Tourentipp Hohenlohe (Archivversion)

Hoch im Kurs

Ob bei Alemannen, Römern oder Reichsrittern – Hohenlohe gilt seit Langem als erste Adresse. In der Moderne auch unter Motorradfahrern.

Vor Ihrer Kaiserlichen Majestät hab ich, wie immer, schuldigen Respekt. Er aber, sag’s ihm, er kann mich im Arsche lecken!« Ob Reichsritter Gottfried von Berlichingen sich anno 1519 tatsächlich so despektierlich gegenüber dem Hauptmann der Belagerer seiner Burg geäußert hat, ist historisch nicht belegt. Dennoch verhalf das sogenannte Götz-Zitat, das ihm Johann Wolfgang von Goethe 250 Jahre später im Schauspiel »Götz von Berlichingen« in den Mund legte, zu nachhaltiger Berühmtheit. Bis heute bleibt der Ritter mit der eisernen Hand – Götz verlor im Kampf die rechte Hand, die ihm durch eine für jene Zeit technisch brillante Metall-Prothese mit beweglichen Fingern ersetzt wurde – in dieser Gegend omnipräsent. Über Berlichingen (Geburtsort), Jagsthausen (Kindheit) und das Kloster Schöntal (Grab) führt sein Lebensweg heute ­in einen der zehn lebenswertesten Landkreise Deutsch­lands (Studie FOCUS Money 2006) – Hohenlohe.
Vielleicht ist es auch diese Götz’sche Art des ­hohenlohischen »Grod raus«, des Unprätentiösen und Bodenständigen, die diese Gegend sympathisch macht. Denn man spürt: Hier wird gelebt. Hier wechselt das Fachwerk von mittelalterlichen Kleinoden ­wie Schwäbisch Hall oder Rothenburg nahezu übergangslos mit den Photovoltaikbestückten Scheunendächern landwirtschaftlich geprägter Dörfer ab. Lässt sich ­das gemütliche Dahinrollen auf Burgen-, Dichter- und Romantischer Straße in Minuten gegen Rastenkratzen auf namenlosen, dafür traumhaft geschwungenen Nebenstraßen eintauschen.
Sträßchen, die nach Handlings-Koryphäen wie ­der 690er-KTM rufen. Auf denen der satt liegende Einzylinder seine Agilität an den serpentinenartigen Aufstiegen aus dem Jagst-, Kocher- oder Taubertal ausspielen kann.
Ein Reiz, den die Römer sicher weder jener Gegend noch den Vorfahren des Ritters Götz abgewinnen konnten. Um den aufmüpfigen Stamm der Alemannen einzuschüchtern, bauten sie den Limes, ­der sich in den Westausläufern der Tour, un­geachtet der schwierigen Geländestruktur, über eine Länge von 80 Kilometern von Walldürn kommend zwischen Jagsthausen und Mainhardt bis nach Welzheim schnurgerade über die Hügel und durch die tief ein­geschnittenen Flusstäler zieht. Nicht einmal die chinesische Mauer weist eine derartige Distanz ohne Richtungsänderung auf.
Das Meisterwerk der Landvermessung und Wehrtechnik nützte den Römern dennoch wenig. Im Jahr 260 n. Chr. überrannten die Einheimischen den Schutzwall. Was von jener Epoche blieb, sind interessante Ausgrabungen (Mainhardt, Jagsthausen), nachgebaute Wachtürme (Gleichen) oder ein fast unberührt gebliebener Teil des Limes (Pfahlbach). Und bis heute ein wie immer schuldiger Respekt vor der Geschichte.
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Tour 1: Hohenlohe-Ost (Archivversion)

