Torfhaus-Cup (Archivversion)

Volle Kanne

Wenn Biker wieder Kinder werden - im Harz besorgten sich zwölf Zweiradverrückte ihre alten Mokick-Modelle und wollten’s noch mal wissen. Zwischen Berke und Torfhaus trugen sie´s aus.

Der Red-Porsche-Killer hatte den Ausschlag gegeben. Das legendäre Rennen zwischen Holgis Porsche und dem Eigenbau-Motorrad mit drei hintereinandergebauten Horex-Motoren sorgte in einer durchzechten Sylvesternacht in den Köpfen von Macky, Gauner und Wolle für eine spontane Idee. Nach einem Streit darüber, welches Mokick in ihrer Jugend am schnellsten gewesen sei, beschlossen sie, die Frage ebenfalls bei einem Rennen zu entscheiden. Quer durch den Harz sollte es gehen, von Berka zum Motorradtreff Torfhaus, also grobgesagt von Osterode nach Braunlage. Dazwischen 48 Kilometer öffentliche Mittelgebirgssträßchen. Die Idee vom sogenannten »Torfhaus-Cup« machte bald die Runde, und schon im Februar lagen der »Rennleitung« zwölf Nennungen vor. Die Teilnahme-Voraussetzungen waren denkbar einfach: Jede angemeldete 50er mit kleinem Nummernschild konnte mitfahren, Tuning war verboten und die Einhaltung der StVzo ein Muß. Soweit war alles klar. Doch schon bald zeigte sich das erste Handikap: Niemand besaß mehr eine der Mühlen von damals - schließlich ist Mokickfahren heutzutage mega-out. Wolle versuchte es mit einer Suchanzeige in der Zeitung. Sechs Wochen dauerte es, bis endlich das Telefon klingelte und ein asthmatisch keuchender Herr mitteilte, er habe noch eine alte Zündapp Combinette. Keine zwei Stunden später zog Wolle in dessen Scheune unter Bergen von Stroh ein verrostetes altes Irgendwas hervor. »Ja, ja, die Combinette, die war schon zuverlässig«, begann der Mann von dem Gefährt zu schwärmen, während Wolle sich am Kickstarter versuchte. »Die konnte man damals mit laufendem Motor in den Bach schmeißen, und die ging nich` aus. Mach das mal mit einem Japaner«, meinte er stolz. Mit ausgeglühtem Zigarrenstummel im linken Mundwinkel betrachtete er Wolles Kickstartversuche: »De letzten 30 Jahre isse immer auf den ersten Tritt anjesprungen. Kick mal ruhig weiter, Jung, es riecht schon so, als wenn se gleich startet.« Statt dessen schleuderte sie lediglich mit einer knallenden Fehlzündung den Krümmer vom Zylinder. »Siehste! Kompression hat se auch noch. Für 50 Mark isse dir.« Macky gelangte über seinen Job als Yamaha-Verkäufer in den Besitz seiner Cup-Maschine. »Nehmt ihr auch ein Mokick in Zahlung?« fragte irgendwann ein FJ 1200-Interessent in seinem Laden. Im Hintergrund schimmerte eine betagte Herkules K 50 SE durch das Schaufenster. Ohne langes Federlesen tauschten 1200er und 50er die Plätze. Gauner, dem dritten im Dreamteam, verhalf der Zufall zu seinem Renngerät. Beim Dachdecken eines Fachwerkhauses in seiner Nachbarschaft löste sich ein Balken und schlug sechs Meter tiefer auf eine dort vor elf Jahren geparkte Zündapp. »Nun kommt sie endlich in den Schrott«, kommentierte der Bauherr das Mißgeschick und überließ Gauner den Blechhaufen großzügig, gleichwohl er wahre Wunderdinge von dem alten Stück berichtete: »Mindestens 70 km/h ist die damals gelaufen.