Tourertreffen 1996––––– (Archivversion)

O zapft is–––––

Das 8. MOTORRAD-Tourertreffen ist mit neuem Team und neuem Standort erfolgreich über die Bühne gegangen. Vorher gab es allerdings eine tiefe Sinnkrise.

Eigentlich hatte es keiner mehr so richtig gemocht, das Tourertreffen. So, wie es sich in den letzten Jahren entwickelt hatte, zumindest nicht. Mit seinen stramm auf die 2000 zumarschierenden Besucherzahlen, die die kleine Nebenberufs-Organisationscrew von MOTORRAD- Unterwegs und dem ACTION TEAM mit jedem Jahr heftiger zu überrennen schienen und einen immer gewaltigeren logistischen Aufwand erforderten. Nein, begeistert hatte uns das nicht mehr. Was war nur aus der kleinen Leser-Fete geworden, die Fred Siemer im Sommer 1989 als Geschäftsführender Redakteur des ehemaligen Reisemagazins »MOTORRAD-Touren« ins Leben gerufen hatte. Mit einem VW-Bus mit gebrochener Vorderachse, ein paar Kästen Bier und einer Handvoll Motorradfahrern hatte er ein phantastisches Wochenende auf einer völlig infrastrukturlosen Westerwälder Waldlichtung zugebracht, ohne Aussicht auf Pommesbude oder Klohäuschen. Bangend zunächst, ob überhaupt jemand dorthin finden würde. Ja, davon hatten wir »neuen« Organisatoren dieses Treffens in diesem Winter in den Redaktionsstuben geträumt, was von »back to the roots« erzählt und uns einfach nur einen Haufen Fernreisender gewünscht, die am Lagerfeuer Geschichen aus dem wilden Globetrotter-Leben zum Besten geben. Ja, das wäre es. Stattdessen mußten wir uns mit 1000-Personen-Zelten beschäftigen, uns um Catering-Service und Multivisionsshows kümmern, Unterhaltungsprogramme für Schön- und für Schlechtwetter ausdenken, Ausfahrten für Hunderte von Motorrädern ausarbeiten und auch noch 50 Tombola-Preise beschaffen. Also eher so ein Mittelding zwischen Bundeswehr-Manöver und Unterhaltungsprogramm im Club Mediterrané organisieren, statt ein Wildnis-Camp. Und als dann bald eine Standortabsage nach der anderen in die Redaktion flatterte, da sackte das Tourertreffen ziemlich ab auf der nach unten offenen Richterskala der Emotionen. Jetzt rächte sich das Massenprogramm der vergangenen Jahre, der gewaltige Stubaier Almauftrieb, dessen Teilnehmerzahlen zwar beeindruckend waren, der aber eben auch den Charme und die Manöverierbarkeit eines Pfingstochsen mit sich brachte. Spätestens, wenn wir bei unseren Sondierungen bei Fremdenverkehrsämtern und Kurdirektoren beim Thema Besucherzahlen angelangt waren und erklärten, daß man schon mit 1500 Leuten rechnen müsse, waren die Gespräche meist schnell beendet. Nein, das wären dann doch etwas viele, tutunswirklichleid. Und wer dann immer noch nicht absagte, bot entweder öde Stadtbrache oder betonierte Militär-Flugplätze als Festplatz an. Oder man verlangte Cash, und zwar richtig, fünfstellig. Nein, das konnte es dann auch nicht sein. Dann lieber kein Treffen. Wir machten uns bereits mit dem Gedanken vertraut. Nur der Chefredakteur war immer noch unverdrossen und wollte wöchentlich wissen, wie es denn um´s Tourertreffen stünde. Und natürlich Sie, liebe Leser, die Sie uns mit Faxen und Anrufen bombardierten und nicht aufhörten zu drängen, daß endlich das Treffen in die Gänge komme. Die Treue war beeindruckend und gab zu denken, doch. Dann kam schließlich der entscheidende Tip. Ein Vorstandsmitglied der motorradfreundlichen Minotel-Hotelgruppe wäre genau der richtige