Ausgangspunkt der Tour ist Langenburg . Nicht nur der traumhafte Blick vom Schloss ins Jagsttal begeistert, auch Oldtimer-Fans kommen auf ihre Kosten. Mit der Langenburg Historic findet zwischen Bächlingen und Langenburg ein Bergrennen für historische Fahrzeuge (leider keine Motorräder) statt, ganzjährig ist das Automuseum des Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg mit Fahrzeugen aus der Vorkriegszeit geöffnet. Die Idylle des Jagsttals wird in Großforst von weidenden Lamas und Straußen unterbrochen. Freizeitpark oder Streichelzoo? Nicht in Hohenlohe. Die Preise für Straußen­steaks oder Lamawolle sind unter www.jagsttalranch.de einzusehen.
Kirchberg an der Jagst und Rot am See bieten einen Vorgeschmack auf das deutsche Fachwerk-Eldorado schlechthin: Rothenburg ob der Tauber . Vorwiegend von Japanern und Amerikanern okkupiert, vermeidet die Stadt dennoch ein gekünsteltes Disneyland-Ambiente – vom ganzjährig geöffneten Weihnachtshaus einmal abgesehen. Sehenswert: ­das Kriminalmuseum mit Einblicken in das mittelalterliche Gerichtswesen.
Wenige Meter hinter Rothenburg (Richtung Niederstetten) verdrängt Landwirtschaft den Tourismus, weicht internationales Flair der Hohenloher Schrulligkeit. Etwa in der Gold-Ochsen-Brauerei in ­Spielbach . Ein Ort, in dem die Vergangenheit zur Gegenwart wird. Über Jahrhunderte Bauernschänke, später Treff Alternativer und 68er, heute Gastronomie fernab jeder Art von Zeitgeist.
Klein-Stilfser nennen die einheimischen Biker die fünf Serpentinen etwa zwei Kilometer nach Creg­lingen von Craintal in Richtung Freudenbach. Etwas zu viel der Ehre, doch der Asphalt ist griffig, die Kurvenradien sind zügig. Weikersheim nimmt für sich in Anspruch, das schönste der Hohenloher Schlösser zu sein. Am wenigsten überlaufen ist es auf alle Fälle. Zumal der Aufstieg nach Bronn mit dem Mini-Stilfser Joch konkurrieren kann. 20 Kilometer später stürzt sich die Hohenloher Ebene bei Mulfingen zur Jagst hinunter, die kurz darauf in Unterregenbach von einer imposanten, überdachten Holzbrücke, einer Archenbrücke, überquert wird.

Tour 2: Hohenlohe-West (Archivversion)

Von Langenburg aus überwindet die Strecke über Bäch­lingen im Jagsttal in wenigen, schön geschwungenen Kilometern den Höhenrücken hinüber nach Braunsbach ins Kochertal, das dort von der mit 185 Meter Höhe höchsten Autobahnbrücke Deutschlands überspannt wird. Beinahe parallel zu jener Autobahn schlängelt sich die Route nach Waldenburg . Der 500 Meter hoch gelegene, sogenannte Balkon Hohenlohes bietet einen traumhaften Blick über die darunter ausgebreitete Hohenloher Ebene. Nur ein kleines Schild weist den schmalen Weg über das abseits gelegene Ziegelhütte und Goldbach, bevor das Industriegebiet von Schwäbisch Hall mit Fastfood-Restaurants und Einkaufszentren die Idylle schroff unterbricht.
Als einziger Fluchtweg bleibt die B 14 (links abbiegen), auf der einen Kilometer später das Freilandmuseum Wackershofen ausgeschildert ist. Ein original­getreues Dorf stellt das ländliche Leben im Lauf der Jahrhunderte dar und stimmt die Besucher auf das mittelalter-lich geprägte Schwäbisch Hall ein. Der ehemaligen Salzsiederstadt gelingt es, Fachwerkbauten mit modernem Leben zu kombinieren. Freilichtspiele auf der Treppe der St. Michaelskirche oder das moderne Globe-Theater vermeiden erfolgreich ­sentimentales Museumsflair, bevor die B 14 (Richtung Heilbronn) das Rad der Geschichte noch weiter zurückdreht.
Das Römermuseum in Mainhardt bietet einen Einblick in das römische Reich, dessen Macht sich auch in einem befestigten Grenzwall, dem Limes, manifestierte. Stille Zeugen bleiben nicht nur die örtlichen Ausgrabungen, sondern auch die Rekonstruktion eines hölzernen Wachturms auf dem Höhenrücken bei Gleichen .
Nach Öhringen (Richtung Neuenstadt) werden die Reize im lauschig verschlungenen Ohrntal zwischen Unter­ohrn und Ohrnberg wieder motorradspezifischer. Zumindest bis ein schmaler asphaltierter Wirtschaftsweg (Richtung Friedrichsruhe) die Erinnerung neu weckt. Kaum beachtet kauert, nur wenige Meter entfernt vor der Querstraße Richtung Pfahlbach , ein 280 Meter langer, nahezu unversehrter Überrest des Limes.
Zwischen Sindringen und Jagsthausen – der Stelle, an der sich Jagst und Kocher auf über 200 Kilometer Flusslauf am nächsten kommen – schnellt der Zeitstrahl wieder ins Mittelalter. Die legendäre eiserne Hand des Ritters Götz wird im Schlossmuseum in Jagsthausen aus­gestellt, sein mutmaßliches Geburtshaus in Berlichingen gegenüber der Kirche, heute Herrenhaus eines landwirtschaftlichen Betriebs, bleibt offiziell allerdings anonym. Im Gegensatz zum Kloster Schöntal , das nicht nur das Grab des über 80 Jahre alt gewordenen Götz beherbergt, sondern dessen bis heute existenter Prunk auch den Kontrast zwischen der Kirche und der bettelarmen Bevölkerung jener Epoche demonstriert.
Zurück in die Gegenwart, zurück ins Kochertal – mit lässigen Schwüngen von Ailringen nach Künzelsau. In dessen Teilort Gaisbach (Richtung Schwäbisch Hall) leistet sich der Schrauben-Magnat Adolf Würth ein Firmenmuseum sowie eine renommierte, öffentlich zugängliche Kunst­sammlung. Künststück – in Hohenlohe.

