Tipps für den Saisonstart (Archivversion) Start your Engine

Endlich! Der Megawinter ist gepackt. Wenn jetzt trockene Straßen und milde Temperaturen wieder aufs Motorrad locken, heißt es startklar zu sein. Das gilt nicht nur für die Maschine, sondern auch für den Mensch. Wir geben Tipps zum optimalen Anlassen.

Und – wie ist es? Die vertrauten Lenkerstummel wieder
in den Händen zu fühlen, die Finger an Hebeln und Schaltern, den Hintern in der Sitzkuhle? Alles noch da, was im letzen Sommer so Spaß gemacht hat? Wirklich alles?
Wer jetzt einfach nur den Starter drückt, verpasst das Wichtigste: das Warm-up. Schenken Sie ihrem Motorrad, nicht zuletzt aber auch sich selbst, im Frühjahr etwas mehr Aufmerksamkeit.
Motorrad fahren ist eine komplexe Angelegenheit, die aufwendige Fähigkeiten erfordert, feine Sensoren und ein ordent-
liches Maß Intuition. Dinge, die bei längerer Abstinenz wieder
abhanden kommen. Der Verhaltensforscher Bernt Spiegel
verdeutlicht das in einem interessanten Szenario. In seinem
Buch »Die obere Hälfte des Motorrads« stellt er sich vor, das
motorisierte Einspurfahrzeug sei gerade erst erfunden worden und würde nun bezüglich seiner Vermarktungschance begut-
achtet. Das Gremium ist entsetzt: »...Verwirrend ist vor allem
die außerordentlich große Zahl von Bedienungselementen, die
der Fahrer während der Fahrt mit Händen, Füßen und mitunter gleichzeitig betätigen und dabei noch einen Lenker halten muss. Wir zählen insgesamt mehr als ein Dutzend Funktionen ... plus der noch unablässig zu haltenden Balance ... Der Haupteinwand der Industriekommission aber bezieht sich auf die systembedingte Instabilität durch Einspurigkeit. Vor allem die langsame Fahrt
ist ohne langes artistisches Training nicht vorstellbar. Und beim Durchfahren einer Kurve würden die Anforderungen des Fahrers schier ins Unermessliche wachsen, weil bei gegebenem Kurvenradius und jeder Geschwindigkeit exakt eine ganz bestimmte Schräglage eingenommen und aufs Genaueste eingehalten
werden müsse ... Die Industrievertreter lehnten das Projekt
dankend ab und verneinten jeglichen Bedarf.«
Gottlob wissen wir, dass Motorrad fahren nun doch praktikabel ist. Dennoch fordert es viele Fähigkeiten, die wir über
Jahre erlernt und automatisiert haben. Ohne ständiges Training geht allerdings einiges wieder verloren. Vielleicht nicht gerade Schalten, Blinken und Hupen, aber beispielsweise die Einschätzung von Kurven, Straßenverhältnissen und Schräglagen, von Bremsweg, Geschwindigkeit oder anderen Verkehrsteilnehmern. So beschreiben Einsteiger nach Fahrpausen plötzlich ein mulmiges Gefühl auf den Kurven ihrer Hausstrecke oder in der engen Hofeinfahrt, während pausierende Rennprofis zu Saisonbeginn einen deutlich abgesunkenen Grund-Speed registrieren. Als Verlust fahrerischer Kompetenz durch Verlust der Einheit mit dem Motorrad bezeichnen das die Profis. »Du bist nicht mehr drin,
der Fluss ist weg«, beobachtet etwa MOTORRAD-Tester Werner »Mini« Koch. »Das Zusammenspiel von Kopf und Körper muss erst wieder entstehen.«
Während manche Fahrer deutlich längere Reaktionszeiten
beunruhigen, nervt beispielsweise Ex-Testredakteurin Monika Schulz vor allem die veränderte Sehweise: »Man nimmt die ganze Fahrerei anders wahr. Kurven, in die ich im Oktober noch völlig automatisch und ohne Nachdenken reingehalten habe, sind im März plötzlich viel enger oder ziehen sich zu. Ich beginne, mit dem Kopf zu fahren. Frage mich, ob die Reifen halten, die Straße Grip hat. Wenn ich fit bin, probiere ich das einfach aus.«
Der Deutsche Superbike-Meister Michael Schulten versucht daher, Pausen zu vermeiden, um bei den ersten Rennen im April voll da zu sein. »Wenn keine Rennstrecke zur Verfügung steht, fahre ich im Gelände. Für mich das beste Wintertraining, mental wie körperlich. Nur auf dem Motorrad behält man die Bewegungs-
abläufe, die Reaktionsschnelligkeit und das Tempogefühl richtig drin.« Allenfalls Mountainbiken lässt er als effizienten Ergänzungssport gelten. Wie umgekehrt übrigens Ski-Champion Hermann Maier im Sommer auf Mountainbike, Trailer und Enduro trainiert. »Macht Spaß und bringt einiges fürs Balancegefühl.«
Wie ein Programm für normale Freizeitbiker aussehen kann, steht auf Seite 141. Und Ihnen nun viel Spaß mit dem Frühling.

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