Thailand (Archivversion)

Reisen im Jahr 2543

Nein, dies ist keine Zukunftsvision; 2543 ist das Jahr 2000 - nach buddhistischer Zeitrechnung. Aber auch sonst gehen die Uhren in Thailand etwas anders.

Rush-hour in Chiang Mai. Im Sattel einer Honda XL 200 eile ich den Tourguides Linn, Nui und Buliem hinterher, die unsere Reisegruppe mit der Präzision eines Satelliten-Navigationssystems durch die zweitgrößte Stadt Thailands lotsen. Vorbei an über 30 prachtvollen Tempelanlagen, an modernen Einkaufzentren, an Hotels und Büropalästen. Ohne sie wären wir in diesem Chaos hoffnungslos verloren, zumal wir die kunstvollen thailändischen Schriftzeichen auf den vielen Verkehrsschildern nicht entziffern können.Auf dem Weg zum Tempel von Wat Doi Suteph entspannen sich allmählich unsere angestrengten Gesichtszüge. Auf einer zweispurigen Serpentinenstrecke geht es in schnellem Rhythmus hinauf auf tausend Höhenmeter - Linkskurve, Rechtskurve, Überholen. Dazwischen fliegt ein erster Blick über die nordthailändische Bergwelt: sanft geschwungene Bergketten, zwischen tausend und zweitausend Meter hoch, dschungelgrün und gespickt mit abenteuerlichen Trails. Perfekt für Enduros.Auf 1180 Metern Höhe wird es kühl. Entsprechend präsentieren sich die grimmig dreinschauenden Tempelwächter am Wat Doi Suthep, der 290 Stufen über der Fahrbahn thront. Die steinernen Dämonen tragen Winterkleidung: Schals und Pullover, von barmherzigen Gläubigen zur Verfügung gestellt. Hat man sich erst mal an den wilden Gesellen vorbei getraut, öffnet sich eine Oase der Ruhe und Besinnung. Die moderne Welt, der brausende Verkehr im Stadtzentrum, das alles scheint Lichtjahre entfernt. In orangefarbene Roben gehüllte Mönche murmeln Gebete, Blätter flattern leise im Wind, der Klang der Gebetsglocken hallt dumpf über die Berge.Mit gestärktem Geist lassen wir die letzten Meter Asphalt hinter uns zurück. Vorsichtig wage ich die ersten Drifts und Bremsversuche auf dem exotischen Untergrund. Der Belag ist griffig. Einfach perfekt - zumindest jetzt in der Trockenzeit. Steil bergab geht es unter einem dichten Dschungeldach in ausgelassenen Schlenkern an einer Kaffeeplantage vorbei, an einem winzigen Dorf und safrangelben Blumenwiesen. Sobald die Motoren verstummen, brechen die Geräusche des Dschungels über mich herein, dumpf und unbekannt, wie aus einem der Zeit entrückten Zauberwald. Der Erhalt urwüchsiger Natur genießt in Thailand einen ungewöhnlich hohen Stellenwert. Über zwölf Prozent der Landesfläche stehen unter Naturschutz, wie hier im Nationalpark Doi Suthep-Doi Pui.Aber auch außerhalb der Nationalparks wuchert das Grün. Selbst über die Pfade, auf denen sich der Platz für die Stollenreifen auf ein Minimum beschränkt. In Kombination mit knietiefen Spurrillen manchmal ganz schön anstrengend zum Fahren. Links und rechts des Weges drängen sich Büsche und Urwaldriesen. Knorriges Geäst trommelt immer wieder gegen die Helme und es geht aufwärts, abwärts und wieder aufwärts – aber wie. Der Schweiß fließt, der Staub klebt, die innere Stimme brüllt: »Nur nicht anhalten, nur nicht den Reifenkontakt mit der Fahrspur verlieren.« Längst habe ich die Gruppe aus den Augen verloren und wähne mich als Pionier in einer Welt, in der es noch keine Fahrzeuge gibt. Denkste. Ein Yamaha-Roller kommt mir kreischend entgegengeeilt. Aus dem Korb auf dem Rücksitz ragt eine Flinte und das soeben erlegte Abendessen. Fahrer und Sozia, die die üblich leichte Baumwollkleidung und Gummisandalen tragen, fixieren meine Endurostiefel und die fast lückenlos gepanzerte Cross-Montur mit unbewegtem Blick.Linn, Nui und Buliem erwarten mich am Mokfa-Wasserfall, der nach der staubigen Offroad-Passage nicht ungelegen kommt. Erst in Ruhe betrachtet lassen sich die unterschiedlichen Pflanzen des Dschungeld ausmachen. Winzige violette Blüten bilden mit Bambus, Bananenstauden und tropischem Gehölz den dichten Urwaldteppich. Dazwischen rauschen die Kaskaden. Die Assoziation liegt nahe: Das Paradies vor dem Sündenfall. Doch der Vergleich hinkt. Der Norden Thailands gehört zum Goldenen Dreieck, und