Info Tour 1 (Archivversion)

Basisquartier
Ausgangspunkt der beiden Routen ist Langenburg (www.langenburg.de). Hoch über dem Jagsttal lässt es sich mit grandiosem Ausblick übernachten. Zudem stimmt das Städtchen mit dem imposanten Schloss, dem Automuseum und einer ausgebauten Gastronomie gut auf die kommenden Eindrücke der beiden Tagestouren ein.

Essen und Trinken
Gut essen und trinken sind in Hohenlohe eine Selbstverständlichkeit. Und die Portionen sind auch nicht zu knapp kalkuliert. Wobei sich die Küche stark an die bayerische und schwäbische Speisekarte anlehnt. Weißwürste und Schlachtplatte gehören genauso zum Angebot wie Maultaschen und Schnitzel mit Spätzle. Erfindungsreicher zeigen sich die Hohenloher bei Süßspeisen. Konditormeister Wibel erfand in Langenburg ein fingerkuppengroßes Bisquitgebäck, die sogenannten Wibele. In Rothenburg gelten die Schneeballen als lokale Spezialität. Tipp: Der recht trockene Mürbteig lässt sich mit Schoko- oder Cremefüllung wesentlich angenehmer verspeisen.

Sperrungen
Streckensperrungen für Motorräder sind glücklicherweise keine bekannt. Im Gegenteil: Der Tourismusverband Hohenlohe wirbt auf seiner Homepage www.hs-tourismus.de explizit um Motorradfahrer.

Lesestoff
HB-Bildatlas Nummer 182 »Tauber und Neckar«, erschienen im HB-Verlag, 8,50 Euro, ISBN 3-616-06282-9.

Übernachten
In Langenburg, Weikersheim (www.weikersheim.de) und vor allem natürlich in Rothenburg (www.rothenburg.de) finden sich Unterkünfte aller Preis- und Qualitätsniveaus.

Ausdruck der Tour als PDF unter motorradonline.de/tourentipp/hohenlohe-tour1

Info Tour 2 (Archivversion)

Bikertreff
Wenngleich nicht auf dieser Route, so doch nur wenige Kilometer davon entfernt, hat sich einer der größten Motorrad-Treffpunkte Süddeutschlands etabliert: die »Platte« in Löwenstein. Mehrere hundert Motorradfahrer sind eher die Regel als die Ausnahme. Anfahrt: Auf der B 14, später B 39 von Schwäbisch Hall nach Heilbronn führt der Weg direkt an der Aussichtsplatte vorbei. Sogar vierstellige Teilnehmerzahlen erreicht jeden ersten Sonntag im Monat um zehn Uhr der Motorradgottesdienst auf dem Trautenhof (www.elops.de/motorradfahrer-gottesdienst-trautenhof). Auch weniger Strenggläubige sind willkommen. Anfahrt: auf der Bergkuppe zwischen Sindringen und Jagsthausen links in Richtung Lampoldshausen abbiegen. Zum Trautenhof sind es von dort nur noch zwei Kilometer.

Um- und Auswege:
Wer trotz der imposanten Anhäufung von Burgen und Schlössern noch immer nicht genug vom Mittelalter hat, wird problemlos fündig. In Neuenstein – zwischen Öhr­ingen und Waldenburg gelegen – überzeugt das Wasserschloss mit einer beeindruckenden mittelalterlichen Waffen- und Möbelsammlung. ­ In Möckmühl – etwa zwölf Kilometer flußabwärts von Jagsthausen – erinnert die Götzenburg an ­den streitbaren Ritter mit der eisernen Faust. Der Legende nach soll die Belagerung des Orts durch kaiserliche Truppen den unnachgiebigen Edelmann zu jenem denkwürdigen Zitat hingerissen haben. Künzelsau bietet mit dem Schloss Stetten (der Ausschilderung Richtung Amrichshausen folgen) die am besten erhaltene Burganlage Süddeutschlands.

Sperrungen für Motorräder sind – wie auf der Tour 1 – auch hier unbekannt.

Ausdruck als PDF unter motorradonline.de/tourentipp/hohenlohe-tour2

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