Tourertreffen in Serfaus (Archivversion) Lager, Feuer & Geschichten

Afrika oder Allgäu, Patagonien oder Paris - die über 1200 Reiselustigen, die vom 25. bis 27. Juni auf das MOTORRAD-Tourertreffen nach Serfaus gekommen waren, hatten eine Menge zu berichten.

Kehre zehn. Freitag 15 Uhr. Das Hinterrad überholt gekonnt, Plastik bricht, Funken sprühen. »Scheiße«, brüllt es aus dem Helm. 750 Kilometer Anfahrt, auf den letzten acht der Sturz. Horst wuchtet seine VFR wieder hoch, begutachtet die abgeschliffene linke Seite: »Wenigstens ist der Bock jetzt wieder symmetrisch.« Letzte Woche erst war er auf seiner Hausstrecke in Westfalen gestürzt. Rechts. Keine zehn Fahrminuten später biegt auch er ein auf den Platz der Träume und Geschichten. Banal gesagt einer frisch gemähten Wiese in Serfaus, Österreich. Dem diesjährigen Veranstaltungsort des Tourertreffens von MOTORRAD. Fast 1200 Biker finden sich am letzten Wochenende im Juni hier inmitten einer gnadenlosen Postkarten-Idylle der Tiroler Alpen zusammen. Temperatur: 30 Grad, wolkenlos. Die gleißende Sonne wirkt wie ein Einschussloch im tiefblauen Himmel der sich über die schneebedeckten Gipfel der Bergmassive spannt. Im Vordergrund des Panoramas: knapp 400 Zelte. In allen Farben und Formen. Bunte Maulwurfshügel, vor denen teils skurril bepackte Zweiräder paradieren. Gespickt mit Aufklebern und besetzt mit Fahrern, die zum jedem davon eine Geschichte erzählen können. Biker wie Dietmar aus Bochum. Ölverschmiert sitzt er im Gras vor seiner XS 1100 und jongliert mit einigen Schrauben. Ölwechsel? Er lacht und zeigt seinen Ausweis: Arbeiter auf einer Bohrinsel. »Die Spezialseife war aus.« Gleich nebenan treffen sich einige Varadero-Fahrer zum Erfahrungsaustausch. »Hätte auch Virbradero heißen können« meint ein wohlbeleibter Proll mit Kippe im Mund. Auch »Veranda« und »Viagradero« fallen in diesem Zusammenhang. Doch Namen sind Schall und Rauch. Die Sitzposition entschädigt für alles. Da ist man sich einig. Auf dem höchsten Punkt des Camps lagern vier verwegene Gestalten, deren Körper-Maße mit den Schwarzeneggerschen mithalten können. »Damit wir die Böcke auch schieben können, falls sie liegen bleiben.« Ein Finger zeigt auf ihre BMW. Drohendes Gelächter erhebt sich zwei Zelte weiter. Wolfgangs GS 1100 hat die 50 000er Grenze ohne Blessuren überschritten. An seinem Lenker und dem linkem Zylinder baumeln Kuhglocken. »Wegen der Elche«, erklärt er bierernst. Mindestens einmal im Jahr fährt er nach Schweden. Elchtest-Prophylaxe durch Kuhglocken? Da runzelt nicht nur Bürgermeister Gerhard Berghold aus Ummerstadt in Thüringen die Stirn. Er steht zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Motorrad in den Alpen. Ein jahrzehntelanger Traum, der hier auf dem Tourertreffen endlich in Erfüllung geht. Bis zur Wiedervereinigung unmöglich, danach durch fehlende Fahrpraxis verunsichert, heute durch psychologischen Beistand («fahr endlich!«) seiner Frau doch noch in alpinen Kehren zu Ehren gekommen. »Ich fühle mich wie neugeboren«, sagt der 61-Jährige mit einem Leuchten in den Augen, dass selbst die schwärzeste Nacht zum Tag macht.Ganz anders leuchtet es vor dem Zelt von Markus Aicher aus Notzing. In einem Topf über seinem Benzinkocher vermengt sich deutsches Gemüse mit frischen afrikanischen Gewürzen. Über vier Monate durchkreuzte er auf seiner DR 650 den südlichen Teil Afrikas. Seit knapp einer Woche ist er wieder in Deutschland, hörte vom Treffen und kam spontan nach Serfaus. Sandbrauner Dreck umhüllt die DR, ein paar vereinsamte Rand klimpern noch in seiner Tasche. Seine Pläne? »Der afrikanische Virus heißt Fernweh. Du kehrst immer wieder zurück« sagt er mit wehmütig funkelnden Augen. Uwe Haigers Augen dagegen funkeln anders. Neunmal war er auf dem Tourertreffen. »Mindestens die Hälfte der Leute kennen mich mit Vornamen«, erklärt die notorische Nervensäge. Kein Wunder. Er ist immer »live on stage« - ohne Bühne und Scheinwerfer.Die glühende Scheibe verkriecht sich bereits langsam hinter den Bergen, doch die Flut der Anreisenden ebbt nicht ab. Diese werden, nach Anmeldung und Aushändigen eines Holzbretts für sicheren Stand auf der Wiese, mit österreichischem Charme eingewiesen: »Am Misthaufen rechts abbiegen, dann geradeaus.