Toskana (Archivversion) Ab nach Süden

Wenn die ersten warmen Sonnenstrahlen leuchten, packt es uns alle. Wer jetzt zu einem kleinen Wake-up-Trip gen Süden startet, erlebt den Frühling doppelt. Denn jenseits der Alpen gehen die Uhren anders.

Nur mit leichtem Bocken nimmt die 900er die Arbeit auf. Die ersten sanften Gasstöße quittiert sie noch mit heiserem Bellen, gleich darauf läuft sie sauber rund. Fein. Vorsichtig rangiere ich sie aus der Garage, spüre respektvoll ihr über lange Wintermonate fremd gewordenes Gewicht. Feiner Staub liegt auf allem. Nicht nur auf ihr, auch auf mir. Draußen zwitschern Kohlmeisen, und die Sonne badet uns in erster wohltuender Wärme. Endlich ist er vorbei, dieser endlos scheinende Winter, der mit Schnee und beißender Dauerkälte sein ganzes Repertoire durchgespielt hat und die Sehnsucht nach Sommer am Ende unstillbar werden ließ. Ein kleines Fest, als schließlich das letzte Eis geschmolzen und die erste Krokusse draußen sind. Jetzt ist Frühling. Und wahrscheinlich ist es eine psychologische Fehlsteuerung bei Motorradfahrern, daß Sonne und Wärme dann Lust am Besuch in muffigen Garagen auslöst. Bei mir zumindest ist das so, ich gestehe. Doch jetzt gibt´s nicht mal was zu schrauben, die Karre ist fit. Ich überlege nicht lange. Ein paar Tage alte Urlaub sind eh noch übrig, dem Chef ist die Dringlichkeit schnell klargemacht, das Nötigste eilends in die Packtaschen geschmissen, ein paar Karten und Lire vom letzten Jahr zusammengesucht, und früh am Sonntagmorgen bin ich auf der Autobahn nach Süden. Oh verflixt, da ist’s aber frisch, denn im steifen Fahrtwind ist´s mit der Sonnenwärme schnell vorbei. Egal. Ulm, Kempten, Fernpaß, ins Inntal hinab und hoch zum Brenner. Tatsächlich, die kleine Grenzkneipe hat schon die Stühle draußen stehen - hier und jetzt beginnt der Süden. Der erste Cappuccino in der kleinen Steinguttasse, bei der kaum die klammen Finger durch den winzigen Henkel passen, ist köstlich. Sanfte Wärme taut das fahrtwindklamme Gesicht allmählich auf, heizt durch die dunkle Kleidung wie ein Kraftwerk ein. Es ist wunderschön. Schnell noch getankt und Geld umgetauscht, dann geht’s in steiler Schußfahrt den Alpensüdrand hinab. An den steilen Felsen des Etschtals entlang, an Sterzing, Brixen und Bozen vorbei, über Stunden scheint die abenteuerlich gewundene Autobahn nur noch zu Tal zu fallen, und jeden verlorenen Höhenmeter ersetzt ein Plus an Graden, bald schon leuchtet eine rote 25 von einem digitalen Thermometer am Straßenrand. Frühlingshafte Milde breitet sich aus, in zartenden Farben schimmernde Blüten allenthalben. Trento, Verona, Mantova, die Ausfahrten des Gardasees, dann werden die Berge flacher und die Po-Ebene beginnt. Ich koche inzwischen in der Thermowäsche. An einem Rasthof fliegt alles Entbehrliche in die Packtasche. Hinter Modena geht’s auf Kompaßkurs Süd-Südwest und auf die Staatsstraße SS12 in Richtung Apuanische Alpen. Nachdem der brodelnde Feierabendverkehr abgeklungen ist, wird es still. Bei Pavullo komme ich wieder in die Berge. In schwindelerregenden Kurven schwingt sich die Straße hinan, durch eine schier explodierende Vegetation, die sich in ganzen Kaskaden von Grün über mich zu ergießen scheint und deren Farben mit jedem Höhenmeter heller und zärter werden. Weiße und rosa Blüten duftenden Flieders ranken über die alten grauen Bruchsteinmauern, eine Katze sonnt sich auf dem warmen Stein. Kleine Orte drängen sich eng an die Straße, Serpentinen zwirbeln mitten über die Marktplätze. Jugendliche Rollerfahrer sausen durch die Gassen, sonnenbebrillte Männer relaxen in den Straßencafés. An einem kleinen Dorfbrunnen putze ich das fliegenübersäte Visier und krame den dicken Pulli wieder hervor. Letzte Schneereste schimmern weiß im Wald bei Abetone, einem kleinen Wintersportort auf dem Kamm des hier knapp 2000 Meter hohen Höhenzuges. An seinem sanft auslaufenden Südwestende finde ich in Bagna Lucca in einer alten Villa ein nettes Quartier. Die Triumph rollt über knirschende Kieswege in den Garten und übernachtet dort zwischen riesigen alten Terracotta-Töpfen, ich knapp darüber in einem spartanischen kleinen Zimmer im ersten Stock. Früh am nächsten Morgen versuche ich in der quirligen Frühstücksbar nebenan wach zu werden. Auf einem Plastikstuhl vor der Tür fange ich die morgendliche Sonne ein, balanciere Kaffee und ein klebriges Stückchen auf den wackeligen Tisch und bekämpfe erfolglos das taube Gefühl im Kopf, das automatisch der langen Heizerei des Vortages folgt. Blitzreisen fordern eine gewisse Opferbereitschaft. Über Lucca und Pontedera geht es nun direkt nach Süden. Dahinter breitet sie sich aus, diese unnachahmliche Landschaft am Südende Norditaliens, diese imposante, hügelige Weite mit ihren charakteritischen Reihen hoher, schlanker Zypressen und den einsamen Gehöften auf den kargen Hügelkuppen - die Toskana ist erreicht. Dieser Landstrich, dem ganze Dichtergenerationen ihre Seele verschrieben und die später mancher Deutsche seine zweite Heimat nannte. Die grünen Nadelriesen verströmen an warmen Nachmittagen den betörenden Duft ätherischer Öle, von Elstern und Eichelhähern offenbar ausgiebig genossen. Schon von weitem ist die Stadt Volterra mit ihrer trutzigen Wehrkirche auf einer Hügelkuppe auszumachen. Ein langer Serpentinenweg führt hinauf. Eng drängen sich die alten Bruchsteinhäusern in den schmalen Gassen hinter der gewaltigen Stadtmauer, breite, ausgetretene Steinplatten bilden überall den schlüpfrigen Bodenbelag. Piaggio-Dreiräder und Zweitaktmokicks wischen knatternd darüber hinweg, deutsche und Schweizer Stimmen mischen sich unter den Dialekt der Bewohner. Immer wieder fällt von den oberen Gassen der Blick auf die kunstvoll verschachtelten Ziegeldächer der unteren Häuserreihen. Wein rankt teilweise darüber hinweg, alte Vespas und Enduros modern in Hofecken vor sich hin. Ich glaube, es ist diese liebenswerte Schlampigkeit, die Italien so unwiderstehlich macht. Ein Telefon klingelt irgendwo, eine Stimme kreischt gellend nach einer Francesca, worauf eine blondgefärbte Vierzigerin in Pantoffeln und Kittelschürze über die Straße eilt, irgendwas genervtes melodiös erwidert und wieder verschwindet. Mein Stadtrundgang schwemmt mich irgendwann auch in einem Renaissance-Palast. Verblüfft regisitriere ich erst bei genauem Hinsehen, daß hier kein Museum residiert, sondern die Stadtverwaltung. Und die Dame unter dem riesigen Botticelli dementsprechend auch keine Aufseherin ist, sondern die Sachbearbeiterin des Sport- und Badeamtes, wie ein Schild an der Tür erklärt, die an einem polierten Mahaghoni-Schreibtisch und unter einer mehrarmigen Bronzeleuchter ihre Arbeit verrichtet. Was gäbe ich um solch ein Büro!Im örtlichen Kloster finde ich Aufnahme für die Nacht. Die Triumph darf, nein, muß sogar im wunderschönen alten Atrium-Innenhof parken, von einer Madonnenstatue beschützt. Ich selbst beziehe ein Stock drüber in einer ehemaligen Mönchskemenate Quartier. Klangvolle psychodelische Rockmusik tönt aus einem der Fenster in den blauen Nachthimmel. Ein Mönch betrachtet interessiert das britische Gefährt und nickt mir bewundernd zu. Mönche verstehen offenbar doch was von weltlichen Genüssen. Nach dem nun schon vertrauten italienischen Barfrühstück geht es in einer Schleife über St. Gimignano, dessen berühmte Türme schon von weitem als Silhouette am Horizont zu erkennen sind. Hügel auf, Hügel ab rolle ich durch die sanfte Landschaft, die nur gelegentlich in schroffen Abstürzen das Gleichmaß unterbricht, den blanken Fels zeigt, um sogleich wieder zur vertrauten Formgebung zurückzukehren. Auf den Kuppen ruhen immer wieder malerisch drapierte alte Gehöfte, durch lange Zypressenalleen auf den Kämen verbunden. Dazwischen ein Meer von grünen Feldern, auf denen sich das junge Korn an kurzen Halmen wiegt. Erst in der Nähe der Dörfer tauchen wieder die buntenFarben und Düfte kleiner Bauerngärten auf, leuchten Apfel-, Kirsch- und Blumenblüten um die Wette, rankt Wein über hölzernen Pergolas. Drumherum prangen Gartenlauben, deren Kombination von Material und Phantasie alle Vergleiche sprengt. Hier lädt ein umgebauter Autobianchi zum Verweilen, dort eine gelbgrüne Hüttenkonstruktion aus alten BP-Öltonnen, nebenan sorgt eine alte Badewanne für Erfrischung. Ein alter Mann grüßt freundlich zwischen seinen Tomatenstauden hervor. Durch Zufall entdecke ich neben einer roten Vespa die offene Tür