Mann für unser Problem, trug man uns zu: Siegfried Gallus aus Beilngries an der Altmühl, Hotelier und Gastronom aus Leidenschaft und Manager nichtalltäglicher Großveranstaltungen aus Berufung. Gallus wurde unser Mann der Stunde. »Das ist doch mal eine Herausforderung«, meinte er, als er unsere Zahlen und Vorgaben hörte, krempelte die Ärmel hoch, klimperte auf den Tasten seines Handys und hatte innerhalb einer Woche alle Genehmigungen beisammen, den örtlichen Sportflughafen für ein langes Wochenende gebunkert und außerdem ein finanzierbares Basiskonzept für ein Motorradtreffen mittlerer Größenordnung erstellt. Und das in einer überaus reizvollen Landschaft im Süden Deutschlands, an der romantischen Altmühl. Ein Volltreffer! Plötzlich war wieder Leben in der Sache drin. Mit einem Mal wurde in den verqualmten Redaktionsstuben wieder diskutiert, gedacht, gelacht, Kaffee gekocht und Ideen geschmiedet, das Programm um Attraktionen erweitert und das Team um Mitwirkende, Plaketten wurden gemalt, Dia-Shows zusammengestellt, ungezählte »Nicht-Vergessen«- Listen geschrieben, Strecken vorbereitet und immense Telefonrechnungen fabriziert. Und mit einem Mal hatten wir richtig Lust zum Feiern, Lampenfieber wie vor dem Abi, ob auch wirklich alles klappt und waren aufgeregter als beim ersten Date. Als es endlich losging, war es gar nicht mehr schlimm, daß es keine Westerwälder-Waldlichtung und kein Stubaier Alpenpanorama gab, weder 80 noch 1800 Biker kamen, sondern geradezu perfekte 860. Genug, um erfolgreich zu wirtschaften, und nicht mehr, als gerade noch Spaß miteinander haben können. Spaß an den Dia-Shows von Michael Martin (Nil) und Michael Schröder (Mexiko), den Trailkunststücken Michael Pfeiffers, gute Laune in den (meist) überschaubaren Schlangen an den Essensbüffets und schöne Erlebnisse bei den acht geführten Straßentouren. Und einfach Spaß beim Reden und Zusammensitzen - manchmal sogar beim warmen Wolkenbruch. Wir konnten`s kaum fassen, es hatte geklappt. Bis aus Hamburg, Wien und Ungarn waren sie gekommen, mit Maschinen unterschiedlichster Coleur. Von der riesigen Fernreise-Enduro bis zum knackigen Sportler, vom 34-PS-Gespann bis zur restaurierten Guzzi Le Mans. Wir haben sie akzeptieren müssen, diese typisch bunte Mischung, die den Geist des Tourertreffens inzwischen ausmacht. Diesen Micro-Kosmos der ganz normalen Motorradfahrerschaft, die halt mit dem verreisen, was sie gerade haben - egal ob das Vehikel nun strenggenommen »tourentauglich« ist oder nicht. Und so - wir gestehen freiwillig - fanden wir es eigentlich auch richtig klasse. Wir haben die alten Träume vom Globetrotter-Treffen auf den Müll gekippt und die drei Tage der Altmühl mindestens so genossen wie Sie. So sehr, daß wir´s nächstes Jahr glatt noch mal machen. Wetten?
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Das Tourertreffen (Archivversion)

Das Tourertreffen ist eine gemeinsame Veranstaltung von dem MOTORRAD Unterwegs-Ressort und dem ACTION TEAM. Stets am letzten Juniwochenende laden wir alle reiselustigen Leser zu dieser Fete ein. Nach Standorten in Zellereit, Wasserburg und den Stubaier Alpen wird der Austragungsort voraussichtlich 1997 wie in diesem Jahr Beilngries im Altmühltal sein. Näheres wird im Frühling im Heft bekanntgegeben. Informationen unter Telefon 0711/182-2018.

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