatte Wände. Kein Wunder, dass in dieser Szenerie so mancher Science-Fiction-Film gedreht wurde. Und doch ist die vulkanische Welt keineswegs tot, bietet einen harschen Überlebensraum für so eigenartige Pflanzen wie die zwei Meter große rote Taginaste, riesige grüne Ginsterbüsche oder die violetten Teide-Veilchen.

Allein sind wir auf dem Teide allerdings nicht. Neben den Stränden sind die Cañadas das beliebteste Ziel auf der Insel. Tausende gondeln jeden Tag mit der Seilbahn auf 3555 Meter überm Meeresspiegel. Erst als sich die Sonne – die Tinerfeños nennen sie Lorenzo – dem Horizont nähert, rauscht die Touristenkarawane wieder abwärts in ihre Hotels. Dabei verpassen sie die mit Abstand schönste Stunde des Tages. Je tiefer die Sonne sinkt, desto dramatischer leuchten die Passatwolken. Erst blendend weiß, dann gelb, orange, schließlich blutrot und im letzten Zwielicht sogar purpur. Von Osten her schiebt sich tiefes Schwarz über den Himmel und präsentiert nach und nach einen fantastisch klaren Sternenhimmel. Die Wände der Caldera sperren jegliches Licht und den Lärm der Städte von diesem lautlosen Spektakel aus. Es schmerzt in den Ohren, als wir lange nach Sonnenuntergang den Startknopf der Einzylinder drücken, um zurück zum Hotel zu fahren. Zum Glück ist der Schnee längst geschmolzen, und vor Glatteis müssen wir uns auch erst daheim wieder fürchten.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote