Tourentipp Bregenzer Wald (Archivversion) Frühling, Kurven, Ber ge: Jetzt!

Während die Hochalpen im Frühjahr für Motorradler noch tabu sind, locken Vorarlberg und Bregenzer Wald mit überraschend knackigen Strecken.

Endlich! Endlich wieder Schräglagen fahren. Alle Gänge durchschalten, Reifen und Muskeln auf Temperatur bringen. Das kleine Sträßchen südlich des Schwarzach-Bachs Richtung Alberschwende schwingt in perfektem Rhythmus und
bietet beste Bedingungen für die ersten voralpinen Kilometer nach der langen
Winterpause. Schön kurvig und abwechs-
lungsreich, gelegentlich ein Auto zum Überholen. So muss es sein.
Das Warm-up fand in Bregenz statt. Mit einer kleinen Wanderung durch die
engen, autofreien Pflastergassen hoch über dem Trubel der modernen Unterstadt. Im Café Sonne getankt bis zum
Abwinken. Die milde Frühjahrsluft in vollen Zügen genossen.
Spüren, riechen, schmecken – alle
Sinne gieren förmlich nach Frühling. Und der Bregenzer Wald zeigt, dass er nicht nur schöne Städte, sondern eine herrlich hügelige Landschaft mit idealen Motorradstrecken zu bieten hat. Noch auf Mittelgebirgsniveau, trotzdem hoch attraktiv. Gelegentlich ein Wäldchen, ein einzelnes Gehöft, ein Bergrücken, ein Tal. Und
kaum Verkehr auf den wunderschönen kleinen Sträßchen, die durch beschauliche Wiesen über Müselbach und Krumbach nach Sulzberg schlängeln.
Ein Abstecher hinüber ins Allgäu lockt. Auch wenn die deutsch-österreichische Grenzlinie den Gebirgszug durchschneidet, bilden beide Regionen eine gemeinsame Voralpenkette. Wo die Anrainer
auf beiden Seiten der Grenze mit ihren
jeweiligen Käsespezialitäten werben.
Nach dem blauen Europaschild geht es ein Stück auf der Deutschen Alpenstraße entlang und über Scheidegg zurück nach Österreich. Für die Komplettierung der Runde steht allerdings der Gebirgsstock des Pfänders im Weg. Sicher, er könnte bequem per Tunnel durchfahren werden, doch für nur sieben Kilometer eine Vignette kaufen? Perfiderweise gehört der Pfändertunnel zum österreichischen Autobahnnetz. Also abermals durch Bregenz.
Anscheinend ist es österreichische Verkehrspolitik, möglichst viele Fahrzeuge ins Stadtzentrum zu lotsen. Geduldig
fädele ich mich hindurch und steige wenig später auf einer verheißungsvollen Passage wieder in den Bregenzer Wald ein – durch die Rappenlochschlucht. Die kleine Straße entlang der Dornbirner Ache entpuppt sich als veritables Motorradrevier. Zunehmend enger wird der Weg, immer steilere Felswände wachsen zu beiden Seiten empor. Kälte dringt in den Jackenkragen, als ich mich durch dunkle Fichtenwälder langsam nach Ebnit hochschraube.
Ebnit, Endstation. Kein Weiterkommen. Sackgasse – vermutlich jedoch die schöns-
te Vorarlbergs. Der Panoramablick führt zu den Bergen im Nordosten, wo die Gipfel noch Schneekappen tragen. Okay, wir
haben verstanden: Der Bregenzer Wald demonstriert eindrucksvoll, dass er nicht nur Mittel-, sondern auch Hochgebirge
ist. Das macht neugierig, und ich verlasse das Ebniter Tal, um weitere Erkundungen anzustellen. Nun in Sachen Hochgebirge. Dazu geht es erst mal wieder ins Rheintal hinab, um etwas weiter nördlich die nächste Bergkette zu erklimmen.
In wilden Kurven führt der Weg aus dem Tal hoch nach Bödele. Was für ein Sträßchen! Vereinzelte Häuser im alpenländischen Stil, beschauliche Holzhütten, Wiesen und Gärten, die das winterliche Grau bereits besiegt haben und leuchtend grün die Landschaft beleben. In engagierter Berg-und-Talfahrt erreiche ich Schwarzenberg mit seinen steinalten, blumen-
