Tobago (Archivversion) Volltreffer

Drei Wochen Tobago. Im letzten Moment blind gebucht, weil das Ticket ein Schnäppchen war –zugegeben, wir hätten auch Pech haben können...

Dieser Anblick! Eine grüne Miniinsel umgeben von türkisfarbenen Wasser. Helle Strände, Palmen, schneeweiße Yachten, deren Mastspitzen – so scheint es zumindest – beim Landeanflug fast berührt werden... Gleich klingelt ganz bestimmt der Wecker, um mich erbarmungslos aus diesem Traum zu reißen. Doch nur wenige Minuten später umschmeichelt heißer Wind Franca und mich auf dem Weg in die winzige, von einer tropisch-üppigen Botanik umgebenen Empfangshalle. Drinnen Raggaemusik, lässig abhängende Kofferträger und Taxifahrer mit wilden Rasta-Locken und in bunten Hemden und Shorts. »Easy, man, what´s up?« Käme Bob Marley um die Ecke – es würde mich nicht wundern.Eigentlich waren drei Wochen Sizilien geplant. Bis gestern abend. Da stießen wir auf dieses »Super-Last-Minute-Angebot« im Internet: 21 Tage Tobago, nur Flug, ab München, 254 Euro. Tobago? Klar. Trinidad und Tobago! Dieser Zweiinselstaat in Sichtweite der venezuelanischen Küste. Bingo. Palmen statt Pasta – warum eigentlich nicht?In einem betagten Chevy-Taxi klappern wir im Schritttempo – mehr würde diese Fuhre sicherlich auch nicht schaffen – die umliegenden Hotels und Herbergen ab, landen für 25 US-Dollar pro Nacht im »Woods Castle«, bestellen eine Runde Bier gegen Durst und Hitze: 36 Grad nach Sonnenuntergang sind ein Wort. Dann schauen wir zum ersten Mal ausführlich auf die Karte des eilig am Flughafen erstandenen Reiseführers. Viel zu schauen gibt es allerdings nicht. Zumindest nicht auf dem Papier. Tobago misst gerade einmal 40 mal 15 Kilometer, und wir haben drei Wochen Zeit. In Gedanken plane ich bereits einen Abstecher in den Regenwald von Venezuela.Eine Woche später. Wir bewegen uns noch immer im Umkreis von etwa zwei Kilometern. So weit ist es bis zum Strand von Pigeon Point. Nicht irgendein Strand, sondern DER Strand. Rauschende Palmen, weißer Sand und fast Badewannen warmes, kristallklares Wasser. Karibik ohne wenn und aber und eigentlich viel zu perfekt, um wahr zu sein. Die Tage verstreichen plötzlich, ohne dass wir es wahrnehmen. Alles easy, man.Schließlich raffen wir uns auf, schaffen es zumindest bis ins nahe Buccoo. Auf zwei traurig dreinblickenden 175er-Yamaha, deren Temperament längst wie das Profil der Reifen irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Dazu zwei jämmerliche Halbschalen, Größe XL. Passte bisher jedem, meinte Vernon, Chef und Mädchen für alles in Personalunion von »Modern Bike Rentals«. Na gut. Hauptsache Fahrtwind im Gesicht.Tags darauf herrscht in Buccoo fröhlicher Ausnahmezustand. Der Inselpräsident persönlich eröffnet das »77. Buccoo Goat Race«. Richtig gelesen – ein Ziegenrennen. Kein Witz, sondern harter Wettkampf, bei dem extra für diesen Zweck trainierte Ziegen in verschiedenen Gewichtsklassen um die Ehre ihrer von diversen Karibikinseln angereisten Teams kämpfen. Damit die Viecher, die auf Namen wie Terminator, Equalizer oder Corruption hören, auch wirklich ihr Letztes geben, werden sie von barfüssigen Läufern in bunten Trikots angetrieben. Nebenher wird ziemlich ausgelassen gefeiert, gelacht und getrunken. Und am Abend beschallen diverse DJs mit meterhohen Boxentürmen die Straßen. Auch so eine Art Wettkampf. An Schlaf ist zumindest nicht zu denken. Bis in den frühen Morgen.Wir arbeiten uns weiter in Richtung Norden vor. Theoretisch müsste die winzige Insel an einem Tag locker zu umrunden sein. In der Praxis kommt man auf der verwinkelten Straße, die schließlich ins Inselinnere abbiegt und deren Zustand immer schlechter wird, kaum voran. Wir passieren eine Handvoll kleinere Ortschaften. Oft nur Ansammlungen von armseligen Holzhäusern, in denen die Nachfahren der afrikanischen Sklaven leben, die einst auf den großen Tabakplantagen arbeiteten. Die »heile« Strandwelt sucht man hier vergebens – auf einmal erinnert Tobago an die Dritte Welt.Im Fischerdorf Castara mieten wir uns ein kleine Hütte auf einem Felsen über dem Wasser, sitzen pünktlich zum Sonnenuntergang im warmen Sand in der nahen »Englishman´s Bay«, wieder einer dieser Bacardi-Strände. Bis auf einen Kiosk allerdings gänzlich ohne Infrastruktur. Uns fehlt es in diesem wunderbaren Moment aber an nichts.Zwei Tage später biegen wir bei Parlatuvier wieder ins Inselinnere ab, fahren plötzlich durch dichten Regen- und Bambuswald. Im Zuckeltempo mühen sich die beiden Yamaha über mindestens 1000 Kurven hinauf auf die etwa 500 Meter hohe Main Rigde, dem höchsten Punkt der Insel, dann geht’s genauso kurvig wieder hinuter bis Roxborough an der Südostküste. Gut zwei Stunden später erreichen wir Charlotteville im äußersten Nordwesten Tobagos. Weiß getünchte Holzhäuser, die wie Vogelnester in den teilweise steilen, dicht bewaldeten Felsen über der grün schimmernden See hängen, eine staubige Hauptstraße und eine Handvoll einfacher Restaurants. Nichts wirklich Besonderes, aber äußerst charmant. Wir ziehen in ein kleines Zimmer direkt am Wasser, bleiben fünf Tage. Schon wieder dieses Phänomen: Die Zeit verstreicht, ohne dass wir es bemerken – der Strand in der Pirate´s Bay lässt uns alles vergessen. Schwimmen, tauchen, segeln. Alles easy, man. Der Abstecher nach Venezuela ist längst abgeschrieben; wir sind froh, wenn wir es schaffen, Tobago einmal zu umrunden, um rechtzeitig wieder am Flughafen zu sein.

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