« Die Grundlagen für solch traumhafte Vmax-Werte müßten allerdings schon in der Einfahrphase gelegt werden: »Immer dicke Gewichte auf den Soziusplatz legen, damit der Motor sich gleich an ordentliche Arbeit gewöhnt.« Allmählich füllten sich die Garagen der Renn-Aspiranten, wobei die Fundorte immer skurriler wurden. So zog man Hackos Zündapp aus einer alten Jauchekuhle. Sie war vom Besitzer schon vor etlichen Jahren als vermißt gemeldet worden, bis plötzlich nach der letzten Gülleabfuhr ein Lenker aus der Grube ragte. Und Gottschies M 50 hatte sein Vater mal als Wechselgeld für einen Heizkessel bekommen. 13 Jahre hatte sie unbenutzt im Schweinestall gestanden und einen entsprechenden Geruch angenommen. Nur Chekovs Kreidler Florett stand bislang im Vollzeitdienst. Ihr Besitzer fuhr damit jeden Tag zur Uni. Im April trifft man sich zum ersten technischen Erfahrungsaustausch am Stammtisch. Macky erzählt, daß er die in Zahlung genommene Herkules einer Komplettüberarbeitung unterzogen habe. Eine hochpräzisionsgelagerte Schwingenlaufbuchse aus Kupfer-Burrillionbronze - mit Notlaufeigenschaften - soll beste Hinterradführung garantieren. Wie die anderen auch, setzt er außerdem auf hohlgebohrte Achsen und durchlöcherte Seitenständer zur Gewichtsreduzierung. Klar, daß Gepäckträger und Lenkerverkleidung sowie überflüssige Äste vom Kabelbaum dem Renntrimm zum Opfer fielen. Perfektionist Wolle lochte sogar noch die Kühlrippen seiner Zündapp. Um den enormen Kräften im Rennbetrieb Herr zu werden, hat Checkov gar in eine 28er Marzocchi-Gabel sowie eine Eigenbau-Gabelbrücke aus altem Wasserleitungsrohr investiert. Extra hartes Gabelöl - Marke »Speed« - soll bei Frankos Simson S 51 das gefürchtete Pendeln kurz vor dem Höchstgeschwindigkeitsbereich von 55 km/h kompensieren. Auch in Sachen Reifenwahl wird kräftigt debattiert. Bei der Knieschleif-Fraktion gilt der Vredestein »Kurvenstolz« als echter Geheimtip. Freilich in K-Version, bis 110 km/h. Gottschie schwört »wegen des geringeren Rollwidertands« auf sieben bar Luftdruck, Snorre verläßt sich dagegen ganz und gar aufs Windschatten-Fahren. Zappels Geheimwaffe ist dagegen ein modifizierter Auspuff, der »locker 0,2 PS Mehrleistung aufs Hinterrad bringt«. Für die achtprozentigen Steigungen im Harz wird einheitlich auf kurze »Bergsport-Übersetzung« gesetzt. Hacko verstellt zusätzlich die Zündung seiner Zündapp um zehn Grad in Richtung früh. Das mobilisiere bei hohen Drehzahlen die letzten Kraftreserven, meint er. Kopfzerbrechen macht der Rennleitung nur die Nennung eines Vespa-Rollers mit Malossi-Auspuff, der die Tuning-Grenze knallhart überschreitet. Kurz vor dem Start zieht der Besitzer seine Nennung gottlob zurück.Zwei Wochen vor dem Rennen treten die restlichen zu einem Probelauf an. Doch schon der Start offenbart ein völliges Desaster. Sämtliche hochgelobten Theorien aus der Zweitaktfibel entpuppen sich in der 50er Praxis als komplette Flops. Trotz ihrer Notlaufeigenschaften bewegt sich die sensationelle Schwinge an Mackys Herkules nach kurzer Fahrt nicht einmal mehr zwei Millimeter. Und die vielversprechende Frühzündung gibt dem Zündapp-Motor so viel Feuer, daß er einiges davon promt in den