zur Werkstatt eines Alabasterschleifers, den Volkskünstlern der Region Volterras. Eingerahmt von Heiligenfiguren, Pin up-Girls und der Ferrari-Mannschaft auf einem Agip-Kalenderblatt vom vorletzten Jahr, bearbeitet er auf einer Drehbank gerade einen Leuchterfuß. Nebendran liegt eine Skizze, auf der zu sehen ist, wie das Teil einmal aussehen soll, an die Wände hat er Zeichnungen und lange Zahlenkolonen gekritzelt. Alles ist allerdings unkenntlich. Auf dem Boden, den Formeisen, den Schleifklötzen, den Bandsägen und den Skulpturen liegt eine zentimeterdicke Schicht süßlich riechenden weißen Schleifstaubs. Er verschluckt jeden Tritt und versaut nachhaltig jedes nichtweiße Kleidungsstück und sitzt vermutlich tief in jeder Pore diese Mannes. Um seine Nasenlöcher haben sich bizarre weiße Staubkränze gebildet, die Haut ist wie mit Puder bedeckt. Das mache nix, meint er, der Körper entsorge das. Naja. Eine deutsche Künstlerin arbeite hier gelegentlich an den paar Skulpturen, erzählt er, ansonsten dreht und schleift er selbst hier Gebrauchskunst für die Haushalts- und Souvenierläden der umliegenden Orte. Um Volterra schlängeln sich ungezählte kleine Straßen durch die Hügel - Schotter und Asphalt wechseln immer wieder ab. Gelegentlich fegt steinestiebend ein Auto vorbei, sonst ist es still. Als ich kurz anhalte und auf der Karte nach dem Weg suche, setzt ein Reh in langen Sprüngen über den Weg. Irgendwo finde ich auf die kleine S 439, deren winzigem Kurvengeschlängel ich über Bagnoli bis nach Massa Marittima folge. Westlich wäre es jetzt nur noch ein Katzensprung zum Mittelmeer, doch die trostlose Küste zwischen Livorno und Piombino verlockt nicht sehr. Lieber über die winzigen, nur noch dünn und weiß in der Karte verzeichneten Sträßchen nach Osten, denn geradeaus im Süden hat es mit den Bergen bald ein Ende, um Grosseto ist es schon flach. Doch im Osten prangt der Monte Amiata, der letzte und weithin sichtbare Höhenkoller der südlichen Toskana. Mit satten 1734 Metern überragt er weit die umliegenden Fünf- bis Siebenhunderter. In herrlichen Serpentinen geht es durch den erst zart ergrünenden Wald gen Gipfel. Doch leider bleibt der erhofft monumentale Rundblick von eben diesem Wald versperrt. Schade. So gibt es nur die Aussicht auf ein paar geschlossene Imbißbuden und Wintersporthotels. Bei dem kalten Wind hier oben fröstele ich, aber nicht mal ein Pappbecher Kaffee ist zu ergattern. Alles dicht. Die Freuden der Zwischensaison. Die Kälte scheint ein Vorbote gewesen zu sein, denn unwirtlich zieht sich auf dem Rückweg der Himmel zu, und bald pladdert es in dicken Tropfen. April, April. In Saltvatore finde ich im trauten Reigen einer Männerbar noch einmal Zuflucht, doch dann hilft alles Drücken nichts mehr, und ich taste mich vorsichtig über die schlüpfrige S 2 nach Siena. Gottlob ist die Hotelsuche einfach, im stilvollen Palazzo Ravizza aus dem 14. Jahrhundert, direkt an der alten Stadtmauer gelegen, findet sich noch ein erschwingliches und schönes Zimmer. Irgendwann läßt auch der Regen wieder nach, und ich mache noch einen letzten Rundgang durch ein herrliches Stück Italien, bevor ich endgültig nach Hause muß. Durch ungezählte winkelige Gassen und schließlich einen steilen Treppenabstieg hinunter, finde ich sie endlich, die Piazza del Campo, der schönste Platz Europas, wie manche meinen. In einem amphietheater-ähnlichen Halbrund, das jeden Sommer Kulisse für ein spannendes Pferderennen ist, zieht die Piazza sich von dem breiten Rathaus-Palast nach oben, wo sie eine perfekte Phalanx alter Renaissancehäuser umgibt. Ein paar junge Leute sitzen auf dem kunstvoll gearbeiteten Pflaster, ein Bierbüchse wird im eleganten Steilpaß davongekickt, von der Belle Etage eines Anrainerhauses klingen die Klänge eine Renovierungsparty - Italiener hauchen sogar einem weltberühmten Platz noch zwanglose Lebensnähe ein. Ich sinke in einen der Stühle der Straßencafés, lasse mich ein letztes Mal einfangen von dieser seltsam entspannend-anregenden Atmosphäre diese Landes, das so nah ist - und doch ganz anders als daheim. Was wäre ein Frühling ohne Italien? Auch schön, aber nur halb so intensiv.

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