in den umliegenden, unzugänglichen Waldgebieten der touristisch überlaufenen Region blüht in den Kalkgebirgen an der Grenze zu Laos und Myanmar das Opiumgeschäft. Letztere ist auf der Karte gekennzeichnet als »sensitive border area« – als sensible Grenzregion.Wir erreichen Thaton in der Abenddämmerung. Die kleine Ortschaft liegt nur einen Steinwurf von Myanmar entfernt am Ufer des Mae-Kok-Flusses. Sensible Grenzregion hin oder her, es könnte idyllischer nicht sein. Monumental hockt der weiße Buddha des Klosters Wat Thaton hoch über dem Fluss auf einer Bergkuppe, an den Hängen leuchtet das Grün des Dschungels. Linn und Nui, beide Mechaniker aus Leidenschaft, inspizieren im Lampenschein die Bikes - kichernd und scherzend, bis tief in die Nacht. Kein Wunder, dass beide noch in den Federn liegen, als in aller Früh der Nebel aufsteigt, mystisch über den Mae Kok gleitet und bis hinauf zu den höchsten Berggipfeln zieht. Ich fahre mit Buliem zum Wat Thaton. Dem weißen Buddha hat man am oberhalb der Mönchsunterkünfte den besten Aussichtspunkt der Klosteranlage reserviert. Sein Blick schweift über smaragdgrüne Berge, zwischen denen sich der Mae Kok schlängelt.Ungezählte Wasseradern durchziehen den Norden Thailands. Sie messen Tausende Kilometer und führen bis in die entlegensten Winkel des Landes. Das weit verzweigte Wasserstraßennetz wurde schon seit Alters her als Transportweg genutzt. Am Bootshaus von Thaton liegen die traditionellen Langboote, auf denen man neben Reis, Geflügel und Matratzen auch Motorräder verladen kann. Als die Sonne die letzten Nebelfetzen verdrängt, startet unsere Bootstour auf dem Mae Kok mit einem spannenden Kampf um die Pole Position. »Mehr als 50 PS«, strahlt der Bootsmann mit Blick auf den Toyota-Außenbordmotor seiner gut sieben Meter in die Länge gezogenen Nussschale und setzt sich souverän in Führung.Linn und ich kauern zwischen zwei Enduros und beobachten unsere Verfolger, die mehrmals auf Grund laufen und erst nach hektischem Staken mit meterlangen Bambusstangen den Anschluss finden. Der Buddha am Wat Thaton scheint die Szenerie gelassen zu verfolgen. Die Lehre des Buddha werde yana genannt, sagt Linn, das bedeute gleichzeitig auch Fahrzeug, Fähre oder Boot. Das Boot zu betreten und den Fluss zu überqueren hieße, vom Ufer der Unwissenheit zum Ufer der Erleuchtung aufzubrechen. Ich frage mich, ob sich der geistige Trip ins Nirwana in der gleichen Geschwindigkeit vollzieht wie der unsere. Patrouillenbooten gleich, jagen wir durch die engen Flusskehren, vorbei an Felsen und Sandbänken, später an kleinen Inseln. Pfahldörfer und Reisfelder ziehen vorüber, gefolgt von dichtem Dschungel.Mit einer Serie rasanter Stromschnellen zirkeln wir um eine Flussbiegung und treiben direkt auf eine Elefantenherde zu. Den Dickhäutern sitzen kleine Jungs im Nacken, die die Kolosse scheinbar mühelos von einem Ufer zum anderen dirigieren. Das Elefantencamp Ruam Mitr ist erreicht, ein Dorf der Karen, deren Heimat eigentlich das benachbarte Myanmar ist. Um den Repressalien der dort seit einem halben Jahrhundert herrschenden Militärregierung zu entgehen, zogen viele Karen in den Norden von Thailand. Statt in einem Bürgerkrieg ähnlichen Zustand leben zu müssen, tragen sie hier ein freundliches Lächeln zur Schau. Und die Entladung der Enduros aus den Langbooten gerät zum vielbeachteten Event.Die zuächst recht gute Piste, auf der wir weiterfahren, endet irgendwann im Nichts. Es beginnt Offroad-Terrain. Und es geht bergauf. Ohne große Umschweife auf dem nahezu direktesten Weg zum Gipfel. Über Baumstämme, die provisorische Brücken bilden und an Wassergräben entlang, in denen man mühelos ein Auto parken könnte. Schließlich ist der Kamm des Berges erreicht, und ich werde mit einem grandiosen Panorama belohnt. Enduro fahren ist eine Sache. Mit der Enduro Gebiete entdecken, in die weder Straßen noch Pisten führen, eine andere. Es ist ein Gefühl, wie Kolumbus es gehabt haben muss bei seinen Entdeckungsreisen.Mit der Dämmerung erreichen wir Mae Salong, eine Ortschaft in den steilen Berghängen, die das Flair