« Roadbook überflüssig.Mittlerweile ist es 20 Uhr. Im Festzelt begrüßt MOTORRAD-Chefredakteur Walter Gottschick die Launen des Wettergottes sowie die zahlreichen Teilnehmer und stellt die Organisations-Crew vor. Im Anschluss daran unterhält Unterwegs-Redakteur Michael Schröder die Zuschauer mit Dias seiner Neuseeland-Reise. Zum Aprês-Driving finden sich alle stilecht um ein riesiges Lagerfeuer zusammen. Annekdoten gibt es genug. Getränke ebenso. Die Luft ist rauchig, die Nacht sternenklar. Und der gelungene Mix aus Kuriositäten und Kompetenz sorgt dafür, dass Benzingespräche noch die ganze Nacht über abfackeln.Wolkenloser Himmel sowie gut gelaunte Tourguides von MOTORRAD und dem Action-Team empfangen die Teilnehmer am nächsten Morgen. Neben den Reiseredakteuren Annette Johann und Michael Schröder fungieren das vital-verbale Powerbündel Monika Schulz (Test und Technik) sowie Zwei-Meter-Mann Holger Hertneck (Service) als Führer durch Kehren und Kurven. Letztgenannter auf dem viel bestaunten R1-Tourerumbau von MOTORRAD - Tüftler Werner Koch. Eine Orientierungsfahrt mit Preisverleihung lockt alternativ zu den geführten Touren. Dem Sieger winkt eine Woche Urlaub in Serfaus. Unter allen Besuchern des Tourertreffens wird darüber hinaus noch eine zweiwöchige Toskana-Reise des Action-Teams für zwei Personen verlost.Dass Serfaus für ein Motorrad-Treffen dieser Größe schon zum zweiten Mal grünes Licht gab, ist bemerkenswert und bestätigt das vorbildliche Verhalten der Biker. Als Ausgangsbasis für Kurztrips über die schönsten Pässe nach Italien und der Schweiz ist der Ort ideal. Und so ist das Zeltlager um elf Uhr fast menschenleer. Fast.Achim aus Breuna hat am Vorabend den Schlüssel seiner BMW verloren. Ein kombiniertes Zünd-Lenkschloss. Knacken? Das wird teuer. Doch Action-Team Edel-Schrauber Tom, Micha und Erich bleiben cool. Suchen gemeinsam mit Achim und Freunden die Gegend ab. Erst in letzter Sekunde, als Tom, bewaffnet mit Rohrzange und Brechstange, einschüchternd vor dem bayrischen Bomber steht, purzelt dem zitterndem Fahrer der Schlüssel aus der Kombi. Tasche verfehlt, danebengesteckt. Die drei Pannenengel kommen an diesem Wochenende auf 35 Einsätze. Vom durchgebrannten Rücklicht bis zum Sturz-Schaden. Für alle Teilnehmer des Treffens natürlich kostenlos. Der österreichische Himmel öffnet seine Schleusen erst, als die meisten nach ihrer Rückkehr bereits die frisch erlebten Abenteuer austauschen. Dementsprechend ist das Festzelt gut gefüllt, die Stimmung nach Preisverleihung und Rachenspülung auf dem Höhepunkt. Während Berufs-Traveller Michael Martin seine Dia-Show über die Durchquerung aller Wüsten Afrikas per Bike auf die Leinwand wirft, gießt es draußen wie aus Kübeln. Regen? Egal. Der Mann mit dem zeitlosen Haarschnitt und der original afrikanischen Jeans hat sein Publikum fest im Griff. Fesselt es mit seinen Bildern. Highlights aus seinen Afrikareisen. Im Banne seiner Erzählungen klingt es aus, das elfte Tourertreffen von MOTORRAD. Doch prasselndes Lagerfeuer, klimpernde Biere und Geschichten, die das Leben schreibt, sind noch lange in dieser Nacht zu hören. Denn: Wenn einer eine Reise macht...Egal ob nach Senegal oder nach Serfaus.

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