Vergaser zurückdrückt. Wolles Zündapp erinnert sich an alte Zeiten und sprengt, obwohl sie tatsächlich schon »fast schon so riecht, als würde sie gleich anspringen«, im entscheidenden Moment prompt wieder mal den Krümmer vom Zylinder. Von den zwölf Startern beim Probelauf erreichen nur drei das 48 Kilometer entfernte Ziel. Was den Akteuren bleibt, sind zwei arbeitsintensive Wochen bis zum Rennen und das Warten auf Ersatzteile. Einen 24-Stunden-Service gibt’s bei diesen Modellen nicht mehr. Am 5. Mai ist dann der große Tag. Mit einem letzten Stoßgebet geht’s in Berke an den Start. Erst 40 Minuten vor dem Anpfiff gibt die in einem alten Mercedes-Bus der schwedischen Armee postierte mobile Rennleitung die genaue Streckenführung bekannt. Eine Service-Crew steht ebenfalls bereit, um mit einem Landrover samt Hänger hinter dem Teilnehmerfeld herzufahren. Falls doch jemand liegenbleibt.Dann saust die karierte Fahne herunter, und in einem tiefblauem Zweitaktnebel verschwinden die singenden Sägen in Richtung Osterode. Gleich nach dem Start entbrennt ein erbitterter Kampf um die Pole Position. Hacko auf der Combinette kommt am besten weg, Macky holt mit der Hercules dann aber dramatisch auf, und Kopf an Kopf jagen sie durch die ersten flachen Abschnitte. Hier ist das Terrain der Windschattenkämpfe. Den Gegner bedrohlich und überlebensgroß im Rückspiegel, wird gedreht, was geht. Erst die ersten Harzer Hügel trennen die Spreu vom Weizen. Trotz Bergsportübersetzung lassen die drei Serien-PS das Tempo bis auf einstellige Werte fallen. Ausgerechnet Snorrje auf der alltagserprobten Florett ereilt hier das Aus. Bereits am ersten Hügel verraucht der Kreidler-Kolben kläglich. Doch der Rest kämpft qualmend weiter und kreischend weiter. Nach über einer Stunde erreichen elf tollkühne Gestalten auf ihren knatternden Kisten die Zielflagge, jubelnd von der Menge am Torfhaus begrüßt. Macky hat gewonnen, die Hercules lieferte mit einer Stunde zehn die beste Zeit, dicht gefolgt von Gauner und Wolle, beide auf Zündapp.Zwar ist der Neujahrsstreit damit geschlichtet, die Renn-Idee aber schlägt jetzt erst richtig Funken. Im nächsten Jahr soll´s wieder losgehen.
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INFO und Ergebnisse (Archivversion)

Der Torfhaus-Cup ist ein einmal jährlich unter Einhaltung aller Verkehrsregeln ausgetragenes Spaß-Rennen auf öffentlichen Nebenverkehrswegen im Harz. Teilnahmeberechtigt sind alle serienmäßigen 50er Zweiräder mit kleinem Nummernschild. Infos bei Rolf Henniges, Telefon und Fax 0 55 94/93 112.Ergebnisse Torfhaus-Cup 1996: 1. Mark Meier Herkules K 50 SE (Macky) 2. Jens Isermann Zündapp C 50 Sport (Gauner) 3. Jens Wollersen Zündapp Sport CB (Wolle) 4. André Frank Simpson S 51 (Francko) 5. Jörn Krehan Zündapp KKR (Hacko) 6. Andreas Schulz Simpson S 50 (Schulle) 7. Jens Ritter Kreidler Florett (Checkov) 8. Frank Sattler Simpson Schwalbe (Zappel) 9. Carsten Gottschalk Zündapp M 50 (Gottschie)10. Katrin Hartje Zündapp Super CB (Schnecke)11. Ludwig Knipping Herkules SB 3 (Walter)Ausgefallen:12. Matthias Hartje Kreidler Florett (Snorre)

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