eines alten Schmugglernests verströmt. Und das nicht von ungefähr. Gegründet wurde Mae Salong von Soldaten, die 1949 nach dem Sieg Maos aus Südchina geflohen waren und hier neben einer neuen Heimat auch ein neues Betätigungsfeld fanden: Sie förderten und kontrollierten das Opiumgeschäft im Goldenen Dreieck. Die Chinesin Phi Djin, die uns an der Hauptstraße heißen Tee serviert, hat mit den Machenschaften der Gründungsväter nichts am Hut. Ihr Verkaufsstand quillt über mit Heilkräutern, Wundermitteln und Reisschnapsflaschen, in denen sich eingelegte Peptilien und Ähnliches befinden. »Schlange ist aus«, sagt sie bedauernd. Dafür gibt es eingelegte Hundertfüßler, und Nui, der plötzlich unter mysteriösen Krankheitssymptomen leidet, nimmt gleich mal einen kräftigen Schluck.Einer alter Schmugglerpfad führt uns in aller Frühe nach Thoed Thai. Der Ort hieß früher Ban Hin Taek und machte 1982 Schlagzeilen in der Weltpresse, als hier die Truppen von Opiumkönig Khun Sa in einem dreitägigen Kampf aus ihrem Hauptquartier vertrieben wurden. Statt schummriger Opiumhöhlen erwarten uns saubere, weiß verputzte Häuser, die an eine Neubausiedlung erinnern. Fahrende Händler düsen in klapprigen Pick-ups die Hauptstraße rauf und runter, beladen mit Mausefallen, Toilettenbürsten und Geschirr. Aus riesigen Boxen auf der Ladefläche wummert Thai-Musik. Wir setzen uns ins nächste Straßencafé, essen Nudelsuppe mit Stäbchen und entdecken den einzigen Opiumraucher weit und breit. Er prangt als Gemälde auf einem Wandfächer über der Theke.Ein Abstecher nach Myanmar steht bevor. Während ich mich mit dem Motorrad auf einer kaum handtuchbreiten Serpentinenstrecke durch den Dschungel schraube, übersehe ich fast die mystischen Tierfiguren, die im Wald aufgestellt sind: weiße Elefanten, Geckos, Schweine, hübsch angeordnet zwischen Urwaldriesen. Als der Motor verstummt, knarrt und knarzt es unheimlich. Es besteht kein Zweifel: Hier wohnen Geister, und die müssen von den Einheimischen mit kleinen Opfergaben beschwichtigt werden. Geister mögen Räucherstäbchen und Kerzen, essen mit Vorliebe Reis und Obst, und rauchen ab und an gern mal eine Zigarrette. Der Glaube an Geister stammt aus vorbuddhistischer Zeit; den von den Figuren umgebenen Buddha stört das offensichtlich nicht. Schließlich beruht seine Lehre, heute quasi Staatsreligion, auf Toleranz.Obwohl sich auch in Myanmar 90 Prozent der Bevölkerung zum Buddhismus bekennt, scheint Toleranz für die Repräsentanten der Militärdiktatur ein Fremdwort zu sein. In Mae Sai überqueren wir den Grenzfluss nach Tachilek, das schon von weitem mit dem werbeträchtigen Plakat: »City of the Golden Triangle« auf sich aufmerksam macht. Wir zahlen fünf US-Dollar für ein Tagesvisum, obwohl wir nur eine Stunde bleiben dürfen. Doch viel mehr Zeit für diesen Ort wären auch Verschwendung. Zu bestaunen ist eine willkürliche Aneinanderreihung von Ständen mit billigen Zigaretten, Parfums, Klamotten und allerlei Plastikramsch. Als special guests agiert ein bis an die Zähne bewaffnetes Militär. Nach der Vorstellung denke ich an das brutale Vorgehen der Regierung gegen die demokratische Opposition , und mich beschleicht das bedrückende Gefühl, dass statt der Kino- gerade die Militärkasse geklingelt hat.Auf dem teils vierspurig ausgebauten Highway 1 rauschen wir nach Süden in Richtung Phayao, vorbei an der modernen Hochhauskulisse von Chiang Rai. Einmal kräftig abbremsen, nach rechts abbiegen, schon ist man mitten im Doi-Luang-Nationalpark. Wir schrauben uns in wenigen Minuten auf über 800 Höhenmeter und lassen Highway samt Moderne hinter uns zurück. Ein Netzwerk schmalster Trails durchzieht den Wald, einer davon führt zum Urwalddorf Ban Pa Miang. Hibiskussträucher, Weihnachtssterne, selbst Rosen wachsen hier. Doch an Dornröschenschlaf ist nicht zu denken, die Vorbereitungen für das Neujahrsfest laufen auf vollen Touren: Morgen beginnt für die ursprünglich aus Südchina stammenden Lisu das Jahr des Drachen. »Hier laufen die Uhren etwas anders«, flüstert Nui. Schließlich schreibt man in Thailand das Jahr 2543 nach Buddha.
