Tourentipp Nordschweiz (Archivversion) Kurvenreich

Im stillen Winkel zwischen Basel und Aarau brechen die Ausläufer des Jura-Gebirgszuges wie dicke Blasen aus dem Boden. Eine Gegend, um völlig relaxt Reifenflanken zu quälen.

Explosion. Ja, ganz klar, gleich wird sein Gesicht explodieren. »Was denken Sie sich? Niiiiiemals wird die Schweiz der EU beitreten. Wir sind unabhängig und unbestechlich. Ihr blöden...« Eine barmherzige Windböe schneidet ihm die weiteren Worte ab. Mein Gott, denke ich, hab doch nur einen Witz machen wollen. Brav zähle ich ihm ein paar Franken in die bedrängend ausgestrecke Hand, der Gegenwert schwappt als grünliches Lebenselexier im Tank meiner BMW. Ein Einzelschicksal? Nein, man kann diese gemütlich-bartumkränzten Eidgenossen alles fragen, aber man darf nie ihr Nationalbewustsein antasten.San Bernadino, San Gottard, Grimselpass, Lago Maggiore. Der Name der Schweiz fällt in Zweiradkreisen fast immer in Verbindung mit alpinen Kurvenkombinationen, touristischen Highlights, den berüchtigten Löchern im Käse oder der Autobahn-Vignette. Aber nie im Zusammenhang mit Baseler Hinterland. Fälschlicher Weise. Denn die nördöstlichen Ausläufer des Jura, einem munter aufgeschachtelten Gebirgszug, bieten allerhand Schräglagen-Abenteuer und werden von den Schweizern liebevoll »Blaue Berge« genannt. Fragt man nach dem Warum, reichen die interessanten Meinungen von Smog, den Ausdünstungen der Bäume bis zu den blauen Netzen, die Weinreben vor gierigen Vögeln schützen wollen. Vor einem solchem Geflecht rollt die BMW aus, ich gönne mir eine Verschnaufpause. Keine zehn Minuten später hält eine sichtlich erregte Dame im vierradgetriebenen Subaru neben mir, lugt geheimnisvoll aus dem Wagen und flüstert: »Man hat sie erkannt. Ihr Nummernschild ist notiert.« Ich verweise brav auf den rebenfreundlichen G-Kat, doch letztlich sind es die sieben Weintrauben, die mich, in meinem Magen gärend, als deutschen Mundräuber klassifizieren. Droht Abschiebung? Flucht ist besser als fluchen. Ich pendele über die asphaltierten Sträßchen zwischen Aarau, Olten und Sissach, und hoffe auf Verjährung. Keine drei Meter breit, bieten diese Wege kaum Platz für zwei PKW, schlängeln sich dagegen wie das Wedelband der rhythmischen Gymnastinnen an den Bergen entlang. Und es macht höllisch viel Spass ihren Bögen zu folgen, wie ein Surfer auf den Teerwellen unter dem Blätterdach des Waldes hindurch zu huschen. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Sparsame Leitplankenführung, Verbotsschilder für LKW über 3,5 Tonnen, Ehrlichkeitsappelle an die Kundschaft: Egal, ob Blumen, Obst oder Kartoffeln, die Ware liegt zum Einladen bereit, ein grob gezimmerter Holzkasten mit Schlitz bittet höflich um Bezahlung.Kostenlos gib es dagegen Tipps der einheimischen Biker. Günther, hunderttausend Kilometer Zweiradpraxis – »alle hier im Umkreis gefahren« -, weist uns den Weg zu den besten Kurven: Balsthal – Laufen – Breitenbach – Oberdorf. Und die Pässe? Passwang, Scheltenpass, Hauenstein – alle kaum über der Millenniums-Grenze aber mit Kurven versehen, die man sonst nur auf Sardinien findet. Eng, steil, griffig und endlos.Wo auch immer man die Hauptroute verlässt, münden die Wege in einen vergessenen Teil Europas. Ein Danke an die Unabhängigkeit. Wären da nicht die vielen Pickups japanischer Herkunft, ich würde mich in der ländlichen Idylle und Sicherheit der zwanziger Jahre wähnen. Denn hier sind sie daheim; die Cartoon-Helden der Schweiz. Gummistiefel und Hose im Kuhfladen-Look, wilde Mähne, verwoben mit einem zotteligen Bart, aus dem seltsame Laute klingen. Der Übersetzungs-Computer versagt kläglich, und der gemeine Norddeutsche verflucht den Tag seiner Geburt. Kühe haben immer Vorfahrt, und in so mancher Kneipe werden Neuankömmlinge beäugt, als wären sie Konkurrenten bei der Opalsuche. Warum auch nicht? Hier scheint nichts unmöglich. Dennoch, oder gerade deswegen, sind die Berge des Baseler Landes einen Abstecher wert. Das Abenteuer liegt praktisch vor der Tür.

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