Tibesti (Archivversion) Verbotener Sand

Erstmals durchquerten Endurofahrer das abgelegene Tibesti-Gebirge im Tschad - einem Land, in dem das Reisen wegen zahlreicher Konflikte bisher nahezu unmöglich war.

Die Miene des bislang freundlichen libyschen Grenzbeamten verfinstert sich schlagartig: »In den Tschad?!« Tina, die Frau in unserem vierköpfigen Team, hat sich auf die Frage nach unserem Reiseziel dummerweise verplappert - und Nichtarabern ist es bisher verboten, Libyen in Richtung Süden zu verlassen. Nicht zuletzt, weil die Grenzregion zwischen den Ländern immer noch als Krisengebiet gilt, obwohl die jahrelangen Konflikte bereits 1992 offiziell beendet wurden. Ein zweites Mißgeschick rettet die Situation. Michael findet plötzlich seinen Reisepaß nicht mehr. Im anschließenden Durcheinander vergißt der Zöllner zu unserem Glück das Thema »Tschad«. Der Reisepaß taucht schließlich wieder auf, und völlig problemlos reisen wir nach Libyen ein.Vor zwei Tagen waren wir in Tunis angekommen. Mit drei Enduros und einem geländetauglichen Lkw, den wir im täglichen Wechsel fahren wollen. Ohne Begleitfahrzeug wäre unsere geplante Tour durch das Tibesti-Gebirge und weiter in den Süden des Tschad unmöglich: Zum einen herrscht im Norden des Landes die Auflage, einen ortskundigen Führer mitzunehmen, zum anderen wären die Motorräder mit den notwendigen Sprit- und Wasserreserven viel zu schwer, um durch das unwegsame Land zu fahren.In Murzuq, einer kleinen Stadt im Süden Libyens, füllen wir unsere Treibstoffbehälter bis zu Halskrause auf. Rund 1000 Liter Benzin und die gleiche Menge an Diesel fließen in die Fässer auf der Ladefläche des Lastwagen, für umgerechnet knapp 150 Mark - im Tschad soll Sprit, falls überhaupt erhältlich, mindestens das Zehnfache kosten.Mit gemischten Gefühlen erreichen wir Al Katrun im Süden Libyens. Hier müssen wir die Ausreiseformalitäten erledigen. Bisher wissen wir nicht, ob man uns die Weiterfahrt in den Tschad überhaupt genehmigen wird. Wir sind auf die Launen des Zollchefs angewiesen - und der sagt kurzerhand »ja«. Mit Hilfe des örtlichen »Tourismuschefs« finden wir schnell einen Führer, der allerdings für unser Vorhaben 2500 französische France verlangt. Feilschen zwecklos. Aber mit dem Ziel so nah vor Augen zahlen wir bereitwillig und verlassen das staubige Nest, sind endlich unterwegs in Richtung Tschad. Noch ein letzter Militärposten, dann befinden wir uns in dem Land, daß seit vielen Jahren den meisten Touristen verschlossen blieb.Stundenlang folgen wir tief ausgewaschenen, sandigen Lkw-Spuren durch eine weitflächige wüstenhafte Region. Auch wenn es rechts und links der Piste einfacher zu fahren wäre, können wir nicht dorthin ausweichen. Im gesamten Norden des Tschad sind weite Gebiete entlang der wenigen Verbindungswege immer noch vermint.Plötzlich ändert sich das Bild. Am Horizont zeichnen sich schemenhaft die ersten größeren Felsenformationen ab. Ausläufer des Tibesti, des höchsten Gebirges in der Sahara. Knapp drei Stunden später führt der Weg durch ein sandiges Tal, umgeben von senkrecht aufsteigenden, rotbraunen Wänden aus Stein. Doch wir kommen nicht weit. An einer Engstelle springt ein bewaffneter Mann von einem als Beobachtungspunkt dienenden Felsenvorsprung direkt vor unseren kleinen Konvoi. Gleich darauf sind wir von sechs weiteren Männern umstellt, alle mit Maschinengewehren oder Pistolen im Anschlag. Sie wollen unsere Pässe sehen und fordern schließlich Geld. Lange sitzen wir im Sand und verhandeln, einigen uns schließlich zähneknirschend auf einen für uns gerade noch erträglichen Betrag, um endlich weiterfahren zu können.Unsere Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Erst die in der Sahara einzigartige Landschaft läßt uns den Vorfall vergessen: Wie aus dem Nichts erheben sich in der glühend heißen Luft mehrere senkrechte Felsnadeln, die gut 100 Meter in den stahlblauen Himmel ragen. Gerne würden wir dieses bizarre Labyrinth näher erkunden, doch abseits der Piste besteht weiterhin akute Minengefahr. Im Schrittempo passieren wir diese atemberaubende Kulisse, die so nah und für uns trotzdem unerreichbar ist. Wenige Kilometer weiter stoßen wir auf einem kleinen Paß unvermittelt auf erste Spuren der jahrelangen Auseinandersetzungen im Tibesti. Das Gelände ist übersät mit Geschoßhülsen, dann entdecken wir die Überreste eines libyschen Lastwagens, der von einer Granate zerstört wurde. Stille Zeugen eines Krieges zwischen den beiden Nachbarstaaten, die unsere Begeisterung über diese weltfremde Landschaft stark trüben.Erst in der Schlucht von Zouar, wo die Piste wegen der hohen Felsenwände längst im Schatten liegt, finden wir einen geeigneten