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Infos (Archivversion)

Der Norden Thailands ist ein ideales Enduro-Winterrevier: angenehme Temperaturen und trockene, griffige Trails. Offroad-Abenteuer und eine gute touristische Infrastruktur liegen dabei nicht allzu weit auseinander.
ANREISEZahlreiche europäische und asiatische Fluggesellschaften bieten Flüge nach Thailand an. China Airlines fliegt beispielsweise sechsmal pro Woche von Amsterdam nach Bangkok, LTU einmal wöchentlich ab Frankfurt. Je nach Saison kostet ein Ticket zwischen 1000 und 1500 Mark. China Airlines bietet für 150 Mark einen Zubringerflug nach Amsterdam an; die Anreise per Bahn ist im Preis inbegriffen. Bei einige Fluggesellschaften kann man Last-Minute-Angebote ergattern, der Preis liegt bei etwa 750 Mark. Thai Airways fliegt mehrmals täglich für rund 100 Mark von Bangkok in den Norden das Landes nach Chiang Mai.Bei einem Aufenthalt bis zu 30 Tagen ist für Bürger der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich kein Visum erforderlich. Es genügt ein mindestens noch 60 Tage gültiger Reisepass.Weitere Auskünfte erteilt das Thailändische Fremdenverkehrsbüro, Bethmannstraße 58, 60311 Frankfurt, Telefon 069/1381390, Fax 069/281468. Internet-Infos über das Reisen in Thailand findet man unter: www.tourismthailand.org.GesundheitZur Einreise nach Thailand besteht keinerlei Pflichtimfpung. Über empfohlene Impfungen und sonstige gesundheitliche Vorsorgemaßnahmen informiert der Hausarzt, oder Tropenistitute, beispielsweise das Institut für Tropenmedizin Berlin, Telefon 030/301166. Bei Besuchen der Dschungelgebiete nahe der Grenze zu Myanmar und Laos ist eine Malaria-Prophylaxe ratsam.REISEZEITIn Thailand gibt es drei Jahreszeiten, die kühle von November bis Februar, die heiße von März bis Mai und die Regenzeit von Juni bis Oktober. Ideale Reisezeit für Offroad-Touren ist Dezember bis März. Dann ist das Gelände trocken, und die Temperaturen liegen tagsüber kaum über 28 Grad.ORGANISIERTE TOURENKompetent geführte Endurotouren bietet der Motorradreise-Veranstalter Off-Road Tours an. Gefahren wird auf Kawasaki KLX 250, Honda XR 250 und Suzuki DR 350. Für eine siebentägige Tour sind inklusive Halbpension ab 1590 Mark (ohne Flug) zu zahlen. Auf Wunsch werden Protektoren, Stiefel und Helm zur Verfügung gestellt. Weitere Infos bei Off-Road Tours, Rosenhagen 19, 33104 Paderborn, Telefon und Fax 05254/7860, Internet:www.off-roadtours.de.LITERATURWer Thailand ohne Hintergrundkenntnisse bereist, tritt leicht von einem Fettnapf in den nächsten. Die Anzahl an Thailand-Reiseführers ist allerdings fast schon unüberschaubar. Als sehr gut erwies sich das »Thailand - Handbuch« aus der Reihe Reise Know-How für 44,80 Mark. Es bietet jede Menge Infos zu Land und Leuten sowie viele praktische Reisetipps. Nicht weniger ausführlich: »Thailand« aus dem Stefan Loose Verlag für 39,80 Mark. Von »Abenteuer und Reisen« ist derzeit noch ein Sonderheft über Thailand für 15,80 Mark an den Kiosken zu finden, das Interessierte mit tollen Geschichten und einem sehr guten Info-Teil versorgt. Wissenswertes über das Land findet sich außerdem unter www.abenteuerreisen.de.Eine durchaus brauchbare Karteist »Thailand« aus dem Nelles-Verlag im Maßstab 1:1 500 000 für 14,80 Mark.Zeitaufwand: eine WocheStreckenlänge: 900 Kilometer

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