geschmückten Bauernhäusern rund um den Dorfbrunnen. Hier scheint schon
beinahe der Frühsommer ausgebrochen.
Beinahe bin ich versucht, noch mal dem Allgäu und Deutschlands höchstem Pass, dem Riedbergpass, einen Besuch abzustatten. Doch mit seinen 1400 Metern
legt er die Messlatte nicht gerade auf
alpines Niveau. Der Bregenzer Wald setzt
mit dem 1676 Meter hohen Hochtannbergpass doch noch etwas drauf – und bekommt den Zuschlag. Also ab zu den richtig hohen Bergen. Das erste Mal in
dieser noch jungen Motorradsaison.
In flotter Fahrt geht es an der grün sprudelnden Bregenzer Ach entlang. Bei Au tauchen die ersten markanten Gipfel auf, Kanisfluh und Diedamskopf, beide
die 2000er-Marke knackend. Eine Schar Wanderer überquert die Straße, rote Strümpfe, Kniebundhosen und Tornister. Ihre Urlaubsstimmung wirkt ansteckend.
Doch hat mich das Motorradfieber
ohnehin längst gepackt. Und der Anstieg des Hochtannbergpasses kommt da gerade recht. Die Bregenzer Ach bleibt unten im Tal zurück, und ein perfekter Kurventanz führt, ja reißt mich förmlich nach oben. Der Pass erweist sich als erstklassige Bergstrecke, die es fast schon mit den Kollegen in den Dolomiten aufnehmen kann – trotz zugegeben bescheidener Höhe. Warth kommt in Sicht und bietet
auf 1500 Metern ein nahezu perfektes 360-Grad-Alpenpanorama. Eine Gruppe Mountainbiker prescht über die Straße – Saisonwechsel. Die Skifahrer sind kaum weg, die altweißen Schneefelder in den höheren Berglagen erinnern noch an
ihr munteres Treiben.
Übers Lechtal gelange ich in die
Lechtaler Alpen. Und die warten gleich
mit dem nächsten Stück formidabler
Alpenstraße auf, dem 1773 Meter hohen Flexenpass. Jetzt geht es richtig hoch
hinauf. Bei der Einkehr ins Flexenhäusl werfe ich einen Blick auf die Karte: Die Berge ringsum bringen es nun bereits bis auf 2800 Meter. Der Höhepunkt meiner Frühlingsfahrt ist erreicht – und auch ihre östlichste Ausdehnung.
Fortan leitet das Klostertal den Weg entlang des Lechquellengebirges wieder gen Westen ins Herzstück des Bregenzer Waldes. So flott, so animierend, dass
hinter Bludenz der Schlenker hoch zum Faschinajoch eingebaut wird. Sicher,
Bludenz würde als gemütliches Alpenstädtchen mit seinen schönen alten Häusern und Laubengängen zu einer Pause verlocken, aber noch will ich fahren. Mit den tollen Strecken im Großen Walsertal kann kein touristisches Städteprogramm mithalten.
In prickelndem Auf und Ab sause
ich vom 1486 Meter hohen Faschinajoch hinunter nach Damüls und dort gleich
wieder Vollgas hinauf zum Furkajoch auf 1759 Metern – nicht zu wechseln mit
dem mächtigen Fast-Namensbruder in der Innerschweiz. Der Bregenzer Wald bietet Frühjahrsprogramme in allen fahrerischen Kategorien.
Als ich mich auf dem wunderschönen Hangsträßchen oberhalb des Laternser Tals allmählich wieder dem Rheintal nähere, funkelt erneut eine Stadt tief unten
aus dem Wald heraus. Feldkirch – das Schatzkästchen mit verwinkelten Gassen, mittelalterlichen Befestigungsanlagen
und einem Barockschloss hoch über der Altstadt. Jetzt muss es sein, und eine
kleine Pause ist inzwischen auch dringend nötig. Die BMW darf genüsslich ausknistern, und ich genieße währenddessen das Pausenprogramm zwischen Katzenturm, Pulverturm, Wasserturm und Diebsturm. Gemütlich einen Kaffee in der Marktgasse trinken, ausspannen, die Gashand beruhigen. Schließlich hat das Frühjahr gerade erst begonnen.

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