Lagerplatz. Hier soll es nach Auskunft unseres Führers keine Minen geben. Die Hitze und die anstrengende Fahrerei durch zum Teil knietiefe Sandpassagen haben uns völlig fertig gemacht. Wie tot fallen wir in unsere Schlafsäcke.Unser nächstes Ziel heißt Zouar. In diesem trostlosen Nest - dem ersten Ort im Tschad - müssen wir nachträglich die Einreiseformalitäten erledigen und uns nach einem neuen Führer umsehen. Doch bereits nach wenigen Kilometern in Richtung Bardai besteht unser neuer Passagier darauf, von der Route abzubiegen und einige Kilometer weit zu seiner Familie zu fahren. Dort angekommen, führt er uns in eine einfache Rundhütte. Eine Frau hält uns ihr Kind entgegen, das an starker Unterernährung leidet. Kein Einzelfall in diesem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört, das sich nach einem fast 30jährigen Bürgerkrieg zwischen den überwiegend muslimischen Nomaden im Norden und den seßhaften Schwarzafrikanern im Süden in einem desolaten Zustand befindet - und auch als das »tote Herz Afrikas« bezeichnet wird, weil der größte Teil des Tschad nur aus Wüste besteht und praktisch unbewohnbar ist. Wir sollen mit einer Geldspende helfen.Waren wir bisher nur am westlichen Rand des Tibesti unterwegs, führt uns der weitere Verlauf der Piste ab jetzt direkt in das Gebirge hinein. Immer weiter balancieren wir die Enduros über den steinigen Weg in eine kahle Bergwelt. Faustgroße bis tonnenschwere Felsenbrocken, soweit der Blick reicht - und wir kommen auf dem losen Untergrund auch nicht schneller voran als im Sand. Kurz vor Sonnenuntergang endlich die Paßhöhe, knapp 2500 Meter hoch. Der Ausblick von hier oben läßt sich kaum noch mit Worten, allenfalls mit Zahlen beschreiben. Vor uns öffnet sich ein gewaltiger Krater, sieben Kilometer im Durchmesser und 1000 Meter tief. Mitten im sandigen, stark salzhaltigen Grund der Kaldera des »Trou du Natron«, dem »Natronloch«, entstand ein weiterer Vulkan, der jedoch längst erloschen ist. Und über allem ragt im Hintergrund der 3315 Meter hoher Kegel des Pic Toussidé. Ein Ausblick, der für die Strapazen auf dem Weg absolut entschädigt.Früh am nächsten Morgen stehen wir wieder am Rand der riesigen Öffnung. Noch weht ein eisiger Wind über die gezackten Bergkanten - genau der richtige Moment für Michael: Mit einem Gleitschirm will er auf den Grund des Trou du Natron fliegen. Immer heftiger zerren die Böen an seinem Schrim, jetzt nur noch ein paar Schritte, dann verschwindet er in dem gewaltigen Loch, segelt minutenlang, bis er nur noch als winziger bunter Punkt auszumachen ist. Es dauert Stunden, bis er den langen und steilen Weg wieder nach oben geschafft hat. Völlig außer Atem und schweißgebadet steht er vor uns, aber seine glänzenden Augen sprechen Bände. Wir beneiden ihn um dieses einzigartige Erlebnis, um das Gefühl, diesen weltabgeschiedenen wie unberührten Ort aus einer völlig neuen Perspektive betrachtet zu haben.Langsam folgen wir der steinigen Piste weiter durch diese Welt aus Granit. Vorbei an vielfarbigen Felsen, von Wind und Wetter geschliffen, vegetationslos und abweisend, aber von atemberaubender Schönheit. Dazwischen dunkle Vulkankegel und hochhaushohe Tafelberge, weite Ebenen und Hochplateaus, dann wieder enge Schluchten, die in ihrer Gesamtheit ein unüberschaubares Labyrinth bilden. Trotz der Piste, die in der Regel gut zu erkennen ist, sind wir ständig auf die Ortskenntnisse unseres Führers angewiesen. Wegweiser gibt es nicht und da kaum ein Mensch in diesem unwirtlichen Teil Afrikas lebt, wäre im Fall einer Panne die Aussicht auf Hilfe praktisch unwahrscheinlich.Erst in dem kleinen Dorf Yebbi Bou haben wir wieder Gelegenheit, unsere Wasservorräte aufzufüllen. Dazu erstehen wir ein paar Säcke Hirse. Wir entscheiden uns, von hier aus die Fahrt durch das Wadi Enneri Miski fortzusetzen, um so auf die Hauptpiste nach Faya zu stoßen. Keine leichte Angelegenheit, eine Piste existiert hier nicht. Nur gelegentlich entdecken wir einzelne Fahrzeugspuren, die sich aber bereits nach wenigen Kilometern wieder im tiefen Sand verlieren. Zwei Tage fahren wir in Richtung Süden durch das Wadi, vorbei am unscheinbaren, aber mit 3415 Metern höchsten Berg der Sahara, dem Emi Koussi. Das Wadi geht schließlich in eine weite Ebene über, und bei einem Panzerwrack treffen wir auf die Piste nach Faya. Die Gebirgsregion des Tibesti liegt jetzt endgültig hinter uns. Vor uns erstrecken sich noch viele hundert Pistenkilometer bis N`Djamena, der Hauptstadt tief im Südwesten des Landes. Und nur dort dürfen wir den Tschad wieder wieder verlassen. Falls Michael nicht wieder seinen Paß verlegt hat.

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